Radverkehr Eine populistische Rüpelradler-Attacke
"Kaum ein Radler" verhalte sich korrekt, poltert der Präsident des Verkehrsgerichtstags. Solche Pauschalisierungen helfen nicht weiter.
© Wolfgang Kumm/dpa

Ein Radfahrer fährt in Berlin auf dem Bürgersteig an einem Plakat gegen rabiate Radler vorbei (Archivbild).
Vielleicht muss man von einem Juristen derlei erwarten. Kay Nehm war gut zwölf Jahre lang Generalbundesanwalt der Bundesrepublik Deutschland. Heute ist er Präsident des Verkehrsgerichtstages, der derzeit in Goslar tagt und der Politik Empfehlungen für die Regelung des Straßenverkehrs mitgibt. In dieser Position sollte Nehm mehr im Blick haben als nur die Straßenverkehrsordnung und ihre bürokratische Umsetzung. Und ja, natürlich darf er sich auch zum Radverkehr äußern.
Das tat er mit Genuss. In seiner Rede, mit der Nehm die Konferenz am Donnerstag eröffnete, nannte er die "offensichtliche behördliche Duldung lebensgefährlicher Verhaltensweisen" vieler Radler einen Skandal. "Kaum ein Radler fährt mit vorgeschriebener Beleuchtung, kaum ein Radler kümmert sich um Fahrtrichtung oder um Ampeln."
Man muss eher diese Äußerung einen Skandal nennen. Was ist unter "kaum" zu verstehen? Sind es zehn Prozent, oder doch nur fünf? Eine breite Masse der Radfahrer ist es jedenfalls nicht. Das ist äußerst ärgerlich. Ähnlich wie schon Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, der von den "Kampfradlern" sprach, schert auch Nehm alle Radler über einen Kamm. Als ob man Radfahrer mit korrekter Beleuchtung wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen müsste.
Mehr Kontrollen – aber auch bessere Infrastruktur
Ja, es mag stimmen: Es gibt solche Radfahrer. Dazu muss man nur im Winter bei der früh einsetzenden Dunkelheit durch Berlin laufen. Ohne Licht gefährden diese Radfahrer nicht nur andere, sondern auch sich selbst.
Nehm hat also Recht, wenn er eine strengere Kontrolle fordert, damit Radfahrer, die durch Fußgängerzonen fahren oder rote Ampeln missachten, bestraft werden. Dafür sprachen sich gerade in einer Umfrage 82 Prozent der Deutschen aus. So gering, wie mancher vielleicht meint, sind die Bußgelder im Übrigen nicht: Einem Radler, der bei Rot über die Ampel fährt, drohen 100 Euro Geldstrafe – gefährdet er andere, sind gar 160 Euro fällig.
Aber: Ein Großteil der Radfahrer verhält sich korrekt. Eine Studie für die Stadt Freiburg und die dortige Polizeidirektion kam zum Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit der Radfahrer nur in Ausnahmefällen Regeln bricht, der Anteil der "notorischen Regelmissachter" liege bei zehn bis 13 Prozent. Es gibt kaum vernünftige Gründe anzunehmen, warum die Quote in Großstädten wie München oder Berlin wesentlich anders sein sollte als in Freiburg. Nehm bläst, wie zuvor Minister Ramsauer, das Problem "Rüpelradler" auf.
Hinzu kommt, dass manche Autofahrer gern den Radfahrern falsches Verhalten unterstellen. Das gilt etwa für Radwege entlang der Straße: Oftmals denken Autofahrer, ein Radfahrer muss sie nutzen. Doch das ist nicht unbedingt der Fall. Wenn sie schlecht ausgebaut oder zu schmal sind, kann ihre Nutzung freiwillig sein.
Das Beispiel zeigt: An der Missachtung der Regeln sind häufig auch schlechte Wegeführung und mangelnde Infrastruktur schuld. Darauf hat schon die Unfallforschung der Versicherer hingewiesen: "Viele Regelübertretungen spiegeln oft eine nicht nutzergerechte Gestaltung der Radverkehrsanlagen wider." Wo etwa Radwege fehlen, würden Gehwege benutzt.
Das Problem hat sich in den vergangenen Jahren verschärft, weil der Ausbau der Infrastruktur mit dem wachsenden Radverkehr kaum Schritt gehalten hat. Nehm sollte deshalb an die Politik appellieren, das Wegenetz zu verbessern, statt alle Radfahrer als Rüpel zu verunglimpfen. Das muss noch nicht einmal kompliziert sein. Schon Radstreifen auf der Fahrbahn können das Miteinander von Auto- und Radfahrern verbessern.
- Datum 24.01.2013 - 17:02 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 74
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>>Schon Radstreifen auf der Fahrbahn können das Miteinander von Auto- und Radfahrern verbessern.<<
Wenn die Autofahrer mal auf so etwas achten würden.
Regelmäßiges Szenario bei mir: man fährt über die Straße, wird fast geplättet und dann muß man sich auch noch den Spruch anhören: 'Ey, da mußte absteigen !'
Nein, liebe Verehrer des Verbrennungsmotors, muß ich nicht. Weil nämlich in meinem Fall an dieser Stelle neben dem Zebrastreifen ein etwa 5 Meter großes Fahrrad auf die Fahrbahn gepinselt ist, zusammen mit einer weiteren Markierung.
Und das bedeutet 'Radweg' und da habe ich Vorfahrt, auch wenn ihr 300 PS habt.
Vor besagtem Übergang steht übrigens auch noch 'Vorfahrt achten' und 'Radfahrer kreuzen', um den Autofans da einen deutlichen Hinweis zu geben. Der meistens ignoriert wird, ganz besonders von älteren Semestern.
Mir unverständlich, denn das habe ich vor 25 Jahren in meiner Führerscheinprüfung schon anders gelernt.
Offensichtlich gibt es keine Beschilderung in Deutschland gibt, die besagt 'Gemeinsamer Fuß- und Radweg über die Straße', dabei könnte man sich mit einem statt drei Schildern auch noch Geld sparen wahrscheinlich.
Da hätte der Herr Nehm vielleicht mal was zu sagen können. Oder der Herr Ramsauer. Aber die fahren ja beide im Dienstwagen mit eingebautem Chauffeur. Hoffentlich kennt der dann wenigstens die Vorfahrtsregeln.
"Kaum" ein Radfahrer fahre ohne Licht etc.....
Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Selbst hier in Berlin fährt die große Mehrheit der Radfahrer mit funktionierender Lichtanlage. Klar gibt es auch welche ohne Licht, aber das sind vielleicht 20 Prozent. Ich gehe mal davon aus, dass die Radler in Berlin besonders leger mit den Verkehrsregeln umgehen. Also wird das in anderen Städten noch besser sein.
Nach meiner Wahrnehmung hat sich die Situation auch deswegen verbessert, weil viele Fahrräder heutzutage mit Nabendynamo und LED-Lichtanlage ausgerüstet sind. Diese Technik fällt nicht ständig aus, denn zugegebenermaßen war auch ich in der Vergangenheit kein Freund des ständigen Lampenwechselns... da fuhren dann viele Radler auch mal ohne Licht..
Der Durchschnittsradler hält sich an die Verkehrsregeln, zumindest in demselben Maße, wie sich der Durchschnittsautofahrer an die Geschwindigkeits- und Parkverbotsregeln hält... im Großen und Ganzen ja, aber gelegentliche kleine Verstöße kommen vor.
Also, der Untergang des Abendlandes steht nicht bevor
(obwohl kaum ein Tag vergeht, an dem mir nicht mindestens ein Autofahrer auf meinen ca. 6 Km Arbeitsweg beim Rechtsabbiegen die Vorfahrt nimmt... das ist auch gefährlich)
Nein, das ist falsch. Ca. 50% haben Licht. Dazu kommt noch, dass die unbeleuchteten dunkle Kleidung tragen und fast unsichtbar sind.
Das sage ich Ihnen als Fußgänger.
Nein, das ist falsch. Ca. 50% haben Licht. Dazu kommt noch, dass die unbeleuchteten dunkle Kleidung tragen und fast unsichtbar sind.
Das sage ich Ihnen als Fußgänger.
Zunächcst mal Danke für diesen guten Artikel, die Nehms unverschämte Pauschalisierung zu Recht aufs Korn nimmt, indem er ganz keck mal eben fast alle Radler zu Rüpelradler erklärt.
Das es solche gibt will niemand abstreiten, aber Sie bilden eine klare Minderheit und nicht die Mehrheit ab !
Es scheint so langsam Zeitgeist zu sein, die Radfahrer pauschal diskreditieren zu wollen.
Da ich selbst regelmäßig Rad auch bis in mein Innenstadtbüro fahre, weiß ich sehr genau, was die Realität der meisten Radler in Großstädten ist.
Es ist oft leider eher ein Kampf ums eigene Überleben, um im hektischen Stadtverkehr nict unter die Auto-Räder zu kommen...
Wie im Artikel richtig beschrieben ist die Infrastruktur für Radfahrer gerade in Großstädten ein schlechter Witz. Viele sogenannte Radwege sind überhaupt nicht mehr benutzbar, weil eine einzige Buckelpisste mit Scherben und Müll verunreinigt etc..
Im Winter wirds dann richtig abenteurlich, geräumt wird so gut wie nirgendwo auf Radwegen, im Gegenteil der Schnee wird von der Autofahrbahn auf den Radweg geschoben! Vom Bürgersteig oft genauso.
Was bleibt ist dann das ausweichen auf die Fahrbahn, wo allerdings schon Winter gestresste, staugenervte Autofahrer warten.
Der Ausbau und die Pflege der nötigen Infrastruktur für Radler hält in keinster Weise mit den rasant steigenden Radfahrern mit, gerade im Innenstadtbereich, wo das Fahrrad mit Abstand das effektivste und oft auch schnellste Verkehrsmittel ist.
1 PKW benötigt die 6-10Fache Verkehrs-/Parkfläche eines Radfahres.
.
Jeder Radfahrer schenk also dem PKW-Fahrern Parkplatz und "Stau"raum ohne Ende. Wenn der nicht auf den Rad fährt, nimmt er das Auto!
.
Autobeführworter MÜSSTEN wenn sie vom Benzindampf wieder nüchtern werden, fanatische Förderer/Fordere von GUTEN Radverkehrskonzepten sein!
.
Ich kann diese Spez. "Homo sapiens,sapiens" in der 1t-Verpackung wirklich nicht begreifen.
.
Nachdenklich
Sikasuu
1 PKW benötigt die 6-10Fache Verkehrs-/Parkfläche eines Radfahres.
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Jeder Radfahrer schenk also dem PKW-Fahrern Parkplatz und "Stau"raum ohne Ende. Wenn der nicht auf den Rad fährt, nimmt er das Auto!
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Autobeführworter MÜSSTEN wenn sie vom Benzindampf wieder nüchtern werden, fanatische Förderer/Fordere von GUTEN Radverkehrskonzepten sein!
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Ich kann diese Spez. "Homo sapiens,sapiens" in der 1t-Verpackung wirklich nicht begreifen.
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Nachdenklich
Sikasuu
Das Nutzen von Radwegen ist GENERELL freiwillig, es sei denn sie sind als benutzungspflichtig ausgewiesen um eine Selbstgefährdung der Radfahrer zu vermeiden, z.B. an unübersichtlichen Stellen. Ist der benutzungspflichtige Radweg ungeeignet, ist die Nutzung freiwillig. Kann keine Gefährdung für Radfahrer gezeigt werden, kann man die Gemeinde auf Aufhebung der Nutzungspficht verklagen. Häufig sind solche Nutzungspflichten schikanös und von Behördenbetonköpfen willkürlich aufgestellt. Kein Wunder, dass sich Radfahrer häufig nicht daran halten.
Radfahrer/innen sind in den Köpfen der Stadtplaner/innen einfach noch nicht angekommen. Ich hoffe, dass sich das mit einer neuen Politikergeneration und der weiterhin steigenden Zahl von Radfahrer/inne/n ändert.
Ich jedenfalls fühle mich diskriminiert, wenn ich als Radler an einer einzigen Kreuzung drei "Bettelampeln" bedienen muss, um über eine Straße zu kommen, während die Blechlawine neben mir ungestört vorbeifährt. Das "schreit" doch geradezu nach zivilem Ungehorsam.
Dass Radwege nach Feierabend in dicht besiedelten innenstadtnahen Wohngegenden regelmäßig zugeparkt werden und mich somit zum Verkehrsvergehen nötigen, sollte auch nochmal erwähnt werden.
So - auch das sind nur einzelne Beispiele, die nie eine allgemeine Regel begründen könnten. Herr Nehm sollte eigentlich wissen, wie man induktives Argumentieren einsetzt und wie Schlussfolgerungen gestärkt werden. Das was er hier abliefert, erscheint mir ziemlich schwach.
Ein schöner Artikel.
Allerdings muss beim Ausbau von Radwegen noch weiter ein Umdenken stattfinden.
Ich kenne zwar bei mir in der Gegend einige sehr gute Radwege (hauptsächlich Überlandwege, die leider nur wenig genutzt werden) aber es werden, gerade in den Stadtkernen, immer noch zu viele Radwege ausgewiesen, die keinen anderen Sinn haben als den Radfahrern die Fahrt auf der Straße zu verbieten.
Dass solche Wege Ärger, Ablehnung und Missachtung heraufbeschwören ist eigentlich kein Wunder.
Dabei gibt es auch für Innenstädte gute Konzepte, wie z.B. das, dass bei mehreren parallelen Straßen die eine primär als Fahrradstraße mit Tempo 30 für die Autofahrer dient, während die anderen, größeren den Autoverkehr abfertigen.
Ortskundige Radlern nehmen solche Angebote gerne an.
(Nicht ortskundige finden solche Fahrradstraßen in der Regel aber nicht, und schon gibt es wieder Grund sich über die Rüpel aufzuregen.)
Überhaupt ist es ein großes Problem, dass Fahrradwege schlecht ausgeschildert sind. Wenn ich also an unbekanntem Ort fahrt, nehme ich am liebsten die großen Straßen.
Im Gegenteil.
Wer sich als Fahrradfahrer auf der von Kraftwagen befahrenen Straße nicht an die Regeln hält, wird schnell zum Opfer.
Deswegen weichen so viele Radler mittlerweile auf Bürgersteige aus. Dort zeigen dann allerdings viele Radfahrer das gleiche Verhalten des Rechtes des Stärkeren gegenüber den Fussgängern, dass sie beim Kraftfahrer monieren. Selbst noch beim Parken.
Wenn es ein Problem mit Kampfradlern gibt, dann eher abseits der Straßen.
"Schon Radstreifen auf der Fahrbahn können das Miteinander von Auto- und Radfahrern verbessern"
Das waage ich zu bezweifeln. Jedwede Radverkehrsanlage fördert das Revierdenken und wehe ein Radfahrer bricht ins Revier des KFZ-Führers ein... Allerdings werden diese Wege und Streifen dankend als Park- und Ladezone angenommen.
Mich würde ja interessieren, ob Herr Nehm es schafft im Verkehrsfluss die für Ihn gültige Ampel als Radfahrer zu erkennen.
Hier mal eine kleine Übersicht, wie Abstrus die Regeln für Radfahrer sind:
http://www.radverkehrspol...
Herr Dankmar Alrutz (einer der obersten deutschen Radverkehrsplaner)
benötigte 33 Seiten um diese Gesetzeslage zu erklären!
Wie einfach ist das doch das Fahren auf der Fahrbahn ist.
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