Das soll also das neue Sportcoupé sein, auf das Fans schon so lange warten: ein seltsames Gefährt mit hässlichen Höckern auf der Haube, abgeklebten Scheiben und einer Karosserie voller seltsam psychedelisch wirkender Kreise und Spiralen auf schwarzem Untergrund. Es ist das typische Foto eines sogenannten Erlkönigs, also eines Prototypen. Erste Bilder eines kommenden Modells zeigen vor allem, mit welcher Kreativität die Hersteller ihre Erlkönige tarnen. Für den Betrachter ist es kaum möglich, allein mit Blicken das eigentliche Auto aus dem Tarnkleid zu schälen.

Doch wer die veröffentlichten Bilder heutiger Erlkönige mit Aufnahmen etwa aus den späten neunziger Jahren vergleicht, wird einige Veränderungen feststellen. Noch vor wenigen Jahren handelte es sich oft um unscharfe Fotografien vorbei huschender Autos, oder der geheime Prototyp wurde zufällig auf einem denkbar unfotogenen Hinterhof erspäht und aus einem ungünstigen Winkel abgelichtet.

Zwar mögen es Automanager nicht, wenn ein geheimes Projekt zu früh den Weg in die Öffentlichkeit findet – doch noch weit ungehaltener werden sie, wenn das Bild den Wagen in schlechtem Licht dastehen lässt. Sieht das getarnte Coupé aus dem fotografierten Blickwinkel pummelig und unsportlich aus, senkt das womöglich das Interesse potenzieller Kunden an dem endgültigen Modell, schon bevor es endlich präsentiert wird.

Zum Erlkönig-Knipsen eingeladen

Was also macht man, wenn man verhindern will, dass unattraktive Bilder in die Öffentlichkeit gelangen? Man nimmt die Sache selbst in die Hand – zum Teil jedenfalls. So verbreitete sich eine Praxis, über die Hersteller noch weniger verlauten lassen als über die Existenz der Erlkönige an sich. Hinter vorgehaltener Hand erzählen Fotoreporter, wie das abläuft: Ein ausgewählter Fotograf erhält beispielsweise eine Einladung mit Datum und Uhrzeit; dann solle er sich an einem festgelegten Punkt am Rand einer ausgewählten Strecke einfinden. Ist der Eingeladene am Ort, setzt sich ein Testfahrer in den präparierten Prototypen und fährt los.

So kann der Autohersteller Einfluss auf das bald in den Medien kursierende Bild des Autos nehmen. Der Streckenverlauf bestimmt, aus welchem Winkel der Wagen aufgenommen wird, eine gut gewählte Tageszeit sorgt für passendes Licht und so weiter. Natürlich wird auch die Tarnung speziell für die Momentaufnahme optimiert.

Eine offizielle Bestätigung dieser Praxis gibt es selbstverständlich nicht – das würde den Mythos des Erlkönigs zerstören. "Es kann schon mal vorkommen, dass man Bilder zulässt. Auch mit Blick auf den Wettbewerb", räumt ein Sprecher eines deutschen Autoherstellers zögernd ein, der weder seinen Namen noch den seines Arbeitgebers in diesem Zusammenhang genannt sehen will. Was er mit dem Hinweis auf den Wettbewerb meint, ist klar: Kündigt die Konkurrenz gerade ein neues Modell an, kann die gesteuerte Veröffentlichung des eigenen Erlkönigs Aufmerksamkeit davon ablenken. Fans der Marke werden zudem frühzeitig informiert, dass bald etwas Neues kommt. Die Botschaft: Bloß nicht bei den anderen kaufen.