Der Volvo S60 T5, in den als Versuchsträger die KERS-Technik eingebaut wurde © Hersteller

Was bei Sebastian Vettel und seinen Kollegen funktioniert, bringt auch in einem Volvo S60 T5 einen beachtlichen Leistungsschub: KERS, das Kinetic Energy Recovery System. Ein Schwungrad speichert die Bremsenergie und setzt bei Bedarf bis zu 59 kW (80 PS) zusätzlich für die Beschleunigung frei. Daneben hilft KERS in der von Volvo entwickelten Version dabei, Energie zu sparen. Im Vergleich zu einem ähnlich starken Sechszylinder soll der Verbrauch um ein Viertel verringert werden.

Das Schwungrad selbst wiegt rund sechs Kilogramm und hat einen Durchmesser von 20 Zentimeter. Das gesamte System bringt 125 Kilogramm auf die Waage und ist mit einem stufenlosen CVT-Getriebe verbunden. Das Schwungrad wird bei Bremsvorgängen beschleunigt und rotiert dann bis zu 60.000 Mal pro Minute. Die so im Schwungrad gespeicherte Energie steht dann beim Anfahren oder Beschleunigen zur Verfügung. Um Reibungen und Hitzeentwicklung zu vermeiden, läuft das Rad in einem Vakuum.

Bereits in den 1980er Jahren hatte Volvo mit einer ähnlichen Technik experimentiert. Allerdings wog die damals in einem Volvo 260 montierte Einheit mit einem aus Stahl gefertigten Schwungrad mehr als 250 Kilogramm und zeichnete sich durch eine begrenzte Rotationskapazität aus, sodass die Entwicklung bald wieder eingestellt wurde. Seit 2009 ist die Rückgewinnung kinetischer Energie, also das KERS-Prinzip, in der Formel 1 erlaubt.

In dem jetzigen Volvo-Prototypen besteht das Schwungrad aus Kohlefaser, was das Gewicht gegenüber den Versuchen aus den achtziger Jahren erheblich verringert. "Unsere Technik ist auch deshalb wirtschaftlich, weil es sich um eine rein mechanische Lösung handelt", sagt Tomas Hannebäck, bei Volvo für Kraftübertragung verantwortlich. Die Energie des Schwungrads kann das Auto kurzzeitig allein antreiben – das spart Kraftstoff.

Riskantes Kurvenverhalten

Die KERS-Technik ist in einem Hilfsrahmen im Kofferraum des S60 T5 montiert. Leitet das Schwungrad beim Anfahren oder Beschleunigen die gespeicherte Energie auf die Hinterräder des Volvo, stehen dem Fahrer im Fahrmodus "Sport" kurzfristig mehr als 300 PS zur Verfügung. Das sorgt für einen beachtlichen Boost: Die Limousine beschleunigt dann in 5,5 Sekunden von null auf 100 km/h, ohne KERS sind es 6,8 Sekunden.

Mit der Schwungradtechnik mutiert die an sich frontgetriebene Limousine für kurze Zeit zu einem Allradler. Das ändert sich schlagartig, wenn die zusätzliche Leistung nach sechs bis acht Sekunden aufgebraucht ist. Beim Versuchsträger-Fahrzeug führt das zu heiklen Situationen, wenn der S60 ausgerechnet mitten in einer Kurve wieder auf Frontantrieb umschaltet und entsprechend untersteuert. Hier ist noch Feinschliff notwendig, bis das System in Serie geht.

Über diesen Termin schweigen die Volvo-Techniker noch. Die Entwicklung ist inzwischen aber so weit, dass ein Serienstart um 2016/17 möglich erscheint. Im kommenden Jahr kommt der neue XC90 auf den Markt, das erste Modell auf der neuen, vielseitig variierbaren Volvo-Plattform SPA. Die Scalable Platform Architecture ermöglicht den Einsatz vieler Antriebsarten. Außerdem wird sich der schwedische Autobauer in den kommenden Jahren ausschließlich auf Vierzylindermotoren konzentrieren und sich von seinen Fünf-, Sechs- und Achtzylindern verabschieden. Um dann einen Vierzylinder mit den Leistungswerten eines Sechszylinders zu bieten, wäre KERS eine denkbare Lösung. Was die Technik kosten soll, ist noch Spekulation – Tomas Hannebäck grenzt den Aufpreis allerdings auf eine Summe "unter 10.000 Euro" ein.