Pläne Auf die Spitze getrieben
Der Elitewettbewerb verändert die deutschen Universitäten mehr als jedes Gesetz. Forscher und Politiker haben hochfliegende Pläne.
Wissenschaftler neigen von Berufs wegen zur Nüchternheit, deutsche Hochschulmanager zum Pessimismus aus Erfahrung. Manchmal jedoch ist alles anders. »Ich beobachte einen nie da gewesenen Aufbruch«, sagt der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Karl Max Einhäupl. Eine »neue Welt« nennt es der Heidelberger Universitätspräsident Peter Hommelhoff. Und Jürgen Zöllner, Wissenschaftsminister aus Rheinland-Pfalz, schwärmt: »Die depressive Stimmung ist weg. Es gibt eine realistische Chance, dass sich endlich etwas bewegt.«
Was Hochschulleitungen, Wissenschaftsorganisationen und Politiker gleichermaßen in artfremde Verzückung versetzt, ist ausgerechnet die Exzellenzinitiative. Groß war der Spott, als Ex-Forschungsministerin Edelgard Bulmahn Anfang 2004 einen Wettbewerb mit dem albernen Titel Brain up – Deutschland sucht die Superuni ausrief. Mehr als ein Jahr lang stritten sich Bund und Länder über die endgültige Fassung des 1,9-Milliarden-Euro-Förderprogramms.
Nun liegen die Bewerbungen für die drei Förderschwerpunkte vor, insgesamt rund 320 Vorschläge für Graduiertenschulen, Forschungsverbünde (»Cluster«) und Zukunftskonzepte – und viele Ideen übertreffen die Erwartungen bei weitem. Damit zeigt die Exzellenzinitiative, wozu deutsche Universitäten fähig sind, wenn man ihnen die Freiheit zur Fantasie lässt und Geld in Aussicht stellt, ihre Träume zu verwirklichen. Um sich den Juroren von der besten Seite zu präsentieren, haben viele Professoren zudem erstmals getan, was sie hierzulande nur höchst selten tun. Sie haben ihre Hochschule als Ganzes in den Blick genommen, nach Stärken und Schwächen gefahndet und daraus ihre Vorstellung von der Universität der Zukunft entwickelt. »Noch niemals haben wir so intensiv überlegt, wo wir als Universität Göttingen strategisch hinwollen«, sagt Vizepräsidentin Doris Lemmermöhle. Dies habe ihrer Hochschule einen »ungeheuren Schub« gegeben.
Mancher Antrag wurde mit heißer Nadel in den Semesterferien gestrickt
Zwar werden die ersten Elite-Euro frühestens Ende kommenden Jahres fließen; an wen, darüber entscheidet in den nächsten Monaten eine Kommission internationaler Wissenschaftler. Doch schon heute zeichnet sich ab, dass der Wettbewerb für die deutschen Universitäten mehr verändern wird, als es jedes neue Hochschulgesetz vermocht hätte. Der Wettstreit wird das auf Gleichheit beruhende Universitätssystem endgültig zerschlagen. Im Licht der Exzellenzinitiative treten die Profile der Bildungseinrichtungen deutlicher denn je zutage. Gleichzeitig wird die akademische Schönheitskonkurrenz neue Brücken zwischen den Fächern bauen.
Es sei »faszinierend«, wie viele Projektideen die Grenzen von Disziplinen, Universitäten, ja Bundesländern überschreiten, sagt Beate Konze-Thomas von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die die ersten beiden Förderlinien des Wettbewerbs betreut. In Heidelberg etwa wollen Historiker, Juristen und Ethnologen gemeinsam in einer Graduiertenschule erforschen, wie sich europäische Ideen und Werte weltweit verbreitet und verändert haben (siehe Seite 47). Wissenschaftler der Universitäten Saar und Kaiserslautern planen zusammen mit Forschern aus zwei Max-Planck-Instituten, in einem Cluster zu untersuchen, wie sich theoretische Erkenntnisse aus der Informatik in praktische Anwendungen in Medizin, Recht und Wirtschaft übertragen lassen.
Dabei entstanden viele Projekte noch in den gerade vergangenen Semesterferien. »Mancher Antrag wird mit heißer Nadel gestrickt sein«, vermutet Wissenschaftsforscher Peter Weingart von der Universität Bielefeld. Besonders von jenen Hochschulen, die erst im Juli, als die Politik endgültig grünes Licht gab, begannen, Ideen zu sammeln. Als unberechtigt dagegen erwies sich die Befürchtung, Geistes- und Sozialwissenschaften würden den Wettbewerb ignorieren, weil sie mit der Interdisziplinarität wenig Erfahrung haben. Mehr als ein Viertel aller Absender stammen aus diesen Disziplinen, sagt Konze-Thomas.
Auch viele Zukunftskonzepte, Kern der dritten und wichtigsten Förderlinie, seien »überraschend breit angelegt und anspruchsvoll«, heißt es nach einer ersten Sichtung beim zuständigen Wissenschaftsrat. Mit ihnen sollen die Universitäten darlegen, wie sie in den kommenden Jahren an die internationale Forschungsspitze gelangen wollen. Zwar gebe es Anträge, die »mehr versprechen, als sie halten«, sagt Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat. Einige Universitäten jedoch wollen die Gelegenheit nutzen, die gesamte Institution umzukrempeln. So plant die Bochumer Hochschule, Spitzenwissenschaftler, Juniorprofessoren und Gastforscher mehrerer Disziplinen auf einem »Forschungscampus« zu vereinen.
Zwischen den Universitäten hat das Regiment der Gleichheit ausgedient
Insgesamt 27 Universitäten, allein sieben aus Baden-Württemberg, fühlen sich für die Mitgliedschaft in der E-Klasse berufen. Höchstens fünf werden es in der ersten Runde schaffen, die gleiche Anzahl noch einmal 2007. Der Ehrentitel ist nicht nur mit je 20 Millionen Euro bei einer Laufzeit von fünf Jahren dotiert, einer enormen Summe für die notleidenden Hochschulen. Gleichzeitig ist die Aufnahme in den akademischen Olymp das beste Argument für das Werben um hervorragende Professoren, talentierte Studenten und zahlungskräftige Sponsoren. Wer hat, dem wird gegeben. Im Zuge der Exzellenzinitiative wird das Matthäus-Prinzip künftig so stark in der Wissenschaft durchschlagen wie noch niemals zuvor.
Welch eine Blamage, wenn keiner der fünf nordrhein-westfälischen Bewerber die Auszeichnung erhielte, vielleicht sogar keine einzige Hochschule aus dem Norden! Schon jetzt traut sich keine Uni aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern ins Rennen um die Eliteuni (siehe Seite 48). Auch für die lokalen Dauerkonkurrenten im Süden und im Osten der Republik – die LMU und die TU in München, die Freie Universität und die Humboldt-Universität in Berlin – wäre es ein Schlag, wenn eine von ihnen zur Eliteeinrichtung gekürt würde, die andere jedoch nicht.
Bislang herrscht das Regiment der Egalität zwischen den Universitäten. Ob Kiel oder Konstanz, Cottbus oder Köln: Jeder Professor hat das gleiche Stundenpensum, jede Fakultät muss pro Lehrenden die gleiche Anzahl Studenten bewältigen – unabhängig davon, ob sie sich eher der Forschung oder mehr der Lehre widmen. So schreibt es das Gesetz vor.
Dabei driften die Universitäten schon seit Jahren auseinander. Ob man die eingeworbenen Forschungsgelder, die Anzahl der Fachpublikationen oder die ausländischen Gastwissenschaftler zählt, es sind seit langem dieselben Universitäten, die hervorragend abschneiden. So auch im neuesten Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das die ZEIT in dieser Ausgabe veröffentlicht (siehe Tabellen auf dieser Seite).
Offiziell gilt als einziges Unterscheidungsmerkmal derzeit nur die alte Zweiteilung zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Die Zukunft dagegen wird einer sehr viel bunteren Hochschullandschaft gehören. Da werden verschiedene Einrichtungen miteinander konkurrieren: Universitäten, an denen Studenten und Professoren auf höchstem Niveau forschen, und andere, die sich stärker auf die Berufsvorbereitung konzentrieren. Hochschulen, die auf dem globalen Bildungsmarkt ihre Kunden suchen, und solche, die ihre Region mit neuen Lehrern, Ingenieuren oder Juristen bedienen.
Anders jedoch als in den USA, wo die verschiedenen Hochschultypen – Research Universities, Teaching Universities, Colleges – oft in Reinform vorkommen und ein festes Ranking-Raster sie miteinander vergleicht (Carnegie-Classification), werden in Deutschland Mischformen vorherrschen: Universitäten, in denen unter einem Dach Elitefakultäten neben Wald-und-Wiesen-Instituten existieren; Lehreinrichtungen, die sich in dem einen oder anderen Fach jedoch einen weltweit konkurrenzfähigen Forschungsschwerpunkt leisten. »Der Prozess der Differenzierung der Universitäten ist unumkehrbar«, sagt Wissenschaftsratsvorsitzender Einhäupl.
Die Gewinnchance einer Universität steht im Schnitt eins zu vier
Schon jetzt wollen Universitäten wie Heidelberg mit dem Geld aus dem Programm neue Professorentypen schaffen, die sich mal auf die Lehre (Lecturer), mal auf die Forschung (Research Fellow) konzentrieren. Auch die Verschiebung von Geld und Status innerhalb der Hochschulen treibt der Wettbewerb voran. »Wissenschaftler, die an einem Forschungscluster beteiligt sind, werden plötzlich ganz viel Geld haben, während ihre Kollegen weiter unter dem Spardiktat leben müssen«, sagt die Göttinger Vizepräsidentin Lemmermöhle.
In Großbritannien hat die Mittelverteilung nach strengen Leistungskriterien bereits zu einem Fächersterben geführt. Auf der Insel erhalten nur noch solche Institute Forschungsgelder, die bei einer regelmäßigen Begutachtung, dem Research Assessment Exercise, herausragende Noten erhalten. Der Rest geht nahezu leer aus. Mehrere Universitäten zogen daraus die Konsequenz und schlossen zum Beispiel kurzerhand ihre Departments of Physics oder Chemistry. Ähnliches droht nun bei uns. »Das wird ein schmerzhafter Prozess sein, aber um international sichtbarer zu werden, brauchen wir diese Profilierung«, sagt der ehemalige Präsident der Humboldt-Universität Jürgen Mlynek, der jetzt die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren leitet.
Auch wenn die Exzellenzinitiative zum Aufbruch bei einigen führt, kann sie bei anderen zur Erstarrung führen. Die Chance zu gewinnen steht im Schnitt eins zu vier. »Sollte für die meisten Wissenschaftler die ganze Mühe umsonst sein, wird sich bei den Verlierern die Frustration ausbreiten«, prophezeit Wissenschaftssoziologe Weingart. Er fordert, den Wettbewerb mehrmals zu wiederholen. Manche Hochschulen wollen versuchen, ihre Projekte selbst dann umzusetzen, wenn sie in der Exzellenzinitiative jetzt nicht zum Zuge kommen – zur Not, indem sie intern das Geld umschichten.
Die Politik hilft ihnen dabei. So hat Niedersachsen in Aussicht gestellt, jene Graduiertenschulen zu finanzieren, die zwar in die nächste Begutachtungsrunde gelangen, am Ende aber nicht zu den Gewinnern des Wettstreits gehören. Baden-Württemberg will die errichteten Cluster und Doktorandenschulen auch nach den fünf Jahren weiter fördern. Und in Rheinland-Pfalz gibt es bereits jetzt die ersten Sieger. Das dortige Wissenschaftsministerium veranstaltete nach den Regeln der nationalen Ausscheidung einen landesweiten Elitewettbewerb. Die ersten Gelder aus der Landeskasse sind schon bei den Universitäten in Mainz, Trier und Kaiserslautern angekommen.
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- Datum 27.10.2006 - 08:29 Uhr
- Quelle © DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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