Mit Ulrike Saade ist es ein bisschen wie mit dem Hasen und dem Igel. Ganz gleich wo man hinkommt im deutschen Fahrradkosmos, sie ist schon da – oder bereits wieder unterwegs zum nächsten Zielpunkt. Seit 30 Jahren ist das Velo ihr Job, aber auch Lebensaufgabe. Sie will sein Image verbessern und ihm mehr Raum im Stadtverkehr verschaffen.

"Früher war ich eine begeisterte Autofahrerin", sagt sie lächelnd. Sie erzählt das gerne. Zu recht, denn jeder, der Saade kennt, stutzt. Schließlich ist ihr Name seit Jahrzehnten eng verwoben mit Leuchtturmprojekten rund ums Fahrrad. Sie gehörte zum Kollektiv des ersten alternativen Fahrradladens in Deutschland und zählte zu denen, die Mitte der achtziger Jahre den Verbund Selbstverwalteter Fahrradbetriebe (VSF) gründeten.

Aber Saade fuhr auch gerne Auto und konnte sich ein Leben ohne Pkw nicht vorstellen. Das war Ende der Siebziger. Da war sie Mitte zwanzig und arbeitete als Lehrerin in Berlin-Spandau. Jeden Tag pendelte sie mit ihrem Kollegen zur Schule. Dann sattelte er aufs Fahrrad um. Die Sportlehrerin war fassungslos. "15 Kilometer sind doch viel zu weit", fand sie. Aber der Stachel saß. Kurze Zeit später kaufte sie sich ein Fünfgang-Rad und radelte mit. Überrascht stellte sie fest: Es geht. Mehr noch: Es ist einfach und toll.

"Ich wollte etwas erschaffen"

Die Freude hatte jedoch Grenzen. Die Berlinerin fand das Radfahren in ihrer Stadt gefährlich. Deutschland war Autoland. Die Verkehrsplaner bauten die autofreundliche Stadt, Radfahrer waren nicht vorgesehen. Die wenigen, die pedalierten, galten schnell als Ökos. Es war die Zeit, in der Buchläden das Adjektiv alternativ im Schriftzug trugen und manche Männer Latzhosen, Bärte und Birkenstocks. Viele Akademiker begannen nach ihrem Abschluss zu töpfern und zu tischlern.

Das war nichts für Saade. Aber sie ließ sich beurlauben und heuerte im damals bekanntesten alternativen Fahrradladen der Republik an, dem FahrradBüro in Schöneberg. Das hatten Stadtplaner gegründet, die gegen die geplante Stadtautobahn in Berlin mobil machten und Alternativen zum Auto in der Stadt aufzeigen wollten. Mehr als jedes theoretische Konzept interessierte Saade jedoch die Praxis. Sie wollte mit den Händen arbeiten. "Ich wollte etwas Richtiges lernen, etwas erschaffen", sagt sie. Von da an reparierte sie Räder, lernte schweißen und besuchte Metallkurse.

Jeden Dienstag tagte zudem das Plenum. Stundenlang wurde über Mobilitätskonzepte und hochwertige Räder diskutiert, und darüber, wie man ihr Image in der Gesellschaft verbessern konnte. Themen, die Saade bis heute begleiten.

Doch im Gegensatz zu heute "boten die meisten Händler nur Billigware an", sagt sie. Das FahrradBüro gründete mit anderen Radläden den VSF. In Holland und Frankreich kauften sie gemeinsam solide Räder und Komponenten. "Wir waren damals die größten Abnehmer von Brooks-Sätteln", erzählt sie. Die Kunden standen Schlange. "Wir haben verkauft wie verrückt."

Fahrradmesse ins Leben gerufen

Auf der Gründungsveranstaltung des VSF wurde sie in den Vorstand gewählt. "Als Quotenfrau", sagt sie und winkt lachend ab. Damals habe sie eher zugehört. "Ich war schüchtern, nicht so selbstbewusst wie heute", sagt sie. Zuhören kann sie immer noch gut, das sagen jedenfalls ihre Wegbegleiter. Und dass sie ein Gruppenmensch sei. Auf Veranstaltungen sieht man die kleine Frau mit den rotblonden Haaren stets inmitten der Männer angeregt diskutieren. Im Gespräch entwickelt sie ihre besten Ideen, sagt sie.

Etwa die für den Fahrradmarkt Zukunft, eine Fahrradmesse mit Vorträgen, Schulungen und Publikumsschau. Was aus heutiger Sicht fast langweilig klingt, weil es so alltäglich ist, war 1997 revolutionär. Fahrradmessen, wie sie heute alle paar Monate stattfinden, gab es nicht. Die Gesellschaft schenkte dem Alltagsrad noch wenig Aufmerksamkeit, innerhalb der Branche gab es wenig Austausch. Das drückte auf Stimmung und Selbstbewusstsein der Branche. Saade wollte das ändern.

"Das Fahrrad war so ein tolles Produkt, darauf konnte man stolz sein und so musste man es auch präsentieren", sagt sie. Mit diesem Vorsatz mietete sie die schönsten Räume, die sie für diesen Zweck kriegen konnte: das Kongresszentrum in Bremen. Allerdings fehlte ihr das Budget für die Miete. Also rief sie vier große Hersteller an und fragte, ob und was diese zu spenden bereit seien. Innerhalb kurzer Zeit hatte sie die Miete zusammen.

Saades Idee ging auf. Alle kamen: Händler, Hersteller, außerdem Kunden, Presse und Politiker. "Die Branche hatte förmlich darauf gewartet, dass so etwas passiert", sagt die Berlinerin rückblickend. An diesem Tag entstanden neue Netzwerke, aber es etablierte sich auch eine neue Gesprächskultur zwischen Kollegen und mit den Kunden. Inspiriert und voller Ideen fuhren alle heim. Noch heute loben die Teilnehmer den ersten Fahrradmarkt Zukunft. Für sie war es ein Wendepunkt – für Saade ein Meilenstein in ihrer Karriere. Mit dieser Veranstaltung hatte sie sich einen Namen gemacht.

Freude am Querdenken

Diese Messe zeigte auch: Saade hat ein Gespür für Strukturen. Sie kann viele Fäden, die auf den ersten Blick nichts gemein haben, zu einem Strang verknüpfen, der dann in ein Projekt mündet. Sie ist überzeugte Netzwerkerin, die gerne Menschen zusammenbringt, die einander inspirieren. So ist 1996 der Bike Brain Pool entstanden, ein runder Tisch für Experten aus der Branche, die jenseits von Wettbewerbs- und Verbandsgrenzen das Radfahren fördern wollen. Saade leitet und koordiniert die Treffen und lädt auch branchenfremde Gäste ein, etwa Psychologen, die über Themen jenseits der Fahrradtechnik sprechen. Auf diese Weise quer zu denken, gefällt ihr.

Wer so arbeitet, dem ist selten langweilig. Der entdeckt aber auch immer wieder neue Aufgaben. Saade entwickelte sich von der Schrauberin zur Organisatorin, von der ewig Diskutierenden zur Geschäftsführerin ihres Unternehmens Velokonzept. Sie arbeitete stets viel, häufig sechs Tage die Woche. Der Sonntag ist oft ihr liebster Tag. Dann ist sie allein im Büro. "Ich arbeite gar nicht", sagt sie, "ich lese meine E-Mails und plane meine Woche."

Seit 30 Jahren engagiert sie sich jetzt für fahrradfreundliche Städte. Auf den Kongressen und Symposien, die sie regelmäßig besucht, hört sie selten Neues. Frustriert ist sie deshalb nicht. "Warum sollte ich das sein?", fragt sie erstaunt. "Schauen Sie nur, wo wir heute tagen." Das Image des Radfahrens hat sich verändert. Statt in Fahrradläden zwischen Rädern und Ersatzteilen diskutiert Saade nun in Botschaften und Landesregierungen. Einmal im Jahr trifft sich die internationale Fahrradwelt in Friedrichshafen zur Messe Eurobike. Das Fahrrad ist längst wieder in der Gesellschaft angekommen. Saade hat daran gewaltigen Anteil.