Alumni-Vereine Club der nostalgischen Akademiker
Immer mehr Universitäten bemühen sich darum, ihre ehemaligen Studenten wieder an sich zu binden. Sie profitieren von der Nostalgie ihrer Absolventen.
Sie feiern in Schlössern, treffen sich in Studentenkellern oder diskutieren in Konferenzsälen. Die einen wollen alte Zeiten wieder aufleben lassen, die anderen ihr Wissen einbringen: Es gibt viele Gründe für Akademiker, nach dem Studium einem Ehemaligen-Verein beizutreten. Alumni-Vereine sprießen hierzulande wie Pilze aus dem Boden.
Inzwischen inverstieren immer mehr Unis Geld und Zeit darin, alte Kontakte zu bewahren und zu erneuern. Damit hat inzwischen eine Entwicklung das deutsche Hochschulwesen erfasst, die in den sechziger Jahren in den USA begann: Denn die Universitäten haben begriffen, wie sie von der innere Bindung ihrer früheren Zöglinge profitieren können.
Dass möglichst vielfältige Kontakte innerhalb der Wirtschaft schon immer bedeutsam waren, ist nur ein Grund für das Interesse am nostalgie-getriebenen Netzwerken. Markus Pohlmann, Professor für Soziologie in Heidelberg, leitet ein Forschungsprojekt über die Alumni-Bewegung. Deren Aufschwung erklärt er sich damit, dass "der Rekurs auf die frühere universitäre Heimat immer gewünscht wird und an Bedeutung gewinnt, je länger man von dieser entwöhnt ist oder je weiter man vom Studienort entfernt lebt".
Doch auch finanzielle Aspekte spielen eine wesentliche Rolle - etwa an der "International University Bremen" (IUB). Erst kürzlich machte die Hochschule Schlagzeilen, als die Stiftung der Kaffeeröster-Dynastie Jacobs ankündigte, 200 Millionen Euro in die IUB stecken zu wollen. Woraufhin sich die IUB in Jacobs-University umbenannte - was auch den Blick auf die schwache finanzielle Situation der Uni lenkte.
So stand auch hinter der Gründung des Alumni-Vereins vor drei Jahren die Hoffnung, die Lage der Universität mit zusätzlichen Stiftungsgeldern mittelfristig verbessern zu können. Denn eigentlich war die IUB kurz vor der Pleite. Hinzu kommt, dass bisher viele ihrer Studierenden, von denen 85 Prozent aus dem Ausland kommen, auf Stipendien angewiesen sind. "Anders als amerikanische Eliteuniversitäten schauen wir bei der Auswahl unserer Studierenden nicht auf die Vermögensverhältnisse. Bei uns zählt allein die Leistung", sagt Alumni-Officer Hagen Böttcher. Stattdessen können die Gaststudenten die Jacobs-Uni auf andere Weise sanieren: Natürlich sei auch nichtmaterielles Engagement willkommen, sagt Böttcher - zum Beispiel die Vermittlung von beruflichen Kontakten.
Das Alumni-Projekt rechnet sich noch auf andere Art für die IUB: Sie qualifizierte sich für das Projekt "Alumni-Plus", das vom Auswärtigen Amt gesponsert und vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) vergeben wird. Mit diesen Mitteln sollen Hochschulen ihre Alumni-Arbeit ausbauen und vertiefen können. Bis zu 60.000 Euro sind drin. "Die Förderung durch den DAAD bedeutet der IUB sehr viel", sagt Böttcher. Innerhalb von zwei Jahren fließen nun 28.000 Euro in drei Projekte: Zunächst gibt es ein Mitgliedermagazin. Außerdem will man eine Untersuchung vornehmen, die den Werdegang der Alumni ermitteln und statistisch verwertbar machen soll. Der größte Posten jedoch ist für den Aufbau einer Datenbank vorgesehen.
Denn für die globale Vernetzung ist das Internet unerlässlich. Das spiegelt sich auch in der Alumni-Arbeit vieler Hochschulen wider. Die Ruhr-Uni Bochum (RUB) ist nur ein Beispiel. Die 2005 eingerichtete Datenbank ist derzeit das wichtigste Instrument für den Austausch der Alumni. Die neuesten Hochschulinformationen sind hier zu finden, beim Stöbern entdeckt man Interviews mit bekannten Absolventen der RUB, Kontakte sind schnell hergestellt. Seit es dieses Forum gibt, wächst der Alumni-Kreis rasant. Die Zugangshürden sind niedrig: Wer an der Ruhr-Uni studiert, kann auch Alumni werden. Ein abgeschlossenes Studium ist keine Voraussetzung. Vor allem bei Ingenieur- und Naturwissenschaftlern ist die Datenbank beliebt, doch die Geisteswissenschaftler holen auf.
Eine Vorreiterrolle in punkto Alumni-Arbeit nimmt der bereits genannte DAAD ein. Der Dienst verfügt über ein engmaschiges Netz, das sich über den ganzen Globus spannt. In 14 Ländern gibt es Dependancen. Die über 120 Alumni-Vereine zählen derzeit fast 240.000 Mitglieder. Weit mehr übrigens als die Alumni-Kartei der Studienstiftung des Deutschen Volkes umfasst: mit "nur" knapp über 40.000 ehemaligen Stipendiaten. Dafür unterstützt der DAAD aber auch deutsche wie ausländische Studierende, insgesamt 50.000 pro Jahr. Ununterbrochen wächst damit der Kreis derjenigen, die die Beziehung zum Dienst auch nach Ablauf der Förderung aufrechterhalten. So entsteht eine Dreiecksbeziehung zwischen den derzeitigen Studierenden, den Alumni und dem DAAD. Cay Etzold, Leiter des Referats Alumni, spricht von einer "innigen Bindung" und schwärmt von den "großartigen Kontakten", die dabei entstünden. Der DAAD setzt sich besonders für die hochqualifizierten Studenten ein, die aus Entwicklungsländern stammen und auf Unterstützung angewiesen sind.
Doch der DAAD entdeckt auch zunehmend sogenannte freemover als Alumni: Ausländer, die einst ohne Stipendium in Deutschland studiert haben. Exzellent ausgebildet, sind sie ihrem früheren Gastland Deutschland meist wohl gesonnen. Auf diese Weise lassen sich auch zur Wirtschaft wichtige Kontakte knüpfen. Im Laufe der Jahre hat der DAAD weltweit eine "Bildungselite gefördert, die heute gerne mit uns kooperiert", sagt Etzold.
Mit all ihren Vorzügen erobern die Alumni-Vereine neben den Hochschulen auch neues Terrain. So hat sich erst im August das Alumni-Netzwerk des Wissenschaftsrates konstituiert. Da die 32 aktiven Mitglieder des Rates nach spätestens sechs Jahren ausscheiden, hat man nach einer Kooperationsform gesucht, die sich über diesen Zeitraum hinaus beibehalten lässt. Die 80 Alumni arbeiten nun an Fragen um Hochschulpolitik, Wissenschaft und Forschung. "Immerhin häufen die Wissenschaftler im Zeitraum ihrer Mitgliedschaft einen enormen Fundus an Wissen an", sagt der Vorsitzende Alfred Pühler. Einerseits wolle man über die gelegentlichen Treffen die Verbindung zueinander halten, andererseits die Lösung anstehender Probleme vorantreiben und Entscheidungen der Politik, aber auch Empfehlungen des Wissenschaftsrates, "kritisch reflektieren", wie Pühler erklärt.
Die Alumni-Bewegung, so scheint es, nützt allen. Sie produziert klassische win-to-win-Ergebnisse. "Alles kann, nichts muss - das ist die Devise der Vereine, die vielleicht auch deswegen besonderen Anklang finden", sagt der Soziologe Pohlmann. Nur dabei sein muss man eben.
- Datum 20.12.2006 - 03:59 Uhr
- Quelle ZEIT Campus online, 20.11. 2006
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