Verkehr : Forscher machen unsere Straßen schlau

Straßen, die freie Parkplätze melden und Abgase ungiftig machen: Tüftler haben irre Ideen für smarte Fahrbahnen. Vieles wird schon ausprobiert.
Solarmodule auf einem Parkplatz in Kalifornien (Archivbild) © Sandy Huffaker/Getty Images

Was kommt heraus, wenn man Straßen mit Smartphones kreuzt? Andreas Klok Pedersen, Partner des dänischen Architekturbüros Bjarke Ingels Group, hat auf diese Frage spektakuläre Antworten: In seinem Plasti City genannten Konzept gleichen die Chausseen der Zukunft riesigen Displays aus LED-Leuchten. "Straßen reagieren auf ihre Umwelt", sagt er.

Fahrspuren, Verkehrsschilder und Ampeln gibt es nicht mehr – stattdessen organisiert sich der Verkehr spontan: Bunte Pfeile im Boden zeigen an, wohin computergesteuerte Autos fahren. Leuchtende Kreise markieren Fußgänger, um sie besser sichtbar zu machen. Und am Wochenende verwandeln die Leuchtmarkierungen die Straße in einen Marktplatz oder ein Fußballfeld.

So ausgefallen die High-Tech-Vision klingt, die Pedersen in Berlin-Mitte verwirklichen will – sie zeigt, welches Potenzial für neue Mobilitätsideen in unseren Städten buchstäblich auf der Straße liegt. Selbst wenn Teile der Infrastruktur zu vergreisen drohen. Gebaut wird weiter massiv: Tag für Tag sprießen neue Verkehrsadern ins Land. Bis 2050, schätzt die Internationale Energie Agentur (IEA), werden für 33 Billionen US-Dollar neue Straßen ausgerollt. Die Länge der weltweiten Verkehrswege erreicht dann 70 Millionen Kilometer. Die von ihnen bedeckte Fläche wäre so groß wie Deutschland.

Straßennetz kann mehr sein als Teerwüste

Dieses Terrain nur als Rollbahn zu verwenden halten Forscher zunehmend für Verschwendung. Sie glauben, dass unser Straßennetz – das größte Bauwerk, das die Menschheit je errichtet hat – viel mehr sein kann als nur eine elend lange, dumme Teerwüste. Wenn Autos intelligent werden und Handys smart: Warum sollen dann nicht auch Straßen neue Aufgaben erfüllen?

Energie erzeugen zum Beispiel. Startups wie Solar Roadways in den USA wollen Straßen in Sonnenkollektoren verwandeln. Ein niederländisches Unternehmen arbeitet an einer temperaturempfindlichen Fahrbahnfarbe, die Autofahrer bei Frost vor Glatteis warnt. Und in Mannheim lädt Asphalt künftig Linienbusse an der Haltestelle per Drahtlosstrom auf.

Das klingt nach teuren Träumen. Doch tatsächlich könnte die Technik immense Kosten sparen: Staus kosten die deutsche Wirtschaft 7,8 Milliarden Euro im Jahr, so der US-Verkehrsinformationsdienst Inrix. Und laut IEA verursacht der Straßenverkehr rund 16,5 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen – mit enormen Folgekosten, die auf keiner Straßenbaurechnung stehen. Ebenso wenig wie die rund 1,2 Millionen Verkehrstoten Jahr für Jahr. Zumal künftig noch deutlich mehr Menschen und Güter unterwegs sein werden. Experten sind überzeugt: Wenn mit dem Verkehrsaufkommen nicht auch Unfälle, Staus und Schadstoffe noch weiter wachsen sollen, müssen Straßen smart werden. Sie müssen helfen, den Verkehr besser zu organisieren – und darüber hinaus vielleicht auch ganz neue Funktionen übernehmen.

Asphalt meldet freie Parkplätze

Jeden Abend beginnt in deutschen Innenstädten ein trauriges Schauspiel: Autofahrer manövrieren durch die Wohnviertel auf der Suche nach dem einen letzten freien Parkplatz. Das Gekurve kostet Millionen Menschen Zeit, Sprit und Nerven. Forscher schätzen, dass ein Drittel des Verkehrs in Innenstädten allein durch die Stellplatzsuche zustande kommt. In Braunschweig soll das ein Ende haben. Dort testet das US-Startup Streetline zusammen mit dem Industriekonzern Siemens ein System, das Autofahrer per Smartphone-App zum freien Parkplatz navigiert. Dazu installiert Streetline Sensoren im Asphalt, die erkennen, ob dort ein Auto steht. Per Funk gelangen die Informationen an einen Server im Internet und von dort in die App. Noch sind in Braunschweig nur 60 Testsensoren installiert – in San Francisco dagegen sind es schon 7.000. Wenn 100.000 Autofahrer dreimal pro Woche die Park-App nutzen, behauptet Streetline, spare das 670.000 Liter Benzin im Jahr.

Eine weitere Technik, mit der Straßen künftig Informationen weitergeben, entwickelte die Amerikanerin Elizabeth Redmond. Sie baut mit ihrem Startup Powerleap Gehwegplatten, unter denen druckempfindliche Materialien Strom erzeugen. Der kann Sensoren betreiben, die per Funk Straßenlaternen aktivieren, wenn Fußgänger unterwegs sind.

Die passenden Laternen, die solche Informationen verarbeiten, gibt es schon – zum Beispiel in der niederländischen Stadt Tulberg. Die Lichter werden automatisch heller, wenn Sensoren Fußgänger und Fahrzeuge registrieren. Die Technik, die unter anderem der Elektronikhersteller Philips anbietet, vermeidet gegenüber modernsten, ohnehin sehr genügsamen LED-Lampen weitere 30 Prozent Energie. In Deutschland ließen sich mit solch genügsamen Lampen jährlich mehr als 100 Millionen Euro sparen, ergab eine Befragung von mehr als 340 Gemeinden durch die Berater von PricewaterhouseCoopers (PwC). Bisher gehen viele Gemeinden anders vor: Jede vierte stellt Laternen nachts zum Teil komplett ab.

Kommentare

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Ich als...

... Fussgänger, Radfahrer, ÖPNV-Nutzer UND Autofahrer bemerke meist eher den Wahnsinn der Radfahrer (klassisch: nachts, bei Rot, ohne Licht, diagonal über die Kreuzung zwei vierspurigen Straßen, ohne auch nur einmal den Schulterblick zu machen).

>Wie wäre es mal mit dem gleichen Aufwand für Radwege
>im Straßenbau wie für Fahrräder? Fahrradüber- und
>unterführungen an gefährlichen Stellen, überhaupt erst
>mal Radwege?

Wo wohnen Sie denn? Im reichen Süden der Republik (ja, da wo die bösen Autos herkommen!) gibt es das alles.

Städte sind durch Verkehr und Handel entstanden. Los, zurück!

Die Autofahrer zahlen alles selber, und auch ihren Nahverkehr. Sämtliche ökologischen Folgekosten sind mit Steuern und Abgaben abgegolten. Anstatt Sensoren, sollten Parkplätze gebaut werden. Besser noch wäre es, die Arbeitsplätze bei den Menschen zu schaffen. Diese ständige Zentralisierung zum Größeren. Warum nicht alles aufs Dorf verlagern, wäre doch viel ökologischer und die Löhne könnten gesenkt werden.

ein langlebiger Asphalt macht mehr Sinn

Wenn dieser luftreinigende Asphalt mit einem selbstreparierenden Asphalt kombinierbar ist, ja. Ansonsten macht es kaum Sinn in einen Asphalt zu investieren, deren Umweltfreundlichkeit zu einseitig begründet wird. Umweltfreundliche Salze sind in hoher Konzentration nicht unbedingt umweltfreundlich. Außerdem löst der Asphalt eine chemische Reaktion in Gang, dies bedeutet, dass er zusätzlich einem Abbau-Prozess unterliegt, also wahrscheinlich früher und öfter repariert werden muss. Oder gibt es da andere Belege.

Wie gesagt, die Idee ist gut, aber da sind für mich noch gravierendere Fragen offen. Denn die Idee eines luftreinigenden Asphalt wirkt mehr wie eine Verlagerung des eigentlichen Problems der Luftverunreinigung. Denn das Salz gelangt dann in den Wasserkreislauf damit in den Boden etc.

Ich finde einen Asphalt sinnvoller, der sich selbst repariert und damit langlebiger ist. Also eine Grundfunktion des Asphalts gewährleistet und eventuell Kosten senken. Die Ersparnisse müssten dann in weitere andere Entwicklungen im Bereich Mobilität gesteckt werden.