Wer die Gefahr sucht, muss nur vor die Haustür gehen. Der Verkehr innerhalb der Ortsgrenzen bietet das höchste Risiko, bei einem Unfall verletzt zu werden. Fast zwei Drittel aller Unfälle mit Personenschäden geschehen laut der Statistik in der Stadt. Einer der Gründe für die hohe Zahl ist so nahe liegend, dass er gern vergessen wird: "In der Stadt treffen alle aufeinander", sagt Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV).

Der Radfahrer wechselt zwischen Straße und Radweg, der Fußgänger kreuzt gern auch mal abseits des Zebrastreifens die Fahrbahn und dazu bewegen sich natürlich zahllose Autos und Motorräder zu ihrem Ziel. Passionierte Fußgänger kennen es gar nicht anders – aber gerade Autofahrer müssen sich, wenn sie von draußen in eine Stadt einfahren, umstellen.

Anders als außerorts, wo ein Autofahrer selten Radfahrern und Fußgängern begegnet, muss er sich in der Stadt auf immer wieder neue Situationen einstellen. Mal befährt er eine Vorfahrtstraße, mal gilt rechts vor links und immer häufiger verlangen auch Kreisverkehre die Aufmerksamkeit. Darum findet Brockmann den hohen Anteil des Stadtverkehrs an Unfällen mit Personenschäden gar nicht mal überraschend hoch – es sei eher überraschend, dass der Anteil nicht noch höher liege, sagt er.

Denn zum genannten Grundproblem kommt eine weitere Besonderheit des Stadtverkehrs. Die Konzentration auf das eigentliche Verkehrsgeschehen wird noch durch unzählige weitere Dinge erschwert, welche Aufmerksamkeit auf sich ziehen: eine blinkende Werbetafel, Schaufenster und natürlich auch Menschen am Straßenrand, die das Interesse wecken. Das menschliche Gehirn ist im Stadtverkehr besonders beansprucht und einer regelrechten Reizüberflutung ausgesetzt. Anders als auf der Autobahn, wo auch niemand den Weg kreuzt.

Im Kreisverkehr den Radweg meiden

Zudem sind in der Stadt die Voraussetzungen für die Verkehrsteilnehmer denkbar unterschiedlich. Viele Städte sind auf eine möglichst staufreie Bewältigung des Autoverkehrs ausgerichtet, dem sich andere unterordnen müssen. Wenn es den Planern nicht passt, dann findet der Fußgänger eben keinen per Ampel geregelten Weg über eine mehrspurige Hauptverkehrsstraße. Er hat dann die Wahl, zu einem entfernten Überweg zu marschieren oder auf eine Lücke im Verkehr zu warten und dann loszurennen – nicht selten mit fatalen Folgen.

Auch Radfahrer spielen in der Hierarchie des Stadtverkehrs bestenfalls die zweite Geige. Das lässt sich daran erkennen, dass innerorts immer häufiger Kreisverkehre installiert werden. Die gelten zwar als geeignetes Mittel zur Staureduzierung und helfen dabei, Kreuzungsunfälle zu verhindern. Dem Radfahrer dagegen bringen sie rein gar nichts – im Gegenteil. Die UDV hat herausgefunden, dass Radler zwar gern auf den Radwegen unterwegs sind, die außen um den Kreisverkehr führen, häufig allerdings entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung. Das wird zum Problem, wenn sie über die Zebrastreifen der Zufahrtsstraßen rollen, während dort Autofahrer gerade die aus der anderen Richtung im Kreis näher kommenden Wagen beobachten und bei einer Lücke im Verkehr plötzlich losfahren.

Was die Forscher den Radfahrern daher raten, mag zunächst seltsam klingen: Sicherer ist die Sache, wenn sie an Kreisverkehren auf die Nutzung des Radwegs verzichten und im Kreisel auf der Fahrbahn der Autos radeln. "Grundsätzlich ist es tatsächlich sicherer, auf der Fahrbahn zu fahren", stimmt Bettina Cibulski vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) zu. "Die Radfahrer werden dort einfach besser wahrgenommen."