WiederverwertungZweites Leben für Stoßfänger

Die Altautoverordnung, vor 20 Jahren von den Herstellern bekämpft, ist heute Alltag bei der Entwicklung neuer Modelle. Der Elektroantrieb schafft aber neue Probleme. von Susanne Kilimann

Die Türverkleidung enthält Holzfaseranteile, die Heckablage Zellulose: Für die Komponenten des Autoinnenraums setzen Automobilhersteller inzwischen immer öfter nachwachsende Rohstoffe ein, etwa auch Wolle, Naturkautschuk und Kokosfasern. Naturmaterialien sind gut für ein grünes Image der Marke, sie lassen sich aber auch leichter entsorgen.

Das ist für Hersteller ein entscheidender Punkt. Eine EU-Richtlinie zwingt sie zur Rücknahme und für den Halter zur kostenlosen Entsorgung ausrangierter Autos, und für neu zugelassene Autos gilt künftig eine Recyclingquote von 85 Prozent und eine Verwertungsquote von 95 Prozent. Mit Recycling ist dabei die Wiederaufbereitung der Abfallmaterialien gemeint, damit sie ein zweites Mal zum Einsatz kommen können; Verwertung heißt, dass man die Abfallmaterialien zumindest noch zu anderen Werkstoffen verarbeiten können muss.

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Darum haben Designer und Ingenieure heute schon in der Frühphase der Fahrzeugentwicklung das Ende des Fahrzeugs im Blick. Design for Recycling heißt die neue Herangehensweise, bei der Materialien und Komponenten so ausgewählt und gestaltet werden, dass sie am Ende des Autolebens bei Demontage und Recycling möglichst unkompliziert zu handhaben sind.

Eine der wichtigsten Herausforderungen ist es, die Vielfalt der eingesetzten Kunststoffe einzudämmen. Bevor das Thema Recycling auf die Agenda der Branche kam, wurden zum Beispiel Armaturenbretter aus bis zu 20 verschiedenen Kunststoffen hergestellt. Ein solcher Mix lässt sich kaum wieder aufbereiten. Peugeot zeigte dann bei seinem Modell 607, dass man den größten Teil der Instrumententafel auch aus einem einzigen Kunststoff produzieren  kann, damit das Material am Ende des Autolebens in den Werkstoffkreislauf zurückgeführt wird.

Rücknahme vor 20 Jahren geregelt

Das Konzept der Zweitverwertung ist so neu nicht. BMW zum Beispiel hat schon in den 1960er Jahren ein Hochwert-Recycling-Werk errichtet, in dem Motoren, Elektronikkomponenten, Lichtmaschinen und andere Bauteile für den Einsatz in Gebrauchtautos aufbereitet werden. Damals sind allerdings Kostenvorteile die Triebfeder fürs Sammeln und Wiederverwerten von Bauteilen und Komponenten, die aus teuren Primärmaterialien hergestellt sind. Um wachsende Müll- und Altreifenberge, um Halden mit rostigem Metall, Batterien, Altöl, Glas und Kunststoffen schert sich die auf Konsum getrimmte Gesellschaft bis in die 1990er Jahre nicht.

Des Automobils entledigen sich die Bundesbürger jahrzehntelang so, wie sie es auch mit Dosen, Joghurtbechern und Verpackungen tun – das Gros landet auf der Halde, manches wird verbrannt. Rund 2,6 Millionen Fahrzeuge landen Jahr für Jahr auf den Autofriedhöfen der Republik.

Doch in den frühen 1990er Jahren erreicht die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, allmählich auch die große Regierungspartei. Klaus Töpfer (CDU), damals Bundesumweltminister, will das Wachstum der Autoschrottberge mit einer drastischen Verordnung stoppen. Recycling-Kreisläufe sollen geschaffen werden, zunächst einmal für die Hälfte des anfallenden Altautomülls.

Leserkommentare
  1. Reiner Naturkautschuk ist technisch nicht zu gebrauchen. Wenn daraus Reifen herstellt werden, ist das keine Natur mehr.

    Wolle ist doch viel zu teuer, es sind höchstens Abfälle oder Textilreste.

    Die Bumper ( Stoßfänger ) als größte Kunststoffteile am Auto sind fast immer in Wagenfarbe lackiert. Und damit kaum noch zu recyceln, weil nicht sortenrein. Da hilft nur noch regenerative thermische Oxidation. ( amtliche Umschreibung für Verbrennen )

  2. die Entwicklung von Recycling-Strategien läuft der technischen Entwicklung ständig hinterher, denn jede Innovation, jeder Materialwechsel bringt neue Probleme. So zum Beispiel, wenn in leichteren Karossen Verbundwerkstoffe ioder Aluminium statt Stahlblech Verwendung finden. Entwickler müssten also zugleich die Entsorgungs/Recyclingtechniken mit entwickeln, was wohl eher selten geschieht. Wenn eine Recyclingsschiene endlich funktioniert verschwindet u.U. schon der anvisierte Rohstoff vom Altfahrzeugmarkt, weil zwischenzeitlich neue Materialien und Techniken ihn ersetzen.
    Eine wichtige Tatsache ist andererseits, dass extrem viele Altautos ein zweites Leben als Dreckschleuder irgendwo in Afrika erleben statt hier verschrottet zu werden. Da werden Altfahrzeuge im großen Stil von Einkäufern eingesammelt und nach Afrika verschifft. Das ist gut für die Nutzung des eingesetzten Materials, vielleicht auch für die Mobilität in den Zielländern, aber schlecht für die Umweltqualität in den betroffenen Regionen. Am Ende landet dann der unbrauchbare Rest doch irgendwo in der Wildniss auf einer Halde und der Autohersteller ist raus aus der Verpflichtung.

    • porph
    • 15. Mai 2013 16:11 Uhr

    Am Anfang des Artikels las sich das alles noch einigermaßen schlüssig, doch dann wurde die ganze Thematik immer unglaubwürdiger.

    Soso, die Hersteller sollen also Autos kostenfrei zurücknehmen um sie dann möglichst recycling-konform zu verschrotten.

    ... aber nur, wenn sie jünger als 12 Jahre sind.

    Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man jetzt lachen. Wie fehlkonstruiert muss ein Auto sein, dass es sinnvoll wäre, es nach weniger als 12 Jahren zu recyclen?

    Bislang ist es doch "zum Glück" zumindest noch so, dass jedes Auto mehrere Besitzer hat, bevor es dann irgendwann doch auf dem Müll landet. Dadurch wird die bei der Produktion anfallende riesige Delle in der Umweltbilanz zumindest ein klein wenig wieder geglättet.

    Aber nun haben die Autohersteller eine bessere Idee. Ein besser zu recyclendes Auto, damit die Neuwagenbesitzer ihr Auto am besten nicht weiterverkaufen, sondern einfach direkt verschrotten. Klar, dann können sich ja deutlich mehr Leute einfach ein neues Auto kaufen, dass dann möglichst schnell auf dem Müll landet. Brilliante Umsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens!

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    ... weiß: Press-Inform – lesen überflüssig.

  3. ... weiß: Press-Inform – lesen überflüssig.

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    Antwort auf "Meinen die das Ernst?"

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  • Schlagworte Klaus Töpfer | Fahrzeug | Kunststoff | Recycling
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