Für den Gebrauchtwagenkäufer stellt sich das Problem auf andere Weise. Er fragt sich: Wie erkenne ich, dass es sich um ein Unfallfahrzeug handelt? Das ist nämlich trotz unzähliger kursierender Tipps nicht so einfach. Viele Hinweise drehen sich ohnehin um die Identifikationen von Fahrzeugen, die nach wirklich schweren Unfällen wieder hergerichtet wurden. Die Sache mit den Spaltmaßen etwa: Sind die Spalte zwischen Karosserieteilen auffällig ungleichmäßig, dann kann das ein Hinweis sein auf den Austausch dieser Teile – vor allem aber auf die Arbeit unfähiger Schrauber.

Auch ein Ratschlag, der sich auf die Scheiben bezieht, ist mit Vorsicht zu genießen. Ab Werk sind die Scheiben eines Autos einheitlich mit dem Hinweis auf den jeweiligen Hersteller beschriftet. Ist das am angebotenen Gebrauchtwagen nicht überall der Fall – so der verbreitete Tipp – dann sollte man argwöhnisch werden. Oder auch nicht, sagt Elmar Fuchs, der Geschäftsführer des Sachverständigen-Verbandes BVSK: "Wird nach einem Steinschlag die Frontscheibe gewechselt, kommt nicht immer Glas mit dem ursprünglichen Herstellerstempel zum Einsatz."

Sinnvoller ist laut Fuchs die Suche nach Farbtonunterschieden im Lack. Sie können auf eine Nachlackierung hinweisen. Für zweifelhaft hält der Sachverständige dagegen den Rat, mithilfe eines Messgeräts die Lackdicke zu ermitteln als Hinweis auf Nachlackierungen. Zum einen werden solche Geräte in unterschiedlichen Qualitäten zu sehr unterschiedlichen Preisen angeboten: Von 10 bis 1.000 Euro ist alles möglich. Welches Produkt wirklich taugt, kann der Laie nur erahnen.

Wenn die Türdichtung nagelneu aussieht

Zum anderen ist die Messung der Lackdicke gar kein so deutlicher Hinweis auf eine Unfalllackierung, wie es den Anschein hat. "20 Prozent der Neuwagen werden schon im Werk nachlackiert", sagt Fuchs. Der Grund: Auch bei der Produktion geht nicht immer alles glatt. Für derartige Nacharbeiten besteht aber keine "Offenbarungspflicht". Der mit dem Lack-Messgerät hantierende Interessent könnte also schnell zu falschen Schlüssen gelangen.

Bessere Hinweise auf eine erfolgte Reparatur von Unfallschäden sind Sprühnebel in Lackfarbe auf Dichtungen oder Verkleidungsteilen. Wenn drei Türdichtungen gebraucht aussehen, eine vierte dagegen nagelneu, ist eine Frage zum Grund des Austausches ebenfalls sicher ratsam.

Bleibt die Frage, warum trotz unzähliger Unfälle auf den Straßen die Höfe der Autohändler überwiegend mit angeblich makellosen Gebrauchtwagen gefüllt sind, deren Blech bis dahin nie jemand zu nahe kam. Der Grund dafür liegt ebenfalls in der Differenz zwischen rechtlichen und alltäglichen Realitäten. "Autohändler gehen da meist sehr entspannt ran", fasst Anwalt Nicolas Eilers zusammen. Denn was Händler als erwähnenswerten Unfallschaden ansehen, ist oft weit entfernt von der Definition der Gerichte – die selbstverständlich auch für sie gilt. Schließlich wollen Händler verkaufen und nicht mögliche Kunden verunsichern.