RadverkehrEine populistische Rüpelradler-Attacke

"Kaum ein Radler" verhalte sich korrekt, poltert der Präsident des Verkehrsgerichtstags. Solche Pauschalisierungen helfen nicht weiter. von 

Vielleicht muss man von einem Juristen derlei erwarten. Kay Nehm war gut zwölf Jahre lang Generalbundesanwalt der Bundesrepublik Deutschland. Heute ist er Präsident des Verkehrsgerichtstages, der derzeit in Goslar tagt und der Politik Empfehlungen für die Regelung des Straßenverkehrs mitgibt. In dieser Position sollte Nehm mehr im Blick haben als nur die Straßenverkehrsordnung und ihre bürokratische Umsetzung. Und ja, natürlich darf er sich auch zum Radverkehr äußern.

Das tat er mit Genuss. In seiner Rede, mit der Nehm die Konferenz am Donnerstag eröffnete, nannte er die "offensichtliche behördliche Duldung lebensgefährlicher Verhaltensweisen" vieler Radler einen Skandal. "Kaum ein Radler fährt mit vorgeschriebener Beleuchtung, kaum ein Radler kümmert sich um Fahrtrichtung oder um Ampeln."

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Man muss eher diese Äußerung einen Skandal nennen. Was ist unter "kaum" zu verstehen? Sind es zehn Prozent, oder doch nur fünf? Eine breite Masse der Radfahrer ist es jedenfalls nicht. Das ist äußerst ärgerlich. Ähnlich wie schon Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, der von den "Kampfradlern" sprach, schert auch Nehm alle Radler über einen Kamm. Als ob man Radfahrer mit korrekter Beleuchtung wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen müsste.

Mehr Kontrollen – aber auch bessere Infrastruktur

Ja, es mag stimmen: Es gibt solche Radfahrer. Dazu muss man nur im Winter bei der früh einsetzenden Dunkelheit durch Berlin laufen. Ohne Licht gefährden diese Radfahrer nicht nur andere, sondern auch sich selbst.

Nehm hat also Recht, wenn er eine strengere Kontrolle fordert, damit Radfahrer, die durch Fußgängerzonen fahren oder rote Ampeln missachten, bestraft werden. Dafür sprachen sich gerade in einer Umfrage 82 Prozent der Deutschen aus. So gering, wie mancher vielleicht meint, sind die Bußgelder im Übrigen nicht: Einem Radler, der bei Rot über die Ampel fährt, drohen 100 Euro Geldstrafe – gefährdet er andere, sind gar 160 Euro fällig.

Aber: Ein Großteil der Radfahrer verhält sich korrekt. Eine Studie für die Stadt Freiburg und die dortige Polizeidirektion kam zum Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit der Radfahrer nur in Ausnahmefällen Regeln bricht, der Anteil der "notorischen Regelmissachter" liege bei zehn bis 13 Prozent. Es gibt kaum vernünftige Gründe anzunehmen, warum die Quote in Großstädten wie München oder Berlin wesentlich anders sein sollte als in Freiburg. Nehm bläst, wie zuvor Minister Ramsauer, das Problem "Rüpelradler" auf.

Hinzu kommt, dass manche Autofahrer gern den Radfahrern falsches Verhalten unterstellen. Das gilt etwa für Radwege entlang der Straße: Oftmals denken Autofahrer, ein Radfahrer muss sie nutzen. Doch das ist nicht unbedingt der Fall. Wenn sie schlecht ausgebaut oder zu schmal sind, kann ihre Nutzung freiwillig sein. 

Das Beispiel zeigt: An der Missachtung der Regeln sind häufig auch schlechte Wegeführung und mangelnde Infrastruktur schuld. Darauf hat schon die Unfallforschung der Versicherer hingewiesen: "Viele Regelübertretungen spiegeln oft eine nicht nutzergerechte Gestaltung der Radverkehrsanlagen wider." Wo etwa Radwege fehlen, würden Gehwege benutzt.

Das Problem hat sich in den vergangenen Jahren verschärft, weil der Ausbau der Infrastruktur mit dem wachsenden Radverkehr kaum Schritt gehalten hat. Nehm sollte deshalb an die Politik appellieren, das Wegenetz zu verbessern, statt alle Radfahrer als Rüpel zu verunglimpfen. Das muss noch nicht einmal kompliziert sein. Schon Radstreifen auf der Fahrbahn können das Miteinander von Auto- und Radfahrern verbessern.

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Leserkommentare
    • joeyyy
    • 24. Januar 2013 17:40 Uhr

    Radfahrer/innen sind in den Köpfen der Stadtplaner/innen einfach noch nicht angekommen. Ich hoffe, dass sich das mit einer neuen Politikergeneration und der weiterhin steigenden Zahl von Radfahrer/inne/n ändert.

    Ich jedenfalls fühle mich diskriminiert, wenn ich als Radler an einer einzigen Kreuzung drei "Bettelampeln" bedienen muss, um über eine Straße zu kommen, während die Blechlawine neben mir ungestört vorbeifährt. Das "schreit" doch geradezu nach zivilem Ungehorsam.

    Dass Radwege nach Feierabend in dicht besiedelten innenstadtnahen Wohngegenden regelmäßig zugeparkt werden und mich somit zum Verkehrsvergehen nötigen, sollte auch nochmal erwähnt werden.

    So - auch das sind nur einzelne Beispiele, die nie eine allgemeine Regel begründen könnten. Herr Nehm sollte eigentlich wissen, wie man induktives Argumentieren einsetzt und wie Schlussfolgerungen gestärkt werden. Das was er hier abliefert, erscheint mir ziemlich schwach.

    13 Leserempfehlungen
  1. "Ohne Licht gefährden diese Radfahrer nicht nur andere, sondern auch sich selbst"

    Egal wie man es dreht und wendet: Eher selten ist ein Auto von den Gummireifen eines Fahrrads zermalmt worden. Auch die Anzahl der tödlich verletzten Fußgänger durch rücksichtslose Kampfradler hält sich in Grenzen.
    Ein rücksichtloses Arschloch bleibt ein rücksichtsloses Arschloch- egal ob er zu Fuß geht-mit dem Fahrrad fährt- oder mit dem Auto. Nur ist er unterschiedlich gefährlich und gefährdet.
    Es ist ein typischer Fall von Schuldumkehr, wenn man nun mit Pauschalisierung versucht aus Opfern Täter zu machen.

    12 Leserempfehlungen
    • Nellia
    • 24. Januar 2013 18:08 Uhr

    Vielleicht sollte mal jemand Herrn Nehms Urteile überprüfen. Jemand der so voreingenommen ist, kann doch kein guter Richter sein. Vermutlich hat er seinem Chauffer zu viel beim Fluchen zugehört, Radfahren ist aber sicher keins von Nehms Hobbies... von Verkehr scheint er keine Ahnung zu haben...

    11 Leserempfehlungen
  2. erfinden müssten.

    In Kopenhagen wird zB. seit Jahren der RadfahrerInnen die Teilnahme am Verkehr leichter gemacht, mit großzügigen Radspuren auf den Straßen. Das wird von der Bevölkerung sehr gut angenommen, wie die steigenden Zahlen von AlltagsradlerInnen beweisen, die ihren Weg zur Arbeit oder zum ÖPNV mit dem Rad zurücklegen.Und Kopenhagen ist unbestritten auch eine Großstadt. In fast allen niederländischen Gemeinden und Städten -unabhängig von der Einwohnerzahl- gibt es radfahrerfreundliche Fahrradspuren, so dass das Radfahren Spass macht und eine ungefährliche gute Alternative zum Individualverkehr mit dem PKW darstellt.

    Und auch Münster ist mit einigen eigenen Fahrradspuren als Vorbild zu nennen.

    Nur in D insgesamt scheint es immer noch zu schwierig zu sein, für AlltagsradlerInnen mitzuplanen. Als geborene NutzerInnen der Straße gelten immer noch im Regelfall Autos und RadlerInnen dürfen sich an den Rändern vorbeiquetschen.

    Freie Fahrt für freie Bürger meint leider immer noch den PKW Verkehr und dieser krumme Satz hat sich tief in das deutsche Bewusstsein eingegraben, anders lässt sich stadtplanerische und politische Ignoranz nicht erklären.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In meiner Heimatstadt Kaiserslautern gibt es nördlich der Autobahn einen Stadtteil, der von der Kernstadt aus über eine vierspurige Straße zu erreichen ist. Im Sommer wurde die Benutzung dieser Straße für Radfahrer ausdrücklich untersagt, das sei zu gefährlich, weil die Autofahrer auf diesem Autobahnzubringer so schnell fahren würden.

    Nun, es mag einsichtig sein, dass die Benutzung einer solchen Straße für Radfahrer gefährlich ist. Dann könnte man ja daneben einen Radweg anlegen (der allerdings die Autobahnauffahrt kreuzen müsste). Gibt es natürlich nicht. Der existierende Radweg führt in ca. zwei Kilometer Entfernung mitten durch den Wald und ist weder gepflastert noch beleuchtet (bei Matschewetter oder bei Dunkelheit ein echtes Vergnügen, von dem Unsicherheitsgefühl speziell für Frauen ganz zu schweigen).

    Bei solchen Planungen geht mir echt das Messer im Sack auf!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Peter Ramsauer | Autofahrer | Bundesverkehrsminister | Bußgeld | Euro | Geldstrafe
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