Studenten-Werke Gruppenarbeit

ZEIT Campus bietet Raum für Kunstwerke von Studenten: für Fotos, Bilder oder Modelle. Den Auftakt macht Sabine Otto. Sie fotografierte Gruppen, die sich einheitlich kleiden – von Messdienern bis zu schwulen Jecken.

Protestierende Studenten und Schützenvereine, schwule Jecken und Burschenschafter, Gothics und Messdiener – Sabine Otto fotografierte Gruppen, die offenbar nichts miteinander gemein haben. Haben sie doch, findet Otto. Die »freiwillige Uniformierung« ist der Leitfaden ihrer Arbeit. Otto interessiert dabei die doppelte Funktion der Einheitskleidung: »Nach außen signalisiert sie einen gemeinsamen Standpunkt, nach innen bietet sie ein Stück Heimat.«

Auf das Thema kam Otto über Umwege. Für eine Semesterarbeit sollte sie Motive zum Stichwort »Heimat« fotografieren und merkte dabei, dass für sie nicht Orte, sondern Menschen Heimat bedeuten. Sie porträtierte kurzerhand ihre Freunde. Und hatte die Idee, fürs Diplom dem Heimatgefühl in Gruppen nachzuspüren. Der Titel der Arbeit: »Unisono – über die Freude, Teil eines Ganzen zu sein«.

ZEIT Campus : Frau Otto, kann man protestierende Studenten und Schützen wirklich in eine Schublade stecken?

Sabine Otto : Mit dem Ausdruck »in eine Schublade stecken« geht’s schon los, der ist in der deutschen Sprache genauso negativ belegt wie der Begriff »Uniform«. Ich schere die Leute ja nicht generell über einen Kamm, ich sage lediglich, dass sie in einem einzigen Punkt dasselbe tun: Sie nutzen ihre einheitliche Aufmachung, um ein gemeinsames Statement an die Außenwelt zu geben, und als Plattform für gemeinsame Rituale untereinander. Der Vorwurf, der in der Frage anklingt, ist mir aber nicht neu: Als ich in der Uni von meinem Projekt erzählte, haben sich einige meiner Kommilitonen darüber aufgeregt, dass ich beispielsweise Punks als uniforme Gruppe betrachte. Schließlich seien sie individuell gekleidet.

ZEIT Campus : Der Einwand stimmt doch.

Otto : Eine uniforme Aufmachung bedeutet nicht, dass jeder exakt identisch angezogen sein muss. Zum Beispiel gibt es auch bei Jägern große Unterschiede. Entscheidend ist, dass sich die Gruppe gemeinsam inszeniert und von außen als Gruppe wahrgenommen wird. Und das passiert bei Gothics und Punks genauso wie bei Jägern, Burschenschaftern oder Schützen. Ich verwende das Adjektiv »uniform« wertneutral, aber viele haben darauf heftig reagiert.

ZEIT Campus : Auch die »Models« selbst?

Otto : Teils, teils. Einige haben sofort begriffen, um was es mir geht, und ich konnte problemlos mit dem Begriff arbeiten. Darunter waren übrigens alle homosexuellen Gruppen. Andere fühlten sich durch den Begriff persönlich angegriffen, zum Beispiel die Punks.

ZEIT Campus : Und dann?

Otto : Ich habe das Projekt dann ohne das Adjektiv »uniform« beschrieben und ansonsten eins zu eins dasselbe gesagt. Von da an lief es. Viele Gruppen haben sich unglaublich ins Zeug gelegt und mich bei der Organisation unterstützt. Sie fanden es toll, dass eine »Fachfremde« sich so für sie interessiert. Wenn ich allerdings Fotos von anderen Gruppen zeigte oder davon erzählte, habe ich oft ehrliches Erstaunen geerntet. Die Reaktionen reichten von »Was, so was gibt’s?« bis hin zu »Die sind doch völlig durchgeknallt«.

Interview: Nadja Kirsten .

Sabine Otto, 32, studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, wo sie dieses Jahr ihr Diplom machte. Zwischen 2002 und 2004 fuhr sie auf der »MS Europa« zur See und kümmerte sich dort vom Programmheft über Plakate bis hin zur Speisekarte um die einheitliche Gestaltung – in Uniform, denn das Crew-Outfit war Pflicht.

Sie wollen sich selbst mit Ihrem Studenten-Werk bei ZEIT Campus bewerben? Einfach eine E-Mail an: campus@zeit.de .

 
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    • Quelle ZEIT Campus, 01/ 2006
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