Afghanistan Uni der hoffnungslosen Optimisten

Hartnäckig kämpft die Universität von Herat gegen die Folgen von mehr als 20 Jahren Krieg und Gewaltherrschaft an. Auf ihrem Campus entsteht nur langsam so etwas wie Normalität.

In der Wallayet-Straße, die von der Innenstadt am Fußballstadion vorbei zur Landstraße führt, steht die medizinische Fakultät der Universität von Herat. Es ist elf Uhr vormittags, Zeit für die Urologie-Vorlesung. Ein kahler kleiner Raum mit fünf Reihen von Stühlen füllt sich mit etwa 30 Studenten. Unter ihnen ein Dutzend Studentinnen, die sich alle vorne links hinsetzen. Zwischen Männern und Frauen wird eine Sitzreihe freigelassen.

Noch vor fünf Jahren wäre diese Versammlung in Afghanistan ein Ding der Unmöglichkeit gewesen: Unter dem Regime der radikal-islamischen Taliban war Frauen das Studieren verboten. Sie durften nicht alleine das Haus verlassen und sich nicht in einem Raum mit Männern aufhalten, mit denen sie nicht verwandt waren.

An diesem Vormittag ist die Stimmung entspannt. Hier drinnen, im Hörsaal, tragen die Studentinnen Kopftücher in den unterschiedlichsten Farben. Die freie Wahl der Kopf- beziehungsweise Körperbedeckung ist für sie ein Symbol ihrer Emanzipation. Es ist ein begrenzter Freiraum, den ihnen die Universität bietet: Draußen, auf der Straße, dominiert immer noch das Blau der Burkas und das Schwarz der Tschadors. Wenn die Studentinnen nachher den Campus verlassen werden, werden die meisten von ihnen wieder die Ganzkörper-Umhänge überwerfen. Doch immerhin: Einige Frauen trauen sich inzwischen wieder mit dem wesentlich lockereren Kopftuch auf die Straße.

Wer studiert, bestimmen die Männer

Laut der neuen afghanischen Verfassung stehen den Frauen heute die gleichen Rechte zu wie den Männern. Trotzdem liegt die Analphabetenrate der weiblichen Bevölkerung bei etwa 80 Prozent. Ob die Mädchen und Frauen zur Schule oder zur Uni gehen dürfen, bestimmen noch immer die Männer ihrer Familien.

Es geht friedlich zu in Herat. Der umkämpfte und gesetzlose Süden des Landes ist weit entfernt, die Wirtschaft profitiert von der Nähe zum großen Nachbarn Iran. Wenn es in Afghanistan so etwas wie Normalität und Durchschnitt gibt, dann findet man sie hier. Aber auch an Herat und seiner Universität gehen die Probleme beim Wiederaufbau des Landes nicht spurlos vorbei.

Raz Mohammad studiert im vierten Jahr Medizin. "Seit der ersten Klasse will ich Arzt werden", sagt er in einem Englisch, das seinen Gedanken hastig hinterher zu jagen scheint. Mohammad ist überzeugt, hier eine gute Ausbildung zu erhalten, obgleich es auch Probleme gebe, wie er zugibt. "Die Dozenten haben gerade erst ihr Studium abgeschlossen, und schon unterrichten sie uns. Sie können aber noch nicht gut unterrichten." Zudem müsse man sich als Arzt auch spezialisieren können, fordert Mohammad. Bislang wird in Herat aber nur Allgemeinmedizin angeboten.

In den zweiundzwanzig Jahren zwischen dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion und dem Ende der Taliban-Herrschaft hat in Afghanistan ein Brain Drain stattgefunden. Ein großer Teil der gut ausgebildeten und hochqualifizierten Afghanen hat das Land verlassen, darunter auch viele Professoren und Lehrer. Doch auch nach dem Sturz des Regimes sind in den letzten fünf Jahren nur wenige der Auswanderer in die Heimat zurückgekehrt. Auch die Uni von Herat hat mit diesem Mangel an Fachkräften zu kämpfen. Der Neuanfang ist schwer nach zehn Jahren Dschihad gegen die UdSSR, sieben Jahren Bürgerkrieg und fünf Jahren unter den Taliban, die keinerlei Interesse an säkularer Bildung hatten. Schon allein angesichts dieser Vergangenheit stellt das Studienangebot der Allgemeinmedizin in Herat einen enormen Fortschritt dar.

Der Dekan der medizinischen Fakultät heißt Gholam Naqhshband Aram, ein kleiner, dünner Mann, der auf einem der Kunstledersofas in seinem großen, etwas düsteren Büro sitzend noch kleiner wirkt. "Wir sind von den neun medizinischen Fakultäten in Afghanistan vielleicht die dritt- oder viertbeste", stellt Aram nüchtern fest. Mit Universitäten in anderen Ländern, wie zum Beispiel im Nachbarland Iran, könne man sich schon gar nicht messen. "Die sind besser ausgestattet und haben auch viel mehr Erfahrung. Wir sind eine junge Fakultät, die erst 1990 gegründet wurde." Man arbeite hart daran, die Mängel an Gebäuden, Geräten und qualifiziertem Lehrpersonal auszubessern, versichert Aram.

Vorlesungen mit nur einem Studenten

Ganz oben auf seiner Wunschliste steht der Bau einer Ausbildungsklinik. Bisher erhält die Fakultät aber nur spärliche Hilfe vom Staat. "Die afghanische Regierung hat nicht so viel Geld, mit dem sie uns unterstützen könnte", sagt Aram. "Wir brauchen Hilfe von anderswo, von der Weltgesundheitsorganisation oder der EU." Vor drei Jahren hat der damalige US-Botschafter in Afghanistan, Zalmay Khalilzad, der in Afghanistan geboren wurde und heute Botschafter im Irak ist, die Fakultät besucht und ihr finanzielle Hilfe versprochen. Er ward nie wieder gesehen.

Trotzdem geht es langsam voran für die Universität: Heute studieren 5200 Menschen in Herat, 30 Prozent von ihnen sind weiblich. Vor fünf Jahren habe die Uni gerade einmal 550 Studenten gehabt, berichtet Vizerektor Nasser Rahyab. Er unterrichtete schon damals hier. "Wir hatten Vorlesungen mit nur einem Studenten", erzählt er. "An der Fakultät für Lehramtstudien gab es 35 Dozenten und ganze zwei Studenten."

Die Mehrheit der Absolventen aus Herat wird Lehrer. Der Bedarf ist riesig. Sein Land brauche insgesamt 550.000 Lehrkräfte, sagt Vizerektor Rahyab, es gäbe aber zur Zeit nur 170.000. Das liege auch am niedrigen Gehalt: 2500 Afghanis im Monat, etwa 40 Euro. Ausgerechnet die internationalen Entwicklungshelfer verschlimmern den Lehrermangel noch: "Die NGOs und ausländischen Organisationen zahlen einem Hochschulabsolventen ein Gehalt zwischen 500 und 1000 Dollar", berichtet Rahyab. "Und der will dann natürlich nicht Lehrer werden."

Warren-Report statt Englischbücher

Nicht zuletzt, weil man ohne Fremdsprachenkenntnisse keinen Job bei einer NGO bekommt, ist Englisch der Renner unter den Studiengängen. An entsprechende Bücher heranzukommen, entpuppt sich jedoch als nicht ganz einfach. Es gebe viele englischsprachige Bücher in der öffentlichen Bibliothek von Herat, behauptet Said Farooq Hashemi mit einem stolzen Lächeln, das ein paar Zahnlücken offenbart. Seit der Eröffnung der Bibliothek vor drei Jahren ist Hashemi hier Bibliothekar. Er wacht hinter einem Tisch mit einem Computer und einer kleinen afghanischen Flagge über einen großen Saal mit Regalen, in denen mehrere tausend Bücher Platz finden. Von der hohen Decke hängen goldverzierte weiße Kronleuchter.

Bei näherem Blick stellen sich die englischen Bücher allerdings als mehrfache Ausgaben eines dreibändigen Allgemeinlexikons, eines Kinderlexikons, eines Medizinlexikons, eines Kinderbuches, eines US-amerikanischen Kochbuches und der 23 "Warren Commision"-Berichte zur Ermordung von John F. Kennedy heraus. Alle sind im Verlag "Southwestern" erschienen und gespendet worden. Kein einziges Wörter- oder Lernbuch.

Die zwei Buchhandlungen nebenan dagegen haben jede Menge Fachliteratur. Lehrbücher würden sich besser als alles andere verkaufen, sagen die Besitzer. Doch nicht jeder afghanische Student kann sich solche Bücher leisten.

Das Studium selbst ist kostenlos in Herat. Es gibt Wohnheime, in denen Studenten umsonst leben und essen können, allerdings fehlt es dort oft an elementaren Dingen wie Strom oder Wasser. Das Gemeinschaftsessen reicht oft nicht für alle und gilt allgemein als miserabel. Doch gerade auf Institutionen wie Bibliothek und Studentenwohnheime sind viele Studenten im bitterarmen Afghanistan dringend angewiesen.

Wut über die korrupte Regierung

Vizerektor Rahyab findet, dass die ausländischen Hilfsorganisationen nicht genug für das Land tun. "Es gibt NGOs, die wirklich helfen wollen", sagt er. "Andere kümmern sich aber nur um sich selbst. Sie geben viel Geld für große, moderne Wohnungen und Autos aus, und für uns bleiben nur 30 Prozent des Budgets." Andererseits sei an den Problemen aber auch der afghanische Staat mit seiner korrupten Regierung schuld, räumt Rahyab ein. "Eine iranische Universität zum Beispiel ist bereit, jährlich zehn unserer Studenten aufzunehmen. Das Programm läuft aber nicht an, weil sich das Bildungsministerium einfach nicht darum kümmert." Wut schwingt in seiner Stimme mit.

Mit anderen Partnerschaften hat es geklappt, mit der Universität Hartford in den USA, der Universität Bratislava und mit der Universität Bochum. Aber Rahyab will mehr. Er will ausländische Professoren nach Herat holen, internationale Abschlüsse anbieten und eine Studentinnenquote von 50 Prozent erreichen.

Bei der Umsetzung dieser Quote kämpft der Vizerektor noch gegen die traditionellen Wertvorstellungen in der afghanischen Gesellschaft an. "Es gibt Streit zwischen der älteren und der jungen Generation. Die Familien wollen, dass die jungen Frauen Burkas tragen, auch aus Angst, dass die Taliban wiederkommen könnten", erklärt Rahyab. "Doch diese Angst ist nicht mehr berechtigt. Unsere neue Generation wird sich von der Burka befreien."

Der Afghane Rahyab weiß, dass es bei so vielen Problemen noch lange dauern wird, bis auf dem Campus von Herat wirkliche Normalität herrscht - vor allem, wenn die Hilfe der Staatengemeinschaft ausbleiben sollte. Doch so ernüchternd die Realität auch sein mag: Der Vizerektor und seine Kollegen bleiben optimistisch. Was sonst könnten sie tun?

Mehr zum Thema: Eine Bildergalerie zum Uni-Alltag im afghanischen Herat

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    • Quelle ZEIT Campus online, 30.10.2006
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