Elite-Wettbewerb Sieger: Die Wissenschaft
Deutschlands neue Elite-Unis stehen in München und Karlsruhe. Sie tanken Selbstbewusstsein, doch von der Wahl profitieren alle Hochschulen. Ein Kommentar von
Dieser Freitag, der 13. wird als denkwürdiger Tag in die deutsche Bildungsgeschichte eingehen: Drei Hochschulen sind zu Elite-Universitäten gekürt worden und sollen nun als Leuchttürme über die bundesrepublikanische Uni-Landschaft strahlen. Die Technischen Hochschulen in Karlsruhe und München sowie die Ludwig-Maximilians-Universität München haben sich gegen sieben andere Bewerber durchgesetzt. Sie gewannen in der so genannten "dritten Förderlinie", in der das Zukunftskonzept einer gesamten Uni bewertet wurde.
Diese Wahl überrascht, denn sie bringt das in der Bildung herrschende Süd-Nord-Gefälle so klar zum Ausdruck, wie es von kaum jemandem erwartet wurde. Viele waren davon ausgegangen, dass zumindest eine weiter nördlich gelegene Universität am Ende mit auf dem Treppchen stehen würde, ob nun Aachen, Bremen oder die Freie Universität Berlin. Kaum jemand hielt es zudem für möglich, dass zwei der drei auserwählten Technische Hochschulen sein würden. Vielleicht die größte Überraschung ist aber, dass gleich zwei große Favoriten nicht gekürt wurden. Aachen galt vielen Experten als gesetzt, genauso wie die bisweilen sogar als "das deutsche Harvard" apostrophierte Universität Heidelberg. Nicht dabei zu sein, "das wäre der GAU", hatte der Heidelberger Rektor Peter Hommelhoff der ZEIT gesagt . Er ist nun eingetreten.
Die Umstände, die zu dieser Bestenkür führten, sind ebenso überraschend, denn offenbar haben sich die Wissenschaftler gegen jegliches politisches Kalkül - Stichworte: Süd vs. Nord, Technische Hochschulen vs. Universitäten - durchgesetzt. Das spricht für ihr Selbstbewusstsein und für ihr Bestreben, sich vom Wollen der Bildungspolitiker unabhängiger zu machen.
Auch den Sieger-Hochschulen wird die Wahl - neben dem Geld, das nun an sie fließt - vor allem Selbstbewusstsein einbringen, Mut zur Profilierung und den Geist globaler Dynamik. Die LMU sowie die TUs in München und Karlsruhe werden sich (wenn die ersten Champagner-Flaschen geleert sind) international profilieren; sie werden sich um die besten Forscher bemühen, sie werden die besten Studenten anziehen. Sie werden alle ihre Freiheiten nutzen, in die Weltspitze der Unis vorzudringen. Denn wer den Titel hat, bekommt das Geld, bekommt die besten Forscher, bekommt die besten Studenten.
Die Wahl räumt aber auch auf mit einer der großen Lebenslügen der deutschen Hochschulpolitik: der Gleichheit der Unis. Mantra-artig wurde bislang betont, dass alle Universitäten Bildung und Ausbildung gleicher Qualität bieten. Dass das nicht stimmt, wissen Forscher und Studenten schon lange. Nun wird die Ungleichheit institutionalisiert.
Die Entscheidung von Bonn dürfte in den nächsten Tagen und Wochen scharf diskutiert werden: Das Verfahren wird bekrittelt, der Exodus der Politiker thematisiert werden. All das wird aber nicht verhindern, dass die Universitäten in Deutschland sich nun radikal verändern werden. Sie werden durch den Adrenalinstoß des Wettbewerbs zu neuen Höchstleistungen getrieben werden. Sie werden miteinander konkurrieren, sie werden sich an den drei Elite-Unis messen, und sie werden versuchen, in der zweiten Runde des Wettbewerbs (bei dem es neue Titel zu holen gibt) erfolgreich zu sein. Die Konkurrenz belebt das Geschäft - das nutzt dem ganzen Standort Deutschland.
Noch kürzlich hatte eine Frankfurter Tageszeitung geschrieben, es könne "keinem Abiturienten der Jahrgänge 2007 bis 2013 geraten werden, eine deutsche Universität zu besuchen". Genau das Gegenteil ist richtig: Das Biotop "Deutsche Universität" wird für Wissenschaftler und Studenten so spannend werden wie noch nie. Der Wettbewerb macht's möglich.
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- Datum 27.10.2006 - 08:47 Uhr
- Quelle ZEIT Campus online, 13.10.2006
- Kommentare 13
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Der Kommentar zeugt von einer geradezu absurden Unkenntnis der deutschen Forschungslandschaft. Spitzenforschung wird in Deutschland nicht zuletzt an von den Universitäten weitgehend unabhängigen, aber mit ihnen kooperierenden Forschungsinstituten gemacht. Das ewige Gefasel von Harvard etc. ignoriert, dass es von einer handvoll Institutionen wie den Instituten des NIH abgesehen etwas ähnliches in den USA nicht gibt. Die Professoren, die an MPIs bei uns arbeiten, tragen aber nicht zur Reputation der Universitäten bei, sondern zur Reputation ihres Instituts. Damit ist ein Vergleich zwischen Universitäten hier und in den USA ein Zeichen, dass man sich nie intensiv mit dem Forschungssystem auseinandergesetzt hat. Die Entscheidung jetzt ist ein Armutszeugnis nicht zuletzt, weil sie sehr wohl politisch motiviert ist. Nicht politisch im Sinne "durch Politiker", aber politisch weil sie nicht fachlich zu rechtfertigen sind. LMU und TU sind sehr gute Universitäten, daran besteht kein Zweifel. Aber deswegen wurden sie nicht gewählt. Sie wurden gewählt, weil Winnacker an der LMU war und sie beide vor der Haustüre der Max-Planck-Gesellschaft stehen. Sie wurden gewählt, weil sie entsprechend Einfluss im Gremium hatten. Nicht von ungefähr haben Politiker kritisiert, dass Gutachten ignoriert wurden. Was hier stattfand war Politik innerhalb der Wissenschaftscommunity, ein "wir" gegen "die". Und das Schattendasein einiger deutscher Universitäten wird nicht durch irgendwelche Eliteförderungen beendet, die letzten Endes doch nur in Gefälligkeiten und Seilschaften enden werden. Es würde beendet, wenn deutsche Professoren sich endlich mal als arbeitende Dienstleister anstatt als geistigen Hochadel mit entsprechenden Besitzansprüchen sehen würden. Solange Studenten schief angeschaut werden, weil sie mit fachfremden Nebenfächern ihren Horizont erweitern wollen, solange Studenten Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, weil sie von anderen Universitäten kommen, solange eine Kooperation mit einem Spitzenforschungsinstitut nur auf der Basis "ja, euer Prestige will ich, aber nehmt mir ja nicht die Studenten weg" erfolgt, anstatt dass sich die Herren Professores mal hinterfragen WARUM sie nicht attraktiv sind, kann ich soviel Geld in die deutsche Bildungslandschaft hineinblasen wie ich will. Es wird alles auf nimmerwiedersehen versickertn. Solange sich bei den "Powers that be" im KOPF nichts ändert ist jeder einzelne Cent schlicht verschwendet.
unsere so schöne bisherige Hochschullandschaft scheint zumindest keine Nobelpreisträger mehr hervorzubringen. Wäre ja kein Problem, die Welt von unserem tollen System zu überzeugen, wenn wir solche Spitzenforscher wie am Anfang des letzten Jahrhunderts in größeren Mengen hervorbringen würden.
Sollte doch ganz einfach sein, wenn alle die gleichen Bedingungen haben, oder?
So sehr ich als deutscher PhD Student im Ausland den Mut zum Wettbewerb begrüße, die Uni-Ebene ist vielleicht etwas grob. Wie wäre es Fachbereiche miteinander und international zu vergleichen und danach das Geld zu verteilen?
....denke ich, wobei das Geld sicher nicht so entscheidend ist wie die symbolische Wirkung. Und die stärkste Symbolwirkung ist sicherlich der offensichtich gelungene Verzicht auf politischen "Proporz", oder sonstige Ausseneinwirkung.
Warum soll bei einer so ausgeprägten industriellen Technologieführerschaft Deutschlands in vielen Bereichen, es sind gerade nicht die Großkonzerne, nicht auch unsere Forschungslandschaft "Anschluß" gewinnen?
Hierarchien kommen und gehen, wenn es Hierarchien der Qualität sind, wer sollte etwas dagegen einwenden?
Salve
Wenn bei Manuel L. Hartung die Extase wieder etwas abgeklungen ist, mag er vielleicht noch einmal darueber nachdenken, was er da zusammengeschrieben hat: Durch "den Adrenalinstoß des Wettbewerbs" werden die Eliteunis vor allem zu dem getrieben, was aehnliche Hierarchien in den USA und in England schon immer bewirkt (und bezweckt) haben: Gesellschaftliche Hierarchien zu befestigen.
Dass die "Gleichheit der Unis", die Hartung da so vollmundig als "Lebensluege der deutschen Hochschulpolitik" bezeichnet, in der Realitaet der foederalen Republik nie ganz zu erreichen war, ist nicht zu bezweifeln. Dass sie aber weniger eine Lebensluege als eine politische Zielvorstellung war, die durchaus das eine oder andre fuer sich hatte, sollte man schon zugeben, statt so zu tun, als sei die Politik nun endlich zu Sinnen gekommen und bereit, die harte Wirklichkeit anzuerkennen. Stattdessen wird eine neue, ungleiche Wirklichkeit angestrebt und, soweit Geld das bewirken kann, gemacht.
Auch die neue Hochschulwirklichkeit mag das eine oder andere fuer sich haben. Aber man sollte deutlich sagen, dass es dabei nicht um die Natur der Sache geht, sondern um gewandelte gesellschaftliche und politische Ziele.
Es ist klar, dass eines der Hauptziele der ganzen Aktion nicht die Verbesserung des gesamten deutschen Hochschulsystems durchs Wundermittel Wettbewerb ist, sondern der Versuch, sich ein paar akademische Leuchttuerme zu basteln, die auch international wahrgenommen werden und Drittmittel (vor allem aus der Wirtschaft) anziehen. Ob die anderen Unis dadurch besser oder schlechter werden, ist den Betreibern der Eliteuni-Idee weitgehend schnurz, und in der Sache ist es keineswegs ausgemacht. Darueber sollte man die Leute nicht hinwegtaeuschen, wie es Hartung mit seinem Jubelgetoen macht.
In den Geschichtsbüchern wird stehen, daß die dunkle Phase der deutschen Universitäten die Zeit von 1968 bis 2006 war. In den nord- und ostdeutschen Unis mag man für eine Weile noch schmollend an den gleichmacherischen Segen der Politik glauben und sich weiter abwärts manövrieren. Es ist ein neues Kapitel aufgeschlagen: wissenschaftliche Exzellenz wird wahrgenommen und von der Gesellschaft gewürdigt. Elite darf wieder gedacht und hervorgebracht werden.
Für alle, die selbst Zukunft gestalten wollen und nicht jammernd auf die Poltik warten wollen ist das ein bedeutender Tag. Die heute noch Zweitplazierten werden zu einer erfrischenden Aufholjagt blasen, zum Wohle des Bildungsstandorts Deutschand.
Als jemand, der einen Abschluss einer US-Uni hat: Ich habe selten so einen Unfug gelesen. Wie ich schon in meinem anderen Kommentar geschrieben habe zeugen derartige Vergleiche nur von purer Unkenntnis der Forschungslandschaft. In den USA sind Universitäten gleichwertig Stätten der Forschung UND Lehre. In Deutschland haben wir Spitzenforschungsinstitute, die Reputation in der Forschung von den Universitäten abziehen. Aber im Bereich Biologie braucht sich auch die Uni Heidelberg nicht vor irgendjemandem zu verstecken. Das Problem ist nicht die fehlennde Möglichkeit des Wettbewerbs -die gibt es nämlich durchaus, dahingehend, ob Doktorarbeiten an Universitäten oder an Max-Planck-Instituten, Fraunhofer-Instituten, Krankenhäusern oder in der Industrie statt in der eigenen Fakultät abgelegt werden. Das Problem ist die schlichte Leistungsverweigerung der Professoren, ausgeruht auf ihrem Beamtenstatus, die ihre Autonomie dahingehen ausnutzen, jede existierende Möglichkeit der Konkurrenz zu unterbinden. Das haben sie hier auch wieder getan: Seilschaften haben sich durchgesetzt, nicht Sachargumente. Dass die LMU gut ist, ist unbestritten. Dass es nur im Südwesten gute Forscher gäbe ist Unfug. Und dass es nur im technischen Bereich gute Leute gäbe ist schlicht gelogen. Und es wird auch nicht besser dadurch, dass man die schwächeren Bereichen systematisch sabotiert.
Wettbewerb findet nicht dadurch statt, dass ich den größten Lobbyisten noch mehr Geld in den Rachen schmeisse, auf dass der nächste Dienstwagen noch etwas größer ist und sie sich nach dem Vorbild amerikanischer Universitäten einen Faculty Club mit Dreisternequalität hinstellen können. Wettbewerb findet statt, wenn in Deutschland ein Diplom ein Diplom ist, ganz egal ob es in München oder Greifswald gemacht wurde und guten Studenten nicht die Zukunft durch Besitzansprüche und "Mir san mir, da könnt ja jeder kommen"-Mentalitäten sabotiert wird. Wettbewerb findet dann statt, wenn Spitzenleute von FHs problemlos promovieren können, wenn ihnen jemand eine Promotionsstelle anbietet, anstatt von den Universitäten systematisch ausgegrenzt und kleingehalten zu werden. Wettbewerb findet dann statt, wenn der Professor, dessen Vorlesung nur von einer Handvoll Schlafenden besucht wird sich überlegen muss, wie sicher sein Stuhl noch ist.
Wer Wettbewerb will, der muss zuallererst dafür sorgen, dass Wettbewerb überhaupt existieren kann. Solange die Herren Professores diesen aber systematisch unterbinden und ihnen dabei auch niemand in die Quere kommen kann, weil sie a)unabhängig und b)verbeamtet sind, ist jedes Gerede von Eliten dummes Zeug. Ich kenne einen FH-Absolventen, dem ein Arbeitsgruppenleiter an einem MPI eine Promotionsstelle angeboten hat. Aber nur Universitäten haben Promotionsrecht, deswegen hätte eine von denen ihn dafür akzeptieren müssen. Aber für die ist es relativ egal, ob jemand ein FH-Diplom hat oder Lepra. Man hat zwar recht häufig in den Regularien die theoretische Möglichkeit etabliert. Tatsächlich laufen die alle darauf hinaus, dass es schlicht die Entscheidung der Fakultät ist, ob sie ihn akzeptieren oder nicht. Weil, man ist ja eine Elite an der Universität, egal ob jetzt Eliteuni oder nicht, und derartiger FH-Pöbel kommt einem nicht unter -egal wie fachlich qualifiziert. Wettbewerb? Mit Champagner für Professoren etabliert man keinen Wettbewerb, man zeigt nur, dass man immer noch in Deutschland die schwachsinnige Idee hat, dass wenn man nur genügend Geld nach etwas wirft sich ein Problem in Wohlgefallen auflöst. Mit einem Sieg für die Wissenschaft hat ein derart naives Weltbild nichts zu tun.
Selbst bei mir, einem leidenschaftlichen Anhänger von Forschung und Wissenschaft, kommen bei diesem "Exzellenzwettbewerb" doch Zweifel auf, ob es sich hier nicht eher um Wirtschaftförderung, denn um eine Bildungsoffensive handelt.
Natürlich müssen Bildungs- u. Wirtschaftsförderung keine Gegensatzpaare darstellen - im Gegenteil. Aber wenn bei der Vergabe der Fördermittel die Produktentwicklungsmöglichkeiten für die Industrie das einzige Entscheidungskriterium zu sein scheint und die Sozialwissenschaften gänzlich unberücksichtig bleiben, so zeugt das nicht nur von gesellschaftspolitscher Ignoranz, sondern auch von (plan-)wirtschaftlicher Kurzsichtigkeit.
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