FahrradverkehrGutes Radfahrklima ist keine Frage von Ost und West

Bei der Suche nach der fahrradfreundlichsten Stadt Deutschlands landeten Städte aus den alten Ländern ganz vorn. Abgehängt ist der Osten aber keineswegs. von Matthias Scheffler

Radfahrer vor dem Dom in Münster

Radfahrer vor dem Dom in Münster  |  © Friso Gentsch/dpa

Münster, Bocholt, Erlangen: Das könnten drei Etappen auf einer Radtour quer durch Deutschland sein. Eine Radtour, die dann durch die Siegerstädte des ADFC-Fahrradklimatests 2012 führte. Die drei genannten lagen in den drei Städtekategorien ganz vorn, als der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) kürzlich die Ergebnisse seiner Untersuchung zur Fahrradfreundlichkeit deutscher Städte vorstellte.

Was auffällt: In allen drei Kategorien (Großstädte mit über 200.000 Einwohnern, Städte mit einer Einwohnerzahl zwischen 100.000 und 200.000 und kleinere Städte mit weniger als 100.000 Einwohnern) sind auf den ersten drei Plätzen nur Namen aus den alten Bundesländern zu finden. Lediglich bei der Frage, welche Städte sich seit der letzten Untersuchung 2005 am stärksten verbessert haben, tauchen zwei ostdeutsche Vertreter auf: Potsdam in der Kategorie der mittelgroßen Städte, Wernigerode bei den Städten mit maximal 100.000 Einwohnern. Beide liegen an der Spitze des jeweiligen Rankings.

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Liegt also gut 20 Jahre nach der Wende über den neuen Bundesländern ein fahrradklimatisches Tiefdruckgebiet, während über den westdeutschen Radlern die Sonne lacht?

Eine erste Antwort darauf liefert die einfache Prozentrechnung. Danach schneiden die fünf ostdeutschen Länder keineswegs schlecht ab, wie Thomas Böhmer, der Projektleiter des ADFC-Fahrradklimatests, vorrechnet. "An der Umfrage haben 332 Städte teilgenommen, davon 41 aus Ostdeutschland", sagt Böhmer. "In den Listen der drei Städtegrößen und den dazugehörigen drei Listen der Aufsteiger entfallen 16,6 Prozent der Top-Ten-Plätze auf ostdeutsche Städte. Der Anteil liegt damit leicht über ihrer eigentlichen Beteiligung von 12,3 Prozent."

Blick zurück auf die Wendezeit

Für Böhmer, der derzeit über die Fahrradfreundlichkeit von Städten an der TU Dresden promoviert, gewinnt das Resultat zusätzlich an Wert, wenn man sich die Strukturen des ADFC betrachtet. Der Verband mit dem Hauptsitz in Bremen habe seine Wurzeln in Westdeutschland, lediglich acht Prozent seiner Mitglieder stammten aus den neuen Ländern. Die hätten im Vergleich dazu sehr effektiv Werbung für die Umfrage gemacht.

Tilman Bracher sieht dagegen einen Unterschied zwischen neuen und alten Ländern. Allerdings eher im Blick zurück. "Der emotionale Startpunkt zur Wende war in beiden Teilen Deutschlands recht verschieden", sagt der Bereichsleiter Mobilität und Infrastruktur vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in Berlin.

"Die Westdeutschen kannten das Auto zur Genüge und begannen, das Fahrrad bewusst als Alternative und Wunschfahrzeug zu entdecken", erklärt Bracher. Die Ostdeutschen dagegen hätten das Velo als das Verkehrsmittel derjenigen betrachtet, die kein Auto besaßen und auch mit Bus und Bahn nicht weiterkamen. Diese Gefühlslage habe sich durch Parteien, Stadtverwaltungen und Ministerien gezogen, die dem Fahrradverkehr weniger Bedeutung beigemessen hätten.

Leserkommentare
    • lufkin
    • 12. März 2013 15:39 Uhr

    Münster wie immer auf Platz 1, wundert mich nicht.
    Das Aachen es aber auf Platz 13 geschafft hat finde ich aber schon sehr verwunderlich. Ich hätte Aachen nicht unter den ersten 30 vermutete. Schlechte oder gar keine Radwege (auch an großen Straßen Richtung Innenstadt), ein Winterdienst der die Autospuren räumt und den Schnee dann auf die Radwegen schiebt und liegen lässt... Aachen ist in dieser Hinsicht ziemlich erbärmlich.

    Eine Leserempfehlung
  1. Die Studie des ADFC behandelt ja wohl nicht vorrangig die Unterschiede im Fahr(rad)verhalten von Ost und West. Wieso wird dann hier aber zwanghaft versucht, dieses Thema in einen völlig belanglosen Sachverhalt zu pressen?
    Steht die Verlängerung des Solidarpakts zur Debatte oder wo liegt das Problem der werten Schreiberlinge?

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    Naja, es fällt halt schon auf, dass im Ranking der fahrradfreundlichsten Städte nur westdeutsche Städte vorn liegen: Bei den Städten über 200.000 Einwohner sind das Münster, Freiburg i.Br., Karlsruhe, Kiel, Oberhausen, Hannover, Bremen - und dann kommt auf Platz 8 die erste ostdt. Stadt, Rostock. (Leipzig folgt auf 10, danach Magdeburg auf 16.)

    Bei den mittelgroßen Städten ist immerhin Potsdam auf Platz 4, Cottbus auf 5. Danach kommt wieder lange nix und dann Jena auf 22.

    Bei den kleinen Städten bis 100.000 Ew ist die erste ostdeutsche Stadt auf Platz 10 Waren (Müritz). Danach Greifswald auf Rang 39, Wernigerode und Oranienburg auf 48 und 49.

    Da ist es doch eine berechtigte Frage, warum nicht mehr ostdeutsche Städte vorn liegen.

    • TDU
    • 12. März 2013 15:53 Uhr

    "Daher unterscheiden Experten statt zwischen Ost und West lieber zwischen aktiv und weniger aktiv."

    Sehr gut. Aber da muss man nicht mal Experte sein. Das Ost West geht mir mittlerweile dermaßen auf die Nerven, dass ich jetzt die Geminde Berg Athos und Ostfriesland vergleiche und damit Griechenland zur fahrradunfreundlichsten Nation der Welt erklären werde. Klimatisch natürlich. Fahren kann man da gut. Wie rund um die Zugspitze.

  2. Münster ist einfach toll. Wer dort gelebt hat, weiß fahrradfreundliche Städte zu schätzen. Es ist eben nicht damit getan, einen Gehweg für Fahrräder freizugeben. Wir Radfahrer wollen eigene Highways, mit denen wir uns zügig und ohne störende Autos durch die Stadt bewegen können.
    Und die Städte profitieren doch auch. Man stelle sich nur vor, Münsters Radfahrer würden aufs Auto umsteigen. Der gesamte Verkehr würde doch zusammenbrechen.

    5 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 12. März 2013 16:29 Uhr

    Daran sieht man doch, dass es auf die Stadt und Region ankommt. Würden in Wuppertal alle aufs Rad umsteigen, hätte man jede Menge zusammenbrechende Menschen.

    Es kann also nur drum gehen, wer tut was unter welchen Umständen. Und da können 10 mehr in Wuppertal ungleich mehr bedeuten als 100 mehr in Münster. M. E. verbietet sich die Einteilung nach Ost und West. Es geht wie die Experten sagen nach den Bemühungen, die aufgewendet werden.

    Und vielleicht liegts auch dran, dass in Gegenden, wo viele kleine Gemeinden sind, das Fahrrad viel zu lange braucht. Im dicht besiedelten Ruhrgebiet braucht man sicher nicht so lange zum nächsten Supermarkt oder Arzt.

    Und dass Bremen und Umgebung was anderes ist als Erzgebirge und Eifel wird man wohl nicht bestreiten.

    • Lefty
    • 12. März 2013 16:18 Uhr

    So mies kann es im Osten kaum sein,man fahre mal mit dem Rad durch Hamburg.Ich packe mein Rennrad ins Auto und fahre meine Runde über Land.
    Schlimm genug,dass man nicht von zu Hause losfahren kann,wenn man überleben will.Ganz davon abgesehen,Rumpelwege und Auto-Ampeln...

    3 Leserempfehlungen
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    • gooder
    • 12. März 2013 17:20 Uhr

    Es gibt allerdings auch gewaltige Unterschiede zwischen den Radfahrern in Hamburg und den Radfahrern in den ländlichen Gegenden z.B. Mecklenburg-Vorpommerns. Ein Hamburger neigt selten dazu, sein stylisches Rennrad mit einer funktionierenden Beleuchtung zu versehen, während der Einheimische in der ostdeutschen Provinz offensichtlich Wert darauf legt und sein weniger stylisches Rad mit Front-und Rücklicht versieht. Desweiteren werden dort,anders als in Hamburg, auch vorhandene Radwege benutzt,zumeist auch in der richtigen Richtung.

    ist noch schlimmer. Dort kommt eine Fahrt mit dem Fahrrad einem Selbstmordversuch gleich.

  3. Naja, es fällt halt schon auf, dass im Ranking der fahrradfreundlichsten Städte nur westdeutsche Städte vorn liegen: Bei den Städten über 200.000 Einwohner sind das Münster, Freiburg i.Br., Karlsruhe, Kiel, Oberhausen, Hannover, Bremen - und dann kommt auf Platz 8 die erste ostdt. Stadt, Rostock. (Leipzig folgt auf 10, danach Magdeburg auf 16.)

    Bei den mittelgroßen Städten ist immerhin Potsdam auf Platz 4, Cottbus auf 5. Danach kommt wieder lange nix und dann Jena auf 22.

    Bei den kleinen Städten bis 100.000 Ew ist die erste ostdeutsche Stadt auf Platz 10 Waren (Müritz). Danach Greifswald auf Rang 39, Wernigerode und Oranienburg auf 48 und 49.

    Da ist es doch eine berechtigte Frage, warum nicht mehr ostdeutsche Städte vorn liegen.

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    • thwe74
    • 12. März 2013 16:27 Uhr
    7. Albern

    Bin zur Zeit öfters beruflich in Leipzig, wenn ich sehe wie stark der Fahrradfahreranteil hier ist, kommt man als NRWler nur noch ins Staunen.

    Und es läuft (scheinbar) ohne Probleme, die Radler machen sich richtig breit auf den Strassen und es wird von der Autolobby akzeptiert?!?!

    Schnee und Eis?? Shitegal, man radelt!!
    Dunkelheit?? Shitegal, man fährt auch ohne Licht und kommt trotzdem nicht zu Tode...
    Kinder mit dabei?! Auf jeden Fall, geht doch irgendwie alles?!
    Fahrradhelme?? Habe ich hier kaum gesehen.

    Alles irgendwie unbekümmerter, aber ich empfinde den Autoverkehr hier auch nicht als besonders agressiv.

    Als Radler, der sich jeden Tag durch den Ruhrpott quält, sind das absolut traumhafte Umstände für die Radler...
    Von wegen NRW besteht nur aus Münster....

    4 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 12. März 2013 16:29 Uhr

    Daran sieht man doch, dass es auf die Stadt und Region ankommt. Würden in Wuppertal alle aufs Rad umsteigen, hätte man jede Menge zusammenbrechende Menschen.

    Es kann also nur drum gehen, wer tut was unter welchen Umständen. Und da können 10 mehr in Wuppertal ungleich mehr bedeuten als 100 mehr in Münster. M. E. verbietet sich die Einteilung nach Ost und West. Es geht wie die Experten sagen nach den Bemühungen, die aufgewendet werden.

    Und vielleicht liegts auch dran, dass in Gegenden, wo viele kleine Gemeinden sind, das Fahrrad viel zu lange braucht. Im dicht besiedelten Ruhrgebiet braucht man sicher nicht so lange zum nächsten Supermarkt oder Arzt.

    Und dass Bremen und Umgebung was anderes ist als Erzgebirge und Eifel wird man wohl nicht bestreiten.

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