ElektrorennwagenEin Lord steht unter Strom

Er trat 2007 als Minister zurück, um Autorennen zu fahren. Inzwischen bereitet sich Lord Paul Drayson mit einem eigenen Rennstall auf die Formel E vor. von Peter Münder

Paul Drayson (Archivbild)

Paul Drayson (Archivbild)  |  © Jean-Francois Monier/AFP/Getty Images

Ein merkwürdiges Surren, eine Art hochfrequentes Nähmaschinen-Gesäusel umschwirrt den Besucher im Foyer von Drayson Racing, im Chancery Business Centre bei Oxford. Die Bildschirme im Treppenaufgang zeigen Videos des rasenden Lord Drayson: im grünen GT3-Rennwagen von Aston Martin mit 007-Startnummer beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans und in einem extrem flach gebauten Le-Mans-Prototypen (LMP) des britischen Autobauers Lola. Der LMP jagt mit 320 km/h über die Rennstrecke von Rockingham und produziert dabei nur eben jenes surrende Pfeifgeräusch.

"Das ist der Sound der Zukunft", schwärmt Paul Drayson. Er hat die Testfahrten in dem LMP abgelegt, den sein Unternehmen technisch entwickelt hat. Der Drayson B12/69 EV mit 640 kW (850 PS) Leistung wird rein elektrisch angetrieben. Im vergangenen Sommer führte Drayson den Rennwagen beim legendären Festival of Speed in Goodwood einem begeisterten Publikum vor. Zwei dieser Elektro-Flundern schickt er 2014 in die zehn Rennen der neuen Formel E, eine offizielle Rennserie, die mit Lizenz der FIA ausschließlich in Großstädten wie London, Miami, Peking oder Rio stattfinden wird (siehe Kasten).

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Lord Drayson steht im eleganten silbergrauen Maßanzug am Schreibtisch und strahlt eine geradezu euphorische Begeisterung aus, ausgelöst wohl auch durch seine gerade absolvierte Probefahrt des neuen US-Stromers Tesla S. Der 53-Jährige wirkt auf Anhieb sehr offen und sympathisch. Er lieferte Schlagzeilen, als im November 2007 sein Rücktrittsschreiben an "Dear Gordon" – den damaligen britischen Premierminister Gordon Brown – veröffentlicht wurde. Da gab er sein Amt als Rüstungsminister auf, um lieber mit seinem mit Bioethanol betriebenen Aston Martin in der Le-Mans-Serie Autorennen zu fahren.

Formel E

Die vom Automobil-Dachverband FIA lizenzierte Formel E für Elektroautos wurde 2012 geplant. Die ersten in zehn Großstädten organisierten Rennen finden ab 2014 statt: in London, Rom, Monaco, Rio de Janeiro, Los Angeles, Miami, Peking, Putrajaya, Bangkok und Buenos Aires.

Zehn Teams – 20 Fahrer mit insgesamt 40 Fahrzeugen – gehen an den Start. Die Renndauer soll eine Stunde betragen, die Fahrer müssen wegen der geringen Reichweite der Akkus zweimal die Autos wechseln. Die Starttermine stehen noch nicht fest.

Zu den Initiatoren der Formel E gehören der Investor Enrique Banuelos und der spanische Vorstandschef der Formula E Holding, Alejandro Agag.

"Es war für mich eine einmalige Chance", erklärt Drayson beim Tee in seinem gläsernen Büro, "weil ich nach langen Querelen mit der FIA plötzlich doch noch eine internationale Rennlizenz bekam, die mir als Halbblindem bis dahin rigoros verweigert wurde. Gordon, der ebenfalls nur auf einem Auge sehen kann, hatte großes Verständnis für meine Situation." Der bekennende "Autonarr" wuchs in der Nähe der Rennstrecke von Brands Hatch südöstlich von London auf und wollte schon als Kind Rennfahrer werden. Später fuhr er Oldtimer- und GT3-Rennen mit.

Der promovierte Robotik-Ingenieur gründete 1993 zusammen mit seiner Frau Elspeth in Oxford ein Pharmaunternehmen, das Impfstoffe herstellte und 2003 an den Pharmakonzern Chiron verkauft wurde. Das soll Drayson rund 80 Millionen Pfund Gewinn beschert haben. Er war mit seinen Spenden von insgesamt einer Million Pfund einer der großzügigsten Labour-Unterstützer und wurde 2004 zum Lord ernannt. 2005 nahm er ein erstes Regierungsamt an, als Staatsminister war er in den Ressorts für Rüstungsbeschaffung, Wirtschaft, Wissenschaft und Innovation zuständig.

Gerade das letztgenannte Thema hat Drayson auch privat nie losgelassen. Heute möchte er möglichst emissionsfrei die Quadratur des Kreises meistern: die ebenso coole wie attraktive Symbiose von Motorleistung und Nachhaltigkeit. Wie das funktionieren kann, will er bei den Formel-E-Rennen mit seinen beiden B12/69 EV vorführen. Drayson hatte sein Team als erstes von insgesamt zehn für die Formel E angemeldet. Er betrachtet die Rennserie als hervorragende Möglichkeit, im Motorsport technische Innovationen zu entwickeln und bei den Rennen in Großstädten ein Millionenpublikum zu begeistern.

Leserkommentare
  1. Eher eine Nebensächlichkeit, aber als "Minister of State for Strategic Defence Acquisition Reform at the Ministry of Defence" war Dayson nicht "Minister", wie er eingangs des Textes tituliert wird (und auch nicht "Rüstungsminister"), sondern Staatssekretär.

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  2. Oh, Deutsch weiss alles besser und was hat das mit dem Thema zu tun? Die Zahl der Toten wegen Atemwegs Erkrankungen fand ich so noch nirgends. Es heisst immer Klima retten. Vielleicht muesste es heissen fast 30.000 Tote vermeiden. Das koennte man eher begreifen. Das ist ein Argument fuer die E-Technik.

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    festzustellen, inwieweit Automobile für die knapp 30000 Erkrankung verantwortlich sind - gibt ja nun wirklich diverse Ursachen von Luftverschmutzung.

    Nicht, daß ich gegen E-Autos wäre (als Fahrradfahrer wäre das auf den verstopften Straßen eine gewaltige Entlastung); aber diese Art der Vereinfachung führt ökologische Neuerungen immer in Verruf (man denke an die Verschwörungstheorien hinsichtlich Wind- und Solarenergie).

  3. festzustellen, inwieweit Automobile für die knapp 30000 Erkrankung verantwortlich sind - gibt ja nun wirklich diverse Ursachen von Luftverschmutzung.

    Nicht, daß ich gegen E-Autos wäre (als Fahrradfahrer wäre das auf den verstopften Straßen eine gewaltige Entlastung); aber diese Art der Vereinfachung führt ökologische Neuerungen immer in Verruf (man denke an die Verschwörungstheorien hinsichtlich Wind- und Solarenergie).

    Antwort auf "oh gosh"
  4. Interessanter Artikel, aber eins verstehe ich nicht.

    Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema Formel E, und die der FIA wird so aussehen:

    http://www.fia.com/champi...

    Das sind einheitliche Formel Autos mit Elektroantrieb, da fahren meines Erachtens nach keine selbstgebauten LMP1 - Elektroboliden mit. Drayson ist dort als Team gemeldet, wird aber sicher mit den Standard Boliden antreten, so wie alle anderen auch.

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  • Schlagworte Fia | Innovation | London
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