China Realitätsschock

Unter den mehr als 20 Millionen chinesischen Studenten verbreitet sich Zukunftsangst. Nur eine Minderheit der Absolventen findet angemessene Arbeit.

Zhang Yun* steht in einer olivgrünen Uniform hinter der Kasse eines Pekinger Kaufhauses. Der 22-jährige Absolvent der Beijing Normal University grüßt höflich jeden Kunden, der eintritt. Er wirkt dabei gelassen. Doch eigentlich hatte sich Zhang seinen ersten Job anders vorgestellt: "Ich habe mein Diplom im Fach Internationaler Handel gemacht. Dann war ich ein halbes Jahr auf Jobsuche. Heute arbeite ich als Kassierer und das Geld reicht gerade aus, um selbstständig zu sein", berichtet er.

Eigentlich gehört Zhang zu den Menschen, die deutsche Top-Manager meinen, wenn sie von einer chinesischen Bedrohung sprechen. So warnen Wirtschaftsgrößen wie Siemens-Aufsichtsratchef Heinrich von Pierer immer wieder vor der hohen Zahl der chinesischen Studienabgänger, die in Zukunft zu einer ernsthaften Konkurrenz auch für deutsche Akademiker würden. Aber die Wirklichkeit in China lehrt anderes. Da in der Volksrepublik die meisten der vielen Studienabgänger keinen ihrer Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz finden, fehlt ihnen in der Regel die praktische Erfahrung, um mit deutschen Akademikern konkurrieren zu können.

Wie dem Kaufhaus-Kassierer Zhang ergeht es heute immer mehr chinesischen Jungakademikern. Nach einer Studie der Pekinger Tageszeitung China Youth Daily bereuen es derzeit 34,1 Prozent von 8777 befragten Studenten, Zeit und Geld in eine Universitätsausbildung investiert zu haben, die ihnen nach dem Abschluss wenig Aussicht auf eine Beschäftigung bietet. Schon warnt die Regierung, dass von den 4,13 Millionen Studienabsolventen in diesem Jahr annähernd 60 Prozent keine Stelle finden werden. Und wer dennoch einen Job ergattert, der muss nicht selten als Bedienung oder Kassierer arbeiten.

Für die 23 Millionen chinesischen Studenten sind diese Zahlen gruselig. Und es kommt noch schlimmer: Während die Zahl der Uni-Absolventen in diesem Jahr landesweit um 22 Prozent weiter steigt, sinkt die Zahl der hochqualifizierten Jobs, in diesem Jahr um mehr als 20 Prozent. Diese Schere führt dazu, dass auf immer mehr niedrigen Jobs Mitarbeiter mit einem Hochschulabschluss sitzen. Für die Glücklichen, die einen Job entsprechend ihrer Ausbildung finden, sieht die Zukunft allerdings auch nicht rosig aus: Das monatliche Durchschnittseinkommen für hochqualifizierte Jobeinsteiger ist von 1.551 RMB (etwa 154 Euro) im Jahr 2003 auf gerade mal 1.588 RMB (etwa 158 Euro) im Jahr 2005 gestiegen. Aufgrund der in die Höhe geschossenen Lebenskosten sind die Reallöhne der Studienabgänger sogar gesunken.

Die desolate Situation für die Studienabgänger hat drei Gründe: Erstens kann der chinesische Arbeitsmarkt nicht so viele hochqualifizierte Jobs produzieren, wie Absolventen auf den Markt drängen. Zwar fruchten die staatlichen Beschäftigungsmaßnahmen und es konnten zuletzt jährlich rund neun Millionen neue Jobs geschaffen werden. Die meisten davon liegen jedoch im Niedriglohnsektor.

Zweitens hat unter der stark steigenden Studentenzahl die Qualität gelitten. Nur etwa zehn Prozent der chinesischen Absolventen verfügen über das nötige Fachwissen, das westliche Unternehmen fordern. Zudem bemängeln viele auch chinesische Arbeitgeber die praxisferne Orientierung der Hochschulen.

Drittens driften Idee und Realität einer Hochschulausbildung in den Köpfen der Studenten weit auseinander: Jahrtausende lang waren die Hochschulen Chinas der Elite des Landes vorbehalten. Ein Universitätsabschluss brachte einen hohen sozialen Status und ein wohlhabendes Leben mit sich. Doch das war einmal. "Viele Studenten denken viel zu elitär und richten ihr Augenmerk nur auf Positionen in großen, internationalen Unternehmen und lassen die kleinen privaten Firmen völlig außer Acht", beobachtet Gao Fenguha, Vizedirektor des Karrierezentrums der Universität Nanjing.

Auch Ex-Student Zhang träumte einmal von einem Job in einem internationalen Handelskonzern. Nun hat er andere Sorgen: "Meine Eltern haben sich hoch verschuldet, um mir das Studium zu ermöglichen", klagt Zhang. "Wie kann ich ihnen mit einem Kassierer-Job nur das Geld zurückzahlen?"

* Name von der Redaktion geändert

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Leser-Kommentare
  1. Hrmpf laut welt-in-zahlen.de hat China eine Geburtenrate von 1,78 pro Frau. Okay, Männerüberschuss ohne Ende, aber ganz so schwarz sehe ich für China da nicht.

    • quax74
    • 23.10.2006 um 21:47 Uhr

    Ich kann den Artikel durch meine Erfahrungen bestätigen. Ich hatte während meiner akademischen Laufbahn, d.h. bevor ich endlich einen richtigen Job in der Industrie gefunden habe, viel mit China zu tun gehabt. Vor allem bezüglich der Qualität der chinesichen Absolventen stimmt in dem Artikel alles. Einen Punkt möchte ich hier aber noch nennen. Dieser unheimliche Druck der auf den chinesischen Studenten/Wissenschaftlern lastet, verführt leicht zum Betrug bei der eigenen Arbeit. Bei vielen chinesischen Studien frage ich mich oft, kann dies denn sein. Meine Erfahrung mit der Betreuung von etlichen chinesischen Diplomanden lässt mich da zweifeln.

    Allerdings sind die ja so viele, da reicht es ja schon, wenn nur ein paar Prozent wirklich gut sind. Die Masse an Menschen zählt da eh nichts. Nach oben buckeln, nach unten treten. Jeder der ein Mal in China U-Bahn gefahren ist, weiß worüber ich rede.

    • Kerzel
    • 23.10.2006 um 17:24 Uhr

    Mit einiger Verwunderung habe ich zur Kenntnis genommen, dass auch der chinsische Arbeitsmarkt fuer Akademiker "leergefegt" ist.

    Manchmal frage ich mich nur, ob auch die offiziellen Zahlen der Bundesrepublik wirklich mit der Realitaet uebereinstimmen. Ich selber bin ein Akademiker, der "unter dem erworbenen Status" arbeitet und ich muss hinzufuegen, dass fast alle Akademiker, die ich kenne, unter "ihrem Niveau" (was auch immer das heissen mag...) arbeiten.....ganz zu schweigen davon, dass viele in einem Job untergekommen sind, der auf den ersten Blick "universitaetsgerecht" erscheint, aber jaemmerlich bezahlt ist.....man arbeitet sozusagen fuer die Ehre....

    Die soziale Suppe, die in China gekocht wird, scheint mir wahrlich ungeniessbar....ich hatte gehofft, dass wenigstens die akademische Jugend Chinas etwas besseren Zeiten entgegen sieht..

    Jetzt schreibe ich natuerlich nicht, nur um diese mehr oder weniger banalen Feststellungen von mir zu geben....was mich wirklich besorgt macht - mehr noch nach der Lektuere dieses Artikels - ist die unabweisbare Tatsache, dass ehemals gut funktionierende Institutionen ...Schule, Universitaet, Beruf, Pension......sich selbst ueberholt zu haben scheinen und mit den aktuellen Lebensbedingungen nicht mehr kompatibel sind. Das dies selbst in einem Land wie China mit 8 % Wachstum nicht funktioniert, weist auf eine Krise hin, die mehr "in the human mind" zu suchen ist, als in Wirtschaftszahlen....die Aufarbeitung dieser offensichtlichen Luecke geht im Westen so langsam von statten wie in den arabischen Laendern die Aufarbeitung des religioesen Fundamentalismus.
    Ich gebe dem ganzen - nur zum Spass- den Namen "wirschaflticher Fundamentalismus". Erstes Gebot: Die Steigerung des Bruttosozialproduktes ist Voraussetzung fuer die Verbesserung der allgemeinen menschlichen Lebensbedingungen. Dafuer ist alles erlaubt. Auch die Verschlechterung menschlicher Lebensbedingungen!!!!!

    • cruor
    • 23.10.2006 um 22:55 Uhr

    Hat hier tatsächlich jemand etwas anderes erwartet? Der Blick auf China wird seit Jahren von den in der Tat beeindruckenden Zahlen des Wirtschaftswachstums getrübt.
    Und statt eines ausgeglichenen Bildes über China mit seinen Stärken aber auch seinen enormen Schwächen blickt man im Westen lediglich auf den Stadt gewordenen Boom Shanghai.

    Wie soll die chinesische Wirtschaft mit einem BIP, dass je nach Berechnung irgendwo zwschem dem Frankreichs und Deutschlands steht (einmal abgesehen von diversen amerikanischen Berechnungsmethoden) 23 Millionen Akademiker in gute Jobs bringen?
    Dazu sollte man zudem auch die Struktur der chinesischen Wirtschaft bedenken, die sicher in einigen Bereichen in den letzten Jahren zu internationalen Standards aufgeschlossen hat in der großen Masse jedoch noch in völlig überalterte Produktionsmethoden verharrt. Hier werden nach wie vor keine hervorragend ausgebildeten Ingenieure, Techniker und Wirtschafts- und Naturwissenschaftler sondern hauptsächlich Arbeitermassen gebraucht.
    Und hier liegt schließlich auch eines der größten Probleme Chinas in der Zukunft: Warum die Produktivität in einem Unternehmen steigern, wenn es genügend willige, fleissige und billige Arbeitskräfte gibt?

    Wahrscheinlich wird der ökonomische und politische Einfluss Chinas in den nächsten Jahren weiter zunehmen, doch allzu oft wird dieses Land als politisches Instrument von vielen Arbeitsgebern im Westen missbraucht um gegenüber Arbeitnehmern stärker auftreten zu können... das Knüppelargument China.

    Angesichts der enormen Probleme Chinas sollten Unternehmer und Politiker eine ausgeglichenere Sichtweise auf China entwickeln. Die enormen politischen Defizite, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Rückständigkeit von 90% des Landes und die enormen demographischen Probleme, gegen die unser Kindermangel geradezu lächerlich wirkt: Die fatalen Folgen der einst bewunderten Ein-Kind-Politik, eine rasant alternde Bevölkerung, ein unglaubliches zahlenmäßiges Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Alle diese Schwierigkeiten kann China zur Zeit angesichts eines Investitionsbooms aus dem Ausland überspielen, doch sie werden sich Jahr für Jahr verstärken.

    Vielleicht erlebt die Weltwirtschaft wieder einmal eine unsanfte Landung in Bezug auf allzu verblendete Erwartungen wie so oft in der Vergangenheit, man sollte sich nur einmal an die längst vergessene "Asienkrise" am Ende des letzten Jahrzehnts erinnern. Je schneller ein Aufschwung, desto weniger abgesichert ist dieser und die Fallhöhen werden nur umso höher.

  2. 5. \N

    Na wunderbar. Wir brauchen einfach mehr akademische Taxler...stellt sich nur die frage: wer wird sich den krempel noch leisten können, wenn 2/3 der bevölkerung bald keinen oder (vielleicht)1-eur job haben

  3. Ich habe den Eindruck, man bemueht sich hier einmal wieder, die negative Kehrseite der ganzen Entwicklung in China zu sehen. Tatsache ist doch, dass in China das Studium breiten Teilen der Bevoelkerung zugaenglich gemacht wurde, und die Anzahl der Studienplaetze stark gewachsen ist. Dies erhoeht die Bildung in grossen Teilen der Bevoelkerung, und ist - wenn man es auf dieses Ziel denn abgesehen hat - auch notwendig, um eine Demokratisierung dieses Grossreiches voranzubringen. Gleichzeitig kann die Wirtschaft trotz des Booms nicht mit genuegend Stellenangeboten mithalten. Dies liegt einmal daran, dass das chinesische Universitaetssystem international (noch) nicht wirklich konkurrenzfaehig ist. Weiterhin wird es sicherlich auch dadurch bedingt, dass der Boom hauptsaechlich auslaendischen Firmen zu verdanken ist, die in China investieren und dafuer auch ihr eigenes Spitzenpersonal mitbringen.In gewisser Hinsicht tut hier China etwas sehr Gutes, naemlich den massiven Ausbau des Bildungssystems, aber leider, ohne dass die Nachfrage fuer Fachkraefte auf dem chinesischen Markt gross genug waere. Globalisierung hat auch fuer China seine Kehrseiten, hier: Der chinesische Arbeitsmarkt wird mit auslaendischen Akademikern 'ueberschwemmt'.

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  • Quelle ZEIT Campus online, 23.10.2006
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