Paul Drayson (Archivbild) © Jean-Francois Monier/AFP/Getty Images

Ein merkwürdiges Surren, eine Art hochfrequentes Nähmaschinen-Gesäusel umschwirrt den Besucher im Foyer von Drayson Racing, im Chancery Business Centre bei Oxford. Die Bildschirme im Treppenaufgang zeigen Videos des rasenden Lord Drayson: im grünen GT3-Rennwagen von Aston Martin mit 007-Startnummer beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans und in einem extrem flach gebauten Le-Mans-Prototypen (LMP) des britischen Autobauers Lola. Der LMP jagt mit 320 km/h über die Rennstrecke von Rockingham und produziert dabei nur eben jenes surrende Pfeifgeräusch.

"Das ist der Sound der Zukunft", schwärmt Paul Drayson. Er hat die Testfahrten in dem LMP abgelegt, den sein Unternehmen technisch entwickelt hat. Der Drayson B12/69 EV mit 640 kW (850 PS) Leistung wird rein elektrisch angetrieben. Im vergangenen Sommer führte Drayson den Rennwagen beim legendären Festival of Speed in Goodwood einem begeisterten Publikum vor. Zwei dieser Elektro-Flundern schickt er 2014 in die zehn Rennen der neuen Formel E, eine offizielle Rennserie, die mit Lizenz der FIA ausschließlich in Großstädten wie London, Miami, Peking oder Rio stattfinden wird (siehe Kasten).

Lord Drayson steht im eleganten silbergrauen Maßanzug am Schreibtisch und strahlt eine geradezu euphorische Begeisterung aus, ausgelöst wohl auch durch seine gerade absolvierte Probefahrt des neuen US-Stromers Tesla S. Der 53-Jährige wirkt auf Anhieb sehr offen und sympathisch. Er lieferte Schlagzeilen, als im November 2007 sein Rücktrittsschreiben an "Dear Gordon" – den damaligen britischen Premierminister Gordon Brown – veröffentlicht wurde. Da gab er sein Amt als Rüstungsminister auf, um lieber mit seinem mit Bioethanol betriebenen Aston Martin in der Le-Mans-Serie Autorennen zu fahren.

"Es war für mich eine einmalige Chance", erklärt Drayson beim Tee in seinem gläsernen Büro, "weil ich nach langen Querelen mit der FIA plötzlich doch noch eine internationale Rennlizenz bekam, die mir als Halbblindem bis dahin rigoros verweigert wurde. Gordon, der ebenfalls nur auf einem Auge sehen kann, hatte großes Verständnis für meine Situation." Der bekennende "Autonarr" wuchs in der Nähe der Rennstrecke von Brands Hatch südöstlich von London auf und wollte schon als Kind Rennfahrer werden. Später fuhr er Oldtimer- und GT3-Rennen mit.

Der promovierte Robotik-Ingenieur gründete 1993 zusammen mit seiner Frau Elspeth in Oxford ein Pharmaunternehmen, das Impfstoffe herstellte und 2003 an den Pharmakonzern Chiron verkauft wurde. Das soll Drayson rund 80 Millionen Pfund Gewinn beschert haben. Er war mit seinen Spenden von insgesamt einer Million Pfund einer der großzügigsten Labour-Unterstützer und wurde 2004 zum Lord ernannt. 2005 nahm er ein erstes Regierungsamt an, als Staatsminister war er in den Ressorts für Rüstungsbeschaffung, Wirtschaft, Wissenschaft und Innovation zuständig.

Gerade das letztgenannte Thema hat Drayson auch privat nie losgelassen. Heute möchte er möglichst emissionsfrei die Quadratur des Kreises meistern: die ebenso coole wie attraktive Symbiose von Motorleistung und Nachhaltigkeit. Wie das funktionieren kann, will er bei den Formel-E-Rennen mit seinen beiden B12/69 EV vorführen. Drayson hatte sein Team als erstes von insgesamt zehn für die Formel E angemeldet. Er betrachtet die Rennserie als hervorragende Möglichkeit, im Motorsport technische Innovationen zu entwickeln und bei den Rennen in Großstädten ein Millionenpublikum zu begeistern.