VerkehrssicherheitDeutsche Radfahrer sind Helmmuffel

Nur 13 Prozent der Radler tragen immer Kopfschutz. Dies ergab eine ZEIT-ONLINE-Umfrage. Bei der Helmpflicht zeigen sich die Deutschen unentschieden. von 

Ab aufs Fahrrad – aber nur mit Helm: Diese Haltung ist in Deutschland wenig verbreitet. Lediglich knapp elf Prozent der Deutschen tragen nach eigener Aussage beim Radfahren immer einen Helm, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag von ZEIT ONLINE ergab. Rund 46 Prozent aller Befragten fahren dagegen nie mit einem Kopfschutz. Immerhin gut ein Fünftel gab allerdings an, sowieso kein Fahrrad zu fahren.

Betrachtet man die restlichen vier Fünftel noch einmal gesondert, so ergibt sich ein noch klareres Bild: Von den Radlern unter den Befragten tragen 58 Prozent nie einen Helm, während 28 Prozent ihn meistens oder immer aufsetzen (siehe erste Grafik). Besonders große Helmmuffel sind die Radfahrerinnen: Fast 62 Prozent der Frauen verzichten immer auf den Helm, nur knapp ein Viertel nutzen einen meistens oder immer.

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Kaum Unterschiede lassen sich bei einem Vergleich nach Altersgruppen ausmachen. Am meisten machen die 35- bis 44-Jährigen vom Fahrradhelm Gebrauch, allerdings sind es nur 17 Prozent, die immer einen tragen. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es 12,1 Prozent – bei den über 45-Jährigen ist der Wert nur um wenige Nachkommastellen höher.

© ZEIT ONLINE

Etwa drei von fünf Radler sind folglich "unverständige" Menschen – zumindest wenn man die Bewertung des Oberlandesgerichts Schleswig-Holstein heranzieht. Dieses urteilte vorige Woche, "dass ein verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen wird". Darum gaben die Richter einer Radfahrerin die Mitschuld an den Folgen eines Unfalls, bei dem sich eigentlich eine Autofahrerin verkehrswidrig verhalten hatte. Diese hatte unmittelbar vor der Radlerin die Autotür geöffnet – die Radfahrerin konnte nicht mehr ausweichen, stürzte und verletzte sich schwer am Kopf.

Das OLG entschied, dass die Verletzungen weniger schwer gewesen wären, wenn die Radfahrerin einen Helm getragen hätte. Darum müsse sie 20 Prozent des entstandenen Schadens selbst tragen, auch das Schmerzensgeld wurde um ein Fünftel verringert. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club hält die Entscheidung für nicht sachgerecht und wird die verletzte Radfahrerin bei der Revision gegen das Urteil beim Bundesgerichtshof unterstützen.

Das Urteil hat auch die Debatte um eine Helmpflicht neu belebt. In Deutschland gibt es diese bisher nicht, aber das jetzige Urteil könnte wie eine Helmpflicht wirken: Viele Radler dürften Sorge haben, dass ihnen ohne Helm ebenfalls eine Mitschuld an den Folgen eines Unfalls gegeben werden könnte.

Leserkommentare
    • hairy
    • 24. Juni 2013 18:45 Uhr

    wären vernünftige Radwege weit besser. Die Niederlande machts vor.

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    Radwege sind das Ghetto des Radfahrers. Zugeparkt, von Baumwurzeln gesprengt oder von Fußgängern als Bürgersteigerweiterung genutzt.

    Mir wären vernünftige Fahrradspuren auf der Fahrbahn lieber. Aber der deutsche Stadtplaner opfert dafür doch keine dem heiligen Auto zugedachte Spur. Deshalb muss der städtische Radfahrer beim nur durch Autos verursachten alltäglichen Verkehrsinfarkt bei fehlendem Radweg blöde in Abgasen herumstehen.

    Ich kann hier die meisten Kommentare absolut nicht nachvollziehen: Der Zustand der Radwege hat doch nichts mit meiner persönlichen Sicherheit zu tun! Es wäre natürlich wünschenswert, wenn sich hier was tut, aber stürzen kann man trotzdem und ich weiß nicht, was meinen Kindern schon passiert wäre, hätten die keinen Helm getragen. Zumindest schützt der Helm einen Teil des Gesichts und ich bin mir sicher, dass der ein oder andere Schädelbruch durch Helme verhindert wurde. Warum muss man das wegen ein bisschen Komfortverlust schlecht reden?
    Wer dann meint, das Dingens hilft doch eh nix, hats eben nicht besser verdient. Mich erinnert das Theater hier durchaus an die Einführung der Gurtpflicht...

    Auch Radwege kreuzen Straßen, und besonders da werden Radfahrer oft nicht von Autofahrern bemerkt. Fußgänger überqueren unachtsam Radwege, insbesondere wenn sie vom Shopping-Glück erfüllt aus einem Geschäft stürzen oder ihrer Freundin gleich am Telefon vom letzten Schuhschnäppchen berichten. Und schließlich werden Radwege auch noch von anderen Radfahrern benutzt, und die fahren nicht selten wie die gesenkte Sau. Und ich sage das als Radfahrer, der selber gerne schnell fährt (und zwar lieber auf der Fahrbahn, weil ich da eher wahr genommen werde).

    Ich habe 12 Jahre in London gelebt und bin dort viel Rad gefahren. Helm zu tragen ist dort weitgehend selbstverständlich. Das deutsche Gejammer über die Frisur, die Unbequemlichkeit oder "dass das doof aussieht" kann ich nur bemitleiden. Radfahren in der Stadt ist eine praktische Form der Fortbewegung, und nicht zuvorderst eine Gelegenheit zur eitlen Selbstdarstellung. Kopfverletzungen beim Radfahren sind vielleicht nur die dritthäufigste Unfallfolge, können aber die schwerwiegendsten Konsequenzen haben. Als Arzt bin ich bestens mit ihnen vertraut; einen leichten und gut durchlüfteten Helm aufzusetzen ist gegen ein Schädel-Hirn-Trauma wirklich nicht der Rede wert.

    Selbstverständlich ist Radfahren in der Stadt ohne Helm unvernünftig; es braucht dazu kein Gericht, dies fest zu stellen.

    ... dann brauchen sich die umweltschonenden Radler auch nicht in den ollen Helm zwängen.

    Stimmt absolut!

    Die Niederländer trennen den Radweg auch durch eine Kante vom Bürgersteig. Das kostet erst mal Geld rechnet sich aber. Kinder fahren mit dem rad zur Schule, in Deutschland in etlichen Regionen undenkbar.

  1. Der Helm macht das komfortable Fortbewegungsmittel Fahrrad, auf das man nur aufspringen muss und los geht's, ein unkomfortables Fortbewegungsmittel, weil man am Ziel angekommen dann immer dieses Ding dabei hat. Ist man auf dem Weg zur Arbeit, kommt man auch noch mit verschwitzter "Helmfrisur" an. Hoffentlich hat man da keinen Kundenkontakt.

    Auch die zusätzliche Sicherheit, die einem dieser Helm bietet ist eher eingeschränkt. Ein Fahrradhelm ist nicht mit einem Motorradhelm vergleichbar, auch fahre ich auf dem Fahrrad nicht mit Motorradkombi.

    Wird man als umsichtiger Radfahrer von einem rücksichtslosen Autofahrer schwer verunfallt, hilft der Helm nur in Ausnahmefällen.

    Bin ich als Radsportler unterwegs, tue ich mir den Helm an, im Alltag aus den genannten Gründen aber nicht.

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    "Ein Fahrradhelm ist nicht mit einem Motorradhelm vergleichbar, auch fahre ich auf dem Fahrrad nicht mit Motorradkombi."

    Das war (wahrscheinlich ungewollt) ein sehr interessanter und guter Punkt:

    Wenn das nicht Tragen eines Helms zu einer Mitschuld führt, dann bedeutet dies im Rückschluss, dass auch das nicht Tragen eines Sicherheitsanzugs, wie z. B. einer Motorradkombination, dazu führt, dass man an einem Unfall, den jemand anders verschuldet, eine Mitschuld trägt!

    Dies würde also bedeuten, dass mit der Helmpflicht auch die Pflicht zum Tragen einer Motorradkombi auf dem Fahrrad einher gehen muss, sollte denn die Begründung des OLG Schleswig-Holstein einen Sinn ergeben...

    Sehr interessanter Gedanke ...

  2. hat es mit dem fahrrad schon oft gerissen. aber nen helm habe ich dafür nicht gebraucht. geprellte rippen, geschürfte beine.
    wenn ich nen unfall habe, bei dem mein kopf stoßdämpfer sein würde, dann wird mir auch der helm nichts bringen.

    mir wärs lieber, wenn sie dafür sorgen, das autofahrer die geschwindigkeit und die verkehrsregeln einhalten. verkehrsberuhigte zone? vorfahrt? türe öffnen ohne zu schauen usw.

    radfahrer die ständig für andere verkehrsteilnehmer mitdenken müssen. würde ich bei jeder vorfahrt durchziehen, ich wäre schon tausendfach überrollt worden. da hätte mir auch kein helm etwas gebracht.

    abkassierblitzereien an stellen wo keine not herrscht, falschparken tickets, beim abkassieren sind die behörden zur stelle. schulen, krankenhäuser, spielplätze -> verkehrsberuhigte zonen, da sieht meinen keinen von den grünen (oder blauen).
    aber die helmpflicht einführen wollen, um dem radfahrer das geld aus der tasche ziehen und sicherheit suggerieren wollen.

    fehlt nur noch,das man ein kennzeichen braucht.

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    • Panga
    • 24. Juni 2013 18:50 Uhr

    Es gibt nun auch Helme für Fussgänger. Ganz entzückend die Modell für die Kleinen mit Blinklicht oben drauf und einer Sirene, gegen Aufpreis auch ferngesteuert.

    Übrigens, Sicherheitsfanatismus ist auch eine Art Geisteskrankheit und hat mit Vorsicht nichts zu tun.

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  3. Radwege sind das Ghetto des Radfahrers. Zugeparkt, von Baumwurzeln gesprengt oder von Fußgängern als Bürgersteigerweiterung genutzt.

    Mir wären vernünftige Fahrradspuren auf der Fahrbahn lieber. Aber der deutsche Stadtplaner opfert dafür doch keine dem heiligen Auto zugedachte Spur. Deshalb muss der städtische Radfahrer beim nur durch Autos verursachten alltäglichen Verkehrsinfarkt bei fehlendem Radweg blöde in Abgasen herumstehen.

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    Antwort auf "Statt Helmpflicht"
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    Radwege, wie es sie z. B. in den Niederlanden gibt, haben mit dem, was in unseren Breitengraden unter dieser Bezeichnung so präsentiert wird, ziemlich wenig gemeinsam. Wird tatsächlich komplette Infrastruktur für Fahrradverkehr geplant, geschaffen und intelligent in die bestehende Infrastruktur gleichberechtigt aufgenommen, dann sind die von Ihnen angesprochenen Probleme eigentlich kein Thema mehr. Gut, Helmpflicht für Kinder macht Sinn, da diese noch etwas wackelig unterwegs sind.

  4. Wie konnten wir als Menschheit ca. 200 Jahre lang ohne Helm überleben?

    Was darf es denn sonst noch sein? Nummernschilder für Drahtesel? Steuermarken? Jährlicher TÜV?

    Man kann es auch echt übertreiben mit der Kontrollwut...

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  5. Die wissenschaftliche Studienlage zum Thema Fahrradhelm ist komplex und so wie es einige Studien gibt, die auf einen Sicherheitsnutzen des Helmes hindeuten, so gibt es auch etliche andere Studien, die genau das bestreiten oder gar feststellen, dass Helme kontraproduktiv sein können.

    Und selbst wenn es doch so sein sollte, dass das Fahren ohne Helm gefährlicher ist, sollte es einem immer noch selbst überlassen bleiben, ob man einen tragen will oder nicht. Der normale Radfahrer ist vielleicht mit 15 bis 20 km/h unterwegs und das größte Risiko für ihn sind Kraftfahrer und sonst kaum etwas anderes. Man sollte verkehrspolitisch bei sichereren Verkehrswegen für Radler ansetzen und Kraftfahrer für den Radverkehr sensibilisieren anstatt Radfahrer zu gängeln.

    Wenn eine Helmpflicht kommt ist es bei mir Schluss mit dem Radfahren. In Neuseeland, wo eine solche Pflicht gilt, hab ich mich auch geweigert Rad zu fahren. Das Kunststoffding nervt, man schwitzt auf dem Kopf, hat einen Fremdkörper und außerdem ruiniert es die Frisur. Und wenn mich ein LKW bei voller Fahrt rammt, nutzt mir so ein Pappplastikhelmchen auch nicht mehr viel.

    Für sachliche Argumente bin ich bei dem Thema offen. Aber man liest ja zu dem Thema eher Angstmache und tränenrührige Geschichten vom Freund eines Bekannten eines angeblichen Hirnchirurgen, der praktisch nur schwere Kopfverletzungen von Radfahrern verarztet.

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    Um 10 Frauen zu retten müssen Hunderttausend untersucht werden und werden 3000 mit falsch positiven Werten verunsichert oder so.
    Ich möchte mal eine Untersuchung sehen, bei der nachgewiesen wird, wie viele Fahrradunfälle mit Kopfverletzungen es gegeben hat, wer Schuld daran war und wie oft ein Helm ganz direkt den Radfahrer vor schlimmeren Schäden bewahrt hat.

    Diese Art der Argumentation wurde auch bei der Einführung der Helmpflicht für Motorräder oder der Gurtpflicht für Autofahrer gerne genommen, um die eigene Uneinsichtigkeit zu kaschieren. Ich bin für meinen Fahrradhelm schon mehrfach dankbar gewesen. Er kann leider bei weitem nicht jede Kopfverletzung vermeiden, aber einen Teil davon schon. Die Unversehrtheit meines Hirns ist mir wichtig, das liegt entweder daran, dass es sowieso nur knapp ausreichend ist, oder daran, dass den Leuten ohne Helm ihre geistige Leistungsfähigkeit völlig egal sein kann (Achtung, Ironie!).
    Das Geschwindigkeitsargument ist meines Erachtens an den Haaren herbeigezogen. Einen Helm tragen zu müssen, ist meines Erachtens kein unzulässiger Eingriff in die persönliche Freiheit. Ob eine Helmpflicht für Erachsene angebracht ist, wenn in den Städten das Velofahren derartig erschwert wird, ist eine gute Frage (für Kinder ist das wohl klar). Ich denke aber, der Vorwurf mangelnder Einsicht bei Helmverweigerern ist gerechtfertigt, denn so wichtig ist die Frisur bzw. das "coole Aussehen" auf dem Velo nun wieder auch nicht. Und eine luftdichten, schweisstreibenden Helm muss man ja nicht kaufen, da gibts andere.

  6. Brauch ich mich eigentlich noch wundern, oder gar aufregen, dass dieser Artikel in der Rubrik "Auto" erscheint?!

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    Redaktion

    Lieber Hermann Grabowski,
    wir sind derzeit in den Vorbereitungen für eine Umbenennung des Ressorts. Mehr demnächst auf ZEIT ONLINE.

    Beste Grüße
    Matthias Breitinger

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  • Schlagworte Autofahrer | Erwachsene | Fahrrad | Grafik | Umfrage | Verkehr
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