Nord-Süd-Hilfe Scheitern gehört dazu
Viele Studenten helfen anderen Menschen im Rahmen von Entwicklungsprojekten. Das ASA-Programm ist eine Möglichkeit, um sich engagieren - und das mit einem ganz besonderen Konzept.
"Man geht rein, und geht anders wieder raus," sagt Inga Müller. Dann denkt sie nach. Das klingt so banal. Doch es fällt ihr im ersten Anlauf schwer, genauer zu fassen, was an ihrer Zeit in Sambia so besonders war. "Wir haben hart gearbeitet," sagt sie. "Unsere Ergebnisse wurden vor Ort gebraucht." Später fügt sie hinzu, dass man lerne, sich Konflikten zu stellen.
Inga Müller ist eine von Vielen. So wie sie engagieren sich inzwischen etliche Studenten und Absolventen in der Nord-Süd-Hilfe. Die "Generation Praktikum" ist längst auch eine Generation, die sich auf die Socken macht in Länder der Dritten Welt und von dort wichtige Erfahrungen mitnimmt.
Ein möglicher Weg dahin ist ASA . Das Kürzel steht für Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Lateinamerika und Asien. Hinter dem Wortwurm verbirgt sich ein ausgeklügeltes Praktikumsprogramm, das seit 1960 junge Leute, Studenten und Handwerker für drei Monate Mitarbeit in einem Entwicklungshilfe-Projekt ins Ausland schickt.
Menschen wie Tobias Schuldt. 2001 nahm er teil an einem freiwilligen Workcamp in Nord-Nigeria. Er erlebte hautnah, wie sich die religiösen Gegensätze im Norden Nigerias urplötzlich gefährlich hochschaukelten, geriet mitten in den Konflikt hinein. Der Entschluss zum Studium der Konfliktforschung und der Religionswissenschaften war gefasst. Auch ein Projekt auf der philippinischen Insel Mindanao vier Jahre später passte da genau hinein. "Die Art, wie die Menschen dort auf Rückschläge gefasst sind und nicht resignieren, hat mir viel Mut gemacht," sagt er im Rückblick.
Ganz andere Erlebnisse hatte dagegen Katja Selmekeit, die bei einem Nord-Süd-Projekt in Nicaragua mithalf. "Eigentlich lief alles schief," sagt die Publizistik-Studentin lachend. Zusammen mit ihrer Tandem-Partnerin und den beiden Nicaraguanern sollte sie für eine kleine Radio-Station Sendungen entwerfen, aber der eigentliche Ansprechpartner hatte seinen Sender gerade dicht gemacht. "Wir haben uns dann einfach einen neuen Ansprechpartner gesucht, das Uni-Radio in Managua," erzählt Katja. Dass ganz zum Schluss der Laptop mit allen Aufzeichnungen geklaut wurde, die Backups fehlten, all das zählt Katja heute zur Lernerfahrung. "Es war toll, an einem Nord-Süd-Projekt teilzunehmen. Man muss zwar viel Energie reinstecken, aber das ist es allemal wert", resümiert sie.
Die Gefahr des Scheiterns oder "produktives Scheitern", wie Selmekeit dies nennt, gehört bei ASA mit zum Programm. Jedes Projekt kann schief gehen - das sollte jeder Interessent und auch jeder Teilnehmer im Hinterkopf behalten.
Vor der Ausreise und nach der Rückkehr begleitet ASA die Teilnehmer deshalb mit Seminaren, die vorbereiten auf die Kultur im Gastland und auf mögliche Probleme und Erfahrungen, die sich oft gleichen, die viele durchmachen, die sich in die ärmere Südhälfte dieser Welt vorwagen. Viele Weiße werden etwa permanent für reich gehalten oder es fehlen einem plötzlich Dinge des Alltags, die man nie vorher vermisst hat.
Ursula Nix kann sich daran noch sehr genau erinnern. Die heute 57-Jährige war 1984 mit ASA in der Elfenbeinküste. Was ihr aus der Zeit in Afrika am meisten im Gedächtnis haften blieb? "Das, was mir am meisten gefehlt hat. In der Elfenbeinküste war alles staubig braun, ohne jedes Grün. Städtebauliche Strukturen wie bei uns gab es nicht. Mir haben die schönen großen Häuser und Alleen von Berlin gefehlt."
Auch Martin Lenk kann von solchen Gefühlen berichten. Der hagere Geograf reiste vor zwölf Jahren für ein Forschungsprojekt über die Nachhaltigkeit der Holzkohleproduktion durch kleine Köhler nach Tansania. Martin stellte dort fest, dass er sich "einfach nicht zu Hause fühlte". Er arbeitet zwar heute noch im Ausland, aber eben nicht mehr in Afrika. Die ASA-Zeit möchte er trotzdem nicht missen. Auch Ursula Nix zieht für sich eine eindeutige Bilanz. Ihre Erlebnisse in der Dritten Welt hätten sie "sozialisiert" und sie eines erkennen lassen: "Scheitern ist Teil der Realität".
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- Datum 30.10.2006 - 10:40 Uhr
- Quelle ZEIT Campus online, 4.9.2006
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