Uni Berkeley "Stress ist ein Teil der Kultur"

Die Universität Berkeley gilt als beste staatliche Hochschule der Vereinigten Staaten. Ihren Studenten bietet die Uni hervorragende Lernbedingungen, ein vielfältiges Freizeitmöglichkeiten - und einen enormen Leistungsdruck.

Es ist zwölf Uhr mittags: Auf dem Campanile-Turm spielt Musikwissenschaftler Jeff Davis zehn Minuten lang das Glockenspiel. Zeit für eine Pause im Lehrbetrieb der University of California at Berkeley, auch einfach nur Berkeley genannt: Hunderte von Studenten strömen aus den Universitätsgebäuden durch das historische Sather Gate zum Lunch oder lagern sich auf den weitläufigen Wiesen des parkartigen Campusgeländes. Die geräumige Sproul Plaza ist überfüllt wie ein Marktplatz. An zahlreichen Infoständen werben Studenten ihre Kommilitonen für Clubs, Aktivitäten und Events, studentische A-Cappella-Ensembles singen unter freiem Himmel. Hier sind alle vertreten: Von den Studentenvereinigungen, Verbänden ethnischer Minderheiten, Gruppen für Umweltarbeit bis hin zu den Organisatoren asiatischer Modenschauen.

Diversity , Vielfalt, ist ein Prinzip, das die UC Berkeley bis heute hoch hält. Der weltanschauliche und politische Liberalismus, die Internationalität der Studentenschaft gepaart mit höchstem akademischen Niveau sind ihre Markenzeichen. Die Universität Berkeley, in den wichtigsten Uni-Rankings der letzten Jahre konstant als beste öffentliche Universität der Vereinigten Staaten eingestuft, ist vor allem mit ihren als durchweg exzellent angesehenen Doktorandenprogramme den privaten Konkurrenten Stanford, Harvard oder Yale hart auf den Fersen.

Der Andrang der Studenten ist entsprechend: Nur ungefähr ein Viertel der Bewerber für das erste Semester hat im Herbst 2006 den anspruchsvollen Bewerbungsprozess überstanden. Die, die es geschafft haben, zeigen den Stolz auf ihre Universität offen und enthusiastisch. Kaum ein Student, der kein T-Shirt mit dem Uni-Schriftzug oder dem Braunbären, dem Wappentier der Uni und des Bundesstaates, besitzt.

Die Kehrseite des Glücksgefühls, ein Teil des traditionsreichen und inspirierenden Berkeley- Kosmos sein zu dürfen, ist der enorme Leistungsdruck, unter dem die Studierenden stehen. Die meist achtzehnjährigen "Freshmen" oder auch die "Graduates", die bereits das Bachelor-Examen abgelegt haben und mit einem Doktorandenprogramm beginnen, brauchen in den folgenden vier oder mehr Jahren all ihre Energie - Bärenkräfte eben. "Viele stehen sehr stark unter Stress", bestätigt Elisabeth Lamoureaux, zuständig für die Doktoranden an der Deutschen Fakultät.

Denn nicht nur die akademischen Anforderungen rauben Zeit und Kraft, sondern auch die Arbeit neben dem Studium, die für viele unumgänglich ist. Bei weitem nicht alle Eltern können gut 20.000 Dollar zahlen, die ein Jahr Studium insgesamt in Berkeley kostet. Daher bietet die Universität, wie für alle Fragen des studentischen Lebens, ein ausgeklügeltes System an, das aus Stipendien, Darlehen und uni-internen Studentenjobs besteht. Zudem sind die graduierten Studenten anders als in Deutschland als "Graduate Student Instructors" in den Lehrbetrieb eingebunden.

Doch auch diese Art der Finanzierung kann großen Stress bergen. "Regelmäßiger Medikamentenkonsum ist unter den Doktoranden keine Seltenheit", berichtet Rebekah Ahrendt, Doktorandin an der musikwissenschaftlichen Fakultät. Die eigene Arbeit, die Lehrverpflichtung, die vielen Pflichtkurse auch für Graduierte, die Notwendigkeit, sich in den wissenschaftlichen Betrieb zu integrieren und die Zukunft zu planen, alles das füllt den Zeitplan völlig aus. Außerdem haben die jüngeren Studenten oft nicht nur Probleme akademischer Natur. Im Schnitt zwei bis drei Jahre jünger als deutsche Erstsemester, sind für die "freshmen" die ersten Studienjahre "eine Verlängerung der high school", meint Rebekah Ahrendt. Sehr viele wohnen zum ersten Mal außerhalb des Elternhauses in den Wohnheimen, meist auf dem Campus. Erste Beziehungen, Alkohol oder Drogen, auch das Zusammenleben zu zweit auf einem Zimmer können zum Problem werden.

Doch die enge Gemeinschaft auf dem Campus hat auch große Vorteile: Sie kann den akademischen Stress ausgleichen. Josef, BWL-Student aus Göttingen, und für ein Jahr in Berkeley, wohnt in einer sogenannten "Co-op", einem der von Studenten organisierten und oft themenbezogenen Wohnheime. Die Wände des "Oscar Wilde-Hauses" sind mit bunten Graffitti bemalt; in der geräumigen Küche wird das gemeinsame Abendessen gekocht. Josef gefällt dieses studentische Zusammenleben mit seiner exzentrischen Note.

Er jedenfalls leidet nicht unter der Einsamkeit, die von Mitarbeitern des Gesundheitszentrums der UC Berkeley, auch Tang Center genannt, als eine der Stressfaktoren für jüngere Studenten erwähnt werden. Berkeley mit seinen über 30000 Studenten ist ein Ort, an dem man sich als Erstsemester schnell verloren fühlt. Ein Hilfsmittel dagegen ist die schier unüberschaubare Menge an kulturellen, sportlichen und politischen Gruppen und Vereinen, denen man sich anschließen kann. Doch da hier Sport, Musik und anderes äußerst ernstgenommen und auf hohem Niveau betrieben werden, kann auch diese Bereicherung des studentischen Alltags in Stress umschlagen.

"Dies ist eine Umgebung, die unter Hochdruck steht, und Stress ist ein Teil der Kultur", schreibt Bonnie Azab Powell in einer Publikation des Tang Centers, die sich an die besorgten Eltern der Studenten richtet. Die Kurse, die das Zentrum für den Umgang mit akademischer Belastung anbietet, sind grundsätzlich überfüllt. Trotz allem sind sich Studenten und Dozenten einig: Das Leben und Arbeiten im akademischen Mekka Berkeley ist es wert. Der Mythos, der den Campus umgibt, ist immer noch sehr lebendig - und das zu Recht. "Ich bin nirgendwo in meinem Leben glücklicher gewesen" schreibt ein Student in einem College-Führer, "als dort, wo ich jetzt bin, hier in Berkeley."

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Mehr zum Thema: "Breite Spitze: Berkeley ist Massenuni und Elitehochschule zugleich"

 
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    • Quelle ZEIT Campus online, 27.11.2006
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