Stadtverkehr : Generelles Tempo 40 als Kompromiss

Die einen fordern 30 km/h als Regelgeschwindigkeit in Städten, die anderen wollen, dass Tempo 50 bleibt. Warum also nicht den Mittelweg wählen?, fragt Malte Lehming.

Wahrlich, es gibt Wichtigeres. Und doch ist es ein Thema, das polarisiert und Freundschaften zerbrechen lässt. Würde man die Stunden zusammenzählen, in denen sich Landes- und Kommunalparlamente damit befasst haben, käme eine halbe Ewigkeit zusammen.

Alles begann vor dreißig Jahren in Buxtehude im Landkreis Stade. Dort entstand die erste Tempo-30-Zone in Deutschland. Von da an gab’s kein Halten mehr. Inzwischen fordern sowohl die Grünen als auch der wissenschaftliche Beirat des Bundesverkehrsministeriums als auch das EU-Parlament Tempo 30 in Städten als Regel und Tempo 50 als Ausnahme. Buxtehude ist überall.

Dagegen wettert das autovernarrte Bürgertum. Union, FDP, ADAC, IHK: Flüssig soll der Verkehr fließen, meinen sie; Lärm, Risiken und Schadstoffe gehörten zu einer mobilen Gesellschaft in bestimmten Grenzen dazu. Doch wo liegen diese Grenzen? Was dem einen der Geräuschpegel, ist dem anderen die Zeitersparnis. Weil beides gefühlte Werte sind, ist eine Verständigung meist schwer.

Kein Widerspruch zur StVO

Besonders umstritten sind die Hauptstraßen. In Berlin ist dafür der Senat zuständig, die Bezirke planen für die Nebenstraßen. Kluge Absprachen und Koordinationen sind selten. Auf rund 15 Prozent der Berliner Hauptstraßen gilt bereits jetzt, zeitlich begrenzt oder ganztags, Tempo 30. Die SPD will die Tempolimits ausweiten, die CDU den Trend rückgängig machen. Auf Landes- wie auf Bezirksebene prallen Welten aufeinander.

Doch warum gibt's keinen Kompromiss – Tempo 40 zum Beispiel? Das ist zwar in der Straßenverkehrsordnung nicht vorgesehen, widerspricht ihr aber nicht. Ein Blick über den regionalen Tellerrand fördert Überraschendes zutage. Stuttgarts neuer grüner Oberbürgermeister Fritz Kuhn zum Beispiel will Tempo 40 auf möglichst allen sogenannten Vorbehaltsstraßen einführen, die sowohl eine lokale wie überörtliche Verkehrsfunktion haben. In mehreren Regionen des Enzkreises in Baden-Württemberg gilt bereits Tempo 40. Die Stadt Durbach hat Tempo 40 auf freiwilliger Basis beschlossen.

In Friedrichshafen, Reutlingen und Tübingen wurden Gutachten in Auftrag gegeben, die zeigen sollen, ob durch ein gemäßigtes Tempolimit auf 40 Kilometer pro Stunde eine ähnliche Minderung der Lärmpegel und Schadstoffemissionen bewirkt werden kann wie durch Tempo 30.

Bei der Beschränkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit müssen viele Kriterien gegeneinander abgewogen werden. Die Verkehrsfunktion eines Straßenabschnitts gegen die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer (insbesondere von schutzbedürftigen Personen), den Lärmschutz, die Luftreinhaltung. Doch zwischen Schleichen (Tempo 30) und Rasen (Tempo 50) gibt's oft ein Drittes (Tempo 40). Das erbitterte Entweder-Oder ist das Relikt aus einer überideologisierten Debattenzeit. Es zeugt von Unflexibilität und einem Mangel an Fantasie.

Natürlich sind Tempo-40-Zonen kein Allheilmittel. Werden sie auf Hauptstraßen zu leichtfertig verhängt, droht eine Verkehrsverdrängung in andere Gebiete. Aber etwa nachts könnten sie die Lärmbelastungen reduzieren, ohne den Verkehrsfluss zu stark einzuschränken. Auch der 30-50-30-Wechsel, der Autofahrer oft irritiert (und nur das Ordnungsamt freut), ließe sich mittels einer durchgängigen Tempo-40-Strecke vereinfachen.

Politik ist die Kunst des Kompromisses. Das gilt vom Ladenschluss bis zur Euro-Rettung. Als Autofahrer ist man jedes Tempolimit gewohnt – 10 km/h, 15 km/h, 20 km/h, 30 km/h, 50 km/h und so weiter bis 130 km/h. Nur ein Schild, dessen Zeit längst gekommen ist, sieht man viel zu selten: den roten Kreis mit einer 40 drin.

Kommentare

81 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Ein Vorschlag an den Rechenkünstler

Machen wir die Rechnung einfach einmal anders herum:
Wieviel Prozent der Verkehrsfläche einer Stadt ist überhaupt für Schulkinder (zu Fuß unterwegs) relevant? Dann noch einmal zu der wenigen Zeit in Bezug setzen, zu der die Kinder wirklich im Unterwegs sind. Da kommt eine genauso lächerliche Zahl bei heraus.
Bezüglich der Schulkinder haben wir nun wirklich keinen Handlungsbedarf.

Mein Vorschlag: Schrittgeschwindigkeit.

Warum nicht gleich Schrittgeschwindigkeit?
Das ist noch viel "flüssiger". Da könnte man per City-Stopf-Funktion alle Unfälle vermeiden und mit einer Induktionsschleife gekoppelt, könnten dann auch Greise und kleine Kinder ebenfalls Autofahren. Wenn, dann richtig.

Aber dann müssen wir auch dafür sorgen, dass diese Radfahrer, Inline-Skater, Jogger und andere gemeingefährliche Verkehrsteilnehmer ebenfalls an die Kandare genommen werden. Der Spießbürger muss ja zu seinem Recht kommen.

Mit Tempo 30 hänge ich ziemlich zwischen dem ...

... zweiten und dem dritten Gang. Leute, die nicht ganz so hoch motorisiert sind, wird es ähnlich gehen. Bei engen Straßen muss man eben angepasst fahren (da kommt von allein niemand auf die Idee mit 50 durchzubrettern). Bei vielen breiten Alleen wäre auch 60 km/h okay. Man darf nur nicht die Autofahrer mit tausend verschiedenen Höchstgeschwindigkeiten überfordern. Am wichtigsten ist nämlich, dass sie auf die Straße schauen und nicht auf den Tacho und Verkehrsschilder.

PS: Tempo 30-Zonen sind natürlich auch sinnvoll, um den Durchgangsverkehr raus aus den wohngebieten ein wenig auf große Straßen zu lenken. Diesen Vorteil verliert man, wenn überall Tempo 30 gilt.

Keine Angst: Auf großen Straßen dürfen Sie weiterhin 50 fahren!

Ein Thema was in den Kommentaren hier immer wieder anklingt ist die Meinung Tempo 30 soll innerorts auf jeder Straße gelten. Das ist nicht das Ziel der momentanen Bestrebungen.

Auf großen vielbefahrenen Straßen kann weiterhin Tempo 50, 70 oder 80 gelten, wie heute auch. Nur wird eben die Regelgeschwindigkeit 30 km/h und damit stehen dann keine Zone-30-Schilder mehr in Wohngebieten, sondern Tempo-50-Schilder stehen an den Ausfallstraßen.
Ein großes Problem der heutigen Stadt- und Verkehrsplaner ist, dass die Straßenverkehrsordnung Tempo-30 nur unter bestimmten Auflagen zulässt. Mit Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit müsste man in Zukunft nicht mehr begründen, warum man im Wohngebiet gerne Tempo 30 hätte, sondern man müsste begründen, warum Tempo 50 auf der 4spurigen Hauptstraße ungefährlich und notwendig ist. Es würde nicht mehr oder weniger Verwaltungsaufwand und kaum mehr oder weniger Schilder geben - es würde sich nur die "Beweislast" umkehren!

Ich wohne ....

....3 km vom Stadtrand im Speckgürtel einer wohlhabenden 360k Einwohner-Stadt. Ich bin oft in der Stadt aber auch genau so oft in meiner Gemeinde. Bin ich nun doof oder schlau? Car-Sharing gibts hier auch: Mamas Auto!
Und Fahrräder: gefühlte 2 pro Einwohner. ÖNPV gibt es auch für AAAA
Ausländer, Azubis, Alte, Arme!
Mann oh Mann, hören Sie doch auf Berliner, Hamburger oder Münchner Verhältnisse auf den Rest der Republik zu transformieren und die Welt in schlau und doof einzuteilen! Lesen Sie einfach mal eine von nicht kommerziellen Interessen geprägte Studie zum Thema Car Sharing. Sie werden desillusioniert sein, weil das Problem der Rush-Hour und der sehr volatilen Nachfrage in Stadtrandgebiete auch für diese Unternehmen kaum organisierbar ist. Ach ja - da war noch die U-Bahn in Berlin! falls sie eine hübsche Tochter haben - lassen sie die da náchts nach allein nach Haus fahren? Begreifen Sie doch das verkehrssystem als Teil eines Gesamtsystems. Alles das was hier kaum geht, geht z.b. in Singapur! U-Bahn-fahren? Eine Lust! Autofahren? Teuer - aber o.k.! Taxi-fahren? Eine Lust, ohne Betrügereien in immer ordentlichen sauberen Autos zu sehr günstigen Preisen. Weshalb wohl? das Gleiche in Mexico-City? Unmöglich!
Also predigen Sie nicht die Verkehrsmöglichkeiten eines schludrigen, hochsubventionierten Berliner Modells und rechnen sich im Gegensatz zu steuerzahlenden Bürgern in Bayern oder BW zu den besonders Intelligenten.

Tempo 30 in der Stadt

Die Kommentierungen scheinen von Radfahrern zu stammen. Tempo 30 ist eine unsinnige Geshwindigkeit für unsere derzeitigen Autos. Denn um 30 km/h fahren zu können läuft der Motor im 2. Gang zu hoch (damit ein höherer Verbrauch und Abgabse) und im 3. Gang zu niedrig. Für dieses Tempo fehlt ein besonderer "Gang". Solange die Kommunen keine grünen Wellen einrichten, sondern der Autofahrer vor nur von einer zur nächsten Ampel fahren kann, sollte keiner dieser Verantwortlichen mehr das Wort "Umweltschutz" in den Mund nehmen. Das ist nämlich nur dummes Geschwätz. Ich beobachte in meinem PKW den ständigen Verbrauch und ärgere mich täglich über die Ignoranz der Kommunalpolitiker. Nur durch eine "grüne Welle" lässt sich der Lärm und der Verbrauch senken. Und genau das käme allen zu Gute. Die Menschen die an den Kreuzungen leben tun mir besonders leid. Tempo 30 ist keine Lösung, sondern ein weitesgehend fließender Verkehr, der nicht durch ständiges Bremsen und Anfahren behinder wird.

beweise

1. "wenn man sich nicht wegen jedem Schmarrn ins Auto setzen würde!!!"

haben sie für diese aussage empirische beweise? ansonsten werde ich das als ideologischen hass ausrutscher.

2. "bisschen mehr Radfahren, und größter Teil der Probleme wäre gelöst"

schauen sie mal raus. da liegen 30 cm schnee und matsch. fahren sie da rad?? bus und bahn sind in manchen städten eine katastrope und zu fuß sind die schuhe nach 100 metern durch.

zumindest wenn man täglich zur arbeit muss...

Tempo 40 taugt nichts

Bei diesem Wetter gibt es durchaus Radfahrer, die das fahren wagen.
In Kopenhagen z.B werden zuerst die Radwege geräumt und dann erst die eigentliche Fahrbahn. HIer werden die Radwege ja eher als Ablageplatz für den Schnee der Fahrbahn.

Tempo 40 würde kaum bis keine Veränderung der Geschwindigkeit veranlassen.Bei 40 würden weitaus weniger ein anderes Verkehrsmittel als bei T 30 wählen.
Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 30 hätten die Radfahrer eine reele Chance nicht als "Verkehrshindernis" zu agieren.
Der Lärm würde bei 40 zwar etwas geringer, aber bei Tempo 30 wäre es noch ruhiger.Viele würden bei diesem Tempo auch ein anderes Verkehrsmittel bevorzugen als länger das Auto bei niedrigem Tempo zu "quälen".

Zuerst einmal müssten die Strafen der Höhe in der unmittelbaren Nachkriegszeit angehoben werden, wenn man die jährliche Inflation miteinbezieht.
Die Strafe im Jahre 1977 für eine Überschreitung von 20KmH war höher als jetzt! Damals musste man 80DM zahlen was über 40 € sind. jetzt sinds 35€