Studenten-Tradition Aus voller Brust

Schwedens Studenten praktizieren ein mysteriöses Ritual: Nachts wird geschrieen, was die Kehle hergibt. Der Ursprung des Phanömens gibt auch Wissenschaftlern Rätsel auf.

Dienstagabend kurz vor zehn in Schweden. Die Bewohner des Stockholmer Studentenwohnheims Lappkärrsberget stehen an ihren Fenstern, schieben nervös die Gardinen hin und her. Ein Blick nach draußen. Ein Blick auf die Uhr. "Heute ist Dienstag", "gleich ist es zehn", hört man es hier und da durch die geöffneten Fenster wispern. Im Haus Forskarbacken 4 in der dritten Etage versammeln sich die Engländerinnen Kate Fearon und Claire Lloyd, die Schwedin Elin Folkesson, der Ire Brendan Sexton und der Deutsche Felix Gärtner ebenfalls am Fenster. Der große Uhrzeiger landet gerade auf der 12, da jagt ein gellender Schrei über das Gelände. Das Startsignal. Jetzt brüllen auch Kate, Claire, Elin, Brendan und Felix aus Leibeskräften.

Kates erster Dienstag in Lappkärrsberget, von Einheimischen kurz Lappis genannt, liegt erst wenige Wochen zurück. "Plötzlich schrie mein Nachbar wie am Spieß, ich dachte, er wird umgebracht oder hat sich schlimm verletzt", erinnert sie sich. Doch dann gesellten sich immer mehr Schreihälse dazu. "Da dachte ich mir schon: Es muss irgendeine verrückte Tradition sein." An Kates zweitem Dienstag in Lappis wiederholte sich das seltsame Spektakel. "Ich habe mich aber nicht getraut zu schreien. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen." Am dritten Dienstag stimmte sie mit ein in den Chor der kollektiven Brüller. "Wenn man jemanden um die Ecke bringen will, dann ist Dienstagabend um 22 Uhr die beste Zeit dazu", vermutet sie. "Niemand würde etwas bemerken."

Der Schwede Joel Bergkvist wohnt wie Kate in der dritten Etage. Der Student weiß, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, der Schrei-Orgie zu entgehen: Lappis verlassen oder Kopfhörer aufsetzen. Joel aber bleibt, und zwar mit offenen Ohren, denn es gibt einige besonders witzige Brüller, an denen er Gefallen findet: "Im Haus gegenüber schreit ein Mädel fünf Minuten lang in der gleichen Tonlage, ganz schrill, ganz hoch." Doch im Gegensatz zu vielen anderen Wohnheimsbewohnern schreit Joel nicht mit. "Wir sind hier nicht in Uppsala", begründet er sein Schweigen. "Es ist nicht unsere Tradition und nicht unser Schrei. Der Lappis-Schrei ist geklaut."

Und tatsächlich: Auch in Uppsala wird geschrieen. Nicht nur jeden Dienstag, sondern jeden Abend um 22 Uhr. Mal brüllen viele, mal nur eine Handvoll, aber immer brüllt jemand. Um den Ursprung des Geschreis ranken sich etliche Gerüchte. Angeblich reicht die Tradition ins 12. Jahrhundert zurück, als Uppsala christianisiert wurde. Dabei verstanden die Schweden nicht, wie sie zu beten hatten - sie schrieen zu Gott. Angeblich. Die Zeitung Upsala Nya Tidning hat das Gerüchteknäuel einmal entwirrt und einen der allerersten Brüller aufgetrieben: Per Skytt brachte 1987 mit einigen Freunden den Flogsta-Schrei in Gang. "Wir waren mehrere Studenten, die abends zusammensaßen und lernten. Da beschlossen wir irgendwann, unsere Prüfungsangst rauszuschreien", sagte er gegenüber der Lokalzeitung. Am nächsten Abend um 22 Uhr krakeelten sie zum ersten Mal. Es dauerte nicht lange, bis ein ordentliches, periodisch wiederkehrendes Schreikonzert in Flogsta ertönte.

Dieses kollektive Geschrei findet mittlerweile auch in der Wissenschaft Gehör: Die inzwischen diplomierte Psychologin Elisabeth Schwab beispielsweise hat während ihres Studienaufenthaltes in Uppsala 2001 den Zusammenhang zwischen Examensstress und Gebrüll untersucht. Ihr Ergebnis: Prüfungsstress lässt den Lärmpegel nicht steigen. Schwab legt aber anderen Forschern dringend ans Herz, das Geschrei noch einmal wissenschaftlich abzuhorchen.

Anfang des Jahres haben die Studenten in Flogsta einen Weltrekord aufgestellt. Im Flogstaschreien natürlich. "Nun ja, es war kein wirklicher Weltrekord" räumt Niklas Lundengård ein. "Es war ein Flogstaweltrekord. Noch nie zuvor haben so viele Studenten in Flogsta geschrieen." Niklas hat den Weltrekord für Lantz i Studentradion , eine Radio-Show vom Uni-Radio Uppsala Studentradio 98,9, initiiert. Insgesamt 1200 Studenten versammelten sich auf Balkonen, Dächern und an Fenstern. Mit vereinten Stimmbändern schafften sie es auf 106 Dezibel. Zum Vergleich: In Diskos erreicht die Musik bis zu 115 Dezibel. Niklas ist sich allerdings nicht sicher, wie verlässlich ihre Messung war - schließlich standen die Organisatoren mit ihrem Messgerät unter freiem Himmel.

(Der Flogsta-Rekordschrei zum Anhören, mit freundlicher Genehmigung von Uppsala Studentradio 98,9)

Doch so sehr die Studenten aus Uppsala das Krakeelen zur Kunst entwickelt haben - ihren Flogsta-Schrei haben sie trotzdem nur stibitzt. Denn inspiriert wurden Per Skytt und seine Freunde nach eigenen Angaben von den wahren Urbrüllern, und die kommen aus der südschwedischen Universitätsstadt Lund. Um den Ursprung in Lund wiederum werden ebenfalls jede Menge Gerüchte gesponnen. Schrieen die Studenten nur aus Jux und Dollerei? Oder war es eine TV-Dokumentation über eine Schreitherapie, die die Studenten in den siebziger Jahren zur Selbsttherapie ihrer Prüfungsangst veranlasste?

Der Deutsche Felix Gärtner von der dritten Etage in Lappis jedenfalls schreit, weil es ihm einfach Spaß macht. Aber das Lärmen habe auch eine soziale Komponente, meint er: "Wir schreien uns zusammen." So brüllt er beispielsweise jeden Dienstag gemeinsam mit seiner schwedischen Nachbarin. Sie aus ihrem, er aus seinem Fenster. Und mit seinem Gegenüber röhrt er um die Wette: "Erst grölt er. Dann versuche ich ihn zu übertrumpfen, gröle lauter. Dann er wieder." Felix kennt seinen Mitstreiter nicht. "Vielleicht würde ich ihn am Schrei erkennen", mutmaßt er.

Die Engländerin Kate würde den Lappisschrei am liebsten mit nach Hause nehmen. "Aber ich vermute, meine Freunde in London würden dankend abwinken." Den Schrei-Export haben schon andere versucht: In Aachen beispielsweise weist die Fachschaft Mathematik, Physik und Informatik in ihrem Fachschaftsblättchen Geier seit Jahren hartnäckig auf den 22-Uhr-Schrei hin. "Ohne Erfolg", räumt Fachschaftsmitglied Georg Deifuß ein. Mehr Hang zum Geschrei zeigt man in den Vereinigten Staaten. An der University of California, Los Angeles, beispielsweise schreien die Studenten in ihrer Finals Week, der Klausurenwoche, immer um 24 Uhr. Das berichtet zumindest der Deutsche Thomas Schelkle, der dort 2003/04 studiert und nach eigener Aussage kräftig mitgebrüllt hat. Ob die Studenten dort wohl auch aus Schweden abgekupfert haben? Man weiß es nicht.

In Lappis ist es inzwischen 22.05 Uhr: Spuk vorüber, Felix heiser. Aber neben den morgigen Halsschmerzen steht für den Deutschen vom Haus Forskarbacken 4 eines fest: Nächste Woche ist er wieder dabei.

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Leser-Kommentare
  1. So ne Traditionen gibts schon seit sehr sehr langer Zeit in Deutschland, an der TU Clausthal, allerdings weniger als stumpfes Geplärre sondern in ritualisierter Form.

    Freunde der späten Stunde,
    hört meinen mahnenden Schrei -
    verjubelt in fröhlicher Runde
    zog wieder ein Festtag vorbei.

    Verjubelt, verqualmt und versoffen
    - so, wie es sich eben gehört -
    stehen nun die Himmel uns offen,
    denn der Kreislauf ist wieder entstört...

    -> "Clausthaler Mitternachtsschrei"

    • plural
    • 07.10.2006 um 9:49 Uhr

    Das ist doch mal was; kollektives Schreien so ähnlich wie das 12 Uhr Läuten- und alles in geordneten Bahnen. Keiner hat zu befürchten,daß er von irgendwelchen Menschen auf offener Straße niedergeschrien wird- nein wenn´s wirklich passiert schaut man auf die Uhr und bemerkt: 22.00Uhr- Zeit ins Bett zu gehen morgen muß ich ja raus. Sollte ich mitschreien kann ich mir mein Schimpfen im Straßenverkehr glatt sparen; denn ich hab mir ja schon einiges von der Seele geschrien.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 6.10.2006
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