ebay-Schulungen Uni des Eigennutzes

Mit seinen "Universities" bringt ebay seinen Kunden bei, wie man richtig handelt - und nebenbei noch zu einem besseren Menschen wird.

Als Ingeborg Papp aus Ulm zu "672ingeborg" wurde, hatte die 58-Jährige auf einmal einen Grund, zum ersten Mal in ihrem Leben eine Universität zu betreten. Eigentlich ist Ingeborg Papp gelernte Krankenschwester, jetzt sitzt sie im Auditorium der Universität Tübingen - ganz hinten außen rechts. Der beste Fluchtplatz, um in Vorlesungen unauffällig den Saal verlassen zu können.

An diesem Tag ist nicht nur bei Ingeborg Papp alles anders. Auch das Universitätsgebäude in Tübingen sieht irgendwie verwandelt aus: Vor dem Gebäude flattern große Fahnen, Luftballons tanzen in der Luft und in der Halle sind Computer und bunte Infotische aufgebaut. Überall prangt das bunte Logo der größten deutschen Auktionsplattform im Internet, auf der in jeder Sekunde ein Kleidungsstück und alle elf Minuten ein Kühlschrank verkauft wird - ebay ist in die Uni eingezogen.

Seit vier Jahren nun schon tingeln vornehmlich hoch gewachsene schlanke Mitarbeiter mit einem großen Laster durch das Land, halten Einzug in Universitäten, Theatern und Konzertsälen und lehren das Volk, wie es bei ebay am besten kauft und verkauft. Die so genannte ebay university dauert einen Tag. Gelehrt wird in Einsteiger- und Fortgeschrittenenkursen, vom ersten erfolgreichen Turnschuhkauf im Seminar "Erfolgreich bieten und kaufen" bis zum weltweitem Internethandel. Vor wenigen Wochen erst feierten die Auktionäre in Berlin die 40. university-Zusammenkunft.

"Natürlich ist das auch eine Werbeveranstaltung für uns", gibt Alexander Witt, der Pressesprecher zu. "Aber eine, die sehr begehrt ist." Trotz 40 Euro Gebühren für den Einführungskurs und 70 Euro für den Fortgeschrittenkurs sind die Veranstaltungen meist ausgebucht. Auch bei der university in Tübingen sind alle 500 Plätze belegt.

Hörsaal 1. Einsteigerkurs: 200 ebay-Erstsemester haben sich eingefunden. Erstaunlich viele Rentner, Hausfrauen und Anzugträger, eine Frau ist mit ihrem Baby, eine andere mit ihrem Hund gekommen. Die Studentengemeinde ist ein buntes Deutschland-Kaleidoskop, das jetzt kollektiv auf den Pulten vor sich die Werbetäschchen ablegt, die vor Vorlesungsbeginn verteilt wurden.

Der Dozent ist ein Schwabe, der universities quer durch die Republik leitet, nun aber merklich begeistert ist, vor der Zuhörerschaft in Tübingen in Mundart sprechen zu können. Energiegeladen legt er mit den Unterricht los und vermittelt den Teilnehmern erst einmal das Allerheiligste: die ebay-Philosophie - per Powerpoint Präsentation in großen Lettern an die Wand geworfen. Drei von zehn ebay Gedanken:

"1. Wir glauben, dass die Menschen gut sind, 2. wir glauben, dass eine offene Gemeinschaft das Beste im Menschen hervorbringt, 3. wir schätzen jeden als einzigartige Person."

Die Grundsätze muten religiös an - und werden von ebay und seinen Jüngern auch ähnlich ernst genommen. Denn erfolgreicher Internethandel funktioniert nur, wenn Kunden genug Vertrauen ins System haben, um einem wildfremden ebay-Verkäufe Geld zu überweisen, obwohl sie die Ware noch nicht erhalten haben. "Behandeln Sie den anderen so, wie Sie selbst behandelt werden wollen", rät der Dozent. Und fast meint man, einen christlichen Prediger zu hören: Liebet Euren nächsten wie Euch selbst!

Die noble Maxime ist nicht ganz uneigennützig. Denn wer beim Internet-Handel andere hintergeht, dem drohen schlechte Bewertungen durch die ebay-Gemeinde. Niemand würde mehr mit ihm handeln wollen. Da bleibt man lieber fair - wenn schon nicht aus schlechtem Gewissen, dann eben aus simpler Verkaufsstrategie.

Trotz des Glaubens daran, "dass eine offene Gemeinschaft das Beste im Menschen hervorbringt" appelliert der Dozent nun, dass sich jeder Teilnehmer lieber ein sicheres Passwort zulegen solle, keinen eigenständiger Begriff, sondern ein Gefüge aus Zahlen und Buchstaben, zum Beispiel 3Ki2Au1Fr. "Für Sie ist das jetzt unverständlich und schwer zu merken, für mich aber ganz einfach", versichert der Schwabe. "3Ki2Au1Fr - das ist die Abkürzung für: Ich habe drei Kinder, zwei Autos, eine Frau. " Gelächter im Saal.

Nächste Lektion: Rechtschreibfehler machen! Zumindest dann, wenn man auf der ebay-Seite einträgt, welchen Artikel man sucht. "Geben Sie einfach mal ‚Bekini' anstatt Bikini ein. Sie glauben ja gar nicht, wie viele Fehler die Deutschen machen!" Der Dozent tippt auf der ebay-Homepage das falsch geschriebene Wort ein. Auf der Großbildleinwand können die Zuschauer die Suche mitverfolgen. Und tatsächlich: Ihr ebay-Lehrmeister erzielt eine Handvoll Suchergebnisse. Da der ‚Bekini' von weniger Kunden gefunden wird, handeln weniger Interessenten den Preis hoch - der ‚Bekini' kann so um ein Vielfaches günstiger als andere Bikini erworben werden. Lerne: Wer sich an der Dummheit der anderen orientiert, macht Gewinn.

Die Teilnehmer sind begeistert, rhythmisches Klicken der Ebay Werbekulis erklingt, diesen Supertrick schreiben sich alle auf. Ein Schwabe schlägt vor, nach der regionalen Weinsorte Trollinger mit "Drollinger" zu suchen. Tatsächlich, ein Treffer. Die Motivation der ebay-Gemeinde wächst.

Im Fortgeschrittenenkurs im Hörsaal gegenüber sind die Teilnehmer über derartige Anfängertricks längst erhaben. Hier sitzen die so genannten "Powerseller", diejenigen, die bei ebay monatlich mindestens 3000 Euro Umsatz machen oder 300 Artikel verkaufen.

64.000 Deutsche verdienen mittlerweile ihren Lebensunterhalt durch die Verkaufe bei ebay. Im Fortgeschrittenenkurs geht es nicht um ein gelegentliches Schnäppchen. Hier sitzen sogar Powerseller, die mit eigenen Angestellten angereist sind. Auch Thiess Konrad aus Stuttgart hofft, in der university Tipps zu bekommen, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern können. Sein frührer Job in der Krankenpflege hat nicht so gut geklappt, jetzt will er bei ebay mit gebrauchten Antiquitäten handeln. Andere wie Oskar Haak, der als "leder-star" Kleidung im Internet verkauft, nutzen die Veranstaltung eher als Messe, um sich mit anderen Powersellern auszutauschen - unter anderem über Alternativen zu ebay. "Denn die Gebührenerhöhungen bei ebay sind mittlerweile ziemlich heftig", klagt der "leder-star".

Krankenschwester "672ingeborg" ist von etwaiger ebay-Untreue noch weit entfernt - dazu gefällt ihr im Moment die Veranstaltung und die lockere Art des Dozenten zu gut. Der gibt am Nachmittag auf der Großleinwand eine rosa Handtasche zur Versteigerung frei. Dabei erklärt er, wie man ein gutes Foto schießt ("Schon ein einfaches Handtuch kann ein professioneller Bildhintergrund sein!"), ein Produkt präzise samt aller Macken beschreibt und den Artikel nach der Versteigerung so sicher verschickt, dass er beim Käufer zu dessen vollster Zufriedenheit ankommt.

Schließlich, wiederholt der Mann auf dem Podium, werde Unehrlichkeit mit harten Bewertungspunkten bestraft. Spätestens jetzt haben alle Teilnehmer im Einsteigerkurs begriffen, dass es sich lohnt, gut zu sein - zumindest in der Welt von ebay, in der man sich mit dem Einhalten der goldenen Regel vielleicht eine goldene Nase verdienen kann. So endet der Nachmittag in Tübingen denn auch sehr harmonisch. "Viel Spaß bei ihrem weiteren ebay-Leben", wünscht der Dozent zum Schluss. Die Teilnehmer klatschen laut. Dann nehmen sie ihre Werbetäschchen und verlassen den Hörsaal. 200 Personen, die an diesem Tag vielleicht zu besseren Menschen - auf jeden Fall aber zu besseren Kunden gemacht worden sind.

 
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    • Quelle ZEIT Campus online, 16.11.2006
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