VerkehrKabinentaxis sollen verstopfte Straßen entlasten

Ein US-Start-up will Städte von Verkehrsstaus erlösen – mit schwebenden Kabinentaxis über den Straßen. Die Funktionsweise erinnert an Schwebebahnen. von Andreas Menn

Computersimulation einer Kabine von SkyTran

Computersimulation einer Kabine von SkyTran  |  © SkyTran

Beneidenswert bequem ist das Leben in Neu New York, dem fiktiven Schauplatz der Zeichentrickserie Futurama : Dort steigen die Bewohner morgens in eine Glasröhre, die sich hoch über den Dachfirsten durch die Stadt schlängelt, und lassen sich wie eine Rohrpost-Kartusche direkt vors Büro katapultieren.

Diese schöne neue Cartoon-Welt, in der niemand mehr im Stau oder im verstopften Regionalzug steht, spielt leider im fernen, 31. Jahrhundert. Doch so lange will Jerry Sanders nicht warten. Der Chef des US-Startups SkyTran hofft, schon in zwei Jahren die erste menschliche Rohrpost in Betrieb nehmen zu können. "Die Menschen sind es leid, jede Woche Stunden in Staus zu verbringen", sagt Sanders. Er glaubt: "Für dieses Problem haben wir die beste und preiswerteste Lösung."

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Der SkyTran, wie sein neues Transportmittel heißt, hat vor allem eines mit der Futurama -Rohrpost gemeinsam: Das System transportiert jeden Passagier einzeln und auf direktem Weg zu seinem Ziel – ohne Zwischenstopps an Haltestellen oder roten Ampeln. Als Vehikel dienen windschnittige Kabinen, in denen zwei Personen wie in einem Segelflugzeug hintereinander sitzen und die, aufgehängt an einer 45 Zentimeter dicken Metallschiene, sechs Meter hoch über der Straße durch die Luft gleiten.

Die Passagiere steigen an speziellen Halte-Plattformen ein, vergleichbar mit den Stationen der Wuppertaler Schwebebahn . Sobald sie Platz genommen haben, wählen sie auf einem Flachbildschirm ihr Ziel – und schon braust die computergesteuerte Kabine los und schwenkt über eine Weiche in die Hauptfahrstrecke ein. Im dichten Abstand von einer halben Sekunde sausen die Wagen hintereinander her, jeder einzelne wählt innerhalb des weit verzweigten Streckennetzes die kürzeste Route.

Ungestört von Staus oder Ampeln , so die Idee von Sanders, kommen Stadtbewohner damit schneller durch die Rushhour – und enorm umweltfreundlich: Die Kabinen verbrauchen pro Kilometer 15 Mal weniger Energie als herkömmliche Autos.

Bisher fährt das windschnittige Vehikel zwar nur auf einer wenige Meter langen Schiene im kalifornischen Moffett Field: in den Laboren des renommierten Ames Research Center der Nasa . Doch nun plant Tel Aviv eine sechs Kilometer lange Pilotstrecke, ausgehend vom High-Tech-Industriepark Kiryat Atidim über die Universität bis zum Hafen. Bau und Betrieb will SkyTran übernehmen. "2014 können wir starten", hofft Sanders. Auch die israelische Küstenstadt Netanja, 30 Kilometer weiter nördlich gelegen, und der indische Bundesstaat Kerala erwägen eine Trasse.

Gewiss, die Idee eines Kabinentaxis ist nicht neu: So baut das britische Startup Ultra im nordindischen Amritsar gerade eine Acht-Kilometer-Strecke für autonome Shuttles. Dank dieser sogenannten Podcars gebe es künftig "keine Fahrpläne mehr, keine Wartezeiten und natürlich keine Parkplatzsuche", schwärmt der schwedische Podcar-Experte Christer Lindström.

Aber während die Ultra-Kabinen auf Reifen und mit Batterien fahren und höchstens Tempo 40 erreichen, schwebt die Aufhängung der SkyTran-Vehikel auf einem Magnetkissen – wodurch sie auf 240 Kilometer pro Stunde beschleunigen.

Damit werden Kabinentaxis plötzlich nicht nur für die Fahrt durchs Stadtviertel interessant, sondern auch als Highspeed-Verkehrsmittel für Metropolregionen: Pendler könnten in ihrer Heimatstadt einsteigen und, ohne umzusteigen, direkt zum Büro in einer anderen Stadt fahren. Sanders' Team konzipiert bereits ein 440 Kilometer langes Transportnetz für ganz Israel .

Bei alledem ist die Hängebahn nicht einmal sonderlich laut, und sie spart Platz: Während Ultra-Podcars auf einer 1,60 Meter breiten Betonstrecke unterwegs sind, reicht dem SkyTran ein Stahlträger, dessen Tragepfeiler obendrein bestehende Laternenpfähle ersetzen. Und weil sich die gesamte Konstruktion in Fabriken herstellen lässt, soll ein Kilometer Fahrstrecke nur sechs Millionen Dollar kosten. Straßenbahnstrecken sind dreimal teurer.

Nun muss sich das System aber erst in der Praxis beweisen. Offen bleibt auch, ob die Menschen in Tel Aviv Kabinen akzeptieren, die über ihren Köpfen und vor ihren Fenstern vorbeiflitzen. Sanders will die Bedenken gleich zu Beginn zerstreuen. So sollen sich Fahrzeuge per Smartphone an einer gewünschten Haltestelle reservieren lassen. Und während der Fahrt sollen Passagiere auf einem Bildschirm im Armaturenbrett fernsehen und im Internet surfen.

Und das wäre sogar noch komfortabler als die Rohrpost in Futurama .

Erschienen in der WirtschaftsWoche

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Leserkommentare
    • faddeev
    • 10. Dezember 2012 13:50 Uhr

    Das ganze gab es auch schonmal in Deutschland in den 70ern als Pilotprojekt:

    http://de.wikipedia.org/w...
    http://www.youtube.com/wa...

    Warum das nicht großflächig umgesetzt wurde weiß ich nicht, aber vielleicht ist die Welt ja jetzt reif dafür.

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    • faddeev
    • 10. Dezember 2012 13:57 Uhr
    Antwort auf "Nicht neu ist gut"
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    Schade das viele Zeit-Redakteure nicht mal mehr im eigenen Archiv recherchieren.

    • Dr. No
    • 10. Dezember 2012 14:22 Uhr

    "Die Kabinen verbrauchen pro Kilometer 15 Mal weniger Energie als herkömmliche Autos."

    15 mal weniger, und das pro Kilometer, das sind dann bei 10 km 150 mal weniger???

    Herr Menn, hier sollten Sie dringend eine sinnvolle Formulierung finden!

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    • Cassini
    • 10. Dezember 2012 16:32 Uhr

    So sinnlos ist die Formulierung nun auch nicht! Ein Verbrauch ist immer Streckenbezogen. Also warum soll er nicht explizit eine Streckeneinheit erwähnen?

    Was mich viel mehr aufregt, ist die Tatsache, dass wir effiziente Fortbewegungsmöglichkeiten entwickeln und diese nie zum Einsatz bringen. Man muss sich nur mal ausmalen, wenn das konsequent seit den Siebzigern eingeführt worden wäre hier in D. Wo wir dann jetzt wären. Wir könnten die Dinger wahrscheinlich mittlerweile so billig/zuverlässig wie kein Anderer produzieren und installieren.
    Und keiner müsste sich über Preissteigerungen bei einer unzuverlässigen DB beklagen!

    • Gerry10
    • 10. Dezember 2012 15:16 Uhr

    ...aber das Konzept verlegt doch den Stau auf der Straße einfach auf die Schiene. Statt einer Person pro Auto, dass übrigens auch bis zu 240km/h fahren könnten - wenn sie nicht im Stau stecken würden :-) - sitzt dann je eine Person im SkyTran-Vehikel, sonst ist nichts anders.
    Wir haben nicht mal einen stau-freien Himmel(!), wieviel Chancen hat da eine Magnetschwebebahn mit individuellen Pods?
    Der Preis ist sicher attraktiv aber sobald Individualverkehr ins Spiel kommt kann es nur im Stau enden.

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    • Gerry10
    • 10. Dezember 2012 15:19 Uhr

    ...bevor man Abschicken drückt.
    "Statt einer Person pro Auto, dass übrigens auch bis zu 240km/h fahren könnte - wenn ES nicht im Stau stecken würde" - wollte ich schreiben.

    Stauverursacher Nummer 1 ist der Fahrer, wenn diese Dinger vom Computer gesteuert werden ist dieser Faktor schon mal weg. Wenn alle Autos per Computer gesteuert würden hätten wir denke ich auch kaum noch Stau in den Städten oder der Autobahn.

    Im Artikel stand etwas von " alle halbe Sekunde 1 Pod" pro Schiene.

    Macht also 2 Pods bzw.
    120 Pods pro Minute
    720 pro Stunde

    Zum Vergleich: Straßenbahn im 5 Minuten Takt: Kapazität 300Personen/Fahrzeug = 3600 Personen/h

    Interessanterweise ist das nicht so viel mehr, wie eine normale, gut ausgebaute Straße verkraftet.

    Trotzdem hat das gute Chancen, da es potenziell sowohl schneller, als auch günstiger als ÖPNV/Auto ist.

    Ob es sich aber durchsetzt hängt vor allem von Netzwerkeffekt ab, denn je größer das NEtz, desto höher der Nutzen

    • Gerry10
    • 10. Dezember 2012 15:19 Uhr

    ...bevor man Abschicken drückt.
    "Statt einer Person pro Auto, dass übrigens auch bis zu 240km/h fahren könnte - wenn ES nicht im Stau stecken würde" - wollte ich schreiben.

  1. Stauverursacher Nummer 1 ist der Fahrer, wenn diese Dinger vom Computer gesteuert werden ist dieser Faktor schon mal weg. Wenn alle Autos per Computer gesteuert würden hätten wir denke ich auch kaum noch Stau in den Städten oder der Autobahn.

  2. Im Artikel stand etwas von " alle halbe Sekunde 1 Pod" pro Schiene.

    Macht also 2 Pods bzw.
    120 Pods pro Minute
    720 pro Stunde

    Zum Vergleich: Straßenbahn im 5 Minuten Takt: Kapazität 300Personen/Fahrzeug = 3600 Personen/h

    Interessanterweise ist das nicht so viel mehr, wie eine normale, gut ausgebaute Straße verkraftet.

    Trotzdem hat das gute Chancen, da es potenziell sowohl schneller, als auch günstiger als ÖPNV/Auto ist.

    Ob es sich aber durchsetzt hängt vor allem von Netzwerkeffekt ab, denn je größer das NEtz, desto höher der Nutzen

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    • b_noll
    • 10. Dezember 2012 17:46 Uhr

    Hallole
    120 * 60 sind, glaube ich, 7200 statt 720. Damit steht das Konzept in diesem Vergleich gar nicht mal sooo schlecht da.
    Der Pluspunkt wäre aber, eher, dass mal lästiges Umsteigen einsparen könnte.
    VlG

    ...Vor allem, wenn die Stunde nur sechs Minuten hat.

    Nun denn, von heute auf morgen werden sich die Dinger nicht durchsetzen. Die Idee halte ich aber für gut.

    • Cassini
    • 10. Dezember 2012 16:32 Uhr

    So sinnlos ist die Formulierung nun auch nicht! Ein Verbrauch ist immer Streckenbezogen. Also warum soll er nicht explizit eine Streckeneinheit erwähnen?

    Was mich viel mehr aufregt, ist die Tatsache, dass wir effiziente Fortbewegungsmöglichkeiten entwickeln und diese nie zum Einsatz bringen. Man muss sich nur mal ausmalen, wenn das konsequent seit den Siebzigern eingeführt worden wäre hier in D. Wo wir dann jetzt wären. Wir könnten die Dinger wahrscheinlich mittlerweile so billig/zuverlässig wie kein Anderer produzieren und installieren.
    Und keiner müsste sich über Preissteigerungen bei einer unzuverlässigen DB beklagen!

    Antwort auf "15 Mal weniger???"

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