Das Autodesign hat sich festgefahren: Der Audi A4 sieht aus wie ein A6, ein BMW 3er lässt sich nur mit dem Maßband vom 5er unterscheiden, und der neue Golf wirkt wie schon der vorletzte. Ob in absehbarer Zeit frischer Wind in die Formgebung kommt, hängt vor allem vom Erfolg der Elektroautos ab, sagt der Autodesign-Experte Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim.

ZEIT ONLINE: Herr Fügener, das Design moderner Autos wirkt immer verwechselbarer und wenig innovativ. Legt der Autokäufer heute weniger Wert auf die Form des Autos?

Lutz Fügener: Das Gegenteil ist der Fall: Design ist beim Autokauf immer wichtiger geworden. Wenn ein Hersteller aber merkt, dass sich ein Modell gut verkauft hat, wird er genau aus diesem Grund beim teuer entwickelten Nachfolger kein innovatives und völlig anderes Design wählen. Audi zum Beispiel ist sehr stringent in der Formgebung, vor allem im Frontbereich. Man kann sich im Moment sehr schwer vorstellen, wie eine Ablösung aussehen soll. Mutige Designlösungen kommen eher von Herstellern, die weniger Erfolg haben – mit dem Mut der Verzweiflung sozusagen.

ZEIT ONLINE: Ein einheitliches Designkonzept führt aber dazu, dass sich einzelne Modelle kaum unterscheiden lassen. Wie erklärt man dem Käufer eines Audi A8, dass der Wagen aussieht wie ein groß geratener A4?

Fügener: Mit der formalen Verwandtschaft will ein Hersteller vor allem sein Markenimage festigen. Aber das ist sicher kein Weg, der sich unendlich fortsetzen lässt. Das Hinterherrennen hinter aktuellen Mode-Erscheinungen allerdings funktioniert auch nicht immer. So war ein Mercedes bis in die neunziger Jahre ein Auto, das sich abseits jeglicher Modeströmungen bewegte. Das hat sich völlig geändert. Das Problem ist nur: Eine Mode kann sehr schnell vorüber sein. Andererseits lassen sich so natürlich auch Akzente setzen, wie Mercedes mit dem dramatischen Design der neuen A-Klasse in der Golfklasse gezeigt hat.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich das gestalterische Gefängnis aufbrechen, in das sich die Autoindustrie selbst gesperrt hat?

Fügener: Das Elektroauto ist eine große Chance, ein möglicher Ausweg aus der Falle. Es ist für die Hersteller ein Experimentierfeld und die Möglichkeit, Paradigmen aufzubrechen. Hier können sie Neues erproben und die Veränderung dem Kunden mit dem Hinweis auf das andere Grundkonzept eines Elektrofahrzeugs schmackhaft machen. BMW hat in dieser Hinsicht besonders mutig gehandelt: Der kommende BMW i3 ist das erste Auto, das der neuen Zeit entsprechend gestaltet wurde. Vom Design bis zum Image ist hier alles anders als von der Marke gewohnt.

ZEIT ONLINE: Nun sind nicht alle Hersteller vom E-Auto überzeugt. Audi hat erst kürzlich verkündet, dass dieser Weg nicht weiter verfolgt wird.

Fügener: Das ist richtig, aber was es an E-Autos schon gibt und was noch kommen wird, macht die Welt der Autoformen auf jeden Fall bunter. Nehmen wir den BMW i3, ein Fahrzeug wie den Renault Twizy oder das gerade vorgestellte Ein-Liter-Auto XL1 von Volkswagen: Alle diese Modelle erweitern das Spektrum dessen, was der Kunde als Fahrzeug interpretiert. Der Twizy ist außerdem keine Konkurrenz zu einem gewöhnlichen Auto, er ist etwas gänzlich Neues. Natürlich kann das Elektroauto auch beim Design nicht alle Problem lösen, doch es kann Wege weisen. Am Anfang ist es natürlich wie bei jeder Revolution: Die ersten werden erschossen.

ZEIT ONLINE: Das Elektroauto wird nicht so schnell das herkömmliche Auto mit Verbrennungsmotor ablösen.

Fügener: Aber es kann Anreize für neue Designwege auch für herkömmliche Autos bieten. Schon jetzt lassen sich erste Veränderungen feststellen, die sich allerdings nicht in Äußerlichkeiten zeigen. Bei der Technik etwa hat bereits ein Downsizing begonnen. Den neuen Mondeo von Ford soll es mit einem 1,0-Liter-Dreizylinder geben – das wäre vor sieben oder acht Jahren in einer Mittelklasselimousine unvorstellbar gewesen. Dass ein Umdenken da ist, belegt auch der Opel Adam. Bei ihm ist es nicht mehr so wichtig, was für einen Motor er hat.

ZEIT ONLINE: Die Hoffnung E-Auto auf der einen, die Realität des herkömmlichen Autos auf der anderen Seite: Wie haben wir uns das Automobildesign in zehn Jahren vorzustellen?

Fügener: Das Auto in zehn Jahren ist gar nicht so weit weg, wie mancher vielleicht denkt. Bei den üblichen Produktionszyklen beginnt die Entwicklung dieser Modelle schon in viereinhalb Jahren. Man kann also davon ausgehen, dass diese Autos den aktuellen durchaus noch ähneln. Aber es wird dann auch Autos geben, die eben nicht Fortsetzungen bekannter Baureihen sind, und die deswegen neue Wege im Design beschreiten.