Prüfungsangst "Ich habe mir zu viel Druck gemacht"
Nicole hat Panik vor Prüfungen - so sehr, dass sie sich schließlich einweisen lässt. Doch das macht alles nur noch schlimmer. Von einer Studentin und ihrem Kampf gegen die Angst zu versagen.
In einem Seminarraum der Uni Göttingen, Institut für Soziologie. Noch fünf Minuten bis zum Vortrag. Mit jedem Klacken des Sekundezeigers wird Nicole Brahme, die eigentlich ganz anders heißt, immer unruhiger. Ihr Herz beginnt zu rasen. Sie ist sich sicher, dass man den Pulsschlag bis in die letzte Reihe hören kann. Ihr wird kalt. Gleich soll Nicole ein Referat halten. Was zum Studienalltag gehört und für viele ihrer Kommilitonen ein Leichtes ist, macht die 26-Jährige mehr als nervös. Nicole hat Angst.
Und da ist sie nicht die Einzige. Prüfungsangst ist ein weit verbreitetes Phänomen: Der eine fühlt sich unsicher und beklemmt vor Prüfungen, der andere bekommt körperliche Beschwerden wie Durchfall oder Appetitverlust. Diese und ähnliche Symptome beeinträchtigen 58 Prozent aller Studentinnen und 35 Prozent aller Studenten bundesweit. Das geht aus der "Studierendensurvey 1983-2004" der AG Hochschulforschung der Uni Konstanz hervor, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegeben hatte. Rund 80.000 Studierende machten darin Angaben über ihre Ängste. Als besonders unangenehm gelten Prüfungen in den Fächern Medizin (63 Prozent der Studentinnen/ 35 Prozent der Studenten), Sozialwissenschaften (60/37) und Ingenieurswissenschaften (59/32). Doch auch andere Fachrichtungen wie Rechts-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften werden häufig genannt.
Diese Streuung auf verschiedene Fachbereiche kann auch Annet Göhmann-Ebel von der Psychosozialen Beratungsstelle (PSB) des Studentenwerks Göttingen bestätigen. Die psychologisch ausgebildete Sozialwirtin berät gemeinsam mit einer Kollegin jährlich etwa 600 Studierende. Darunter befindet sich die Juristin im zwölften Semester genauso wie der Physikstudent im ersten Uni-Jahr. Und sie kommen mit den unterschiedlichsten Problemen: Leistungs- und Arbeitsstörungen, depressive Verstimmung oder eben auch Prüfungsangst.
Leistungsdruck vom ersten Semester an
"Die Zeit zwischen Schule und Beruf ist eine wichtige Zeitspanne für die Identitätsbildung. Dass es da oft zu Schwierigkeiten kommt, ist völlig normal", erklärt Göhmann-Ebel. Das Deutsche Studentenwerk geht im Vorwort seiner aktuellen Broschüre "Beratung im Hochschulbereich" von einer "Zunahme der Beratungsnachfrage" aus - nicht zuletzt wegen der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master. Diesen Eindruck hat auch Göhmann-Ebel. "Früher kamen viele, auch höhere Semester, die Probleme mit der Unstrukturiertheit von Magister-Studiengängen hatten." Die Zahl der Erst- und Zweisemester nehme jetzt allerdings spürbar zu. "Bei den Bachelor-Studiengängen ist der Druck vom ersten Semester an präsent. Oft wird die Angst artikuliert: ‚Ich muss eine bestimmte Note schaffen, sonst bekomme ich später keinen Master-Platz'."
Berührungsängste mit der Beratungsstelle des Studentenwerks gebe es mittlerweile kaum noch, stellt Göhmann-Ebel fest. Allerdings übersteige die Nachfrage an deutschen Hochschulen deutlich das Angebot. Vorbildlich findet sie das amerikanische System: Auf jedem Campus gibt es psychologischen Beistand. "Dort gehört psychosoziale Beratung so selbstverständlich zur Uni wie bei uns die Mensa", berichtet die Psychotherapeutin. Sie fordert ähnliche Einrichtungen auch für jede deutsche Hochschule. Mit seinen Sorgen und Ängsten solle kein Student alleine klarkommen müssen.
Fluchtgedanken beim Referat
Nicole jedoch versucht zunächst genau das: Alleine gegen ihre Angst anzukämpfen. Bei mündlichen Prüfungen ist es besonders schlimm. "Die finde ich einfach furchtbar", sagt sie und streicht sich dabei über ihr dünnes, blondes Haar, das sie zu einem schlichten Zopf zusammengebunden hat. "Ja, ich habe Prüfungsangst. Aber das ist bei mir noch nicht so schlimm ausgeprägt", versichert sie. Zweimal hat sie das Referat verschoben. Sie hatte das Gefühl, nicht gut genug vorbereitet zu sein. Als sie schließlich vor ihrem Soziologie-Kurs steht, in den Händen DIN-A4-Seiten mit dem komplett ausformulierten Vortrag, sieht sie nur noch die Tür des Seminarraums. "Ich könnte da jetzt einfach rausrennen", denkt sie. Plötzlich wird ihr klar, dass sie ihre Angst alleine nicht in den Griff bekommen wird. Kurz darauf beginnt Nicole eine ambulante Psychotherapie. Und schöpft wieder ein bisschen Mut.
Anfang 2006. Es wird ernst. Nach zwölf Fachsemestern heißt es für die Studentin der Sozialwissenschaften: Lernen für die Diplomprüfungen. Wie schon so oft zuvor, hat sie auch diesmal das Gefühl, dass es nicht hinhauen wird. Dass sie versagt. "Ich habe wieder zu spät mit dem Lernen angefangen. Das ist zu viel Stoff. Das kann ich unmöglich alles schaffen." Plötzlich taucht neben Stress wegen der mündlichen Abschlussprüfungen ein weiteres Problem auf: Geld. Das Lernen spannt Nicole so sehr ein, dass sie kaum noch Zeit und Nerven für ihren Nebenjob in einem Göttinger Café findet. Doch irgendwie muss sie ihre Miete zahlen. Und die Krankenversicherung, das Telefon, das Essen. "Es hat sich alles nur noch um Geld gedreht", erinnert sich heute Nicole. Sich selbst beschreibt sie in der Zeit als "ein reines Nervenbündel". An eine vernünftige Vorbereitung fürs Examen sei gar nicht mehr zu denken gewesen. "Es ging mir ziemlich dreckig." Nicoles Stimme klingt auf einmal dünn und belegt.
Depressionen lösen die Prüfungsangst ab
Drei Fachprüfungen innerhalb einer Woche. Einen unendlich groß wirkenden Stapel Lernunterlagen und dicke Bücher auf dem Schreibtisch. Nicole wächst alles über den Kopf. Sie bekommt Depressionen. Ihr Therapeut rät ihr zur stationären Behandlung in einer Klinik. "Anfangs habe ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt." Doch allein durch die Gespräche mit dem Psychologen verschwinden die Depressionen nicht. Es ist inzwischen Frühjahr, als Nicole sich beim Prüfungsamt abmeldet und einen Antrag auf Einweisung in eine Fachklinik für Psychosomatik stellt. Nach langem Warten und bürokratischem Hickhack bezieht Nicole dort im Sommer 2006 ein Zwei-Bett-Zimmer. Es sollen die schlimmsten fünf Wochen werden, an die sie sich erinnern kann.
Das Zucken um Nicoles Mundwinkel verrät, wie ihr die Erlebnisse in der Klinik noch heute zusetzen. "Mein Zimmer habe ich mir mit einer Borderlinerin geteilt. Um mich herum waren nur richtig kranke Leute", sagt Nicole. "Und mich haben sie genauso behandelt wie die anderen! Ich durfte kaum etwas frei entscheiden. Das hat mich eher noch depressiver gemacht." Am schlimmsten findet sie jedoch, "dass die in der Klinik versucht haben, mir einzureden, dass ich diese und jene Krankheit hätte." Nicole möchte nicht, dass die dort gestellte Diagnose veröffentlicht wird. Auch nicht unter geändertem Namen. Keine der ihr unterstellten Krankheiten kann sie an sich selbst feststellen.
Flucht aus der Klinik
Dennoch wird sie in der Klinik mit der Zeit immer unsicherer und verwirrter. "Haben die am Ende doch Recht? Bin ich krank?" Nicole beginnt zu zweifeln. Erst an sich. Schließlich an ihrer Entscheidung, in diese Klinik gegangen zu sein. Sie bricht die Behandlung ab. Auch wenn dieser Versuch fehlgeschlagen ist: "Wenn du jetzt nichts unternimmst, wird es dir beim nächsten Mal wieder genauso gehen, du wirst wieder aus Angst zu versagen völlig blockieren", sagt sie zu sich selbst. Doch dieses Mal will sie ihr Diplom machen. Also wendet sie sich an die PSB für Studierende an der Göttinger Uni.
Die psychologisch geschulten Beraterinnen hätten zusammen mit Nicole in Gesprächen Strategien und Maßnahmen erarbeitet, die die junge Frau bei der Bewältigung ihrer Probleme unterstützen können, berichtet Göhmann-Ebel. Endlich erkennt Nicole etwas Wesentliches: "Ich habe mir selbst immer zu viel Druck gemacht. Ich wollte in jeder Prüfung eine 1,0 haben." Jetzt wolle sie ihren Anspruch an sich selbst senken, verkündet die Studentin. "Ich will die Prüfungen dieses Mal durchziehen. Egal mit welcher Note", sagt sie überzeugt. Doch dann kratzt sie sich leicht verlegen am Hals: "Na ja, ehrlich gesagt, hätte ich natürlich schon gerne ´ne Eins."
Eigentlich müsste Nicole für dieses Semester 500 Euro Langzeitstudiengebühren zahlen - dabei beanspruchen sie das Lernen und Jobben schon jetzt genug. Um weder in finanzielle noch in Zeitnot zu geraten, hat sich Nicole nun ein Urlaubssemester genommen. Und sich vorbereitet: Neben den Wälzern auf ihrem Schreibtisch liegt ein Buch über Lerntechnik. Außerdem besucht sie dieses Semester PSB-Kurse zur Stressprävention: "Zeitmanagement & Motivierung" und "Strategien gegen Prüfungsangst". Nach der ersten Sitzung gegen Prüfungsangst gibt sich Nicole zuversichtlich: "Ich glaube, dass mir das tatsächlich was bringt. Diesmal schaff´ich´s! Ich hoffe es zumindest."
- Datum 30.11.2006 - 09:09 Uhr
- Quelle ZEIT Campus online, 30.11.2006
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