Traumberuf? Um 12 Uhr kommt Guido

Was macht ein Chefredakteur den ganzen Tag? Bernd Ziesemer vom »Handelsblatt« über seinen Freitag.

Morgens um 8 Uhr bin ich meist im Büro. Ich trinke Früchtetee und lese anderthalb Stunden lang Zeitungen. Ich freue mich, wenn wir oft zitiert werden, und ich ärgere mich, wenn andere Medien eine Nachricht exklusiv haben. Ich schicke dann sofort eine kurze E-Mail an die verantwortlichen Redakteure: »Ich bitte um Aufklärung bis zur Konferenz.« Latenten Druck aufrechterhalten, auch das zählt zu meinen Aufgaben. Normalerweise will ich in dieser Zeit nicht gestört werden. Doch heute ist Freitag, und wir haben einen Slot bei der BBC, den wir regelmäßig füllen: Ich muss ein Interview geben.

Um 10 Uhr nehme ich mir eine Stunde Zeit, um den besten Artikel der Woche zu küren – das kann eine klasse Reportage sein oder ein Scoop. Der Autor des besten Textes bekommt eine Flasche Champagner. Diese Aufgabe ist mir wichtig; ich delegiere sie fast nie.

Um 11 Uhr ist dann unsere Konferenz; es kommen etwa 50 Redakteure, freitags gibt es eine Blattkritik. Wenn wir 20, 25 Minuten über ein Thema sprechen, ist das schon lang. Dann beantworte ich Fragen: Die Redakteure erwarten, dass ich Auskunft geben kann über das, was im Unternehmen läuft. Ich bin Identifikationsfigur, im Positiven wie im Negativen. Ob das ein Traumberuf ist? Ein Chefredakteur ist immer ein Stück einsam. Es gibt unter Chefredakteuren viele pathologische Typen, die Angst und Schrecken verbreiten. Ich nicht, aber manchmal trauen sich Kollegen trotzdem nicht, mir zu sagen, was sie wirklich denken. Das würde ich mir anders wünschen.

Um 12 Uhr kommt Guido Westerwelle zum Hintergrundgespräch. Sicher einmal pro Woche besuchen Politiker, Botschafter oder Manager die Redaktion – wenn sie wirklich etwas zu sagen haben, heben wir ein Gespräch mit ihnen auch ins Blatt.

Um 13.30 Uhr findet unsere Kommentarkonferenz statt: Wir überlegen uns dann die Leitartikel der kommenden Woche. Ich bin sicher einer der Chefredakteure, die am häufigsten selbst schreiben – manchmal geht es mir dabei um die Blattlinie, manchmal um Herzensangelegenheiten, manchmal muss es aber auch einfach nur sehr schnell gehen.

Um 14 Uhr trifft sich dann die Chefredaktion zum Jour fixe, wir reden über Personalien und Etats, selten über strategische Fragen. Für das Management ist niemand von uns ausgebildet, das läuft alles Learning by Doing. Ich habe zu Anfang meiner Laufbahn nicht davon geträumt, Chefredakteur zu werden. Ich wollte Auslandskorrespondent werden und war das neun Jahre lang; während der Wende in Russland zu sein, das lässt sich nicht toppen. Da erlebt man Geschichte. Irgendwann wird man nach oben gespült, und dann habe ich auch den Ehrgeiz entwickelt, Chefredakteur zu werden.

Von 15 bis 17 Uhr führe ich Personalgespräche: Manchmal wird jemand befördert; manchmal muss man aber auch jemanden entlassen – das ist nicht schön, aber es gehört zum Job. Zwischen den Terminen ist immer etwas Luft; sonst kommt man nicht dazu, über die Zeitung von morgen zu reden. Dabei ist das, das Blattmachen, für mich das Wichtigste. Die schönsten Tage sind die, an denen etwas richtig Großes passiert; Tage, an denen nichts los ist, machen einfach keinen Spaß.

Um 17 Uhr nehme ich noch das neue Magazin Weekend des Handelsblattes ab – das von der kommenden Woche, dann haben die Kollegen noch Zeit, etwas zu korrigieren. Normalerweise dauert das eine halbe Stunde, aber manchmal ringen wir auch lange um eine Überschrift.

Um 18 Uhr machen wir dann noch eine Vorplanung der nächsten Woche.

Unter der Woche habe ich fast jeden Abend einen Termin: Ich moderiere Veranstaltungen oder gehe mit Vorständen essen. Ein Chefredakteur ist auch immer ein Repräsentant. Man muss diszipliniert sein: Um 23 Uhr ist bei mir Schluss. Freitagabends mache ich frei. Ich habe einen einjährigen Sohn. Den will ich auch mal sehen.

Aufgezeichnet von Manuel J. Hartung .

Bernd Ziesemer, 53, ist seit Januar 2002 Chefredakteur vom »Handelsblatt« .


 
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    • Quelle ZEIT Campus, 01/ 2006
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