Einzelfall Aufstiegshoffnung
Die Universität Heidelberg rechnet fest damit, im Elitewettbewerb zu reüssieren. Scheitern wäre eine Katastrophe.
Und was ist, wenn Heidelberg bei der Exzellenzinitiative leer ausgeht? Peter Hommelhoff tut, was er selten macht. Er schweigt. Eben noch hat der Rektor der Ruprecht-Karls-Universität wortreich den Wettbewerb gefeiert (»neue Dimensionen«, »riesiger Push«) und sich dabei die Hände gerieben wie ein Ausgehungerter, der ein mehrgängiges Menü vor Augen hat. Mehr als ein Jahr lang habe man auf den Wettbewerb hingearbeitet. Aus fast allen Fächern seien hervorragende Ideen für Forschungsprojekte gekommen. Bis hin zu Papier und Farbe der schriftlichen Anträge (»rot und orange«) habe man nichts dem Zufall überlassen. Da verbietet sich jeder Gedanke an ein Scheitern. Und wenn doch? »Das wäre schlimm«, sagt Hommelhoff. »Sehr schlimm. Das wäre der GAU.«
Wohl keine deutsche Universität rechnet so fest damit, bereits in der ersten Antragsrunde 2006 den Elitestatus zugesprochen zu bekommen, wie die Traditionsuniversität am Neckar. Bereits wenige Wochen nachdem Forschungsministerin Edelgard Bulmahn Eliteuniversitäten forderte, ließ Rektor Hommelhoff seine Hochschule öffentlich als Kandidaten vormerken und forderte seine Professoren auf, sich an die Arbeit zu machen. Nach vier Wochen lagen knapp 50Projektskizzen vor. »Uns war klar: Wir kämpfen hier nicht um ein bisschen mehr Geld«, sagt Hommelhoff. »Es geht um eine Weichenstellung für die Zukunft der Universität.«
Der Wettbewerb kommt Hommelhoff zur rechten Zeit. Seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren versucht der selbstbewusste Jurist seine Universität auf Exklusivität zu trimmen. Er führte eine Mittelvergabe nach Leistung ein, ließ Fächer zusammenlegen und versuchte andere, zum Beispiel Volkswirtschaften, abzustoßen, ohne viel Mitleid. Damit will die im Ausland wohl bekannteste deutsche Alma Mater an alte Zeiten anknüpfen. Einst pilgerte die Welt nach Heidelberg, um wissenschaftliche Größen wie Helmholtz und Bunsen zu hören oder auf dem Philosophenweg auf den Spuren von Hegel und Max Weber zu wandeln. In der alten Aula, wo die Geistesriesen als Porträts herabblicken, spürt man noch die Aura jener Zeit, als man deutsch sprechen musste, um in der akademischen Welt gehört zu werden.
Zwar zieht es noch immer viele ausländische Studenten nach Heidelberg. Das diesjährige Ranking des CHE bescheinigt den Professoren überdurchschnittliche Forschungsqualität. In internationalen Vergleichen hingegen muss Heidelberg schon jubeln, wenn es abgeschlagen hinter der amerikanischen Konkurrenz auf einem der Plätze zwischen 40 und 100 auftaucht. Wie alle deutschen Universitäten leidet die Ruperto Carola unter schrumpfenden Budgets. Den Ausbau zur Massenuni in den siebziger Jahren hat die Hochschule bis heute nicht verdaut.
»The Heidelberg Way« lautet die neue Philosophie am Neckar
Der Elitewettbewerb soll die Universität aus der zweiten Liga in die globale Championklasse führen. Die Wegbeschreibung dafür hat Hommelhoff in diversen Strategiepapieren formuliert, deren wichtigste Forderungen sich nun im Antrag zur Eliteuni ( International Top Level Research: The Heidelberg Way ) wiederfinden.
So will die Universität Risikokapital für ungewöhnliche Forschungsideen zur Verfügung stellen, die in üblichen Förderprogrammen keine Chance haben. Dazu kommt eine neue Klassifizierung von Hochschullehrern, die sich entweder rein auf die Lehre (»Lecturer«) oder auf die Forschung (»Research Fellow«) konzentrieren. Das soll dem Nachwuchs bessere Chancen einräumen. Bislang kann keine Universität einem Forscher den Luxus bieten, sich nur eigenen Projekten zu widmen. Deshalb verliere auch Heidelberg »viele der besten Jungen an die Max-Planck-Institute«, bedauert Vizepräsident Jochen Tröger.
Andererseits könne es sich die Hochschule in vielen Fällen nicht mehr leisten, ausländische Professoren zu locken. In Zukunft soll es mit dem Geld aus dem Wettbewerb möglich sein, Professorengehälter zu zahlen, die weit über dem Durchschnitt liegen. Selbst den Ehepartnern der Koryphäen will die Hochschule einen Job garantieren. An amerikanischen Eliteuniversitäten ist dieser Dual-Career-Service selbstverständlich, in Deutschland noch gänzlich unüblich.
Die meisten der anvisierten Spitzenforscher sollen auf dem Neuenheimer Feld ihren Arbeitsplatz finden. Zehn Autominuten jenseits der romantischen Gässchen der Altstadt liegt der naturwissenschaftliche Campus der Universität. Gerade wächst das neue Kinderkrankenhaus empor sowie die Anlage zur Schwerionenbestrahlung von Tumoren. Ein paar Straßen weiter steht der Rohbau eines neuen Rechenzentrums für die Biowissenschaften.
Vor allem Geisteswissenschaftlern käme ein Geldsegen zugute
Beide Neubauten nehmen eine zentrale Rolle bei den »Exzellenzclustern« ein, die in Heidelberg entstehen sollen: eines zur Verbesserung von Tumorbehandlung (»Translational Oncology«), ein anderes zum besseren Verständnis von Proteinen in Zellen (»Cellular Networks«). Die Voraussetzungen für die beantragten Cluster sind gut, finden sich auf dem Campus doch auch ein medizinisches Max-Planck-Institut sowie das Deutsche Krebsforschungszentrum. Ein paar Kilometer weiter liegt das European Molecular Biology Laboratory (EMBL), das Aushängeschild europäischer Molekularbiologie.
Hans Georg Kräusslich, Zellforscher an der Universität, profitiert seit langem von der engen Zusammenarbeit mit den Topinstituten – und ist gleichzeitig frustriert, wenn er seine Arbeitsbedingungen mit denen der Kollegen dort vergleicht. »Was die Ausstattung mit Geräten angeht, geht die Uni am Stock«, klagt er. »Die Millionen aus der Exzellenzinitiative würden uns in die Lage versetzen, endlich gleichwertige Partner zu sein.« Über ein Jahr lang formulierte er mit anderen Forschern den Exzellenzantrag, ohne Sicherheit, ob der Wettbewerb überhaupt stattfindet. Doch der Glaube an das Thema und die Hoffnung auf die 6,5Millionen Euro pro Jahr ließ sie durchhalten. »Wenn der Cluster kommt, wird es unsere Arbeit für Jahre bestimmen«, sagt Kräusslich.
In den Geisteswissenschaften wird die Summe noch größere Wirkungen entfalten. Der Indologe Axel Michels, der für Heidelberg federführend einen Schwerpunkt zur kulturvergleichenden Erforschung von Ritualen beantragt hat, rechnet mit 100 zusätzlichen Wissenschaftlern, sollte die Bewerbung Erfolg haben. Ein solcher Goldregen in Reichweite veranlasste manchen, die akademische Zurückhaltung gegenüber Kollegen aufzugeben. Professoren, die meinten, für den Wettbewerb keine Zeit zu haben, wurden in deutlichen E-Mails (»Betrifft: Exzellenzcluster – Mahnende Worte«) gedrängt, »doch mal ein paar Urlaubstage zu streichen«.
Allerdings stößt man auch in Heidelberg auf Skepsis. Bei Jürgen Eichberger etwa, dem ehemaligen Sprecher der Heidelberger Volkswirtschaftler, findet man nur wenig Aufbruchstimmung. Im düsteren Betonbau der Volkswirtschaft weht der Geist des Abbruchs. Einst lehrten hier Max Weber und sein Bruder Alfred. Doch die großen Zeiten sind vorbei, die Plätze in den Rankings nur mittelmäßig. Für die Heidelberger Volkswirte hätte das fast das Aus bedeutet. Nur durch vielstimmigen Protest wurde die bereits beschlossene Verlagerung der Wirtschaftsprofessuren ins nahe Mannheim abgewendet.
»Eine Universität von Weltgeltung ohne Volkswirtschaft: Daran hätte früher niemand zu denken gewagt«, sagt Eichberger. Insbesondere empört ihn die Rolle des Stuttgarter Wissenschaftsministeriums, das beim Schließungsbeschluss kräftig mitmischte. Wenn es ernst werde, entscheiden in Deutschland eben noch immer Politiker über die Belange der Hochschulen.
Auch die Exzellenzinitiative hält der Volkswirt im Grunde für eine Täuschung. Da würden »Löcher gestopft«, welche die Politik zuvor gerissen habe. Im Wettbewerb mit den Elitenuniversitäten der Welt habe Heidelberg kaum eine Chance. Als er in Australien oder Kanada lehrte, musste er höchstens sechs Stunden unterrichten, in Heidelberg sind es jetzt neun. Vor lauter Korrekturen von Klausuren komme er kaum noch dazu, einen wissenschaftlichen Fachaufsatz zu lesen. »Wir kämpfen aus einem tiefen Loch gegen jemanden, der auf einem Berg steht.«
In manchem stimmen Rektor Hommelhoff und Professor Eichberger sogar überein. Allein die ETH Zürich kann pro Student fast dreimal, eine amerikanische Elitehochschule fünfmal so viel Geld ausgeben wie Heidelberg. Dennoch kann Hommelhoff es sich nicht leisten zu klagen. Die Stellung des Rektors hat sich geändert. Neue Hochschulgesetze haben ihn vom akademischen Grüßaugust und Moderator der Interessen zum Vorstandschef des Unternehmens Universität befördert. Und der muss vor allem eins: nach innen Stärke zeigen, nach außen Optimismus verbreiten. »Der Exzellenzwettbewerb hat etwas bewegt, was ich nicht für möglich gehalten habe. Den Schwung muss man nutzen.«
Immerhin, es geht voran: Beim jüngsten Ranking der englischen Times hat sich Heidelberg im Vergleich zum letzten Mal um zwei Plätze vorgeschoben: von Platz 47 auf Platz 45.
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- Datum 27.10.2006 - 08:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 17.11.2005 Nr.47
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