Politische Bildung Angst vorm ersten Mal

Wenige Tage vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus wird in der "Politikfabrik" schwer geschuftet: Die studentische Kommunikationsagentur bemüht sich, Erstwähler zu den Wahlurnen zu locken. Ihre Botschaft: Politik macht Spaß.

Hackescher Markt, in Berlins angesagter Mitte. Gleich um die Ecke wohnt Angela Merkel, noch näher ist die Bundesgeschäftsstelle der Grünen. Touristen strömen durch die auf Hochglanz polierte Gegend. Obwohl nichts an ein Industriegebiet erinnert, geht Gregor Scheppan hier regelmäßig zum Arbeiten in die Fabrik.

Doch in der Rosenthaler Straße Nummer 39 wird kein Stahl gestanzt und es laufen auch keine Konserven vom Fließband. Stattdessen sitzen in den Räumen der "Politikfabrik" Studierende wie Scheppan vor Computern und tüfteln aus, wie sie Jungwähler davon überzeugen können, bei den Berliner Abgeordnetenhaus- und Bezirkswahlen Mitte September ihr Kreuz zu machen.

Der 28-jährige Scheppan studiert im neunten Semester Politikwissenschaft und ist einer der beiden Geschäftsführer der studentischen Kommunikationsagentur Politikfabrik. Der Name der Einrichtung habe nichts mit den Arbeitsbedingungen zu tun, beeilt er sich zu versichern. Die "Fabrik" ist ein Verein, in dem Studenten Erfahrung im Politikmarketing sammeln können. 60 Mitglieder hat er an Berliner und Brandenburger Hochschulen, die meisten davon sind im Moment mit den Hauptstadtwahlen beschäftigt.

Dabei gehen die Studenten der so genannten "Wahl-Gang" im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung an die Berliner Schulen: Ihre Hauptzielgruppe sind Erstwähler, junge Leute, die noch nie eine Wahlkabine von innen gesehen haben. Indem die "Fabrikangestellten" Workshops und Diskussionen mit örtlichen Kandidaten organisieren, wollen sie die Schüler auf den Geschmack von Demokratie bringen. Zum Programm gehören auch scheinbar banale Dinge wie das korrekte Ausfüllen eines Wahlzettels. "Viele Schüler haben Angst vor dem ersten Mal", so Scheppan, "deshalb simulieren wir die Wahl in einer Kabine." Was die Teens und Twens dabei wählen, interessiert die Kommunikationsexperten nicht. Viel wichtiger sei es, dass überhaupt gezeigt werde, dass Politik interessant und wichtig ist, meint Scheppan. "Wir sagen: Denk drüber nach, du kannst was bewegen."

Mit dem Auftritt an der Schule endet die Hilfestellung durch die Wahl-Gang noch nicht. Jugendliche, die Fragen haben, können auch im Büro der Fabrik vorbeikommen, wo den Wahlneulingen eine kleine politische Bibliothek und Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Vor vier Jahren entstand die Agentur aus einem politikwissenschaftlichen Seminar an der FU Berlin. Die Gründer sind dem Studium inzwischen entwachsen und haben das Zepter an Jüngere übergeben. Angefangen hat es damals mit einem Aufgabengebiet, das auch heute noch als Kernkompetenz der Studenten gilt: Erstwählerwerbung. Das hat viel mit dem Markt zu tun, denn für die großen Agenturen ist dieses Segment nicht lukrativ genug. Selbst gegenüber den Parteien, zu deren Auftrag die politische Bildungsarbeit gehört, habe die Politikfabrik einen Vorteil, sagt Fabrikleiter Scheppan: Man sei parteiunabhängig. "Das nehmen die Jugendlichen auch wahr", versichert Scheppan, "dadurch haben wir einen viel besseren Stand als beispielsweise die Jugendorganisationen der Parteien."

Weil nicht immer Wahlen sind, stehen auch andere Projekte auf den To-Do-Listen im Büro in der Rosenthaler Straße. Werbekampagnen für kleine Nichtregierungsorganisationen etwa, die Mitarbeit an internationalen Seminarreihen oder aber Diskussionsrunden, zu denen sich auch Mitglieder der Berliner Politprominenz blicken lassen. Meist können die jungen Kommunikationsexperten auf Mittel der Landes- oder Bundeszentrale für politische Bildung zurückgreifen. Manchmal jedoch, beispielsweise vor Bundestagswahlen, finden sich auch Sponsoren aus der Wirtschaft, Autohersteller oder Mineralwasserkonzerne beispielsweise. Die Fabrikarbeiter sehen allerdings laut Scheppan keinen müden Cent für ihre Arbeit, ihr Job ist ehrenamtlich.

Dafür hat der PR-Nachwuchs auch Kritik von anderen Studenten einstecken müssen: Noch schöner, als sich von großen Agenturen als Praktikant ausbeuten zu lassen, sei es, sich gleich selbst auszubeuten, höhnten manche Kommilitonen. Die eifrigen Mitarbeiter der Politikfabrik, die sich gelegentlich als "kleine Yuppies" bezeichnen lassen müssen, sind ihnen suspekt.

Die meisten Mitarbeiter der Fabrik sind angehende Politologen, dazu einige Germanisten, auch ein Architekt macht mit. Dass sie sich umsonst selbst verheizen, glaubt Gregor Scheppan nicht. Für ihn drückt sich der Gewinn für den Einzelnen vor allem langfristig aus: "Diejenigen, die jetzt fertig geworden sind, haben mehr als ein Jobangebot", berichtet er. So arbeiten Ehemalige der Politikfabrik nun in klassischen, großen PR-Agenturen oder für Parteien. Für den Fabrikanten ist das nur logisch: "Das liegt auch an den Kontakten, die sie in ihrer Politikfabrikzeit geknüpft haben", sagt Scheppan - und schiebt nach: "Und natürlich an der gesammelten Arbeitserfahrung."

Fragt man Gregor Scheppan nach den Nachteilen der Arbeit für eine studentische Agentur, muss er erst einmal nachdenken. "Gegen Ende des Semesters ist es natürlich immer problematisch", räumt er ein. "Jeder muss dann Klausuren und Hausarbeiten schreiben." Außerdem sei die personelle Fluktuation recht hoch, da die obligatorischen Auslandssemester oder das Studien-Ende einer längeren Beschäftigung für die Agentur im Weg stünden. Andererseits werde die Kreativität durch das ständige Nachrücken neuer Mitarbeiter gefördert.

Auch Scheppan selbst wird nicht mehr ewig dabei sein: Sein Studium neigt sich allmählich dem Ende zu. "Ich spiele stark mit dem Gedanken, mich nach dem Studium im Bereich der politischen Kommunikation selbstständig zu machen", sagt Gregor Scheppan. Anscheinend lohnt es sich manchmal, in einer Fabrik zu arbeiten.

Zum Thema
Ein Gespräch mit Leonie Eilers, Redakteurin und Pressesprecherin von "360°", einem Wissenschaftsjournal mit studentischen Beiträgen »

Viele Studenten engagieren sich im Rahmen von Entwicklungsprojekten. Das ASA-Programm ist eines davon »

Campusradios spielen meist nicht nur die bessere Musik, sondern sorgen auch für mehr Praxis beim Studieren »

Campus - Das Studentenmagazin auf ZEIT online »

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle ZEIT Campus online, 8.9.2006
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service