Citymaut : "Die Deutschen gehen die Sache falsch an"

Jonas Eliasson hat in Stockholm Erstaunliches vollbracht: Seine Citymaut hat nicht nur den Stau verringert, sie ist auch beliebt. Warum, das erklärt er im Interview.
Autos passieren in Stockholm eine Mautstation mit Kameras (Archivbild). © Sven Nackstrand/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Eliasson, wer in Deutschland eine Citymaut fordert, wird oft mit Polemik überschüttet. Manche Autofahrer argumentieren sogar, die Befürworter wollten das Auto ganz abschaffen. Gab es solche Diskussionen auch in Stockholm?

Eliasson: Oh ja, die Argumente waren bei uns die Gleichen! Aber die Debatte versiegte schnell, als die Vorteile sichtbar wurden.

ZEIT ONLINE: Sie haben für Stockholm eine Staugebühr entwickelt, die 2006 eingeführt wurde (siehe Kasten). Welche Wirkung hatte das?

Jonas Eliasson

Jonas Eliasson ist Direktor des Zentrums für Verkehrsstudien an der Königlich Technischen Hochschule (KTH) in Stockholm. Der 44-Jährige forscht vor allem über Verkehrsströme in urbanen Räumen und wie sich Staus vermeiden lassen. Er war an der Ausarbeitung der Staugebühr in Stockholm beteiligt und berät weitere Städte.

Eliasson: Die Zahl der Autos sank während der Rushhour um 20 Prozent. Das war ein wesentlicher Grund, warum die Gebühr in Stockholm heute große Akzeptanz erfährt: Sie hat schnell nach der Einführung das gewünschte Ergebnis geliefert und den Stau reduziert. Das richtige Design für eine solche Gebühr zu entwickeln, ist allerdings nicht ganz leicht. Man darf das bloß nicht den Politikern überlassen.

ZEIT ONLINE: Wie entstand denn das System in Stockholm?

Eliasson: Wir hatten das Glück, dass unsere damaligen Politiker sich kaum eingemischt haben. Sie gaben nur ein Ziel vor: weniger Stau in Stockholm. Wir sollten eine Gebühr entwickeln, mit der sich der Autoverkehr zu Stoßzeiten um 10 bis 20 Prozent verringern lässt. Der Rest wurde uns überlassen. Eine Expertengruppe, zu der auch ich gehörte, entwickelte daraufhin mithilfe von Computermodellen ein Design. Das haben wir dann mehrfach durchgerechnet und verfeinert.

ZEIT ONLINE: In Deutschland geht man die Sache anders an: Die Citymaut soll vor allem Geld für die Infrastruktur bringen, und die Verringerung von Staus nähme man nebenbei noch mit. Führen die Deutschen eine falsche Diskussion?

Eliasson: Sie gehen die Sache falsch an. Das Hauptziel muss ein besser fließender Verkehr sein. Die Einnahmen sind eher ein netter Nebeneffekt. Wenn es der Politik nur um das Geld für Straßen und Brücken geht, sollte sie ein anderes Mittel wählen – zum Beispiel höhere Steuern. Das ist auch der günstigere Weg: Rund 10 bis 20 Prozent der Einnahmen der Citymaut gehen immerhin dafür drauf, die Gebühr zu erheben.

ZEIT ONLINE: Welchen Vorteil hat die Maut gegenüber gesetzlichen Regelungen wie etwa Fahrbeschränkungen?

Eliasson: Man sollte den Leuten nicht vorschreiben, wie sie sich zu verhalten haben. Die Maut lässt ihnen die Wahl. Sie teilt die Autofahrer in zwei Gruppen. Die eine findet, dass der Zeitgewinn, den die Stauverringerung bringt, die Gebühr nicht wert ist – das sind typischerweise Freizeitfahrer. Die andere Gruppe, die unbedingt mit dem Auto fahren muss, etwa täglich zur Arbeit, schätzt dagegen den Zeitgewinn höher als den Preis, den sie dafür bezahlt.

Kommentare

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Die Gruppe

.. könnte aus Arbeitnehmern bestehen, die trotz des Satzes "FS Klasse III und eigener PKW erforderlich" einen Job angenommen haben, der ihnen massenhaft Stress auf der Straße, mehr oder weniger versteckte Kosten und ein Gehalt, von dem sie keine Familie ernähren könnten, eingebracht hat. Pflegedienste, Kleintransporte, mobiles Sonstwas, immer auf Zuruf, zack zack.

Ich beschuldige niemanden, solche Beschäftigungsverhältnisse einzugehen, die meisten fühlen sich vermutlich dazu gezwungen, oder werden vom "Jobcenter" tatsächlich gezwungen.

Doch man sollte einmal beide Seiten sehen, die zur Verbreitung solcher, letztlich prekärer Beschäftigungsverhältnisse führen: es sind auch die, die die Standards - autobasierte Standards - setzen. Die, die das Spiel schon lange mitspielen, weil man das Auto hat ja "sowieso hat" - auch zu ihrem eigenen Schaden übrigens.

Wenn eine Citymaut mit dazu beiträgt, dass solche Art Arbeit wieder weniger wird, wäre das ein Erfolg. (Nein, die sind dann keinesfalls alle arbeitslos - die Dienste werden ja gebraucht. Und wer mobil in der Pflege arbeitet, sollte einfach mit weniger Stress, Parkplatzsucherei etc. durch den Tag kommen. Eliassons Bemerkung über die Freizeitfahrer, Ende der ersten Seite, ist vielsagend ..)

Automatische Überwachung oder ständiges Handaufhalten

Ok, diese blöden Info-Kästchen mitten im Text pflege ich zu ignorieren, da sie, wenn ich auf sie stoße, den Lesefluß unterbrächen. Und am Ende des Artikels habe ich dann üblicherweise vergessen, daß da noch was war.
Für das Verständnis wesentliche Informationen sollten *vor* dem Interview stehen, nicht mittendrin.

Zur Sache:
Es läuft wohl darauf hinaus: Entweder man wählt die totale Kameraüberwachung, oder man wird ständig aufgehalten um zu bezahlen.

Beides ist nicht prickelnd.

Ich liebe "Flatrates": Man zahlt brav seine Steuern und wird dafür fortan in Ruhe gelassen.

Im übrigen ist es nicht gerade gastfreundlich, wenn Städte dem Besucher signalisieren, daß er nicht willkommen ist, nur sein Geld. Aber so ist Marktwirtschaft eben.

Auch Göteborg setzt gerade ein tolles Verkehrskonzept um.

Dort werden konsequent Rad- und Fußwege neu gebaut, verbreitert etc. Auch zulasten der Parkplätze. Sogar in Wohngebieten werden Parkstreifen rückgebaut und Radwege dort angelegt. Dazu wurde eine Anwohnerparkgebühr eingeführt (mein schwedischer Freund erzählte mir was von ca. 70 €/Monat, damit man sich an der Suche nach einem freien Parkplatz beteiligen darf). Effekt: Weniger Menschen im Stadtgebiet halten sich überhaupt noch ein Auto, es wird viel mehr radgefahren oder der (sehr gute) ÖPNV genutzt. Wer in Göteborg wohnt braucht einfach kein Auto mehr. Auch die Zugfernverbindungen sind gut. Bahnfahren ist in Schweden (im Vergleich zu Deutschland) schnell, pünktlich, sauber, höflich und preiswert.
Ich fahre mit meinem Auto doch nur deswegen quer durch Deutschland, weil die Preise der Deutschen Bahn eine Frechheit sind. Nehme ich mein Auto, wird es billiger für michund ich komme mit sämtlichem Gepäck direkt von Haustür zu Haustür. Hätte die Deutsche Bahn schwedische Preise und schwedischen Service, ich könnte mir gut vorstellen, das Auto abzuschaffen. Allerdings möchte ich auch keinen Polizeiknüppelkonzern mehr unterstützen.

Sozialpolitik nicht überall reintragen

Sie meinen:
"Der Umwelt mag das wurscht sein WER weniger fährt, ob Spritschluckende SUVs oder Alte Kisten mit genauso hohem Verbrauch - Gerade für finanzschwache Arbeitnehmer die aufs Auto angewiesen sind finde ich es trotzdme irgendwie seltsam."

Das sehe ich völlig anders. Sozialpolitik sollte dafür sorgen, dass für jeden geeignete Mittel zur Verfügung stehen. Sie sollte den Leuten aber selbst überlassen, wie sie damit umgehen.

Deswegen sollten Soziale Auspekte bei der Bepreisung weitestgehend ausgeblendet werden. Die Kosten können sich in einem Wahrenkorb wiederfinden, anhand dessen Größen der Sozialpolitik (ich würde ein Grundeinkommenvorziehen aber man kann ALG2, BAFöG, Basisrente, Freibeträge usw. daran koppel) bestimmt werden.

Bei der Bepreisung von Mobilität geht es ja eher um die Frage, wie sich die Kosten des Autofahrens zu ÖPNV, Radfahren oder was auch immer (von mir aus Friseurbesuche oder Mobiltelefone) verhalten und nicht um die Frage, wer sich diese Dinge (Auto, ÖPNV oder auch Friseurbesuchte oder Mobiltelefone) leisten kann/können sollte.

Deshalb lehne ich Sozialpolitik über Mehrwertsteuer (bestimmte Güter kosten weniger), Mineralölsteuer (Heizöl billiger als Diesel) oder Rundfunkgebühr (bestimmte Leute sind befreit) usw. genauso ab.

Wenn man sich an Ungleichheit der Einkommen stört, sollte man gezielt Verteilungspolitik treiben und nicht bürokratisch und ineffizient irgendwelchen bestimmten Konsum subventionieren (= anders bepreisen als man steuern will).

Kosten?

Ihre Rechnung basiert auf reinen Vermutungen. Ich vermute jetzt auch einmal, aber in die andere Richtung: Die Kosten für die Citymaut spart der Autofahrer mehrfach, da er durch den geringeren Stop-and-go-Verkehr weniger Sprit verbraucht und, wie im Artikel angedeutet, er keine Parkraumbewirtschaftung ertragen muss.

Die Maut kostet maximal 7,19€ pro Tag. Wer einmal in die City und wieder hinaus fährt zahlt mindestens 2,39€.

Ein Liter Sprit kostet etwa 10 Cent mehr als in Deutschland: 1,63€ (Milchmädchen).

Vielleicht könnten Autofahrer beleuchten, ob man durch "Entfernen" des Staus eine Spritersparnis von etwa 1,5 Litern pro Tag (!) hinbekommt.

Ich fahre kein Auto und kann das nicht beurteilen.

Scheinargumente!

Es gibt bei jeder Veränderung Gewinner und Verlierer, ob in der Organisation eines Unternehmens, bei Gesetzesänderungen oder bei Umweltfragen. Mal hat der Geringverdiener Vorteile, mal der Reiche, mal der Städter etc.

Mit Ihrem Argument dürfte man nie was verändern. Entscheidend ist doch, was unterm Strich rauskommt. Wenn wir Alles für alle gleich machen wollen, wären wir wieder beim Kommunismus oder bei anderen idealistischen Ansichten, die in der Praxis nie funktionieren werden.

Es geht bei einer Citymaut immer um eine Regelung

Eine Regelung über die Benutzungsrechte der Straße. Es gibt nun 2 Möglichkeiten: a) man möchte den Verkehr insgesamt effizienter gestalten: insgesamt kommen alle Pendler damit schneller zur Arbeit.
b) man möchte die Straßennutzung kontigentieren, d.h. bestimmte Nutzergruppen sollen wirtschaftlich ausgeschlossen werden.

Im Vergleich zur Situation zuvor wird die (Wahl) Freiheit der wirtschaftlich ausgeschlossenen eingeschränkt. Es gibt ja Gründe wieso viele Menschen mit dem Auto zur Arbeit fahren und nicht alle sind reiner Egoismus.

Ich bin ja auch nicht gegen eine Citymaut per se, nur sollte diese intelligent gestaltet sein und alle Fahrzeuge umfassen (auch LKW). Zudem muss doch klar sein, dass es bei pauschalen Gebühren eine Gerechtigkeitslücke gibt; Der SUV zahlt gleichviel wie der kleine Smart.... wenn Lenkungswirkung, dann bitte richtig.

Autsch

Ein neuer Audi A8 kostet deutlich unter 100.000 Euro. Aber Sie meinen gewiss ein Sondermodell, mit Extras und allem Schnickschnack, nicht?

Ich kann Sie trösten: in unserer Großstadt hat der Oberbürgermeister seinen privaten Wagen schon vor Jahren abgeschafft und fährt Rad oder Bus.

Sowas gibt's, dass die Vernunft sich ganz langsam durchsetzt. Der Mann ist übrigens Mitglied einer der sog. "Volksparteien", also nix Grüne.