StrategieVolvo schaut sich bei VW das Baukastenprinzip ab

Der neue Volvo-Chef Samuelsson will die schwedische Automarke aus der Verlustzone führen. Beim Sparen soll die neue Produktionsplattform SPA helfen. von Wolfgang Gomoll

Der V60 von Volvo ist ein Plug-in-Hybrid mit Dieselmotor.

Der V60 von Volvo ist ein Plug-in-Hybrid mit Dieselmotor.  |  © Hersteller

Die Aufbruchstimmung in Göteborg ist einer gewissen Ernüchterung gewichen. Volvo, 2010 vom chinesischen Konzern Geely übernommen, hatte für 2011 noch ein kräftiges Absatzplus von knapp 25 Prozent vermeldet. Im vergangenen Jahr gingen die Verkäufe dagegen zurück: Im Kernmarkt Europa schrumpfte der Absatz um fast zehn Prozent auf 227.027 Stück, weltweit verkaufte Volvo mit 422.000 Fahrzeugen 6,1 Prozent weniger. Auch in Deutschland betrug das Minus 3,4 Prozent, die 32.750 Neuzulassungen reichten für einen Marktanteil von 1,1 Prozent. Zum Vergleich: VW verkaufte auf dem Heimatmarkt 672.921 Autos.

Bis 2020 will Volvo den weltweiten Absatz auf 800.000 Fahrzeuge steigern. 200.000 davon sollen in China verkauft werden. Im vorigen Jahr verkauften die Schweden in der Volksrepublik gerade einmal 42.000 Autos. Die ersten Schritte sind gemacht: Im Sommer eröffnet Volvo in China die erste Fabrik, im nächsten Jahr soll die zweite dazukommen.

Anzeige

Doch zunächst ist es das Ziel des seit Herbst 2012 amtierenden Volvo-Chefs Håkan Samuelsson, keinen Verlust zu schreiben. Eine neue Produktstrategie soll langfristig wieder Wachstum generieren. Grundsätzlich wollen sich die Schweden verstärkt auf ihre Kernwerte konzentrieren. "Familientauglichkeit und Praktikabilität stehen wieder etwas mehr im Vordergrund", sagt Bernhard Bauer, Deutschlandchef von Volvo. Dabei werde die dritte Kernkompetenz, die Sicherheit, natürlich nicht vernachlässigt.

SPA soll Kosten senken

Ein entscheidender Hoffnungsträger ist der Nachfolger des XC90, der Anfang 2015 erscheint. Der große SUV wird rund fünf Meter lang sein und basiert auf der neuen SPA-Plattform von Volvo. Hinter dem Kürzel verbirgt sich die "Scalable Product Architecture", eine modulare Produktionsplattform, auf der künftig Modelle unterschiedlicher Größe gefertigt werden sollen. Dadurch erhofft sich Volvo geringere Produktionskosten, denn künftig sollen bis zu 40 Prozent identische Komponenten verbaut werden. Außerdem soll SPA dabei helfen, schneller auf sich ändernde Marktbedingungen oder Nachfragewünsche reagieren zu können. Ein ähnliches Baukastenprinzip – den Modularen Querbaukasten (MQB) – hat der Volkswagen-Konzern entwickelt und 2012 erstmals im Audi A3 und dem VW Golf VII angewandt.

Neben der großen Plattform ist eine kleinere geplant, auf der dann auch der XC40 aufbauen wird. Noch steht nicht fest, ob Volvo einen internationalen Partner für die Architektur heranzieht, oder sie zusammen mit der chinesischen Mutter Geely realisiert. Eine Entscheidung soll in den nächsten Wochen fallen. Dass die Bande zu Geely so oder so enger geknüpft werden, um Skaleneffekte zu erreichen, ist sehr wahrscheinlich. Zur Unterstützung hat Geely Carl-Peter Forster, früher Opel-Chef und danach CEO beim indischen Autobauer Tata, als nicht-geschäftsführenden Direktor verpflichtet.

Die Reduktion auf das Wesentliche betrifft auch den Motor. Künftig sollen alle Triebwerke auf einem Vierzylinder-Block aufbauen, der einen variablen Hubraum haben wird. Für PS-stärkere Modelle wird es einen Elektro-Motor an der Hinterachse geben. Einen Ausblick gibt der V60 Diesel-Hybrid mit einer Systemleistung von 285 PS. Der Kombi enthält einen Dieselmotor mit 215 PS und einen 70 PS starken E-Motor an der Hinterachse. Ende 2012 begann die Fertigung dieses weltweit ersten Diesel-Plug-in-Hybriden, bei dem sich die Lithium-Ionen-Batterie an der Steckdose laden lässt.

Um die ehrgeizigen Pläne in die Tat umzusetzen, will Volvo-Chef Samuelsson in den nächsten Jahren rund 8,5 Milliarden Euro investieren. Ende 2012 hat der schwedische Autobauer bereits eine Finanzspritze von 922 Millionen Euro von der China Bank of Development erhalten. Damit sollen laufende Kredite abgezahlt werden. Das soll den finanziellen Spielraum erhöhen, der durch die Zinslast der bestehenden Verpflichtungen zunehmend eingeengt war. Ein Teil des Kapitals soll vor allem in die Ausbildung der Verkäufer und das Händlernetz fließen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Calzone
    • 19. Februar 2013 9:37 Uhr

    Zitat
    "Ein ähnliches Baukastenprinzip – den Modularen Querbaukasten (MQB) – hat der Volkswagen-Konzern entwickelt und 2012 erstmals im Audi A3 und dem VW Golf VII angewandt"

    Wird VW jetzt Volvo patentrechtlich belangen?

    Wohl kaum, denn das Baukastenprinzip ist in der KFZ-Entwicklung und - Fertigung ein alter Hut und mitnichten eine VW-Entwicklung. Bevor nun alle Golf-Fahrer laut aufschreien:
    Stimmt, Modularer Querbaukasten hat es noch keiner genannt. Diese Bezeichnung ist eine VW-Entwicklung.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Begriffe Modularer Quer- oder Längs-Baukasten sind VW-typische Neusprech-Notlösungen, die aus der Zeit nach der IAA 1999 stammen. Zu dieser IAA stand im Kfz-Gewerbe-Branchenblatt "kfz-betrieb Magazin" (Azusgabe 9/1999) ein bitterbös-satirischer Beitrag, in dem unter dem Titel "Die Phantome der Hutmacher" die seinerzeit von Ferdinand "Fugen-Ferdl" Piëch als alleinseligmachend gepriesene so genannte "Plattformstrategie" als simple Fortführung des uralten "Badge Engineering" durch den Kakao gezogen worden war. Nachdem "Burli" Piëch den Artikel gelesen hatte, setzte er mit gaaanz leiser Stimme das Wort "Plattformstrategie" konzernweit auf den Index, und die Marketingleute mußten sich einen neuen Begriff einfallen lassen – vielleicht war ja damals einer aus dem Landkreis Merseburg-Querfurt dabei: Kennzeichen "MQ" ...

  1. 2. nanana

    das ist nun wirklich ein alter Hut. In der KFZ-Branche ist es üblich, Teile einzusparen. Schaut euch den VW-Konzern an, da sind die Plattformen von Skoda,VW,Audi ähnlich und nutzen die gleichen Teile.
    Warum sollte es also Volvo nicht machen dürfen. Als sie noch zu Ford gehörten, haben sich auch einige Modellreihen die Plattform geteilt.
    Volvo ist auf dem richtigen Weg, abseits des Mainstream sein Image zu stärken.

  2. Die Begriffe Modularer Quer- oder Längs-Baukasten sind VW-typische Neusprech-Notlösungen, die aus der Zeit nach der IAA 1999 stammen. Zu dieser IAA stand im Kfz-Gewerbe-Branchenblatt "kfz-betrieb Magazin" (Azusgabe 9/1999) ein bitterbös-satirischer Beitrag, in dem unter dem Titel "Die Phantome der Hutmacher" die seinerzeit von Ferdinand "Fugen-Ferdl" Piëch als alleinseligmachend gepriesene so genannte "Plattformstrategie" als simple Fortführung des uralten "Badge Engineering" durch den Kakao gezogen worden war. Nachdem "Burli" Piëch den Artikel gelesen hatte, setzte er mit gaaanz leiser Stimme das Wort "Plattformstrategie" konzernweit auf den Index, und die Marketingleute mußten sich einen neuen Begriff einfallen lassen – vielleicht war ja damals einer aus dem Landkreis Merseburg-Querfurt dabei: Kennzeichen "MQ" ...

    Antwort auf "Is ja n´ Ding"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 29C3
    • 19. Februar 2013 11:50 Uhr

    aber eine Platform- ist nicht gleich Baukasten-Strategie.

    • NWJ
    • 19. Februar 2013 10:12 Uhr

    Volvo Car hat viele Probleme, eines davon ist der Eigentümer. Diesbezüglich empfinden die Interessenten die Fahrzeuge als zu teuer. Nächstes Problem, manche Modelle werden in Spanien gebaut. Die Schwedenqualität wird damit unglaubwürdig. Die Motoren-Auswahl für manche Modelle ist sinnlos. Damit sinken die Wieder-Verkaufswerte, Das ist keine gute Zukunft für Volvo Car.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der klassische Autokäufer, der mit den Emotionen, den betrifft das natürlich.
    Ich erinnere mich an Zeiten, als der Porsche 914/4 verspottet wurde, unter anderem, weil als Hersteller VW vermerkt war.
    Doch diese Zeiten sind in der Breite vorbei. Ich glaube nicht, dass eine große Zahl der heutigen Autobesitzer ein Interesse daran entwickelt, wo die einzelnen Teile seines KFZ hergestellt wurden.
    Mein VW stammt soviel ich weiss aus Polen...

  3. Der klassische Autokäufer, der mit den Emotionen, den betrifft das natürlich.
    Ich erinnere mich an Zeiten, als der Porsche 914/4 verspottet wurde, unter anderem, weil als Hersteller VW vermerkt war.
    Doch diese Zeiten sind in der Breite vorbei. Ich glaube nicht, dass eine große Zahl der heutigen Autobesitzer ein Interesse daran entwickelt, wo die einzelnen Teile seines KFZ hergestellt wurden.
    Mein VW stammt soviel ich weiss aus Polen...

    Antwort auf "Chninesischer Volvo?"
    • zappp
    • 19. Februar 2013 11:45 Uhr

    oder so ähnlich könnte die Schlagzeile auch lauten.

    Eigentlich nervt mich der Versuch der Industrie, mir ein Standardprodukt in kosmetisch anderer Darreichungsform oder in verschieden aufwendig gestalteten Verkaufräumen zu drastisch unterschiedlichen Preisen verkaufen zu wollen.

    Wann dämmert es der Industrie, dass ein halbes Dutzend Marken unterm Konzern, mit unzähligen Modellen, Karroserievarianten, Motorversionen und 30 Seiten Aufpreisliste auch mit einem Querbaukasten unnötige Parallelentwicklungen und Logistikaufwand nach sich zieht.

    Henry Ford hat seinerzeit nicht ohne Grund entschieden, seinen T nur in schwarz anzubieten.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... weil - und das kann man in einschlägigen Veröffentlichungen nachlesen - in der damaligen Zeit der schwarze Lack am schnellsten trocknete, dass also H. Ford nicht große Hallen zur Trocknung der im Fließbandverfahren hergestellten Karossen in anderer als schwarzer Farbe benötigte ...

    • 29C3
    • 19. Februar 2013 11:50 Uhr

    aber eine Platform- ist nicht gleich Baukasten-Strategie.

    Antwort auf "Notlösung ..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Never feed the trolls ;-)

    • 29C3
    • 19. Februar 2013 11:55 Uhr

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Volvo | Audi | Dieselmotor | Fahrzeug | SUV | China
Service