Auf Sendung Pimp my Studium

Campusradios spielen meist nicht nur die bessere Musik, sondern sorgen auch für mehr Praxis beim Studieren

Stille. Nichts. Sendepause. Das absolute Gegenteil von Geräusch. Dann geht’s weiter, die Stimme des Moderators rauscht wieder über den Äther. Der Moment der Stille dauert weniger als eine Sekunde, doch alle in der Redaktion schauen alarmiert zum Studio, in dem der Moderator steht und schwitzt. Den Regler verwechselt oder nicht schnell genug hochgeschoben, und die Schrecksekunde ist da. Das kann mal passieren, besonders bei einem Ausbildungsradio.

Das Bielefelder Campusradio Hertz 87.9 gehört zu den derzeit zehn Hochschulradios in Nordrhein-Westfalen, die auf eigener Frequenz 24 Stunden am Tag senden dürfen. Mitte der neunziger Jahre änderte Nordrhein-Westfalen sein Mediengesetz. Seitdem vergibt die Landesanstalt für Medien die heiß begehrten Lizenzen an den Rundfunk-Nachwuchs der Universitäten. Engagierte Studenten in Bochum, Dortmund, Münster oder eben in Bielefeld haben ihr Studium erst mal auf Eis gelegt und die Radio-Projekte ins Leben gerufen, in denen sich heute Rundfunkneugierige ausprobieren können. Ihre Motivation: Erfahrungen sammeln und mit dem, was man zu sagen hat, viele Menschen erreichen.

Viele kommen zum Radio, um einen ersten Blick hinter die Kulissen und ins Studio werfen zu können. Dieser Wunsch geht in Bielefeld in Erfüllung. So gehört bei Hertz 87.9 das so genannte Selbstfahrerstudio zum Sendekonzept. Hier ist der Moderator nicht nur verantwortlich für ausreichend sinnvolle oder humorvolle Sätze zwischen den Songs und Beiträgen der Sendung, sondern kümmert sich auch um einen reibungslosen technischen Ablauf. Er regelt Lautstärken und den scheinbar stufenlosen Übergang von Sprecher zu Musik, startet Rechner oder Mini-Disc-Gerät. Das muss schnell gehen, da sollte man nichts verwechseln und die genaue Reihenfolge der notwendigen Schritte kennen. Kleine Sendelöcher gibt’s immer mal. Doch Fehler macht man meist nur einmal, denn der schnell erlernte Schreck der abrupten Stille ist besonders schmerzhaft. Das Motto der Stunde heißt deshalb auch meist "Learning by doing!".

Die Ausbildung bei Hertz 87.9 setzt daneben auch auf das Do-it-yourself-Prinzip. Viele Abläufe prägen sich nur dadurch ein, dass man so viel wie möglich selbst macht. Erfahrene Kollegen begleiten Anfänger bei ihren ersten Schritten. „Geschwisterliche Informationsübergabe und Wissen im ständigen Fluss sind die freundschaftlichen Prinzipien dieser Vermittlung“, schwärmt Hertz-87.9-Chefredakteurin Kathrin Sielker. Dieses Konzept funktioniere bereits seit sechs Jahren, seitdem Hertz im Raum Bielefeld auf der Frequenz 87.9 und nun auch als Stream im Netz sende.

Wie viele Hörer der Sender hat und was sie am Programm eigentlich interessiere, lasse sich leider nicht feststellen, bedauert Sielker. Wegen der vielen Redaktions- und Verwaltungsarbeit komme man nicht dazu, die Hörer zu befragen. Das wolle man aber demnächst mit Hilfe von Soziologie-Studenten nachholen, versichert die Radio-Chefin. „Denn wozu nennt man sich schließlich Hochschulradio?“

Doch dass das Bielefelder Campusradio bisweilen auf viel Resonanz stößt, das beweist ein besonderes Projekt der jüngeren Vergangenheit, von dem Kathrin Sielker immer noch sehr beeindruckt ist. Zwei Studenten der FH Bielefeld begleiteten für Hertz 87.9 eine Fahrradkarawane zum G8-Gipfel in St. Petersburg. Die beiden wollten den Protest journalistisch dokumentieren, wurden dann aber in St. Petersburg verhaftet und später nach Estland abgeschoben. Über die Erlebnisse der studentischen Korrespondenten berichteten die Kollegen in Bielefeld ausführlich.

Eine schlaflose Zeit für Kathrin Sielker und ihre Kollegen: „In der Zeit hab ich eigentlich das Meiste gelernt, glaub ich. Ganz besonders durch die vielen Kontakte, vor allem mit anderen Medien. Da hab ich auch gemerkt, okay, du kannst 60 Stunden in der Woche arbeiten, in der Redaktion sein, das geht!“ Schnell merkte sie aber auch, dass sie das nur einige Zeit durchhält, „danach war Schicht im Schacht!“. Sehr schnell lerne man, wo die eigenen Grenzen verliefen.

Im trockenen Uni-Alltag sammeln nur die wenigsten Studenten solche Erfahrungen. Doch von der Arbeit beim Campusradio profitiere der akademische Nachwuchs auch auf anderen Weise: „Man arbeit selbstbestimmt und entscheidet allein, was man lernen möchte und was nicht.“ Am Ende stehe dann das Produkt, etwa der Beitrag, das Interview oder gar eine komplette Sendung als Ergebnis der eigenen Initiative. Dieser Erfolg motiviere zusätzlich.

In den Studios von Hertz 87.9 hat sich laut Sielker schon so mancher Lebensweg entschieden: Zahlreiche Redakteure von Hertz 87.9 arbeiten heute in der Medienwelt. Sie schreiben für Zeitungen, erfinden Hörspiele oder machen schlichtweg das, was den meisten hier ans Herz gewachsen ist: Radio.

Campus - Das Studentenmagazin auf ZEIT online »

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEIT Campus online, 28.08.06
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service