PedelecTüftler setzen ihr Rad unter Strom

Die angebotenen Pedelecs missfielen ihnen. Drei IT-Spezialisten stellten daher Nachrüstsets zusammen. Heute vertreiben sie die Bausätze im Internet. von Matthias Scheffler

Alexander Lemmer fährt bei schönem Wetter gern Fahrrad, auch zu Geschäftsterminen. Verschwitzt ankommen wollte der Berliner Unternehmer aber nicht. Jetzt lässt sich der 29-Jährige schieben – und fährt trotzdem kein E-Bike von der Stange. "Anfangs haben wir uns als Alternative zu Auto und öffentlichem Nahverkehr nach Pedelecs umgeschaut", berichtet Lemmer, der mit zwei Partnern in Berlin eine Internetagentur führt. "Aber uns hat einfach nichts gefallen."

Im Laufe der Suche stolperten die drei in einem Internetforum über einen Kommentar, dass man sein eigenes Rad auch in ein Pedelec wandeln könne. Sie waren von der Idee begeistert. Und finden die Lösung inzwischen so klasse, dass sie per Internet verschiedene Anschubhilfen landesweit verkaufen. Seit März 2012 betreiben Lemmer und seine Partner einen der ersten Onlineshops in Deutschland, der Nachrüstsets anbietet, mit deren Hilfe aus einem gewöhnlichen Fahrrad ein Pedelec wird.

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Technisch unterscheiden sich diese Bausätze nicht von denen kompletter Pedelecs. Sie bestehen im Wesentlichen aus einem Motor, einem Akku und dem Minicomputer am Lenker. Je nach System und Hersteller ist der Motor entweder in der Hinterradnabe verbaut und wird als komplettes Laufrad geliefert, oder er findet dort Platz, wo sonst das Tretlager sitzt.

Begeisterung für Bites und Bikes

Der Akku wird in der Regel an der Stelle des Rahmens montiert, wo sonst Platz für einen Flaschenhalter wäre. Lassen sich die Akkus nicht dort anbringen, nutzt man Spezialhalterungen an der Sattelstütze, die in manchen Fällen mit einem Gepäckträger kombiniert sind. Insgesamt rund sieben Kilogramm bedeutet dies an zusätzlichem Gewicht.

"Mit den Sets lässt sich fast jedes Rad umrüsten", sagt Lemmer. "Ich muss also das Fahrrad, mit dem ich vielleicht seit vielen Jahren perfekt zurechtkomme, nicht plötzlich in die Ecke stellen, nur weil ein Pedelec genau das wäre, was ich jetzt bräuchte." Was Lemmer und seine Kollegen brauchten, wussten sie anfangs selbst nicht genau. Also testeten sie ein halbes Jahr lang verschiedene Modelle, knüpften Kontakte zu Herstellern und besuchten Montagelehrgänge.

Der Spaß am E-Bike sei das stärkste Motiv gewesen, sagt Lemmer – und meint das in zweifacher Hinsicht. Zum einen, wenn man an der Ampel antrete und die 250 Watt starken Motoren selbst Autos auf den ersten Metern stehen ließen. Zum anderen biete solch ein Elektromotor für IT-Begeisterte etliche Möglichkeiten. "Uns fasziniert die Technik. Die Motoren arbeiten mit Sensoren, korrespondieren mit Rechnern, die Motorsteuerung basiert auf der Übermittlung von Daten. Die können wir auslesen und so die Steuerung speziell für die Ansprüche der Kunden programmieren." Ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz.

Um sich am Markt zu behaupten, braucht es aber etwas mehr als Spaß und ein Faible für IT. Zum Beispiel eine klare Vorstellung davon, welche Produkte zu der Versandidee passen. Und welche es verzeihen, dass im Hinterzimmer der Firma keine voll ausgerüstete Fahrradwerkstatt steckt.

Ganz zu schweigen von einem dazugehörigen ausgebildeten Mechaniker. "Wir kennen uns inzwischen bestens mit den Systemen aus, die wir anbieten", erklärt Lemmer. "Trotzdem sind wir nur Quereinsteiger. Ein großer Rücklauf aufgrund technischer Probleme würde schnell das Ende bedeuten." Daher biete sein Online-Versand Bikenest nur wenige, qualitativ hochwertige und sehr spezielle Produkte an.

Zudem müssen sich die Bausätze leicht montieren lassen, denn nicht wenige Kunden ordern das Nachrüstset zu sich nach Hause und nehmen den Umbau ihres Fahrrads in die eigenen Hände. Die dabei gesammelten Erfahrungen fließen gemeinsam mit den eigenen Eindrücken in ein Onlineforum auf der Homepage von Bikenest. Lemmer und seine Partner wollen sich auf diese Weise einen Expertenstatus erarbeiten und fehlendes Wissen so schnellstmöglich aufholen. Selbstverständlich auf digitalem Weg.

Das Konzept geht anscheinend auf. Der Shop hat schon im Sommer einen Bekanntheitsgrad erlangt, mit dem Lemmer erst nach einem Jahr gerechnet hätte. Das bedeute aber nicht, dass Bikenest mehr als nur der kleine Ableger des eigentlichen Unternehmens Firmennest werde, betont Lemmer. "Auch wenn der E-Bike-Markt sicher in den kommenden Jahren weiter wächst, bleibt die Nachrüstung aus unserer Sicht weiterhin eine Nische."

Bestenfalls werde der Bausatz mal so selbstverständlich wie der Wechsel zu einer Scheibenbremse oder einer Federgabel, sagt Lemmer. Das könnte wohl auch am Preis liegen. Zwischen 1.000 und 2.000 Euro kostet der elektrische Fahrspaß zum Nachrüsten.

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Leserkommentare
  1. Was Nutzer eines Umrüstsets nicht vergessen sollten, ist, dass ein Pedelec anderen Kräften ausgesetzt ist als ein normales Fahrrad. Die Umrüstung ist sicher nur für sehr stabile Modelle zu empfehlen. - Ich habe schon von Billigpedelecs (von Anfang an so gebaut!) gelesen, die Rahmenbrüche hatten, weil der Rahmen eher für ein normales "Sonntagsradlermodell" geeignet gewesen wäre, außerdem erinnere ich mich an einen Fall, in dem jemand sich beim Eigenbau an einer in Brand geratenen Lithium-Batterie verletzt hat.
    Wenn man im Eigenbau erfahren ist, ist so ein Bausatz, von dem ich jetzt einmal davon ausgehe, dass er gut durchdacht ist, bestimmt nicht schlecht - aber es ist sicher sinnvoll, vorher genau zu prüfen, ob das Rad den Umbau auch verträgt!

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    • porph
    • 30. Januar 2013 17:40 Uhr

    ...wegen 250 Watt? Das schafft auch ein relativ ungeübter Radler beim Antritt, wenn auch nicht für längere Zeit - bei Belastungsspitzen aber garantiert. Wenn man dann ein bisschen geübter ist, sind mehr als 250 Watt z.B. beim Anfahren ziemlich normal, und das hält auch jedes Rad aus.

    Wirklich kritisch wirds eigentlich nur im absoluten Billigbereich (Baumarkt) - das sollte aber jedem klar sein - und wenn ein Rad entgegen seiner eigentlichen Zielaufgabe genutzt wird (z.B. Drops mit einem nicht-MTB). Und die 7 kg Mehrgewicht durch den Antrieb sollten auch egal sein, die wenigsten Räder (außer bei Leichtbauteilen wie diversen, meist sehr teuren Laufräder und Sattelstützen) haben Gewichtsbeschränkungen für den Fahrer, also müssten die theoretisch auch 50 kg mehr aushalten können.

  2. so ein Pedelec zu überholen. Es sind gute Trainingspartner! Besonders schwitzen muß ich dabei auch nicht es sei denn, die Aufholjagt dauert etwas länger. Ach ja, Geld habe ich auch noch gespart.

    3 Leserempfehlungen
  3. - wird ohnehin nicht ewig halten und
    - verändert sich durch den Umbau und sei es nur durch das Mehrgewicht.
    Ob da der Sprung zu einem von vorn herein so geplanten Pedelec so unüberwindbar bleibt?

    @ 3 Wenn es preiswerter ist, als hier und im Artikel behauptet wird, dann nur, weil Sie Hobby ohne Stundenlohn mit dem Kauf bezahlter Leistung vergleichen.
    Da nicht jeder für lau bastelt/gebastelt bekommt, ist es für viele eben doch teurer als Sie behaupten.

    2 Leserempfehlungen
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    • c.kühn
    • 29. Januar 2013 14:33 Uhr

    ...das sind alles Möglichkeiten, aber beim Thema Fahrrad sind oftmals sehr viele Emotionen im Spiel. Viele wollen ihr schrottreifes Fahrrad nicht hergeben, weil es ihnen ans Herz gewachsen ist oder weil sie die Sitzposition so bequem finden und keinerlei Lust haben sich umzugewöhnen.

    Außerdem halten gut gepflegte und gewartet Räder eine kleine Ewigkeit und wenn man dann noch notwendige Reparaturen nicht zu lange hinaus schiebt, bleibt der ganze Spaß verhältnismäßig erschwinglich. Insbesondere bei qualitativ hochwertigen Rädern trifft das zu. :-)

    • c.kühn
    • 29. Januar 2013 14:25 Uhr

    Kaum sagt einer Pedelec, schreien 10 ungefragte "Ich fahre ohne Motor!!!". Schön für euch, will nur keiner wissen...

    Konstruktive Kommentare oder berechtigte Kritik für Interessierte wären aber wohl besser.

    Ich bin ja eher der Meinung, dass die Leute lieber mit nem E-Fahrrad Raus gehen sollen, als sich gar nicht zu bewegen. Deswegen muss man sich über diese Leute aber auch nicht ständig anfeinden. Radfahrer sind Radfahrer egal welches Rad.

    11 Leserempfehlungen
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    "Kaum sagt einer Pedelec, schreien 10 ungefragte "Ich fahre ohne Motor!!!". Schön für euch, will nur keiner wissen..."

    Ich finde das genau so viel oder wenig wissenswert wie die anderen Kommentare und Aussagen in Artikeln, in denen steht: "Ich fahre Pedelec."

    "Ich bin ja eher der Meinung, dass die Leute lieber mit nem E-Fahrrad Raus gehen sollen, als sich gar nicht zu bewegen."

    Das unterscheidet uns: Sie haben offenbar einen missionarischen Hintergrund. Ich dagegen meine, wer Fahrrad fahren will, soll das machen, und die anderen sollen es sein lassen.

    Wenn Radfahren gesund ist, ist Pedelec fahren zu 30% gesund, wenn man mal die Erkältungsgefahr durch das Herumsitzen im Fahrtwind ignoriert.

    "Radfahrer sind Radfahrer egal welches Rad."

    Stimmt, das kann man so sagen! ..und Pedelecfahrer sind Pedelecfahrer, egal welches Pedelec.

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  • Schlagworte Akku | E-Bike | Elektromotor | Fahrrad | Motor | Nahverkehr
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