Studiengebühren Zu früh gefreut
Trotz Campus-Maut drängeln sich an Baden- Württembergs Unis die Bewerber. Doch Experten warnen vor verfrühtem Jubel.
Die Universitäten in Baden-Württemberg können sich jüngsten Meldungen zufolge vor Bewerbern nicht retten. Für die begehrten Erstsemesterplätze an den als Elite-Unis bekannten Hochschulen Baden-Württembergs gibt es nach Informationen der Hochschulen mehr Bewerber als Studienplätze; trotz der Studiengebühren, die ab dem Sommersemester 2007 eingeführt werden sollen. So gibt es in Konstanz bislang 15.000 Bewerber für rund 2200 Plätze im Wintersemester, in Mannheim hoffen über 12.000 Interessierte, einen der 2300 Erstsemesterplätze zu ergattern. Ähnlich sehen die Zahlen in Freiburg und Heidelberg aus.
Das freute vor allem den baden-württembergischen Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU), einen Befürworter von Studiengebühren. "Die Zahl der Studienbewerber bewegt sich im Rahmen der letzten Jahre", zitierten die Stuttgarter Nachrichten den Minister. Ihre Entwicklung zeige, sagte Frankenberg, dass Studiengebühren nicht abschreckend wirken würde. Auch ein Blick in die europäischen Nachbarländer belege, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Erhebung von Gebühren und der Zahl der Studienanfänger gebe. Wird das "Ländle" also zum Musterbeispiel für die gelungene Einführung des Bezahl-Studiums?
Doch Hochschulexperten warnen vor verfrühter Freude. Denn dass die Einführung der Studiengebühren keine unmittelbare Auswirkung auf die Zahl der Neubewerbungen habe, sei für Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen, sagt Bernhard Scheer, Leiter der Informations- und Pressestelle der ZVS in Dortmund. Man müsse erst die Einschreiberunden und Nachrückverfahren abwarten, bevor man sagen könne, wie sich die angekündigte Abgabe auswirke. "In diesem Quartal kann man das noch nicht feststellen - alles andere wäre Kaffeesatzleserei", sagte Scheer.
Bei den jüngsten Berichten über steigende Neubewerbungen an Hochschulen würde zum Beispiel nicht berücksichtigt, wie viele Studenten sich an mehreren Universitäten gleichzeitig beworben hätten, stellt Scheer fest. Auch die Zahl derer, die sich im letzten Moment gegen ein Studium entscheiden würden, sei noch unbekannt. Dennoch: An einen plötzlichen Einbruch der Studentenzahl glaubt auch er nicht: "Aus Gesprächen mit Studienbewerbern habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass die Gebühren sich negativ auswirken werden." Es gebe ja schließlich auch kaum Alternativen außerhalb der Universität, stellt Scheer fest: "Ausbildungsplätze sind schließlich fast genauso rar wie Studienplätze."
Zu kurz greift jedenfalls der Hinweis des baden-württembergischen Wissenschaftsministers auf die Gebührenpraxis im europäischen Ausland. Beispiel Großbritannien: Dort wurden vor zehn Jahren Studiengebühren eingeführt. Studierende mussten knapp 1175 Pfund pro Jahr berappen, das sind etwa 1700 Euro. Diesen Herbst sollen die Gebühren auf 3000 Pfund angehoben werden, also etwa 4500 Euro im Jahr. Etwa 40 Prozent aller Studierenden würden schon heute durchschnittlich 13 Stunden pro Woche in Nebenjobs arbeiten, heißt es bei der National Union of Students (NUS). Ein englischer Student habe nach Beendigung des Studiums im Durchschnitt etwa 20.000 Pfund (zirka 29.500 Euro) Schulden auf dem Konto. Die Zahl der verschuldeten Studierenden ist der NUS zufolge von 2002 bis heute um 31 Prozent gestiegen sein. Laut BBC treibt die Abgabenlast skurrile Blüten: So soll im Königreich mittlerweile jede vierte Stripperin Studentin sein. Statt Bücher zu wälzen, müssen sich die Damen tanzend ihr Studium finanzieren.
Auch die Situation in den skandinavischen Ländern scheint Gebührenanhängern wie Frankenberg zu widersprechen: Dort ist das Studium kostenlos. In Schweden und Finnland bekommen Studierende sogar noch staatliche Zuschüsse zu den Lebenshaltungskosten. Die Zahlen belegen es: Während in Großbritannien gerade mal 40 Prozent der entsprechenden Altersjahrgänge ein Studium antreten, sind es in Finnland und Schweden 70 Prozent. Dementsprechend gut schneiden beide Länder auch im aktuellen OECD-Bildungsbericht ab, während die Bundesrepublik bereits jetzt auf die hinteren Ränge verwiesen wird: Was die Absolventenquote an Hochschulen anbelangt, erreicht Deutschland gerade mal den viertletzten Platz.
Dass die Studiengebühren abschreckend wirken würden, vermuten auch die Kassler Wissenschaftler Roman Jaich und Bernhard Nagel. Die beiden Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler der Uni Kassel haben im Auftrag der Max-Träger-Stiftung Anfang dieses Jahres ein Gutachten zur Bildungsfinanzierung erstellt. Ihre Stiftung steht der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nahe. Die beiden Forscher kommen zu dem Schluss, dass sich eine allgemeine Einführung der Studiengebühren verbiete, allein schon wegen der im internationalen Vergleich zu niedrigen Studentenzahlen der Bundesrepublik. Die Forscher verweisen dabei auch auf die Situation in England: Denn dort würde die Zahl der Studienbewerber stagnieren und stellenweise sogar. Eine ähnliche Entwicklung sei für Deutschland ökonomisch nicht tragbar, heißt es.
"Durch die Studiengebühren wird kein Euro mehr an die Hochschulen fließen", sagte Nagel in einem Interview bei ZDFonline . Die Gebühren würden nur dazu führen, dass der Finanzminister die Zuweisungen an die Hochschulen reduzieren werde. Dies hätten auch die Erfahrungen in Österreich gezeigt: Dort sei die Zahl der Studenten nach Einführung des Bezahl-Studiums um 20 Prozent gesunken. Erschreckender sei aber gewesen, dass auch die Zahl der Ersteinschreibungen um 15 Prozent zurückgegangen sei, so Nagel.
Es scheint, als wären die Befürworter der Campus-Maut wohl etwas zu schnell gewesen mit ihrer Interpretation des Bewerberansturms auf die Hochschulen. Die wahren Folgen eines kostenpflichtigen Studiums zeigen sich erst spät. Vielleicht zu spät.
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Campus
- Das Studentenmagazin auf ZEIT online »
- Datum 20.09.2006 - 05:32 Uhr
- Quelle ZEIT Campus online, 18.9.2006
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Ich finde Studiengebühren eine Frechheit, erwarte aber von erfolgreichen Akademikern im Arbeitsleben dann auch ihren Beitrag zum Fortbestand der Gesellschaft.
Ich würde die Barbeitungsgebühren der Universitäten etwas erhöhen und ansonsten von unseren Regierungen erwarten, dass sie ihren Pflichten nachkommen und das Wohl unserer Gesellschaft mehren.
Wenn man aus einer akademisch geprägten Familie stammt, findet man vielleicht Wege, akademisch zu überleben und sei es als StripperIn. Bildungsferne Schichten machen nicht mal eben Schulden auf die Zukunft.
Für den Run auf die beliebten Universitäten in Baden Würtemberg und anderswo gibt es eine einfache Erklärung: Die Studenten schauen intensiver auf die Qualität der Hochschulen. Es ist wie überall im Leben: Wenn man schon bezahlen muss will man aber auch das Beste für sein Geld bekommen. Logisch!
Ob unter dem Strich durch die Studiengebühren sich die Studentenzahlen insgesammt ändern, kann man jetzt sicher noch nicht sagen.
Eine Schlampigkeit im Artikel ist, dass es heißt, die Studiengebühren-Studie von Nagel und Jaich stammte aus diesem Jahr. In der Tat erweckt das angedeutete ZDF-Online-Interview zumindest keinen gegenteiligen Eindruck, aber die Studie wurde bereits 2002 erstellt.
Insofern konnten darin gar keine Erfahrnugnen mit Gebühren aus Deutschland resümuiert werden.
...was ist denn anderes von der Entwicklung in Deutschland bzgl. der Studiengebühren zu erwarten als in GB??? Im Prinzip wird es sich hier ähnlich entwickeln, ich sehe keinen sich krass anders auswirkenden Einflussfaktor für Deutschland.
Und naiv gesagt: warum soll man nicht aus abschreckenden Beispielen lernen und vermeiden, in dieselbe Misere zu tappen? Naiv, weil das eh keinen (mehr) interessiert.
Die Gebühren wären sozialverträglich (ein sehr interessanter Begriff übrigens), wenn nicht an den meisten Universitäten und Hochschulen der mögliche Höchstsatz verordnet würde.
Ich verstehe nicht, warum man trotz so deutlich guter anderer Beispiele (siehe mal wieder Skandinavien) diesen Weg gegangen ist in Bezug auf die Gebühren. :-(
Zusammengefasst, besagt der Artikel etwa Folgendes:
1. Die Anmeldungen an den Hochschulen in BW scheinen trotz Einführung von Studiengebühren nicht rückläufig zu sein.
2. Weil die Zahlen aber noch nicht verlässlich ausgewertet werden können, ist es noch zu früh, daraus eine Tendenz abzulesen oder sogar den Schluss zu ziehen, Studiengebühren hätten keine negativen Auswirkungen auf die Studierendenzahlen.
3. Es ist aber NICHT zu früh - jedenfalls nicht für GEW-nahe Stiftungen - daraus den entgegengesetzten Schluss zu ziehen.
Danke!
Alle fordern doch seit Jahren die Ökonomisierung der Hochschulen, inklusive Abschaffung von Gruppenuniversität, Habermas und Humboldt. Wenn man dann mit marktwirtschaftlichern Kriterien dann auch noch die Lehre bewertet, um für die Ware Bildung einen Preis festsetzen zu können, muss man sich nicht wundern, dass die Nachfrage mittelfristig zurückgehen wird, da ein höherer Preis eine geringere Nachfrage bedeutet. Lernt man so in der 2. oder 3. Woche des VWL-Studiums.
Ich bin aber glücklich, dass die Gutachten der Befürworterseite (auch das CHE ist letztendlich eine Lobbyorganisation)dieses nicht thematisieren, ansonsten müsste man ja ernsthaft über die Richtung der derzeitigen Reformen diskutieren, inklusive der Menschlichkeit (NEIN, NICHT IM SINNE DES MARKTWERTS DES HUMANKAPITALS) gegenüber den Betroffenen.
Nur bin ich überrascht einen solchen Artikel in der ZEIT zu lesen, da gerade diese Zeitung sich ja nicht zu Schade ist, als PR-Organ des CHE aufzutreten und mit dem neuen, innovativen, wahrscheinlich auch noch zum guten Teil exklusiven, Studienführer ihre Auflage und Umsatz zu steigern weiß. Na ja, die Gräfin ist halt tot und angesichts hoher Renditeerwartungen kann man vom offiziellen Medienpartner eines wirtschaftsnahen Instituts wahrscheinlich nicht mehr als solche Trostbekundungen erwarten. Ich las die Zeitung in den 90'ern wirklich gerne, da sie fundierte, breitgefächerte Hintergrunfberichte und Leitartikel bot; aber angesichts der Tatsache, dass nun die Auflage vom Erfolg einer Politikrichtung abhängt, stellt sich mir ernsthaft die Frage, ob hier nicht mehr Politik gemacht, als hinterfragt wird.
Seltsamer Artikel...
Also ehrlich gesagt, die Abschaffung von Habermas würde mich persönlich zumindest nicht SO wahnsinnig hart ankommen...;)
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