VerkehrsstudieAutofahren sollte teurer werden

Der Pkw-Verkehr in Deutschland erzeugt Milliardenkosten für die Allgemeinheit. Eigentlich müsste jeder Kilometer 15 Cent teurer sein, zeigt eine neue Studie. von 

Autofahrer in Deutschland verursachen im Jahr Kosten von 88 Milliarden Euro, die von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Das stellt eine neue Studie der Technischen Universität Dresden über solche sogenannte externe Kosten des Autofahrens fest. Erstellt hat die Expertise Udo Becker, der an der TU Dresden den Lehrstuhl für Verkehrsökologie innehat. "Je Pkw liegen die nicht bezahlten Kosten bei ungefähr 2.100 Euro pro Jahr", sagt er.

Becker hat errechnet, dass jeder Autofahrer pro zurückgelegtem Kilometer mit etwa 15 Cent zusätzlich rechnen müsste, wenn die Kosten auf die Verursacher umgelegt würden. Allein die Kosten für den Klimawandel betragen rund 50 Euro pro 1.000 Fahrzeugkilometern. Daraus könne eine streckenabhängige "Klimaschutzgebühr" von fünf Cent je Kilometer abgeleitet werden, um dem Verursacherprinzip näher zu kommen, schreibt Becker in der Studie, die im Auftrag der Grünen im Europaparlament erstellt wurde.

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Als externe Kosten berücksichtigen Becker und sein Team die Folgen von Unfällen, Abgasen, Lärm und Boden- und Wasserverschmutzung sowie Klimaschäden und die Kosten für die Fahrzeugherstellung und Entsorgung. Nicht eingeflossen sind Kosten der Infrastruktur und Staukosten. Die größten Kostenblöcke sind demnach die nicht durch Versicherungen abgedeckten Folgekosten von Unfällen sowie die vom Autoverkehr verursachten Kosten des Klimawandels.

"Europäer nutzen das Auto zu häufig"

Für die Studie zog Becker Daten des Jahres 2008 heran und beleuchtete die Folgekosten des Autoverkehrs in allen 27 EU-Ländern. Für die gesamte Europäische Union errechnete er externe Kosten von 373 Milliarden Euro im Jahr oder rund 1.600 Euro je Fahrzeug. Dabei weisen vor allem die neuen Mitgliedstaaten niedrige Gesamtkosten pro Auto von unter 1.000 Euro auf, etwa Estland, Litauen und Polen. Deutschland zählt mit 2.100 Euro pro Fahrzeug und Jahr zu den Ländern mit den höchsten Werten, neben Luxemburg, Großbritannien und Österreich.

Becker zieht aus der relativ hohen Summe den Schluss, dass die Autonutzung gesellschaftlich betrachtet "ineffizient" sei: "Weil andere für große Teile der Verkehrskosten bezahlen, nutzen Europäer das Auto zu häufig." Das Argument, der gesellschaftliche Nutzen des Verkehrs sei größer als die externen Faktoren, hält Becker für nicht stichhaltig. Der externe Nutzen des Verkehrs sei gering, schreibt er, zum größten Teil profitiere der Fahrer selbst.

Beckers Fazit: "Für das Gemeinwohl ist es notwendig, alle derzeitig verursachten externen Kosten zu internalisieren." Politisches Handeln sei dringend erforderlich. Wichtig seien höhere Preise fürs Autofahren. Zugleich müsse es Alternativen zur Autonutzung geben, damit sich das Verhalten vieler Fahrer ändern könne.

Leserkommentare
  1. gehört dringend auf die agenda!

    41 Leserempfehlungen
  2. Sätze wie "Steuereinnahmen wie die aus der Kraftstoffsteuer seien dazu gedacht, Dienstleistungen für die Öffentlichkeit zu gewährleisten, und könnten darum nicht als Beitrag der Autofahrer betrachtet werden, Schäden, die aus ihrer Fahrt resultieren, zu kompensieren." sagen doch schon alles.

    Genauso sieht auch die "Alternative" aus - muß teurer werden.

    Ich denke mit dieser armseligen Propaganda sollen nur irgendelche baldige Preiserhöhungen vorbereitet werden, oder diese Studie entspringt irgendwelchen feuchten Träumen gewisser Berufsideologen.

    Sinnvolle Ansätze für die Zukunft enthält die Studie keine, nur ein weiteres Drücken aller, welche sowieso schon finanziell nach Luft japsen und sich kaum noch drehen können.

    Da diese "Studie" in der Vergangenheit behaftet ist, sollte sie auch dort bleiben, nicht zukunftstauglich abgehakt. Schade ums Papier.

    35 Leserempfehlungen
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    • Mithra
    • 25. Februar 2013 20:46 Uhr

    ... ist mir auch besonder sufgefallen:

    "Steuereinnahmen wie die aus der Kraftstoffsteuer seien dazu gedacht, Dienstleistungen für die Öffentlichkeit zu gewährleisten, und könnten darum nicht als Beitrag der Autofahrer betrachtet werden, Schäden, die aus ihrer Fahrt resultieren, zu kompensieren."

    Dieser Satz hat entweder überhaupt keine Aussage, oder er bedeutet "Wir brauchen das Geld für wichtigere Dinge".
    Das war die Reaktion der Stadt Köln auf die neue Rundfunkgebühr und kann gar nicht oft genug gesagt werden.

    autofahren sollte um 15 euro pro kilometer teurer werden. und fliegen um 150. und damit gibtz dann kostenlosen nahverkehr für alle. vor allem für die die 'japsen'. und die anderen können sich dann auch mal an das 'japsen' in den vollen zügen gewöhnen. aber vlt. findet sich dann ja der ein oder andere zusätzliche RE. und ich muss neben der autobahn nicht mehr 'japsen'

    Sehr geehrteR Steinager,

    können Sie auch empirisch oder logisch begründen, warum das eine Gefälligkeitsstudie sein soll? Im Blog Zukunft Mobilität gibt es einen raschen ersten Überblick und Kommentar dazu: http://www.zukunft-mobili... Vielleicht wollen Sie ja auch darauf begründet Stellung nehmen?

    Oder haben Sie außer einer persönlichen Meinung nichts weiter vorzuweisen?

    MfG,

    maksibec

  3. Wo steht auch geschrieben, dass jeder unbedingt ein eigenes Auto haben muss? Ohne Auto kann fast jeder bestens über die Runden kommen. Es gibt Einzelfälle, in denen es gute Gründe für ein eigenes Auto gibt, für die meisten Leute ist es aber ein reines Bequemlichkeitsding. Wer in der Stadt wohnt, kann in der Regel auf gut ausgebauten ÖPNV oder Fahrrad zurückgreifen und wenn es mal was großes zu transportieren gibt, kann er CarSharing nutzen. Wer unbedingt außerhalb ein Häuschen im Grünen haben will, muss halt auch das notwendige Kleingeld haben, sich den täglichen Pendel-Luxus leisten zu können.

    Es ist und bleibt ein Unding, dass die Allgemeinheit den Luxus der Autofahrer mitfinanziert und mitertragen muss (Verkehrslärm, Luftverschmutzung etc.).

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    Ich bin ja einverstanden damit, dass die autogerechte Gesellschaft eine Fehlentwicklung war. Aber mal im Ernst: sie ist nicht rückgängig zu machen, indem man den Leuten einfach das Leben verteuert. Das ist genau die Art grüner Snobismus, die noch mal zu amerikanischen Verhältnissen führen wird.

    Damit meine ich: wer es sich leisten kann, lebt in Suburbia, wer nicht, hat Pech gehabt und vegetiert ohne Teilhabe in der völlig maroden und unterversorgten Stadt.

    Wenn hier schon durchaus wohlbegründet ein Ende der Subventionierung der Autofahrer gefordert wird, muss die Stadtplanung endlich eine Renaissance erfahren. Und damit meine ich sicher nicht die meritokratisch-individualistisch orientierte Bauhausgilde, sondern eine Rückkehr zum Modell der verdichteten, europäischen Stadt, in der die Menschen auch tatsächlich leben wollen und nicht nur untergebracht werden.

    Diese Art der sozialgeografischen Wende erfordert aber viel mehr als nur das Leben teuer machen zu wollen. Ich verstehe ja das Argument: ist eine Verhaltensweise erst mal unbezahlbar, regelt der Markt die Revitalisierung der Städte. Angesichts dessen, wohin uns real existierende Märkte mittlerweile geführt haben, klingt dieses aber hohl und nicht mal mehr wie ein schlechter Witz.

    Zitat: "Wer unbedingt außerhalb ein Häuschen im Grünen haben will, muss halt auch das notwendige Kleingeld haben, sich den täglichen Pendel-Luxus leisten zu können."

    Okay, dann plädiere ich dafür, das alle vom Umland in die Stadt ziehen... Abgesehen davon, das es schon jetzt einen extremen Mangel an Wohnungen gibt, das also gar nicht genug Wohnraum für das Umland in der Stadt existiert - wären die wenigen verbleibenden Wohnungen wirklich nur noch für das Upper Management bezahlbar.

    Es stimmt sicherlich, dass der öffentliche Nahverkehr im Stadtbereich auch sehr gut ohne Auto zu bewältigen ist. Dabei muss allerdings mitbedacht werden, dass das Wohnen in der Stadt derzeit immer teurer wird. Da bleibt vielen Menschen inzwischen nur noch der Umzug ins Umland, das teilweise auch noch schlecht angebunden ist (Bsp. Frankfurt/Main). Von der Villa im Grünen kann da nicht die Rede sein.

    Und die Preise des öffentlichen Nahverkehrs sind inzwischen schon so hoch, dass sich das Umsteigen auf einen eigenen PKW rein finanziell fast wieder lohnen würde. So kostet z.B. eine Monatskarte im Rhein-Main-Gebiet inzwischen satte 165,-€. Wenn das so weiter geht, muss auch ich mir überlegen, ob ich nicht aufs Auto umsteige, obwohl ich Bus und Bahn vorziehe.

    Und die Vorstellung, in meiner (klein)Stadt einen attraktiven Job zu finden, bleibt derzeit reines Wunschdenken. Also weiter Pendeln...

    Häuschen im Grünen? Vielleicht auch nur eine Wohnung, deren Miete bezahlbar ist. Sehen Sie sich mal an, wie die Mieten und die Verfügbarkeit von Wohnungen in Regionen wie Stuttgart, Erlangen/Nürnberg oder München ist!
    Da liegt der Hase im Pfeffer: Selbst in den infrastrukturlosesten Käffern mit höchstens einem Bäcker ohne Supermarkt sind Wohnungen kaum bezahlbar, wenn da einmal die Stunde eine Regionalbahn in eines dieser Zentren hält - selbst bei Fahrzeiten von einer 3/4 Stunde und mehr.
    Und Arbeitsplätze gibt es fast nur noch dort, im Ruhrgebiet, wo das Leben billig ist, werden nur noch Stellen abgebaut, Dann muss man in den Süden ziehen und kann sich den Job kaum leisten wegen der Mieten...

    Ha! Die neue Neidkultur unter dem Deckmantel der Vernunft!

    Gut, machen wir es so. Machen wir Autofahren so exorbitant teuer, dass es sich keiner mehr leisten kann.
    Heulen Sie bitte nicht, wenn Sie persönlich dann an anderer Stelle zur Kasse gebeten werden, weil Einnahmen für das Haushaltsbudget umgelegt werden müssen.
    Heulen Sie bitte nicht, weil Sie ihren Job verlieren, weil plötzlich klar wird, dass auch der irgendwie von der Automobilwirtschaft abhängt, die hierzulande einbrechen wird.
    Und fragen Sie mich bitte nicht, ob ich Ihnen dabei helfe, das neu erworbene Ikea-Regal in ihren Car2Go-Smart zu hieven.

    [...] die autofahrer subventionieren massiv die allgemeinheit,
    ohne daß wie bei der einkommensteuer die finanzielle leistungsfähigkeit des einzelnen berücksichtigt wird. über 100% steuern duerfte es auf gar kein produkt geben, auch nicht auf benzin.
    der lärm des pkw-verkehrs ist äußerst mäßig, es sein denn man wohnt direkt an
    einer hauptverkehrsstraße. aber da muß niemand wohnen, es gibt genug verkehrsberuhigte wohnquartiere, die jeden, der ruhe haben will, zufrieden stellen sollten

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen angemessen Tonfall. Danke, die Redaktion/ls

  4. Kürzlich alles so zu lesen in der ZEIT oder bei ZEIT ONLINE. Man fragt sich langsam: was soll das?

    Wie der Vorkommentar richtig formuliert, "japsen" viele Menschen bereits jetzt, um über die Runden zu kommen. Warum wird dann ständig gefordert, dass alles mögliche teurer werden sollte?

    Ich kann es mir einfach nicht erklären. Will man die Konsumgesellschaft zurück drängen, wo sie überhaupt nch erhalten ist?!? Kann das eine angemessene Antwort sein in dem Moment, in dem Hunderte von Millionen Menschen in aufstrebenden Schwellenländern dieses Lebensmodell übernehmen?

    Soll eigentlich auch mal irgendwas billiger werden?
    Dazu steht komischerweise nichts im Artikel...

    14 Leserempfehlungen
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    Wo steht auch geschrieben, dass jeder unbedingt ein eigenes Auto haben muss? Ohne Auto kann fast jeder bestens über die Runden kommen. Es gibt Einzelfälle, in denen es gute Gründe für ein eigenes Auto gibt, für die meisten Leute ist es aber ein reines Bequemlichkeitsding. Wer in der Stadt wohnt, kann in der Regel auf gut ausgebauten ÖPNV oder Fahrrad zurückgreifen und wenn es mal was großes zu transportieren gibt, kann er CarSharing nutzen. Wer unbedingt außerhalb ein Häuschen im Grünen haben will, muss halt auch das notwendige Kleingeld haben, sich den täglichen Pendel-Luxus leisten zu können.

    Es ist und bleibt ein Unding, dass die Allgemeinheit den Luxus der Autofahrer mitfinanziert und mitertragen muss (Verkehrslärm, Luftverschmutzung etc.).

    Die Propaganda der ökologisch Besserverdienenden wird immer abgedrehter. Wer einen verminderten Privatverkehr haben möchte, der muss die wirtschaftlichen Strukturen grundlegend ändern, ansonsten wird es zu einem Verdrängungswettbewerb kommen, wo lediglich die Besserverdienenden von kurzfristig profitieren. Spätestens, wenn die sozial schwachen Mitbürger dann sich ihrer Lebenssituation erwehren, wird es ungemütlich.

    >>Ich kann es mir einfach nicht erklären. Will man die Konsumgesellschaft zurück drängen, wo sie überhaupt nch erhalten ist?!? Kann das eine angemessene Antwort sein in dem Moment, in dem Hunderte von Millionen Menschen in aufstrebenden Schwellenländern dieses Lebensmodell übernehmen?<<

    es MUSS bei Strafe des Untergangs ein anderes Modell als das der sogenannten "Konsum-" (besser "Überfluß-" oder "Wegwerf-"Gesellschaft) gefunden werden, denn schon jetzt bräuchten wir bei Verallgemeinerung westeuropäischen Lebensstils mehrere Planeten.
    Jeder sollte die Möglichkeit haben, hochwertige Produkte zu konsumieren, in der Menge, die er benötigt. Dem steht momentan jedoch die Produktionsweise entgegen, die eben nicht Bedürfnisse der Konsumenten, sondern den Profit im Blick hat. Wegwerfprodukte werden nicht produziert, weil der Konsument es eben so will, sondern weil man damit Profit machen kann, indem man in dem Preissegment Waren anbietet, welches dem Großteil der arbeitenden Bevölkerung eben erreichbar ist, oder um den Produktlebenszyklus zu verkürzen (Stichwort "geplante Obsoleszenz")
    Man kann das ändern, wenn man aufhört, die goldenen Wasserhähne usw. für die paar "oberen Zehntausend" und deren Interessen zu produzieren, inklusive der aus diesen Interessen erwachsenen Kriege usw. Wenn man Bedürfnis- statt Profitinteressen "bedient".
    http://www.zeit.de/digita...

    • napf90
    • 19. Dezember 2014 11:03 Uhr

    Doppelpost entfernt. Die Redaktion/ca

    • napf90
    • 19. Dezember 2014 11:03 Uhr

    Wer sich ein Auto leisten kann, japst nicht.

    • 可为
    • 25. Februar 2013 20:10 Uhr

    Wenn bei einem Spritpreis um 1,60€ immernoch niemand die öffentlichen verwendet sollte man sich von diesem Schluss abwenden, und dem offensichtlichen zuwenden:

    Bahnfahren sollte billiger werden.

    14 Leserempfehlungen
    • porph
    • 25. Februar 2013 21:00 Uhr

    Schöner, differenzierter Kommentar! Ja, ganz richtig, ein Infrastrukturwandel ist notwendig. Es reicht nicht, das Autofahren einfach künstlich teurer zu machen. Man sollte auch schon Lösungen anbieten - zum Glück ist dies recht einfach und wir haben im näheren Umfeld auch schon genügend Beispiele, da muss man z.B. nur mal nach Kopenhagen schauen.

    In Deutschland ist vielerorts noch die innerstädtische Mobilität auf das Auto ausgerichtet. Dazu gehört ja nicht nur, dass die Innenstädte mit Lärm und Abgasen zugemüllt werden, sondern auch ein ganz eklatantes Platzproblem. Die teils mehrspurigen Straßen zerschneiden ganze Städte regelrecht, und die dazugehörigen Ampeln sind so geschaltet, dass der Autofahrer möglichst zügig dort entlangfahren kann, aber Fußgänger und andere Fahrbahnüberquerer das Nachsehen haben.

    Besonders effektiv wäre es also, einfach etwas vom reichlich vorhandenen Straßenplatz umzufunktionieren. Entschleunigung in der Stadt, mehr Tempo 30 Zonen (oder generelles Tempo 30), mehr und insbesondere qualitativ bessere Radwege - auch z.B. als "Radschnellstraße". Jeder der es schonmal ausprobiert hat weiß, dass man schon heute per Rad auf Distanzen <5 km in der Stadt schneller ist als jedes Auto, durch solche Maßnahmen würde man die Attraktivität und Sicherheit dann nochmal gehörig steigern.

    Der Weg der innerstädtischen Infrastruktur ist klar - weg von grauen Asphaltwüsten und hin zu einer Fußgänger- und radfreundlichen Stadt. Günstiger, effizienter, gesünder.

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  5. Ich bin ja einverstanden damit, dass die autogerechte Gesellschaft eine Fehlentwicklung war. Aber mal im Ernst: sie ist nicht rückgängig zu machen, indem man den Leuten einfach das Leben verteuert. Das ist genau die Art grüner Snobismus, die noch mal zu amerikanischen Verhältnissen führen wird.

    Damit meine ich: wer es sich leisten kann, lebt in Suburbia, wer nicht, hat Pech gehabt und vegetiert ohne Teilhabe in der völlig maroden und unterversorgten Stadt.

    Wenn hier schon durchaus wohlbegründet ein Ende der Subventionierung der Autofahrer gefordert wird, muss die Stadtplanung endlich eine Renaissance erfahren. Und damit meine ich sicher nicht die meritokratisch-individualistisch orientierte Bauhausgilde, sondern eine Rückkehr zum Modell der verdichteten, europäischen Stadt, in der die Menschen auch tatsächlich leben wollen und nicht nur untergebracht werden.

    Diese Art der sozialgeografischen Wende erfordert aber viel mehr als nur das Leben teuer machen zu wollen. Ich verstehe ja das Argument: ist eine Verhaltensweise erst mal unbezahlbar, regelt der Markt die Revitalisierung der Städte. Angesichts dessen, wohin uns real existierende Märkte mittlerweile geführt haben, klingt dieses aber hohl und nicht mal mehr wie ein schlechter Witz.

    13 Leserempfehlungen
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    • porph
    • 25. Februar 2013 21:00 Uhr

    Schöner, differenzierter Kommentar! Ja, ganz richtig, ein Infrastrukturwandel ist notwendig. Es reicht nicht, das Autofahren einfach künstlich teurer zu machen. Man sollte auch schon Lösungen anbieten - zum Glück ist dies recht einfach und wir haben im näheren Umfeld auch schon genügend Beispiele, da muss man z.B. nur mal nach Kopenhagen schauen.

    In Deutschland ist vielerorts noch die innerstädtische Mobilität auf das Auto ausgerichtet. Dazu gehört ja nicht nur, dass die Innenstädte mit Lärm und Abgasen zugemüllt werden, sondern auch ein ganz eklatantes Platzproblem. Die teils mehrspurigen Straßen zerschneiden ganze Städte regelrecht, und die dazugehörigen Ampeln sind so geschaltet, dass der Autofahrer möglichst zügig dort entlangfahren kann, aber Fußgänger und andere Fahrbahnüberquerer das Nachsehen haben.

    Besonders effektiv wäre es also, einfach etwas vom reichlich vorhandenen Straßenplatz umzufunktionieren. Entschleunigung in der Stadt, mehr Tempo 30 Zonen (oder generelles Tempo 30), mehr und insbesondere qualitativ bessere Radwege - auch z.B. als "Radschnellstraße". Jeder der es schonmal ausprobiert hat weiß, dass man schon heute per Rad auf Distanzen <5 km in der Stadt schneller ist als jedes Auto, durch solche Maßnahmen würde man die Attraktivität und Sicherheit dann nochmal gehörig steigern.

    Der Weg der innerstädtischen Infrastruktur ist klar - weg von grauen Asphaltwüsten und hin zu einer Fußgänger- und radfreundlichen Stadt. Günstiger, effizienter, gesünder.

    • akomado
    • 26. Februar 2013 21:39 Uhr

    da stimme ich Ihnen zu. Politik im Kapitalismus realisiert Anreiz wie Abschreckung nur über das Geld - und das ist eindimensional und fantasielos obendrein. Die Grünen haben sich mittlerweile ganz auf dieses Denken eingelassen.
    Zur Sache: Wir haben unsere Welt so eingerichtet, daß viele Leute (Pendler, Landbewohner) nur mit Auto mobil sind. Das ist eine (ökologisch, sozial, gesundheitlich) folgenschwere Fehlentwicklung - die nicht damit behoben wird, daß man allen "Autofahrern gezwungenermaßen" moralisch kommt.
    Aber das Problem sitzt tiefer. Autofahren und Autobesitzen sind Teil einer Lebenseinstellung geworden. Es gibt in meinem Viertel Leute, welche den Weg zum Bäcker, für den ich drei Minuten per Rad brauche, mit dem Auto zurücklegen. Ich empfehle deshalb, jede Fahrt mit dem Auto zu überdenken. In vielen Städten läßt sich fast alles per pedes, Rad oder ÖPNV erledigen. Bei uns hat dieses Nachdenken dazu geführt, das eigene Auto wieder abzuschaffen. Seitdem leben wir gesünder und besser - mehr Bewegung, mehr Wetterfestigkeit, mehr Erleben der eigenen Stadt.
    Wer darüber nachdenkt, wird in vielen Fällen feststellen, daß Autobesitz zu den Dinosauriern des 20. Jhs. gehört. Allerdings ist dies nicht nur eine Frage individueller Freiwilligkeit, sondern auch des politischen Willens, Alternativen zum Autofahren attraktiv zu machen und die Infrastrukturplanung anzupassen. Dies würde eine Regierung der Bürger erfordern, keine der Öl-, Auto- und Straßenbaulobby.

  6. Mehr als die Hälfte aller Deutschen lebt auf dem Land. Aus der Region, wo ich herkomme, ist der Individualverkehr nicht mehr hinweg zu denken. Selbst wenn man den ÖPNV bei uns verzehnfachen würde, kämen die Menschen damit nicht einmal annähernd zurecht.

    Mobilität ist heute ein Menschenrecht. Wird dieses genommen oder einfach nur ins Utopische hinein verteuert, so wird die ländliche Fläche sterben und noch mehr Menschen in die Städte drängen.

    Nicht mal heute kommen Großstädte wie München und Berlin zurecht, es wird über steigende Mietpreise gestritten und es bildet sich gar Fremdenfeindlichkeit gegenüber Hinzugezogenen.

    Ein land mit 80 Millionen Einwohnern, welches so klein ist wie Deutschland, kommt ohne die ländlichen Regionen einfach nicht aus. Und um das noch einmal anzumerken: Aus meiner Heimat in Hessen stammen drei Weltmarktführer, wir haben Haushaltsüberschüsse und finanzieren über den Länderfinanzausgleich auch Städte wie Berlin. Es ist daher ein Unding zu fordern, dass der Individualverkehr teurer werden soll, da man zwar in Großstädten bestens auf ein Auto verzichten kann, in der ländlichen Flächer allerdings nicht, wenn man keine Depressionen entwickeln möchte.

    Deshalb stört mich das ständige Störfeuer aus der akademischen Stadtelite, die über das Auto die Nase rümpft. Das ist nichts anderes als eine Form des Sozialdarwinismus.

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    • porph
    • 25. Februar 2013 21:14 Uhr

    Warum genau muss das "Leben auf dem Land" geschützt werden? Betrachten wir es doch mal objektiv...

    Das Leben auf dem Land hat Tradition. Auf die gesamte Menschheitsgeschichte bezogen, lebten die Menschen praktisch schon immer auf dem Land und erst seit einem Wimpernschlag (vielleicht 2 Jahrhunderte) zu einem nennenswerten Anteil auch in Städten.

    Warum? Recht einfache Antwort: Landwirtschaft.

    Der Agrarsektor war früher einfach extrem wichtig. Man musste also auf dem Land wohnen, weil man ja dort arbeitete.

    Doch inzwischen arbeitet fast jeder in Städten. Logisch wäre es, dort auch zu wohnen. Es macht einfach nicht viel Sinn, "irgendwo" zu wohnen und dann auf komplizierte, umweltschädliche und teure Transportmittel angewiesen zu sein, um sich täglich zur Arbeitsstätte hin und davon wegzubewegen.

    Für das Land spricht natürlich der emotionale Faktor. Man "will" einfach im Grünen wohnen, auch wenn das unlogisch und ineffizent ist. Der Grund dafür liegt vor allem in der Gewohnheit der Menschheitsgeschichte (schon "immer" auf dem Land gelebt - s.O.) und in wahrgenommener Lebensqualität.

    Das Ziel muss also sein, die Lebensqualität in den Städten zu erhöhen. Das geht z.B. damit, dass man den Autoverkehr versucht einzuschränken, so dass Städte grüner, sauberer und leiser werden. Was verursacht einen großen Teil des Verkehrs in den Städten? Genau, die Pendler. Und hier sind wir wieder voll in der Artikelaussage.

    Alles ziemlich logisch, wenn man mal objektiv drüber nachdenkt. :-)

    • timego
    • 25. Februar 2013 21:35 Uhr

    Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung lebt in STÄDTEN, genaugenommen 74% (60 Million). Gut es sind immerhin noch 21 Mio. die auf dem Land leben und ja, die müssen auch irgendwie mobil sein.
    Es stellt sich nur die Frage, ob es nicht auch für die dort lebende Bevölkerung besser wäre, sie könnte sich "vor Ort" versorgen. Sprich: Anstatt dass 100 Leute mit ihren Autos zum einkaufen 20, 30 km fahren, einen LKW schicken und den Lebensmittellanden beliefern, bzw. die "Post"stelle mit den Paketen vom Internetkaufhaus.

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