ZEIT Campus Dialog Streit in Hörsaal C
Wie wird die deutsche Hochschullandschaft in Zukunft aussehen? Bei einer ZEIT-Podiumsdiskussion in Hamburg wurde klar, wie weit die Meinungen zwischen Experten und Studenten auseinanderklaffen.
Die Drohung ist klar: "Torte statt Worte" steht auf dem Transparent, das einige Studenten vor dem Eingang des Hauptgebäudes der Universität in die Höhe halten. Daneben teilt jemand Schokoküsse aus.
Die Zeichen stehen auf Sturm an diesem Abend, an dem die ZEIT mehrere prominente Bildungsexperten zur Podiumsdiskussion in den Hörsaal C des Hauptgebäudes der Hamburger Universität eingeladen hat, darunter auch Gäste wie den Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger. Wegen seiner Umbaupläne an der Uni ist er unter Studenten der Hansestadt äußerst umstritten.
Das Thema des Abends klingt kompliziert und ist doch brandaktuell: "Wer regiert die Universität? - Föderalisierung und Ökonomisierung der deutschen Hochschulen". Diskutiert werden soll über die Veränderungen, die auf Deutschlands Unis zukommen: Welche Vorteile, welche Gefahren bergen Exzellenz-Wettbewerbe, Föderalismus-Reform und das Engagement der Wirtschaft im Bildungssystem in sich?
Dass die Zukunft der Hochschule polarisiert, lässt sich an diesem Abend schon an den belegten Sitzplätzen abzählen: Hörsaal C ist brechend voll, und von draußen drängen noch mehr Zuschauer in den Raum. Als aus Sicherheitsgründen keine Leute mehr eingelassen werden, brandet Protest auf: Während der Vorlesungen sei der Saal oft noch viel voller, ohne dass es jemanden interessiere, beschweren sich einige Studenten. Die Stimmung ist gereizt, nur mühsam kommt Uni-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz dazu, die Podiumsgäste zu begrüßen.
Schließlich eröffnet Helmut Schwarz die Diskussion. Als Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist er maßgeblich am Elite-Wettkampf der Universitäten beteiligt. Den Zustand der deutschen Hochschulen sieht er kritisch: "Wir haben in Deutschland heute keine Elite-Unis und werden auch lange keine haben", stellt Schwarz fest. "Mit der Exzellenz-Initiative haben wir lediglich einen Versucht gemacht, zwischen den Hochschulen zu differenzieren."
Es gebe eine chronische Unterfinanzierung der Hochschulen, gleichzeitig kümmerten sich deutsche Universitäten zu wenig darum, international zu rekrutieren, klagt Schwarz. "Dazu kommt eine vollkommene Schieflage von Forschung und Lehre." Während die mittlere Lehrbelastung in Deutschland bei etwa acht Lehrstunden pro Woche und bei 50 bis 70 Studenten pro Lehrstunde liege, sähen die Zahlen an besseren Universitäten im Ausland ganz anders aus: halb so viele Lehrstunden mit jeweils nur zehn bis 15 Studenten.
"Angesichts ihrer dramatischen Unterfinanzierung erbringen deutsche Universitäten aber erstaunliche Leistungen", gibt Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, zu bedenken. "Die Ausbildung findet auf einem international sehr hohen Niveau statt - auch wenn es noch nicht hoch genug ist." Auch Strohschneider hat die Exzellenz-Initiative mitgestaltet. Seine Zwischenbilanz klingt optimistisch: "Das deutsche Wissenschaftssystem ist wirklich kompetitiv."
Auch Strohschneider sieht wie Schwarz die Probleme vor allem bei der Lehre: Während die Hochschule Humboldtscher Prägung ursprünglich dafür gedacht gewesen sei, drei bis vier Prozent eines Altersjahrgangsaufzunehmen, kämpfe sie inzwischen mit den massiv gestiegenen Studentenzahlen. "Die Uni funktioniert eben bei 30, 40 oder 50 Prozent eines Jahrgangs nicht mehr so gut." Die Lösung zwischen dem Streben nach Exzellenz und den Bedürfnissen der Studenten könne nur eine "funktionale Differenzierung" sein, bei der jede Uni auf ihre spezifischen Stärken setze.
Auf diese Entwicklung setzt auch Wissenschaftssenator Dräger. "Wir müssen uns lösen von dem Bild, dass alle Unis gleich forschungsstark sind." Die Exzellenz-Initiative habe dazu beigetragen, dass nun darüber auch an der Hamburger Uni diskutiert werde. "Es ist aber nicht nur das Geld, das uns von anderen Universitäten unterscheidet", betont Dräger. Man müsse beispielsweise anerkennen, dass andere Hochschulen schon seit langem wesentlich mehr Energie in die Rekrutierung neuer und renommierter Professoren gesteckt hätten. Drägers nüchternes Fazit: "Es wird deswegen vielleicht noch Jahrzehnte dauern, bis die Exzellenz hier einzieht. Das ist kein Prozess von jetzt auf gleich."
Viele Studenten im Saal beruhigt das kaum, zumal sie bereits ab kommendem Jahr pro Semester Studiengebühren in Höhe von 500 Euro zahlen sollen. Immer wieder unterbrechen sie Drägers Worte mit lautem Klatschen, Zwischenrufen und Pfeifengetriller. Der Zorn ist groß auf den Mann, dem sie die Gebühren zu verdanken haben. Doch auch Podiumsgast Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Bundesbildungsminister und Hamburger Bürgermeister, kriegt die Wut einiger Studenten zu spüren, als er es wagt, deren Diskussionsverhalten als "totalitär und faschistoid" zu kritisieren. Die Bodyguards neben dem Podium scheinen eine Spur aufmerksamer ins Publikum zu starren.
Doch über weite Strecken läuft die Debatte in einem sachlichen Ton ab. Welche Rolle denn die Geisteswissenschaften in einer auf Wettbewerb ausgerichteten Hochschul-Landschaft spielen könnten, will ein Fragesteller wissen. "Diese Studienfächer passen doch nicht zum Konkurrenzgedanken", stellt er fest.
"Ich mag nicht bestreiten, dass es einen Missstand bei den Geisteswissenschaften gibt", antwortet Klaus von Dohnanyi. Technik und deren Anwendungen würden eben immer wichtiger. Möglicherweise komme das schlechte Abschneiden der Geisteswissenschaften aber auch daher, dass Forschungsergebnisse in Soziologie, Politik oder Literaturwissenschaften oft recht unverständlich formuliert würden. "Vielleicht werden sie auch beiseite gedrängt, weil das Gefühl besteht, dass sie den Menschen nicht soviel bieten, wie sie könnten", mutmaßt der SPD-Politiker - und erntet Buh-Rufe.
Studienfächer, die sehr anwendungsorientiert seien, seien in diesem Wettbewerb im Vorteil, räumt Peter Strohschneider ein. Das treffe aber alle Fakultäten. "Grundlagenforschung hat derzeit einfach einen schwereren Stand", stellt er fest. Die Qualität der Geisteswissenschaften sei aber im internationalen Vergleich bemerkenswert.
Die Unterfinanzierung der Hochschule sei doch politisch gewollt, um das Studienangebot auf bestimmte Fächer zu reduzieren, vermutet ein Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum. In diese Kerbe schlägt auch Torsten Hönisch, Referent für Hochschulpolitik des Hamburger Asta. "Die Hochschul-Autonomie wird pervertiert, wenn ich nur noch entscheiden kann, ob ich hier oder dort streichen kann." Er finde es befremdlich, sagt Podiumsgast Hönisch, über Exzellenz-Initiativen zu diskutieren, wenn das Problem in Wahrheit in den schlechten Studienverhältnisse bestehe. Und bei der Lösung dieses Problem, sagt Hönisch in Richtung des Hamburger Wissenschaftssenators, "helfen Studiengebühren auch nicht weiter."
Dann ist die Veranstaltung zu Ende. Eilige streben die Teilnehmer die Ausgänge an. Die Zukunft der Hochschule ist offen wie zuvor. Aber zumindest hat man gemeinsam darüber gestritten.
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- Datum 08.11.2006 - 12:07 Uhr
- Quelle ZEIT Campus online, 7.11.2006
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