Leipzig Studieren auf der Baustelle
Die Nerven von Leipzigs Studenten liegen blank: Seit Monaten müssen sie mit Dreck, Lärm und Staub auskommen. Ihr Campus wird umgebaut - bei laufendem Betrieb.
Leipzigs Studenten haben es derzeit nicht leicht, denn ihre Uni versucht einen komplizierten Spagat: Bei laufendem Lehrbetrieb will man innerhalb von drei Jahren ein aus DDR-Zeiten stammendes Campusgelände in die Uni der Zukunft verwandeln - pünktlich zum 600. Geburtstag der Alma Mater.
Umgebaut wird in fünf Abschnitten. Im Sommersemester 2005 wurde mit der kompletten Renovierung des Hörsaalgebäudes begonnen, zeitgleich zum Neubau der Mensa. Im nächsten Jahr folgt der Bau der neuen Aula. Die Dozenten müssen deswegen zur Zeit an verschiedenen Orten referieren, die über die ganze Stadt verteilt sein. Und so muss auch die Zentralmensa als Hörsaal herhalten.
Viele Studenten nervt das Bauvorhaben. Sportwissenschaftsstudentin Sabrina stören vor allem die langen Distanzen zwischen den oft mehr als provisorischen Ersatz-Hörsälen. "Bei zwei Veranstaltungen nacheinander muss man dadurch bei der einen zu früh gehen, bei der anderen kommt man aber trotzdem noch zu spät. Da suche ich mir die Vorlesungen nach Standort aus und nicht mehr, so wie es sein sollte, nach Inhalt der Lehre", meint die 21-Jährige.
Dabei gibt es durchaus beliebte Ausweichquartiere, beispielsweise den Vortragssaal im Grassi-Museum. Hier können es sich die Studenten während der Vorlesungen in einem geräumigen, ehemaligen Kinosaal auf gepolsterten Sitzen bequem machen, während eine Klimaanlage mit kühler Luft für frische Gedanken sorgt. Doch nur für die wenigsten Studenten ließ sich der heiße Sommer so gut überstehen wie in dem Museumsgebäude, denn die Mehrzahl der Veranstaltungen findet im zentralen Seminargebäude der Leipziger Uni statt.
Dort zwängten sich während der Sommermonate bei Temperaturen von 38 Grad im Schatten bis zu sechzig Studenten in viel zu kleine Räume. Der unsägliche Baulärm, nur wenige Meter entfernt, ließ niemanden die Chance, ein Fenster auch nur einen Spalt breit zu öffnen. Das Rattern der Presslufthammer draußen erlaubte keinen klaren Gedanken, während die dicken Staubschwaden in der Luft das Atmen schwer machten. Auch wenn die Temperaturen mittlerweile angenehmer sind, lässt das Ende der Bauarbeiten doch auf sich warten: Ab März 2007 soll das Seminargebäude selbst umgebaut und erweitert werden.
Christoph studiert im dritten Semester Anglistik und findet die Art und Weise des Uni-Umbaus nicht zumutbar. "Der permanente Krach macht das Lernen im Seminargebäude nahezu unmöglich." Außerdem ist der 22-jährige skeptisch, ob das Studieren in den Ausweichquartieren ohne Schwierigkeiten ablaufen wird. Seiner Meinung nach ist das Abreißen der Uni-Gebäude wenig durchdacht. Es fehle einfach an eine alternativen Räumlichkeiten.
In der Universitätsleitung ist man sich bewusst, dass den Studenten mit den jahrelangen Baumaßnahmen viel zugemutet wird. Indem man den Campus nach und nach, quasi Gebäude für Gebäude, umbaut, hofft man, die Kosten für Ausweichquartiere auf ein Minimum beschränken zu können. Trotzdem könne es aufgrund des Platzmangels nötig werden, dass "während der Bauzeit auch samstags Lehrveranstaltungen stattfinden", gab das Rektorat bekannt. Vor allem beim Neubau der Mensa gibt es anscheinend noch große Probleme. "Natürlich macht der Baufortschritt der Universitätsleitung erhebliche Sorgen, weil bei jetziger Verzögerung des Baues nicht mehr sicher ist, ob alles termingerecht fertig wird", teilte Universitäts-Rektor Franz Häuser mit.
Der Umbau erhitzt aber nicht nur die Gemüter der Leipziger Studenten, sondern auch mancher Bürger. Der Stein des Anstoßes war 30 Tonnen schwer, 14 Meter breit und sieben Meter lang - das Marx-Relief mit dem Namen "Aufbruch", das bis vor kurzem am Seminargebäude hing. Zu DDR-Zeiten war es das Wahrzeichen der Leipziger Universität, die den kommunistischen Theoretiker zu ihrem Namenspatron gemacht hatte. Ihm zu Ehren hatte man im Jahr 1974 das große Bronzerelief angebracht. Für den Umbau 32 Jahre später musste das Monument schließlich weichen.
Lange wurde in Leipzig über das Danach gestritten. Fast täglich wurden in den lokalen Zeitungen Leserbriefe abgedruckt, in denen kontrovers über die Zukunft des Marxschen Monuments diskutiert wurde. Der Schriftsteller Erich Loest wollte das Relief anfangs kaufen, nahm dann aber doch Abstand. Forderungen wurden laut, dass Bronzewerk wieder in den neuen Campus zu integrieren. Andere wollten das DDR-Relikt dagegen am liebsten sofort einschmelzen.
Mitte August wurde "Marx" schließlich abmontiert, geviertelt und liegt nun auf einem Betriebsgelände der Universität. Doch der Streit ist noch nicht vorbei. Das Rektorat würde das Relief gerne im Park neben dem neuen Campus wieder aufstellen. Die Grünfläche jedoch ist Stadteigentum - und Leipzigs SPD-Regierung möchte mit dem Relikt aus sozialistischen Vorzeiten nichts mehr zu tun haben. Den genervten Leipziger Studenten bleibt also ein schwacher Trost: Zwischen Marx, Bauzäunen und Presslufthammerlärm wird an ihrer Universität während der nächsten Semester vermutlich keine Langweile aufkommen.
- Datum 09.11.2006 - 12:32 Uhr
- Quelle ZEIT Campus online, 10.11.2006
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