Autosalon GenfMehr PS als Ideen

Die Autoshow zeigt, wie ratlos die Hersteller mit der Absatzkrise umgehen. Sie präsentieren Modelle mit absurd hoher PS-Zahl und sind kaum innovativ. von 

In Genf eröffnet am Donnerstag der Autosalon, eine der wichtigsten Automessen des Jahres in Europa. Es ist fast seltsam, dass die Branche noch nicht nach staatlicher Hilfe gerufen hat. Schließlich steckt Europas Automobilindustrie nach wie vor in einer schweren Krise. Seit Monaten sinkt der Absatz, allein im Januar betrug der Rückgang in Westeuropa gegenüber dem Vorjahresmonat fast neun Prozent. Das vergangene Jahr war das schwächste Autojahr in Europa seit 1995. Zwölf Millionen Neuwagen wurden verkauft –  in guten Zeiten waren es 16 Millionen.

Doch die Branche hat wohl erkannt, dass staatliche Hilfen nur wenig bringen. Die Abwrackprämie war nur ein kurzes Strohfeuer. Wer sowieso über einen Neukauf nachdachte, nahm die Prämie gern mit und zog den Neukauf einfach vor. Nun ist der Markt gesättigt. Und so schwankt die Stimmung der Hersteller auf dem Autosalon zwischen Frust und Ratlosigkeit.

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Kaum jemand erwartet, dass die Absatzflaute bald vorbei sein wird. Stephen Odell, der Europachef des US-Herstellers Ford, warnt etwa, es werde noch vier bis fünf Jahre dauern, bis die Branchen wieder so viele Autos wie vor der Krise absetze. Ähnlich sieht das BMW-Chef Norbert Reithofer: Er fürchtet, dass die Schuldenkrise Europa noch mindestens fünf Jahre beschäftigen wird.

In unsicheren Zeiten halten viele Menschen ihr Geld zusammen, stellen den Kauf eines Wagens zurück und fahren ihr Auto eben noch ein paar Jahre länger. "Der europäische Automarkt wird noch eine ganze Weile lang schwierig bleiben – und zwar bis zum Jahr 2015 oder 2016", sagt Carlos Ghosn, der Chef von Renault-Nissan. "Es gibt keine guten Nachrichten."

Nur Fiat-Chef Sergio Marchionne klingt optimistischer. Er teile nicht die Meinung, "dass der Markt in den nächsten drei bis fünf Jahren so schwach" bleiben werde, ließ er im Vorfeld der Messe wissen. Ein Patentrezept, wie er die Kauflaune der Europäer heben will, hat aber auch Marchionne nicht. Der neue Opel-Chef Karl-Thomas Neumann dagegen schon. Er setzt auf neue Modelle: "Wir haben 23 neue Autos in der Pipeline. Und das ist, was wir tun müssen: Produkte, Produkte, Produkte."

Das Problem ist nur: Die Produktpalette, die ab Donnerstag die Hersteller in Genf zeigen, spiegelt genau die Ratlosigkeit der Branche wieder.

Die Hersteller setzen nach wie vor auf die SUV-Begeisterung. Doch weil der Großteil der potenziellen Kunden auch dafür keine Unsummen ausgeben will oder kann, zeigen die Autobauer vor allem kleine Varianten. Dazu zählen der Opel Mokka und der Renault Captur, der auf der Messe Premiere feiert.

Doch sie stehen nicht wirklich für Innovation. Zu sehen sind vor allem Ableger bekannter Modelle. Der Captur etwa wird auf der Clio-Plattform gebaut. Der Peugeot 2008 ist die hochbeinige Variante des 208. Und das Opel-Cabrio Cascada ist quasi ein Astra ohne Dach. VW präsentiert die GTD-Variante des Golf VII. Skoda stellt den Octavia als Kombi vor. So starten die Hersteller eine Modelloffensive, ohne ihre Kosten zu sehr in die Höhe zu schrauben.

Leserkommentare
  1. Wenn diese PS-Boliden wenigstens schön wären, aber die werden leider immer hässlicher, als ob denen wirklich nichts mehr einfällt und sie lieber jedes Jahr ein neues Modell für Mondpreise rausbringen, was sich die Ölscheichs kaufen wollen, da sonst ihre Autosammlung nicht komplett wäre. Scheinbar verdient man nur noch so Geld.

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    • zappp
    • 07. März 2013 8:58 Uhr

    Angesichts der Entwicklungskosten und der verkaufbaren Stückzahlen bezweifle ich das. Es sind Schaustücke, die die Marken ins Gespräch bringen sollen. Mit Blick auf die eigentlichen Herausforderungen unserer Zeit, meinetwegen auch auf den behaupteten Fachkräftemangel, ist es schade um jede Ingenieurstunde, die dort hineinfließt.

  2. Wenn man davon ausgeht, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter wächst und das weltweit, ist es nur logisch, dass die Autohersteller sich im PS-Wahn ergötzen.

    Ein Lamborghini, der nur dreimal gebaut wird, wird auch seinen entsprechenden Preis haben. Man kann davon ausgehen, der, der den höchsten Preis bietet, bekommt den Zuschlag. Und sie werden sich gegenseitig schummrig überbieten. Das sichert dem Unternehmen seine wirtschaftliche Existenz.

    Man fragt sich ja, wie man weiter wachsen will (die letzte Print-Ausgabe behandelte dieses Thema ausführlich) und offensichtlich liegt da für einige Unternehmen die Lösung. Denn irgendwann hat halt jeder Familie genügend Autos gekauft, also schafft man sich als Unternehmen neue Einnahmequellen, indem man Exklusivität zum absurd hohen Preis bietet. Endlich die Möglichkeit für Individualisten, wirklich exklusiv zu sein, denn wenn jeder Depp sich ein iPhone leisten kann, ist es halt nicht exklusiv. Sicher interessant auch für andere Märkte. Auch im Hinblick auf die größer werdende Schwere zwischen Arm und Reich.

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  3. "Audi führt sein erstes Plug-In-Hybridmodell vor. Das ist ebenfalls keine Neuentwicklung, sondern lediglich ein A3 mit alternativem Antrieb."

    Aha. "Lediglich".
    Auch die Technik unter dem "Blechkleid" muss entwickelt, konstruiert und gebaut werden. Darf ich fragen, welche Erfahrungen der Autor in der Automotive-Entwicklung hat? Gerade die neuen alternativen Antriebe (Audi's G-tronic z.B.) verlangen nach innovativer Ingenieurskunst. Schließlich wollen die Kunden ja keine Umstellung bemerken, wenn sie vom Verbrenner auf eine andere Technologie umsteigen.

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    Die Technik ist nun mal weitgehend ausgereizt, d.h. viel mehr läßt sich mit heutigen Technologien nicht entwickeln, vom Multimedia-Schnickschnack abgesehen.

    Und meine heimlichen Revolution sind eben Audi G-Tronic und Golf TGI. Endlich mal wieder bezahlbare UND PS-Starke Mittelklasse-Autos mit Erdgas-Antrieb. Endlich mal brauchbare Angebote für den typischen deutschen Autokäufer, der prinzipiell alles aus Italien und Frankreich oder mit weniger als 100PS ablehnt.

    Wenn VW das jetzt nicht vergeigt und den CNG-Aufpreis im Rahmen hält, dann wird es endlich wieder was mit Erdgas (vergleiche Fiat, ca. 2k für NP-Versionen, nicht viel mehr als Diesel-Motorisierung).

  4. einer Mobilitätsepoche, die sich vernunftgemäß ihrem verwelken entgegenneigt. Meine Kinder haben schon jetzt kein Verständnis mehr für unsere 170 PS in der "Familienkutsche", die letztlich nur für den Urlaub oder Großelternbesuche benötigt wird.

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    Die steigende Anteil der SUVs scheint eher auf das genaue Gegenteil hinzudeuten ..

    • 可为
    • 07. März 2013 12:30 Uhr

    das endet bevor der letzte Tropfen Öl aus dem Boden geholt ist?
    Verbrannt wird am Ende sowieso alles was wir da unten finden, da wird man wohl kaum an einem Punkt X einfach aufhören - in dem Sinne bleibt es fast die bessere Variante es in effizienten Boliden mit Kats und Abgasnormen zu verbrennen, als in form von Schweröl ungefiltert in einem Schiffsdiesel...

  5. Da werden jedes Jahr immer neue Studien und Neuheiten vorgestellt um bloß ja die Gier nach Öl aufrechtzuerhalten.
    Anstatt endlich sinnvolle Konzepte für einen alternativen Individualverkehr vorzulegen, (die es ja durchaus schon gibt) immer neue noch spritfressendere PS-Monster.
    Obwohl selbst der aggresivste Betonfuß mittlerweile begriffen haben sollte, dass nicht die Spitzengeschwindigkeit, sondern die Konstanz eine schnelle und effektive Reisezeit zur Folge hat.
    Ein Tempolimit von 110 km/h (gefahren wird dann ja sowieso 130) und schon hätten wir weniger Staus und bräuchten nicht mehr so sinnlos starke und spritverheizende Mini-Kraftwerke in den Fahrzeugen.
    Aber was interessiert das die Ölmultis?
    Die feiern sich allenthalben in Goldgräberstimmung. Hat man den Verbraucher doch an astronomische Spritpreise gewöhnt.

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    • Xarx
    • 07. März 2013 10:45 Uhr

    Ich kann den Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und und höherem Stauaufkommen nicht nachvollziehen.
    Der Stau entsteht ja einerseits durch hohes Verkehrsaufkommen kombiniert mit egoistisch geprägten Verhalten im Straßenverkehr. Denn im Grunde könnten wir alle wesentlich schneller zum Ziel kommen wenn wir alle auf der Autobahn eine konstante Geschwindigkeit fahren würden. Dies ist aber auch bei einem Tempolimit nicht der Fall. Denn auch hierbei wird weiterhin gedrängelt werden und andere Fahrzeuge sowie die dahinter müssen bremsen woraus letztendlich der Stau resultiert. Ihre Schlussfolgerung "aus kleinerer Geschwindigkeitsdifferenz folgt geringeres Stauaufkommen" halte ich für gewagt (zumindest wenn sie dafür keine Quelle haben), da sich dadurch wie gesagt am Grundverhalten nichts ändert.

    Zum eigentlichen Artikel:
    ich habe um ehrlich zu sein überhaupt kein Verständnis für den PS-Wahn. Damit meine ich nicht mal in 1. Linie die Prestige-Objekte sondern vor allem Fahrzeuge für den Normalverbraucher, welche in den letzten Jahren immer mehr Pferdestärken erhalten haben. Da setzt auch VW nur wenig Akzente wenn sie schon ein 1-Liter-Auto entwickeln und es dann nur in Kleinstserie produzieren. Und das der Markt bei aktuellen Sprit-Preisen für solche Autos immer noch so beschissen ist kann ich mir nur schwerlich vorstellen.

    • zappp
    • 07. März 2013 8:58 Uhr

    Angesichts der Entwicklungskosten und der verkaufbaren Stückzahlen bezweifle ich das. Es sind Schaustücke, die die Marken ins Gespräch bringen sollen. Mit Blick auf die eigentlichen Herausforderungen unserer Zeit, meinetwegen auch auf den behaupteten Fachkräftemangel, ist es schade um jede Ingenieurstunde, die dort hineinfließt.

    2 Leserempfehlungen
  6. Für solche Autos gibt es einen Markt. Sonst würden sie nicht verkauft.

    Mit gefällt das wegen der Einfallslosigkeit des Ressourcenverbrauchs an Umwelt, Arbeitszeit und Geld auch nicht. Wir haben wirklich dringendere Probleme. Aber andere sehen das nun mal anders.

    Eine Leserempfehlung
  7. Ist ein Zitat, welches ausgerechnet Henry Ford zugeschrieben wird.

    Wer soll denn die ganzen Autos kaufen, wenn die Einkommen immer weiter auseinander driften? Wenn sich auf der einen Seite Reichtum anhäuft, sowie auf der anderen Seite Armut.

    Schuld dran war die Niedriglohnsektorpolitik unter Schröder, die ihre Wirkung heute immer stärker zeigt.

    Zeit zum umdenken.

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    "Wer soll denn die ganzen Autos kaufen, wenn die Einkommen immer weiter auseinander driften?"
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    Wer soll denn noch bei den Autobauern einen vernünftigen Lohn bekommen, wenn diese immer weniger Autos absetzen?

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  • Schlagworte Genf | Ford | Sergio Marchionne | Audi | Ferrari | Mercedes-Benz
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