Campus-Reise Bächle, Gässle, gute Menschen

In Freiburg ist die Uni Spitze und die Welt in Ordnung. Doch manchen Studenten geht das süddeutsche Idyll gehörig auf die Nerven. Teil 1 einer Reise zu Hochschulen im In- und Ausland.

Freiburgs schönster Hörsaal liegt unter freiem Himmel. Wenn sich die Studenten an lauen Sommerabenden gegen 23 Uhr c.t. auf den breiten Steinstufen des Augustinerplatzes mitten im Zentrum versammeln, Barfußläufer ihre Sohlen in den Bächle kühlen, eine Flasche Tannenzäpfle-Bier in der Hand – dannbeginnt ein besonderes Proseminar zum Thema Freiburger Lebensart: Drei blonde Rastafaris spielen Hacky-Sack, eine junge Frau spuckt Feuer, ein Typ mit Cowboyhut schrammelt auf der Gitarre Twist and Shout, immer hat irgendjemand seine Bongos dabei, und ein Mittfünfziger in Unterhose und Kriegsbemalung übt Ausdruckstanz.

An solchen Abenden trifft man hier Menschen wie Simon Hassemer: das schwarze Haar zum Pferdeschwanz gebändigt, Ziegenbärtchen, Piercing zwischen den Augenbrauen. »Wenn ich aus der Dusche komme, sehe ich aus wie ein Merowingerkönig«, sagt er. Mit den Merowingern kennt sich der 23-Jährige aus, denn er hat sich in seinem Studium auf die Geschichte des Mittelalters konzentriert. Simon ist aus einem kleinen Dorf in der Eifel nach Freiburg gegangen; Berlin, Hamburg oder München kamen für ihn gar nicht erst infrage. »Ich bin nicht so der Großstadttyp«, erklärt er. Würzburg und Trier hatte er sich noch angesehen, sich dann aber für Freiburg entschieden. »Ich wollte nicht die klösterliche Abgeschiedenheit eines Campus.« In Freiburg liegt die Albert-Ludwigs-Universität mitten in der Stadt. Und die Studenten prägen das Leben: Auf 216000 Einwohner kommen 30000 Studenten von fünf Hochschulen.

»Ich wohne in der Innenstadt, ich studiere in der Innenstadt, und abends bin ich hier unterwegs«, sagt Simon. Zu Fuß, denn seit ihm im ersten Semester zwei Fahrräder gestohlen wurden, weiß er: Selbst im freundlichen Freiburg tut mal jemand etwas Böses.

Bächle, Gässle und Gemütlichkeit sind nur drei Gründe, nach Freiburg zu kommen. In der Stadt im südwestlichen Zipfel der Republik studiert man an einer der angesehensten Hochschulen des Landes. Besonders die Geisteswissenschaften genießen einen guten Ruf.

Einen Leitspruch hat sich die Universität aus dem Johannes-Evangelium geborgt: »Die Wahrheit wird euch frei machen«, steht in goldenen Lettern auf dem roten Sandstein des Kollegiengebäudes I. Hier schlägt das Herz der Universität: die Fakultäten der Philologie, Philosophie und Theologie. Hier hat schon Martin Heidegger bewiesen, dass man nicht Hochdeutsch sprechen muss, um Philosophie zu betreiben. Der Küchenphilosoph Alfred Biolek studierte hier Jura, und Wim Wenders kam in Freiburg zu der Erkenntnis, dass Medizin doch nicht das Richtige für ihn ist.

Im kommenden Jahr feiert die Albert-Ludwigs-Universität ihr 550-jähriges Bestehen. »Dafür sind wir Historiker da: damit wir daran erinnern, wann das nächste Jubiläum ansteht«, sagt Simon Hassemer und schmunzelt. Dabei braucht seine Uni eigentlich keine öffentlichkeitswirksamen Feiern, um auf sich aufmerksam zu machen. Bei der Exzellenz-Initiative von Bund und Ländern war sie unter den Besten. Und im Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung, das regelmäßig von der ZEIT veröffentlicht wird, schneidet Freiburg in zahlreichen Fächern gut ab (siehe Kasten auf Seite 26).

Wer sich deshalb sorgt , in Freiburg würden nur Streberschnösel im Anzug die Gässle bevölkern, der kennt das Freiburger Eleganzverbot nicht. Hier wird Funktionskleidung bevorzugt. Die Freiburger, könnte man meinen, möchten in jeder Lebenslage auf eine spontane Wanderung vorbereitet sein, schließlich sind die Berge nahe; Straßenbahn und Bus fahren direkt an die Talstation der Schauinslandbahn. Der Schauinsland, Freiburgs 1284 Meter hoher Hausberg, trägt seinen Namen zu Recht: Von seinem Gipfel scheinen die Schweizer Alpen und die Vogesen bei gutem Wetter zum Greifen nah. Im Winter kann man hier sogar Ski fahren.

»Ach, Freiburg – schön!«, seufzen Simons alte Freunde, wenn er zu Hause erzählt, und denken dabei an Sonne, Wein und Schwarzwaldhut. Genau das ist es, was Manuela Wipperfürth, 24, an dieser Stadt so nervt. »Alle reden immer nur davon, wie schön Freiburg ist. Das ist doch schon zur Formel erstarrt«, sagt die Lehramtsstudentin aus Nürnberg. In Freiburg erzählt man sich, es gebe zwei Sorten von Freiburgern: diejenigen, die schon dort leben, und diejenigen, die noch hinwollen. Anders Manuela; sie ist schon da – und möchte weg. Dabei passt sie so gut zum alternativen Klischee dieser Stadt: Sie trägt gern Röcke, spielt in einer freien Theatergruppe und hat neben dem Studium auf einem Biobauernhof gearbeitet. Trotzdem: »Zwei Jahre Freiburg sind genug«, sagt sie. Zwei Programmkinos reichen ihr nicht, und am Wochenende wünscht sie sich eine größere Auswahl an Kulturveranstaltungen.

Das beliebte Zelt-Musik-Festival findet eben nur vier Wochen im Jahr statt. In der übrigen Zeit bleiben Konzerte im Jazzhaus und Abende im Musikkeller Crash, der sich immer noch gerne mit seinem Ursprung als Jugendzentrum der Hausbesetzerszene schmückt. Der Musikproduzent Rainer Trüby lockt zwar regelmäßig internationale DJs zu seinen Root-down-Partys ins Gasthaus Waldsee, Trends jedoch entstehen nicht in Freiburg, sie kommen mit Verzögerung.

Zum nächsten Semester wechselt Manuela nach München, zieht in ein altes Bahnwärterhäuschen vor der Stadt und verbindet so das reiche Kulturangebot mit der Idylle des bayerischen Landes. Welcher Eindruck bleibt von ihrem Intermezzo an den Ufern der Dreisam? »Die Freiburger sind sehr selbstverliebt!«

Manche sagen : auch selbstgerecht. Denn der Freiburger lebt bewusst, trennt den Müll und übernimmt Verantwortung für die Welt. Wer hierhin kommt, sollte vorbereitet sein, jederzeit die Folgen seines Handelns für die Gesellschaft und den Planeten zu rechtfertigen. Scharen von Therapeuten und Heilpraktikern aller Schulen bieten dabei ihre Hilfe an. Wie Reiki, Tantrisches Atmen oder Alexander-Technik einen selbst und die Welt im Ganzen ein bisschen besser machen, ist beliebtes Gesprächsthema in Freiburger Kneipen. An keinem zweiten Ort in Deutschland ist es so einfach, ein Punk zu sein, denn ein bisschen Widerstand gehört dazu in Freiburg und ist sogar erwünscht. »Konformistisches Anderssein« sagt Simon Hassemer dazu.

Manche nervt das. »Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer, Backgammon-Spieler, Tanztheater dieser Stadt«, singen Tocotronic in ihrem Lied Freiburg. Der Freiburger Kolumnist Wolfgang Abel warnt vor der »Wohlfühlfalle«: Im kleinen Freiburger Kosmos ist die Welt in Ordnung; nirgends in Deutschland scheint die Sonne häufiger, und es gibt Dutzende Baggerseen in der Umgebung. Die Windräder auf den Schwarzwaldhügeln drehen sich gemächlich, der Oberbürgermeister ist ein Grüner, und wenn der Sportclub spielt, singen alle gemeinsam das Badnerlied.

Diese Stadt ist eine Oase der Entschleunigung, in der man keinem Trend nachjagen muss. Stattdessen widmet man sich lieber der Gemütlichkeit und dem Genuss. »Das Provinzielle ist ja gerade das Tolle an Freiburg«, sagt Simon Hassemer.

Wenn es im Winter sogar in Freiburg zu kalt wird, um auf dem Augustinerplatz zu feiern, sitzt er im Alten Simon, der Kneipe mit den robusten Holztischen und den vergilbten Zeitungsseiten an der Wand. Hier trinken Verbindungsstudenten und AStA-Leute friedlich ihr Bier zusammen. Und nach dem dritten sind sie sich einig, dass sie am Ende doch alle denselben Traum haben: dass die Welt ein bisschen wärmer wird. Ein bisschen gemütlicher. Ein bisschen so wie Freiburg.

Fotoausstellung "Studenten-Werke" in der Uni Freiburg :

Eine Campus-Reise nach Freiburg lohnt sich noch bis 6. Dezember 2006 ganz besonders: Die junge Künstlerin Sabine Otto begab sich auf die Spuren alltäglicher Uniformierung und präsentiert nun in einer Ausstellung ihre überraschenden und skurillen Einblicke. Die Ausstellung "Heimat Uniform - Über die Freude, Teil eines Ganzen zu sein" ist zu sehen in der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Aula des Kollegiengebäude I, Werthmannplatz 3, 79085 Freiburg.

Welche Fächer sind in Freiburg besonders gut?

Das Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh (CHE) befragt bundesweit Studenten, wie sie ihre Studiensituation bewerten. An der Universität Freiburg zeigten sich die Studenten der folgenden Fächer im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich zufrieden: Biologie, Geografie, Pharmazie, Jura, Soziologie, Anglistik, Germanistik, Geschichte und Psychologie. Wenn Professoren in ihrem Fach eine Uni zum Studium empfehlen sollen, wird Freiburg für folgende Fachbereiche überdurchschnittlich häufig genannt: Jura, Anglistik, Germanistik, Geschichte und Psychologie sowie Zahnmedizin und Medizin. So empfahlen etwa 32 Prozent aller befragten Medizinprofessoren Freiburg fürs Medizinstudium.

Die Ergebnisse kann man auch bei ZEIT Campus online hier nachlesen.

 
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    • Quelle ZEIT Campus, 01/ 2006
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