Wirtschaftsingenieure Juwel vor dem Aus

In Hamburg soll ein erfolgreicher Studiengang für Wirtschaftsingenieure geschlossen werden. Weder Studenten noch Professoren können nachvollziehen, warum.

Vor zwei Wochen vor dem Hamburger Rathaus: Rund 400 Wirtschaftsingenieur- Studenten demonstrierten dort zusammen mit ihren Professoren. Sie hatten ein großes graues Modell mitgebracht: Es zeigte drei dicke Säulen mit einem Dach. Darauf stand Wissenschaftssenator Dräger aus Pappe. Mit einer gelben Blindenbinde am Arm und einem Presslufthammer in der Hand zertrümmerte der Senator aus Pappe das Drei-Säulen-Modell. Daneben hielten die Studenten Schilder in die Luft, darauf stand: "Senator Dräger: Augen auf!"

Das Dach des Modells steht für den Hamburger "Hochschulübergreifenden Studiengang Wirtschaftsingenieur" (HWI). Die drei Säulen stehen für die Universität Hamburg, die Hochschule für Angewandte Wissenschaft (HAW) und die Technische Universität Hamburg-Harburg (TUHH), die den Diplom-Studiengang HWI seit 1982 gemeinsam anbieten. Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger hat im Oktober die Auflösung des HWI beschlossen. Ab dem Wintersemester 2007/08 soll ein paralleles Wirtschafts- und Ingenieurstudium nur noch von der Universität und der HAW angeboten werden. An der TUHH soll ein aufbauender Master in Betriebswirtschaftslehre für Ingenieure eingerichtet werden.

"Über die Entscheidung von Senator Dräger waren wir alle total empört", sagt Julika Bleil (25). Sie gehört zu den diesjährigen HWI-Absolventen und engagiert sich in der studentischen Initiative "Nur dreisam sind wir stark" für den Erhalt des Studiengangs. Auffallend am Protest der HWIler ist ihr Bemühen um Professionalität. Sie haben Argumentationsleitfäden erstellt, Daten gesammelt und ausgewertet. In den Pressemappen finden sich Unterstützerschreiben aus der Wirtschaft. Die Grundsätze ihres Protests sollen Ruhe und Sachlichkeit sein. Die Studenten geben sich seriös und entschlossen, achten auf ordentliche Kleidung und gutes Benehmen. Sie erhoffen sich davon, ernst genommen zu werden. Auch soll der Protest betont unpolitisch sein. Clemens Aipperspach (25) von der Initiative sagt: "Wir verfolgen hier keine moralische Debatte, sondern verteidigen nur das, was Senator Dräger selbst fordert." Er spielt damit auf die Qualitäten des HWI an: Praxisbezug, Nähe zum Arbeitsmarkt, Interdisziplinarität.

Die Studenten stehen zu ihrem Studiengang. Julika Bleil hebt die doppelte Qualifikation der HWIler hervor: "Mit den Ingenieuren halten wir locker mit, den Betriebswirtschaftlern sind wir haushoch überlegen." Absolventen des HWI sind in der Wirtschaft sehr beliebt. Die Unternehmensberatung Roland Berger bescheinigt den HWI-Studenten in einem Unterstützerschreiben ein hohes Maß an Selbstorganisation, Stress- und Frustrationstoleranz. Letzteres scheint ein direktes Ergebnis der Studienorganisation zu sein. "Das Studium macht Spaß, ist aber auch wirklich sehr hart", sagt Julika Bleil. Für sie ist klar, dass sehr viele Studenten das anstrengende Studium in den ersten Semestern aufgeben. Der Zusammenhalt unter den Übriggebliebenen sei dafür umso stärker.

Gerade die hohe Abbrecherquote ist zum Argument gegen den HWI geworden. Zusammen mit einer zu langen Studiendauer, zu hohen Kosten und einer Unvereinbarkeit mit dem Bachelor-Master-System hat Senator Dräger im Oktober so die Schließung des HWI begründet. Die Erfolgsquote des HWI liege laut der Behörde für Wissenschaft und Gesundheit bei etwa 30 Prozent, die Fachstudiendauer zwischen 13 und 14 Semestern. Die Abbrecherquote sei für einen staatlich finanzierten Studiengang zu hoch, sagt die Pressesprecherin der Behörde Sabine Neumann.

"Doch die angeführten Zahlen und Werte sind schlicht falsch", entgegnet Professor Henning Ewe, Vorsitzender der Gemeinsamen Kommission des HWI. Die Studiendauer läge nur bei 12,9 Semestern, die Erfolgsquote bei etwa 40 Prozent. Vergleichbare Studiengänge an der TUHH, betonen die HWI-Studenten, hätten nur eine Erfolgsquote von 29 Prozent. "Die Abbrecherquote hätte gesenkt werden können", sagt Dr. Barbara Brüning. Die hochschulpolitische Sprecherin der SPD in Hamburg warnt davor, dass mit dem HWI ein Juwel der Hamburger Hochschullandschaft verloren gehe.

"Hierbei handelt es sich ganz einfach um eine politische Entscheidung, bei der alle Beteiligten verlieren", sagt Professor Ewe. In der Gemeinsamen Kommission haben er und Professoren aller drei Hochschulen einstimmig für den Erhalt des HWI gestimmt. Weder der parallele Studiengang von Universität und HAW noch der aufbauende Masterstudiengang der TUHH könne die Qualität des HWI ersetzen, so Ewe.

Die Befürworter des HWI kritisieren auch Professor Edwin Kreuzer, Präsident der TUHH. Er soll in den Verhandlungen mit dem Senat eine Reform des HWI behindert haben. Kreuzer selbst sagt, er habe sich nur für eine Umstrukturierung zugunsten der TUHH eingesetzt. Mit der politischen Entscheidung gibt er sich jedoch zufrieden. Seine Hochschule bekommt zusätzliche Mittel in Höhe von 1,1 Millionen Euro pro Jahr. Damit soll der betriebswirtschaftliche Master an der TUHH aufgebaut werden. In Kreisen des HWI kritisiert man diesen Vorgang und spricht von einem Geschäft zwischen Dräger und Kreuzer. Es wird vermutet, dass so das Northern Institute of Technologie (NIT) indirekt unterstützt werden solle. Das NIT ist 1998 aus der TUHH hervorgegangen, Geschäftsführer von 1999 bis 2001 war Senator Jörg Dräger. Beweise für diese Vorwürfe gibt es jedoch nicht.

Die HWI-Studenten wollen weiter protestieren. Sie werben gerade um Unterstützung in Politik und Wirtschaft. "Alle Studenten, Experten und Professoren stehen hinter uns, nur Dräger und Kreuzer nicht. Das ist nicht richtig", sagt Julika Bleil. Die Behörde von Senator Dräger verwehrt sich gegen alle Vorwürfe. Das neue Konzept sei am besten für die Hamburger Hochschullandschaft, so Pressesprecherin Neumann. Auch wenn die Betroffenen mit der Entscheidung unzufrieden seien, müsste diese akzeptiert werden, sagt sie und fügt hinzu: "Hier handelt es sich letztlich um eine politische Entscheidung."

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    • Quelle ZEIT Campus online, 23.11.2006
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