Straßenverkehr"Jedes neue Carsharing-Auto ersetzt zehn private"

Wer sein Auto teilt, ist grundsätzlich umweltfreundlicher unterwegs, sagt Willi Loose vom Bundesverband Carsharing. Seine Prognose: Zehn Mal mehr Kunden in zehn Jahren. von 

ZEIT ONLINE: Herr Loose, wie hat Carsharing das Mobilitätsverhalten in Deutschland verändert?

Willi Loose: Die Wirkung ist bisher begrenzt. Es gibt dafür noch zu wenige Carsharing-Kunden. Aber unsere Befragungen zeigen, dass jene Autofahrer, die bisher ausschließlich mit ihrem eigenen Auto fuhren und jetzt Carsharing nutzen, häufiger den öffentlichen Nahverkehr nutzen oder Fahrrad fahren als früher. Viele Autobesitzer denken eben: Die Kosten meines Autos sind ohnehin hoch, daher nutze ich es so oft wie möglich. Es wird deshalb viel mehr Auto gefahren, als eigentlich notwendig wäre.

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ZEIT ONLINE: Aber hat nicht auch das Carsharing negative Effekte? Das Angebot lockt doch auch Bürger weg von den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Willi Loose
Willi Loose

Willi Loose ist Geschäftsführer des Bundesverbandes CarSharing (bcs). Er arbeitet seit April 2006 für den bcs, davor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Öko-Institut in Freiburg.

Loose: Carsharing ist kein Modell, die bisherigen Fahrten mit dem eigenen Auto eins zu eins aufs Carsharing zu übertragen, sondern ein Zusatzbaustein, wenn man die meisten Wege mit anderen Verkehrsmitteln zurücklegen kann. Kaum jemand wird ein Carsharing-Fahrzeug nutzen, um jeden Tag zur Arbeit zu fahren. Das gilt vor allem beim stationsbasierten Carsharing. Solange das Auto den ganzen Tag über am Arbeitsplatz parkt, muss der Nutzer dafür zahlen. Diese Lösung ist zu teuer und eignet sich nur für Notfälle.

Unsere Statistik zeigt auch: Die neuen Kunden nutzen Carsharing im ersten Jahr wesentlich mehr als in den Folgejahren, weil das Verhalten noch zu stark auf das Auto ausgerichtet ist. Es fehlt noch die Erfahrung, wie viele Fahrten man mit anderen Verkehrsmitteln machen könnte. Später legen die Nutzer Fahrten zusammen und brauchen dafür insgesamt weniger Kilometer.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Rückfallrate?

Loose: Rund 15 Prozent der Kunden melden sich wieder ab – sehr oft, weil sich die Lebensumstände ändern. Die Familie hat sich vergrößert. Oder man hat die Arbeitsstelle gewechselt und braucht für den Weg zum neuen Job ein Auto. Die Leute kommen aber auch genauso schnell zum Carsharing zurück, wenn sich die Umstände wieder ändern. In den wenigsten Fällen melden sich Kunden aus Frust wieder ab.

ZEIT ONLINE: Einer Umfrage zufolge können sich 24 Prozent der Deutschen vorstellen, hin und wieder auf Carsharing und Mietwagen zurückzugreifen, aber nur neun Prozent halten es für vorstellbar, das Auto abzuschaffen und nur Carsharing zu nutzen. Reicht das für ein dauerhaft erfolgreiches Geschäftsmodell?

Loose: Überlegen Sie mal, wie viele Autos verschwänden, wenn neun Prozent der Autobesitzer ihr Fahrzeug abschafften! Das wäre eine enorme Entlastung für den öffentlichen Raum.

ZEIT ONLINE: Wie entlastend wirkt Carsharing denn?

Loose: Jedes neue Carsharing-Auto ersetzt zehn private. Netto wird die Fläche also um neun Stellplätze entlastet. Ich kenne keine verkehrspolitische Maßnahme, die ähnlich wirksam ist – und das ohne Verbote, sondern über eine freiwillige Verhaltensänderung. Unsere jüngste Befragung von Neukunden zeigt: Mehr als die Hälfte der autobesitzenden Neukunden hat ihren Wagen nach einigen Monaten Carsharing-Mitgliedschaft abgeschafft. Der Autobesitz von Carsharing-Neukunden ist von 43,4 Prozent auf nur noch 19 Prozent gesunken.

Bundesverband Carsharing

Der Bundesverband Carsharing (bcs) mit Sitz in Berlin ist der Dachverband der deutschen Carsharing-Anbieter. Er hat 110 Mitglieder, darunter cambio und stadtmobil. Zudem gibt es noch etwa 30 weitere Casharing-Anbieter, die nicht bcs-Mitglied sind.

Die Nutzer

Mehr als 220.000 Menschen in rund 310 Städten nutzen derzeit die klassischen Carsharing-Angebote mit einer festen Abgabestation. Ein Fahrzeug teilen sich im Schnitt 39 Kunden. Dazu kommen mehrere Zehntausende Kunden der neuen Anbieter wie etwa car2go und DriveNow, bei denen man den Abstellplatz frei wählen kann.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Jahren sind neue Anbieter auf den Markt gekommen, bei denen man das Auto nicht zu seiner Station zurückbringen muss, sondern es am Ende einfach abstellen kann. Freefloating heißt das Konzept. Das scheint bequemer und kundenfreundlicher. Wann stirbt das stationsbasierte Konzept?

Loose: Das eine Modell ersetzt das andere nicht, dazu sind sie zu unterschiedlich. Bei den Freefloating-Anbietern kann man ein Auto nicht vorher reservieren, bei den stationsbasierten Modellen dagegen teilweise Monate im Voraus. Außerdem lohnen sich bei den Freefloating-Anbietern eigentlich nur kurze Fahrten, denn die Tarife sind bei längeren Fahrten oder auf längeren Strecken deutlich höher als die vergleichbaren Tarife im stationsbasierten Carsharing.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich die Nutzer?

Loose: Bei den Freefloating-Anbietern ist der Männeranteil mit bis zu 80 Prozent erheblich höher als beim traditionellen Carsharing. Da hat sich der Männeranteil bei etwa 60 Prozent eingepegelt. Die Nutzer der neuen Angebote sind auch jünger, das Angebot spricht Menschen an, die technikaffin sind.

Leserkommentare
  1. <em>ÖPNV funktioniert nur durch massive Subvention der Autofahrer und Steuerzahler;</em>
    Ich schlage vor, als Experiment einfach mal den kompletten ÖPNV in Deutschland für 3 Wochen einzustellen.

    Wetten, dass bereits nach 3 Tagen die "Autofahrer und Steuerzahler" massenhaft auf Knieen angekrochen kommen und mit Geldscheinen wedeln, damit bloß der ÖPNV wieder läuft?

    Z.B. im Großraum München würde nämlich NICHTS mehr funktionieren, wenn die täglich ca. 700.000 Nutzer von S- und U-Bahn zusätzlich aufs Auto umsteigen würden.
    Den volkswirtschaftlichen Schaden davon berechnet Ihnen sicher gerne der Herr Demetrios Problemos aus Beitrag 5...

    PS: Lustig wie Sie davon auszugehen scheinen, dass nur Autofahrer Steuern bezahlen und ÖPNV-Nutzer alles H4-Empfänger sind.
    Wie wär's mal mit ein bißchen Realität?

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    könnte mich glatt für Hunderter mehr in der Tasche begeistern.

    ÖPNV-Nutzer alles H4-Empfänger ..
    Ach fahren damit auch noch andere? Wenn ich vom ÖPNV höre und sehen dann nur Gewalt auf Bahnsteigen und rausgeschmissene Milliarden ... tut mir leid für diese Realität.

    • Stejo
    • 21. Januar 2013 12:49 Uhr

    bei unserem Car-Sharing-Anbieter kostet die Stunde etwa 2,50 € bei kurzer Nutzung ist dies konkurenzlos günstig. Wer ansatzweise urban wohnt, für den täglichen Arbeitsweg kein Auto benötigt und sich etwas umsieht wird mit Sicherheit ein Modell finden, dass viel günstiger als ein eigenes Auto ist. Insbesondere wenn bei letzterem die tatsächlichen Kosten einbezogenen werden und nicht nur die bewussteren durch das Tanken.

    Ihre Einstellung in der Stadt ganz ohne Zugriff auf ein Auto zu leben habe ich demhingegen mittlerweile schweren Herzens verworfen. Das Auto wird (unter den obigen Voraussetzungen) aber so selten benötigt, dass CarSharing die einzig ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternative ist. Dies ist sogar bei einem Wucherpreis von 13 €/h noch der Fall.

    3 Leserempfehlungen
  2. > Also mal nachrechnen.

    Das hab ich letztens getan und bin zu dem Schluss gekommen, dass man bei der Frage nach Mobilität sowieso nicht gewinnen kann.
    Habe ich ein eigenes Auto, dann steht es da und kann auch bewegt und genutzt werden. Dann fallen 200-400€ p.a. Versicherung und Steuern an und ein paar Werkstattkosten (je älter die Karre, desto mehr), oder ich schraube selber. Dann kostet mich die Mobilität im Monat vlt. um die 100,-€ fest plus Sprit. Dafür kann ich wann ich will fahren wohin ich will, kann jederzeit im Baumarkt und bei Ikea einkaufen, meine Familie im hintersten Dorf besuchen usw. Und einen Neuwagen für 25.T€ werden wohl die wenigsten machen, 10.T für einen Gebrauchten sind eher realistisch.
    Habe ich kein eigenes Auto, zahle ich jeden Monat knapp 80€ für's Bahnticket (HVV). Für jede anderweitige Mobilität zahle ich nochmal extra - d.h. für jede Fahrt in andere Städte schlägt ein Zugticket zu buche und für jede Fahrt, bei der ich was transportieren will, berappe ich die fürstlichen Car2Go- oder Mietwagenpreise.

    Wenn man das mal zusammenrechnet, kommt einen diese "fallweise Mobilität" auch nicht billiger als ein eigenes Auto. Letztendlich spart man nichts und tut höchstens was für's grüne Gewissen.
    Und was den Italien-Urlaub angeht. Mit Auto: Sachen reinschmeißen und losfahren, in 4h ist man da. Mit Bahn: Monatelang im Voraus planen und buchen, Gepäckfrage klären, zigmal umsteigen und dann vor Ort nicht mobil sein... hört sich nicht nach nem Vorteil an.

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    Antwort auf "Es sind die Kosten ..."
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    > Und was den Italien-Urlaub angeht. Mit Auto: Sachen reinschmeißen und losfahren, in 4h ist man da. Mit Bahn: Monatelang im Voraus planen und buchen, Gepäckfrage klären, zigmal umsteigen und dann vor Ort nicht mobil sein... hört sich nicht nach nem Vorteil an.

    Familie mit zwei Kindern: München - Eraclea Mare (bei Vendig).
    Abends in den Nachtzug - Kinder haben sich schon Wochen vorher darauf gefreut. In Eraclea: geht super mit Fahrrad und Bussen.
    Gepäck: gut, man muss schauen, was man wirklich braucht, soviel, wie Bekannte von uns mitgenommen haben (allein die Spielsachen - röchel) geht nicht, allerdings braucht man eigentlich nur sehr wenig für einen Urlaub dort drunten.
    Auch ein Süditalienurlaub (Apulien)ging ganz entspannt von statten mit Bus und Bahn. Konnte meine Frau weniogstens ihtre italien9isch Kenntnisse beim Chat mit dem Busfahrer auffrischen.
    Das soll jetzt kein Überzeugungsversuch sein, sondern nur unsere Erfahrungen wiedergeben.

  3. weniger Angst als Leute die ständig den neuen Weltuntergang herbeisehnen.

    Das Liegerad hat sich nicht außerhalb der BAT-Boheme durchgesetzt und ob 7-8 Milliarden Menschen in München im Stau stecken bleiben, wage ich zu bezweifeln. Man muss schon ein besonderer Misanthrop sein, wenn man Sklaverei mit Carsharing in Verbindung bringen kann. Ich denke Sie haben es sich in Ihrem Weltbilde kommod gemacht, wenn nicht das böse Auto, dann die blöden Amerikaner usw ... nur eines noch: die Freiheit die Sie für sich reklamieren gönnen Sie bitte auch anderen. Danke

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  4. > Und was den Italien-Urlaub angeht. Mit Auto: Sachen reinschmeißen und losfahren, in 4h ist man da. Mit Bahn: Monatelang im Voraus planen und buchen, Gepäckfrage klären, zigmal umsteigen und dann vor Ort nicht mobil sein... hört sich nicht nach nem Vorteil an.

    Familie mit zwei Kindern: München - Eraclea Mare (bei Vendig).
    Abends in den Nachtzug - Kinder haben sich schon Wochen vorher darauf gefreut. In Eraclea: geht super mit Fahrrad und Bussen.
    Gepäck: gut, man muss schauen, was man wirklich braucht, soviel, wie Bekannte von uns mitgenommen haben (allein die Spielsachen - röchel) geht nicht, allerdings braucht man eigentlich nur sehr wenig für einen Urlaub dort drunten.
    Auch ein Süditalienurlaub (Apulien)ging ganz entspannt von statten mit Bus und Bahn. Konnte meine Frau weniogstens ihtre italien9isch Kenntnisse beim Chat mit dem Busfahrer auffrischen.
    Das soll jetzt kein Überzeugungsversuch sein, sondern nur unsere Erfahrungen wiedergeben.

    2 Leserempfehlungen
  5. könnte mich glatt für Hunderter mehr in der Tasche begeistern.

    ÖPNV-Nutzer alles H4-Empfänger ..
    Ach fahren damit auch noch andere? Wenn ich vom ÖPNV höre und sehen dann nur Gewalt auf Bahnsteigen und rausgeschmissene Milliarden ... tut mir leid für diese Realität.

    Antwort auf "Experiment"
  6. Ich selbst bin Kunde bei DriveNow in München und nutze den Service hin und wieder. Es ist praktisch, es funktioniert problemlos, doch leider ist es zu teuer. Insbesondere wenn man das Geschäftsgebiet verlässt und mal zwei Stunden (weil man beispielsweise einen Termin hat oder jemanden besucht) parken muss und das Auto nicht wieder frei geben kann. Da kommen dann schnell mal 30, 40 Euro zusammen und das lohnt sich dann nicht mehr wirklich.

    Ich wäre gerne bereit, bei den Autos auf Komfort und Style zu verzichten, wenn dafür die Gebühren etwas günstiger wären.

    • TDU
    • 21. Januar 2013 14:16 Uhr

    Ne Fahrt an die Ostsee mit 3 Personen ist teurer mit dem Zug. Ganz abgesehen von der Gepäckschlepperei und den unhöflichen und hektischen Mitreisenden.

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    Antwort auf "Es sind die Kosten ..."

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  • Schlagworte BMW | Auto | Autohersteller | Fahrzeug | Mietwagen | Nahverkehr
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