Promi-Lieblingsbücher Meine Bücher
Was liest, wer selbst erfolgreich schreibt? Und aus welchen Gründen greift er oder sie immer wieder zu dem einen Buch? Zeit Campus hat bekannte Autoren gebeten, fünf Lieblingsbücher auszuwählen und ihre Wahl zu erklären. Den Anfang machen Ingo Schulz, Brigitte Kronauer, Raoul Schrott, Alexa Henning von Lange und Susanne Riedel.
(1) Ingo Schulz
»Selbst wenn ich zehnmal mehr Bücher empfehlen dürfte, es bliebe Willkür. So rate ich aus heutiger Stimmung nach bestem Wissen und Gewissen.« Schulze hat den Erfolgsroman Neue Leben geschrieben, im Februar erscheint sein Erzählband Handy.
Imre Kertész: Liquidation.
Der Systemwechsel und die neue Zeit aus der Sicht von einem, der die Erfahrungen von Auschwitz mit sich trägt.
Johannes Bobrowski: Levins Mühle.
Über ein Dorf, in dem die Deutschen Kaminski, Tomaschewski und Kossokowski und die Polen Lebrecht und German heißen.
Witold Gombrowicz: Ferdydurke.
Als würde man einer literarischen Figur unter die Haut und in die Seele sehen.
Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands.
Widerstand beginnt bei der Wahrnehmung und Aneignung der Welt.
(2) Antje Ravic Strudel
Antje Ravic Strudel, 32, ist Schriftstellerin. Sie hatte ihr Romandebut mit Offene Blende im Jahr 2001. Ihre Empfehlung setzt sich zusammen "aus dem Wenigen, was an Zeiten fieberhaften frühen Lesens erinnert, und dem wohin mich die Sehnsucht nach diesem frühen fiberhaften Lesen bisher geführt hat."
Joan Didion: Demokratie .
Eine vibrierende Klinge im Holz traditioneller Erzählweisen und gesättigten Denkens.
Djuna Barnes: Nachtgewächs .
Eine gläserne Liane über dem emotionalen und intellektuellen menschenlichen Abgrund.
Ernest Hemingway: Der Garten Eden .
Hier wächst Hemingway über sich hinaus. Leider erst nach seinem Tod veröffentlicht.
Vladimir Nabokov: Sieh doch die Harlekine .
Ein Gelächter über das nicht auszumerzende Begehren nach Autorenbiografien.
Samuel Beckett: Wie es ist .
Eine Meditation.
(3) Brigitte Kronauer
Brigitte Kronauer, 1940 in Essen geboren, lebt als freie Schriftstellerin in Hamburg. 2005 wurde sie mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Ihr bekanntestes Buch: Der Roman »Teufelsbrück« (2000), nach dessen Lektüre man Herrenslips im Allgemeinen und das Elbe-Einkaufszentrum in Hamburg (»EEZ«) im Besonderen für immer mit anderen Augen sehen wird. Sie empfiehlt fünf ihrer "30 Lieblingsbücher, vom 20. zurück ins 14. Jahrhundert":
Robert Walser : Jakob von Gunten .
Eins der heimlichen Hauptwerke der Moderne.
Joseph Conrad : Lord Jim .
Jim im weißen Anzug, die Wappenfigur der Zweideutigkeit.
Knut Hamsun : Hunger .
Der Zustand eines Einzelnen versetzt eine ganze Stadt in Vibration, ohne dass sie es merkt.
Brüder Grimm : Kinder- und Hausmärchen .
Besonders die kurzen, ruppigen, unbekannten.
Meister Eckhart : Deutsche Predigten .
Trotz verworrener Quellenlage – in kühnen Bildern die Infragestellung des bildlichen Denkens.
(4) Raoul Schrott
Raoul Schrott, 1964 in Landeck/Tirol geboren, studierte Literatur- und Sprachwissenschaft, lebt heute in Irland. Schrott wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem dem Peter-Huchel-Lyrikpreis und dem Joseph-Breitbach-Preis. Besonders lesenswert: Die Anthologie »Die Erfindung der Poesie« (1997), in der Schrott durch die Zeit und viele Länder reist, Gedichte aus 4000 Jahren auswählt, übersetzt und kommentiert.
Raouls Schrott empfiehlt "Studentenfutter, fünf Sorten":
Raoul Hausmann : Hyle , Ein Traumsein in Spanien .
Das ist der Roman, auf den ich am allerlängsten gewartet habe, der mich in meiner Studentenzeit am meisten beeindruckt hat, obwohl ihn ihn nur in arg gekürzter Form in die Hand bekam, die 1969 im Heinrich-Heine-Verlag erschien (das erste und letzte Buch dieses Verlags; danach war er pleite). Der Roman, nach dessen vollständiger Fassung ich und andere ewig gesucht haben, ist nun endlich im Verlag Belleville in einer bemerkenswert klar editierten Ausgabe erschienen (sogar mit den dazugehörigen Fotos). Er ist nach wie vor einer der schönsten Romane, die ich kenne.
István Rév : Retroactive Justice , Prehistory of Post-Communism .
Das spannendste politische Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Schon des sperrigen Titels wegen wird’s eh keiner kaufen. Sei's drum. Aber man kann dabei - am Exempel des ungarische Regimes - einem brillanten Intellekt beim Denken zusehen.
Geoffrey Hill : Selected Poems.
Wenn einer noch Gedichte liest, dann seid das wohl Ihr: Geoffrey Hill's Selected Poems sind gerade erschienen. Daß der sonst als schwierig gilt, kann egal sein. Hauptsache, man hat noch Augen und Ohren offen genug, um das als Herausforderung zu verstehen. Und falls ein Band zeigt, daß Gedichte auch denken können, dann ist das dieser.
Laurence Sterne : Tristram Shandy .
Für die, die aber keine Veranlagung für derartiges haben, und die Leseliste lieber auf Klassiker beschränken möchten, um sich zumindest nicht bei Tischgesprächen zu blamieren, fangen wohl am besten mit diesem ersten, sozusagen prä-postmodernen Roman an: Laurence Sterne's Tristram Shandy in der Übersetzung von Michael Walter, die eben bei Eichborn Berlin vorgelegt wurde (mit der ersten echten Marmorseite im Buchdruck seit 1776!).
Rudi Palla : Unter Bäumen, Reisen zu den größten Lebewesen
Und zuguterletzt das Buch, das hoffentlich nächste Woche in der Post ist, weil ich gespannt bin, was Rudi Palla aus den Biographien der Bäume, die er zusammengetragen hat, alles gemacht hat. Was ist geworden aus dem 'Baum des Müßiggangs' und dem 'Kuhbaum'? Ganz zu schweigen von bekannteren Arten wie den Buchen - oder jenem Arbre du Ténéré, von dem ich ihm erzählt habe, weil er auf jeder Michelinkarte in Nordafrika eingezeichnet ist. Im Umkreis von Hunderten von Kilometern Wüste war er der einzige Baum - der schließlich von einem Lastwagen umgefahren wurde. Wo der Fahrer dabei hingeschaut hat, das möcht ich nun nur allzugerne lesen.
(5) Alexa Henning von Lange
Alexa Henning von Lange, geboren 1973 in Hannover, gilt als "Literatin der Generation Golf". 1997 erschien ihr erster Roman "Relax", in dem es um all das geht, was die neunziger Jahre auch ausgemacht hat: Techno, Drogen, Existenzangst, Sex und immer wieder Liebe. Alexa Henning von Langes Lieblingsbücher:
Kristy Gunn : Regentage .
Eine Novelle, die das kindliche Erleben des Lesers wieder heraufbeschwört, so dass es ihm vorkommt, als sei er selbst Teil der erschütternden Handlung.
J.D.Salinger : Der Fänger im Roggen .
Dieses Buch bekam ich mit 12 Jahren von meiner Mutter geschenkt. Ich weiß nicht, wie oft ich es seitdem gelesen habe - in jedem Fall kann ich es auswendig.
Charles Bukowski : Kaputt in Hollywood .
Selten ist es einem Schriftsteller gelungen, mit Hilfe eines derart simplen Satzbaus und noch simplerer Wortwahl, einen - mit allen Sinnen wahrnehmbaren - Kosmos zu erschaffen.
Sylvia Plath : Die Glasglocke .
Für mich gibt es kaum ein großartigeren Roman.
Max Frisch : Montauk .
Ich liebe dieses Buch. Eine - im sprachlichen Sinn - grafisch aufgearbeitete Lebenserinnerung auf wenigen Seiten. Einen - in seiner Knappheit - atmosphärischeren Text habe ich selten gelesen.
(6) Susanne Riedel
Susanne Riedel, 1959 in Unna geboren, lebt heute in Berlin. Sie arbeitete lange als freie Journalistin. Ihr erster Roman "Kains Töchter" kam 2000 heraus. Im gleichen Jahr erhielt sie für einen Auszug aus ihrem zweiten Buch "Die Endlichkeit des Lichts" - damals noch Roman-Manuskript - den Preis der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs.
Susanne Riedels Top 5:
Saul Bellow : Der Regenkönig .
Zauber, Zauber, Zauber gegen die müde Gegenwart.
Prentice Mulford : Unfug des Lebens und des Sterbens .
Überlebensgepäck für gute Menschen.
Chögyam Trungpa : Erziehung des Herzens .
59 buddhistische Losungen, die wir Westler nötiger haben als die Tibeter, von denen sie stammen.
John von Düffel : Vom Wasser .
Eine geniale Verbeugung vor Sprache und Mut.
James Hillman : Charakter und Bestimmung .
Über alles, nichts, das Eichelprinzip und die Mythen des eigenen Schicksals.
- Datum 22.09.2009 - 10:53 Uhr
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