Der Zeitdruck ist für Daimler groß. Nach mehrfachem Aufschub will der Konzern in wenigen Wochen die neue S-Klasse von Mercedes-Benz auf den Markt bringen. Nun könnte die Einführung  noch am Streit über das neue Klimaanlagen-Kältemittel R1234yf scheitern. Das will Daimler nicht verwenden, nachdem sich die Chemikalie bei einem simulierten Crashtest  in einer B-Klasse entzündet hatte. In einer realen Unfallsituation hätte das verheerende Folgen. Wenn sich die Fluorchemikalie entzündet, entsteht gefährliche Flusssäure, die Menschen irreversible und sogar tödliche Schäden zufügen kann.

Die Krux: Eine Alternative zu R1234yf steht derzeit weder den Stuttgartern noch ihren Wettbewerbern zu Verfügung. Das bisher von allen Herstellern verwendete Kältemittel R134a darf in der neuen S-Klasse – wie in allen Fahrzeugen, die ihre Typengenehmigung nach dem 1. Januar 2011 bekommen – nicht mehr eingesetzt werden.

Der Grund ist der Klimaschutz: Für neue Fahrzeugtypen ab 2011 schreibt die EU in einer Richtlinie den Einsatz eines Kältemittels vor, das höchstens 150-mal so klimaschädlich ist wie Kohlendioxid (CO2). R1234yf, das von den Chemiekonzernen DuPont und Honeywell hergestellt wird, erfüllt diese Vorgabe; die bisher verwendete Substanz R134a hat dagegen ein Treibhauspotenzial von 1.430.

CO2 selbst, als Kältemittel auch unter der Bezeichnung R744 bekannt, stünde zwar unter Klimaschutzaspekten weit besser da als Honeywells Fluorchemikalie. Doch um CO2 in Klimaanlagen verwenden zu können, müssten die Autobauer deren Konstruktion verändern. Den Entwicklungsaufwand und die Kosten hatten alle Hersteller gescheut, nachdem sich der internationale Herstellerverband ACEA vor ein paar Jahren für das DuPont-Honeywell-Produkt entscheiden hatte und gegen R744, das seinerzeit von den deutschen Autobauern favorisiert wurde.

Daimler verhandelt an allen Fronten

Schon aus Marketinggründen könnte Daimler nach dem negativen Ausgang des Crashtests seine Autos nicht mit der neuen Kältechemikalie auf die Straße schicken. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) in Flensburg wiederum kann gar nicht anders, als den Stuttgartern die Zulassung für das neue Modell zu entziehen – sollte es beim Boykott von R1234yf bleiben. "Ein Hersteller, der nicht genehmigungskonform produziert, läuft Gefahr, die Typgenehmigung zu verlieren", bestätigte ein Sprecher der Flensburger Behörde.

Wie der Kältemittelstreit gelöst werden kann, ist derzeit völlig offen. Das KBA hat ein Schreiben an die Stuttgarter Konzernzentrale geschickt. Über dessen Inhalt schweigen sich beide Seiten aus. Angeblich wurde Daimler eine Frist gesetzt, das vom Autokonzern erbetene sechsmonatige Moratorium hat die EU-Kommission abgelehnt. "Wir sind in Gesprächen mit der EU, dem KBA, mit dem Bundesverkehrsministerium, mit dem Verband der deutschen Automobilindustrie und der ACEA", sagte ein Daimler-Sprecher.

Etappenziel ist es offenbar, eine Art Ablasshandel zu erwirken. Es würden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, sagte der Sprecher. Strafzahlungen seien ebenso im Gespräch wie eine Kompensation für den verlängerten Einsatz des klimaschädlicheren alten Kältemittels R134a, etwa durch den Kauf von CO2-Zertifikaten.