Für die einen war er Lastesel, für andere ein Wohnmobil, für manche der erste Schritt in die Freiheit. Der VW Bulli ist seit Jahrzehnten ein Liebling der Massen. Das Design mit den rundlichen Formen, den Kulleraugen und großen Glasflächen kennt fast jeder seit Kindertagen. Während in Europa die fünfte Generation des VW-Transporters zu Preisen von bis zu 70.000 Euro angeboten wird, läuft der Klassiker – das hierzulande in den sechziger und siebziger Jahren gebaute Modell T2 – in Brasilien noch immer vom Band.

Abgesehen von der wenig schmuckvollen Kühlerblende zwischen den Scheinwerfern ist fast alles beim Alten geblieben. Volkswagen do Brasil verkauft den T2 unter dem Namen Kombi, in nur einer Farbe: weiß. Seinen charakteristischen Boxerklang und die damit verbundenen Auspuffknaller beim Ausdrehen hat er jedoch verloren, wie man bei der Ausfahrt am brasilianischen VW-Stammwerk im Südwesten von São Paulo feststellt.

Wie in einem deutschen Bulli vor 40 Jahren sitzt man auch im südamerikanischen T2 hoch zu Ross. Der Fahrer erklimmt beim Einsteigen durch die recht dünnen Türen den Thron und hält dann ein Lenkrad in den Händen, dessen großer Durchmesser mindestens genauso ungewöhnlich ist wie die Neigung. Die Lenksäule sticht zwischen den Beinen steil und gefährlich nach oben. Einmal im Leben Busfahrer, nur eben in einem kleinen Bus.

Kuscheln auf dem Testbild

Das Cockpit ist karg. Tachometer, ein paar Blinkleuchten und eine LCD-Anzeige für den Kilometerstand, dazu zwei Lichtschalter und ein Lüftungsregler – mehr gibt es nicht. Neben der mörderischen Lenksäule befindet sich die zweite, kaum kalkulierbare Gefahrenquelle des Volants. Diesen Schalthebel hätte Hochspringer Sergej Bubka einst für seine Rekordsprünge missbrauchen können.

Ohnehin lässt die Sicherheitsausstattung erhebliche Wünsche offen. Vorn gibt es Gurte und Kopfstützen, das war's auch schon. Auf der Rückbank muss man auf die Künste des Fahrers und sein Sicherheitsgefühl hoffen: Die Mitfahrer hinten haben weder Gurte noch Kopfstützen. In Europa längst etablierte Sicherheitstechnik wie ABS und ESP steckt im T2 natürlich auch nicht.

Die Sitze lassen sich nicht nennenswert verstellen. Wenn auf allen drei Frontsitzen Erwachsene Platz genommen haben sollten, wird es kuschelig. Der graue Sitzbezug mit dem Testbildmuster findet sich auch auf den beiden Sitzbänken hinten wieder.

Der nagelneue T2 fährt sich wie ein alter Bekannter, den man viel zu lange vermisst hat. Die Lenkung ist schwergängig, der Wendekreis gigantisch. Die vier Gänge sind nicht immer leicht einzulegen. Die aus den fünfziger Jahren stammende Fahrwerkstechnik des Bulli kommt schnell an ihre Grenzen, nicht erst bei den riesigen Hügeln, die die Stadtverwaltung zur Verkehrsberuhigung in die Straßen hat bauen lassen. Unschlagbar ist die Übersicht. Wo die Scheiben enden, ist beim 4,51 Meter langen Auto auch Schluss.

Produktion dürfte dem Ende entgegen gehen

Traditionell hat der T2 am Heck zwei Klappen. Hinter der oberen kann man den hoch gelegenen Laderaum erreichen. Vor dem Laderaum lassen sich die beiden Sitzbänke umklappen – allerdings nicht problemlos, sondern mit Mühe. Wer mehr Platz braucht, muss die Sitze mit rund einem Dutzend Schrauben ausbauen und in der Garage lagern. So war das nun einmal in den sechziger und siebziger Jahren. Dann stehen aber auch mehr als 4.800 Liter Stauraum zur Verfügung. Die erlaubte Zuladung liegt bei einer Tonne.

Unter der zweiten Klappe dröhnt das Triebwerk. Ein 1,4 Liter großer Reihenvierzylinder mit 78 PS und 125 Nm maximalem Drehmoment verrichtet seine Arbeit. Wer es darauf anlegt, schafft den Spurt vom Stand auf 100 km/h in knapp 17 Sekunden. 1,3 Tonnen Leergewicht und eine wenig ausgeklügelte Aerodynamik verhindern, dass sich die Fahrleistungen nennenswert von denen unterscheiden, als der T2 in Deutschland Ende der siebziger Jahre auslief.

Zur Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h gehört zumindest auf den schlechten brasilianischen Pisten ein gutes Stück Mut. Unterhalb von 100 km/h ist man besser aufgehoben. Wie in Brasilien üblich, können Benzin und Ethanol ganz nach Gusto getankt werden. Der Verbrauch liegt bei rund zehn Litern je 100 Kilometer.

In São Paulo, Rio de Janeiro oder Brasilia ist der T2 eine feste Größe im Straßenbild. Lange Zeit hatte VW do Brasil eine etwas krude Kreuzung aus dem 1967 ausgelaufenen Modell T1 und seinem Nachfolger T2 hergestellt. 2006 wurde der VW-Bus neu aufgelegt.

Die Legende lebt noch einige Zeit weiter. Mindestens bis Ende dieses Jahres soll der in Brasilien umgerechnet 17.000 Euro teure Bulli weiter gebaut werden. Dann machen ihm wohl strengere Vorschriften bei Abgas- und Crashverhalten den Garaus. Einige Firmen importieren den Klassiker mittlerweile nach Europa. Hier muss er aber noch technisch aufgerüstet werden, um die Zulassung per Einzelabnahme bekommen zu können. Das erhöht den Preis deutlich. Doch auch mit dem Import dürfte bald Schluss sein.