Mitfahrgelegenheit.de : Gebühr treibt Mitfahrkunden zur Konkurrenz

Nutzer wenden sich von mitfahrgelegenheit.de ab, seit die Plattform fürs Vermitteln Geld verlangt. Die Gratiskonkurrenz floriert, hat aber ein Manko.

Julia Becker fackelt nicht lange. Als die Leipziger Studentin bemerkt, dass mitfahrgelegenheit.de von seinen Nutzern neuerdings Gebühren fordert und eine Registrierungspflicht eingeführt hat, wechselt sie kurzerhand zur Konkurrenz. Auf bessermitfahren.de findet die 24-Jährige ohne Anmeldung die Telefonnummer eines Fahrers, ein paar SMS später ist man sich einig: Am Wochenende geht es gemeinsam nach Göttingen.

Seit Ende März verlangt Mitfahrgelegenheit.de von seinen Nutzern eine Gebühr für jede Fahrt über 100 Kilometer: elf Prozent des Mitfahrpreises. Auch das Buchungssystem der Seite ist mittlerweile für alle verpflichtend – wer mitfahren will, kommt um eine Registrierung nicht herum. Seitdem ist die Entrüstung vor allem unter Studierenden groß, im Internet auf Facebook machen sie ihrem Ärger Luft.

Die von Julia Becker genutzte Alternative bessermitfahren.de ist ein Protest-Produkt. Nur fünf Tage nach der Systemumstellung von mitfahrgelegenheit.de ist die Seite online, in Windeseile zusammengeschustert vom 28-jährigen Stephan Grätz aus Berlin und ein paar Freunden. Das Konzept der Seite ist simpel: keine Anmeldung, minimalistisches Design, und vor allem kostenlos. Schließlich gehe es bei Mitfahrgelegenheiten nicht nur darum, von A nach B zu kommen, sondern auch die Umwelt zu schonen, Geld zu sparen und neue Menschen zu treffen – das müsse auf Vertrauensbasis funktionieren, sagt Grätz. Knapp 7.000 Fahrtangebote konnte seine Seite nach nur einer Woche aufweisen.

Betreiber verteidigt Gebühren

Den Betreibern von Mitfahrgelegenheit.de macht diese Zahl keine Angst. Ihr Unternehmen ist schließlich nicht nur in Deutschland Marktführer, sondern unter dem Namen carpooling.com auch in vielen anderen europäischen Ländern. Nur in Deutschland, wo die Seite zuerst online ging, heißt die Plattform noch mitfahrgelegenheit.de. Europaweit kommt der Dienst auf rund 750.000 Fahrtangebote, jeden Monat vermittelt die Carpooling GmbH so knapp eine Million Fahrgemeinschaften.

Eine Abwanderung von Nutzern sei bisher nicht erkennbar, sagt Geschäftsführer Markus Barnikel. Die Umstellung sei nötig gewesen, um Mitfahrgelegenheiten ebenso attraktiv wie andere Transportwege zu machen, sagt er. Das Buchungssystem soll Sicherheit bieten und den Markt so für die breite Bevölkerung öffnen.

Die Kernnutzer von mitfahrgelegenheit.de sind laut Barnikel heute ohnehin nicht mehr die jungen Wilden, sondern vielmehr urbane Menschen zwischen 24 und 36 Jahren, also alles von Studenten bis Geschäftsleuten. Wie oft im Netz dienen bei mitfahrgelegenheit.de Bewertungen künftig als Sanktionsmechanismus – wer etwa am vereinbarten Treffpunkt nicht auftaucht, bekommt eine schlechte Benotung und wird nicht mehr gebucht. Die Gebühren begründet Barnikel mit den hohen Personalkosten, die für die Betreuung der Nutzer und die Pflege des Systems anfallen. Schließlich habe das Unternehmen mittlerweile über 60 Mitarbeiter zu bezahlen.

Sven Domroes beurteilt das anders. Er hatte nach eigener Aussage mitfahrgelegenheit.de 1998 als Student gegründet und nach dem Studium an drei jüngere Kommilitonen weitergegeben. Sie bauten die Mitfahrplattform sowie den Markennamen carpooling.com mit eigenen Länderdomains für das Ausland auf. 2011 verkaufte Domroes seine verbleibenden Rechte an die Carpooling GmbH, um seine eigene Seite fahrgemeinschaft.de aufzubauen.

Damals sei die Kostenpflicht bereits beschlossene Sache gewesen, sagt Domroes. Man habe sogar eine Gebühr von 30 Prozent erwogen. Carpooling-Sprecher Thomas Rosenthal sagt, diese Behauptungen seien schlicht falsch. Domroes habe lediglich die Domain mitfahrgelegenheit.de verpachtet, sei nie Teil des operativen Geschäfts oder gar der Geschäftsführung von Carpooling gewesen und habe somit auch keinen Einblick in die Geschäftsplanungen gehabt.

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