Marode StraßenIm Zick-Zack um die schwarzen Löcher

Drei Milliarden Euro kostet es, alle Schlaglöcher in den Straßen der Kommunen zu flicken, schätzt der ADAC. Wie allein Essen gegen 10.000 Schäden kämpft, zeigt M. Sommer. von Marcel Sommer

Die Nummer ist harmlos: Unter 1006-34 wird das Verkehrsschild geführt, das Autofahrer auf lästige Löcher hinweist: "Straßenschäden". Das klingt bisweilen untertrieben, sehen viele Straßen doch aus wie die Oberfläche des Mondes – vor allem nach einem so kalten Winter, wie er dieses Jahr hinter uns liegt.

Die Schlaglöcher sind allerdings nicht nur störend. Sie belasten auf Dauer das Fahrwerk, und ab einer gewissen Tiefe fügen sie Felgen Schäden zu. An spitzen Kanten von Schlaglöchern leiden die Reifen, selbst der Stahlgürtel im Reifengummi kann kaputtgehen. Für Motorrad- oder Fahrradfahrer können Schlaglöcher im schlimmsten Falle tödlich sein.

Anzeige

Wie sie entstehen, ist schnell erklärt. Durch rissig gewordene Stellen im Asphalt dringt Regenwasser unter die Fahrbahndecke. Bei stetigem Dauerfrost gefriert das Wasser zu Eis und dehnt sich aus, die Fahrbahndecke wölbt sich nach oben. Steigen die Temperaturen wieder, schmilzt das Eis. Es bleiben instabile Hohlräume zurück, die unter den hohen Fahrzeuggewichten in sich zusammenstürzen – der Schaden wird sichtbar.

Der ADAC schätzt, dass mehr als die Hälfte der Gemeindestraßen beschädigt ist. Der Verkehrsklub taxiert die Kosten, die zur Ausbesserung der kommunalen Schlaglöcher nötig sind, auf drei Milliarden Euro. Die Städte kommen mit den Straßenarbeiten kaum hinterher. Zum Beispiel Essen: Das Straßenbauamt weiß von aktuell mehr als 10.000 Schlaglöchern in der Ruhrstadt. Und es kommen immer wieder neue hinzu: Aufmerksame Bürger können der Stadtverwaltung ein entdecktes Loch per Post, E-Mail oder telefonisch melden.

40 Straßenbegeher für 1.600 Kilometer

Die telefonische Hotline ist 24 Stunden lang besetzt. Doch da beginnt schon das erste Problem, denn die Hotline ist für alles rund um die Straße zuständig: Defekte Ampelanlagen oder Straßenlaternen werden dort ebenso aufgenommen wie der Krater vor der Haustür. Je nach Dringlichkeitsstufe, sprich den Ausmaßen eines Schlaglochs, dauert es zwischen wenigen Stunden und zwei Tagen, bis sich das Straßenbegehungsteam des Lochs annimmt. In Essen gibt es 40 Straßenbegeher für das 1.600 Kilometer große Straßennetz. Ein Straßenbegeher überwacht demnach 40 Kilometer.

Dass sich einer der 40 Begutachter den Schaden anschaut, heißt aber noch lange nicht, dass er in Bälde auch behoben wird. Dazu ist die Zahl der Löcher schlicht zu groß. Wird ein Schlagloch für nicht verkehrsgefährdend erachtet, passiert daher erst einmal überhaupt nichts. Es wird irgendwann im Rahmen einer Straßenerneuerung beseitigt, wie Stefan Schulze, Pressereferent der Stadt Essen, erläutert. "Bis dahin gilt es, im Zick-Zack-Kurs um die Löcher herumzufahren."

Ist ein Loch gefährlich, werden Absperrungen errichtet. Und sollte die ganze Straße in absehbarer Zeit einer größeren Sanierung unterzogen werden, werden für eine Übergangszeit zusätzlich die erwähnten Schilder "Straßenschäden" aufgestellt. Die Löcher werden dann behelfsmäßig geflickt, damit die Straße bis zur Sanierung nutzbar bleibt.

Leserkommentare
  1. 1. Winter

    ...wenn ich mich hier in einer Nachbarstadt Essens umschaue, dann stammen die Schlaglöcher eher aus den letzten 10-20 Wintern, als nur aus dem letzten.

    Allein auf den nicht mal 10 Km zur Arbeit fahre ich über drei Straßen, die diese Bezeichnung eigentlich nicht mehr verdienen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "..wenn ich mich hier in einer Nachbarstadt Essens umschaue, dann stammen die Schlaglöcher eher aus den letzten 10-20 Wintern, als nur aus dem letzten.
    Allein auf den nicht mal 10 Km zur Arbeit fahre ich über drei Straßen, die diese Bezeichnung eigentlich nicht mehr verdienen."
    ------------------------
    Da in NRW Rot-Grün gewählt wurde, scheint es noch nicht schlimm genug zu sein. Kauft halt Geländewagen in den Städten.

  2. 5 Leserempfehlungen
  3. ...auch in Bochum hat sich der Strassenzustand seit 1992 ständig verschlechtert. Jetzt ist er Katastrophal. Oder eigentlich auch nicht, denn international gesehen hat er den Standart vieler Nationen erreicht. Möglicherweise ein Akt der Globalisierung. Die öffentliche Verwaltung ebenso, die gerne bestimmt und Gebühren erhebt, aber für nichts verantwortlich ist. Was jeder an solchen im Artikel beschriebenen juristischen Spitzfindigkeiten erkennen kann. Das beutelt den Haushalt einer Stadt ebenfalls, denn dort werden Leute bezahlt, die nix machen müssen. Die Idee einer Strassenkontrolle, hier umgesetzt in Form von einigen Arbeitern, die ein paar Schippen Teer in ein Schlagloch werfen und diesen dann mit Schaufeln festklopfen, deutet entweder auf geniale Propagandisten hin, die Mängel der politischen Willensumsetzung beim Bürger richtig einschätzen. Oder auf Strassenbauliche Vollpfosten, wie man im Ruhrgebiet ja so liebevoll sagt. Nun, ich kann bei alledem auch keinen Rat geben. Um meine Kosten zu begrenzen, habe ich mein Auto verkauft. Keine Steuer, keine Versicherung. Keine erhöhten Parkgebühren oder sonstige Knöllchen für den Stadtkämmerer mehr ;-) Hat natürlich auch andere Gründe, die haben nix mit der Ineffizienz dieses Verkehrsmittels durch den Strassenzustand zu tun. Aber was soll es, ich bin dann mal weg...aus dieser maroden Angelegenheit.

    2 Leserempfehlungen
  4. Schlaglöcher stopfen ist wie Rost überpinseln, es ist nur eine temporäre Lösung. Eigentlich müßte die Fahrban neu Asphaltiert werden, und zwar großflächig. Denn die gestopften Schlaglöcher sind eine Schwachstelle die der Frost zuverlässig findet.

    Kaputte Straßen sind halt eine Folge des dauerhaften Spardiktats aus der Politik (alternativlos, ich weiß).

    Eine Leserempfehlung
  5. wie bei der Schrottprämie.
    Die Kommunen beauftragen aus ihrer finanziellen Not nur 3.klassige Unternehmen, gerne aus Bulgarien o.ä. Außerdem werden Straßen wenn überhaupt schlecht saniert, kann man an nicht planen Gullideckeln sehen. Eine Fachfirma kann das, so dass kein Auto in ein "GulliLoch" fährt. Außerdem teert keine Fachfirma bei Regen. Die Straße geht bei Frost sofort kaputt.
    Dazu haben viele Kommunen fachkompetente Abnahmen durch Fachingenieure eingespart, so dass es einem Starßenbauunternehmen ein Leichtes ist die Kommune zu betuppen.
    Deutschland, ein Land im Untergang. Nur 40% haben noch nichts gemerkt, wenn man den Demoskopen Glauben schenken darf.

    • Dumdi
    • 28. Juni 2013 18:40 Uhr

    lediglich der Meinung, daß wir als Bürger die Binnenkonjunktur ankurbeln sollen. Wegen Schlaglöcher haben wir gerade 500 € investieren dürfen. Vielleicht sollte man endlich die Kfz-Steuer dort - das Straßennetz - investieren wofür sie gedacht ist weil die Straßen in einem desaströsen Zustand ist. 3 Milliarden sind quasi Peanuts für den deutschen Staat. Vielleicht sollen wir auch nur slalomfahren lernen?

  6. "..wenn ich mich hier in einer Nachbarstadt Essens umschaue, dann stammen die Schlaglöcher eher aus den letzten 10-20 Wintern, als nur aus dem letzten.
    Allein auf den nicht mal 10 Km zur Arbeit fahre ich über drei Straßen, die diese Bezeichnung eigentlich nicht mehr verdienen."
    ------------------------
    Da in NRW Rot-Grün gewählt wurde, scheint es noch nicht schlimm genug zu sein. Kauft halt Geländewagen in den Städten.

    Antwort auf "Winter"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Autofahrer | Essen | Sanierung | Straßenbau
Service