Vereinte Nationen Praktikant bei 192 Chefs

Ein Praktikum bei den Vereinten Nationen ist für viele Studenten ein Traum. Wer es bekommt, sammelt einzigartige Erfahrungen - allerdings nicht nur positive.

Vor dem Eingang des Hauptquartiers der Vereinten Nationen in New York stauen sich die schwarzen Limousinen, aus denen Damen und Herren im Businesslook steigen. Vor den Konferenzsälen stehen Diplomaten in kleinen Gruppen und besprechen letzte Anweisungen, ehe sie in die oft stundenlangen Verhandlungen entschwinden. Ganz oben, im 35. Stockwerk des schlanken Baus am Ufer des East Rivers, verbringt Kofi Annan seine letzten Wochen als Generalsekretär der Weltorganisation.

36 Stockwerke tiefer, im ersten Untergeschoss, sitzt Kai Koddenbrock in einem der Cafés des UN-Hauptquartiers und trinkt Milchkaffee. Wäre da nicht die Brille, die einem Philosophiestudenten gehören könnte, und das wuschelige Haar, man könnte beinahe vergessen, dass Koddenbrock, 25, erst zwei Monate bei der UN ist. Der Anzug des Politikstudenten aus Passau sitzt - und noch mehr das hausintern übliche Vokabular. Gekonnt jongliert Koddenbrock mit den Begriffen, erzählt vom "Policy Making" seiner Abteilung - dem Büro für humanitäre Einsätze, im UN-Jargon "OCHA" genannt - und von einer sechsmonatigen Studie über Sanktionen und deren Auswirkungen in der Demokratischen Republik Kongo, an der Koddenbrock im Rahmen seines Praktikums mitarbeitet.

Neben ihm sitzt Sebastian Klein, ein Jahr älter als Koddenbrock, ebenfalls in Anzug und Krawatte. "Dieses Outfit," sagt Klein, "ist explizit erwünscht. Am Anfang kommt man sich noch ein bisschen vor wie bei der Konfirmation, mittlerweile käme ich mir in Jeans und Turnschuhen aber viel alberner vor - das hier ist einfach der Stil des Hauses." Der Student der Kommunikationswissenschaften aus Berlin und schüttet das zweite Päckchen Zucker in seinen Espresso.

Ganz nah dran an den Staatschefs

Im Gegensatz zu Koddenbrock ist Klein nur für knapp zweieinhalb Monate bei den Vereinten Nationen, sein Praktikum leistet er im "Department for Public Affairs", der Abteilung für Informations- und Öffentlichkeitsarbeit der UN, wo er Berichte über das Geschehen am Hauptsitz der UN für das hauseigene Intranet schreibt. "Während der ‚General Debate', als Bush und Ahmadinedschad hier waren, war das natürlich spitze," sagt Klein. "So nah kommt man eine derartige Ansammlung von Staatschef sonst nirgends."

Eine Meinung, die viele Studenten teilen. Entsprechend groß ist der Andrang auf die knapp 200 Praktikumsplätze, die zumeist in Trimestern abgeleistet werden. Die Fachbereiche der Praktikanten sind dabei vielfältiger, als es das Erscheinungsbild der UN in den Nachrichten erwarten lässt: Neben angehenden Politologen, Juristen und Volkswirten üben sich beispielsweise auch Geographen und Psychologen in praktischer Arbeitserfahrung. Bewerbungsvoraussetzung sind vier Jahre Studienzeit oder die Immatrikulation in einem Masterprogramm. Die Bewerbung erfolgt über die Homepage des Praktikantenprogramms . Einwandfreies Englisch ist Voraussetzung, gutes Französisch und Auslandserfahrung ein wichtiges Plus - ebenso die Fähigkeit, den Praktikumsaufenthalt selbst zu finanzieren, denn die UN zahlt kein Gehalt und bietet auch keine anderweitigen Leistungen an. Für viele ein Ausschlusskriterium.

Eine teure Erfahrung

"Für die Miete gehen pro Monat mindestens 600 Dollar drauf - und auch die sonstigen Lebenshaltungskosten betragen in New York das Vielfache dessen, was man in Deutschland ausgibt," sagt Klein. "Ohne die Unterstützung des DAAD könnte ich es mir nicht leisten, hier umsonst zu arbeiten." Der Deutsche Akademische Auslandsdienst, DAAD, vergibt für Auslandspraktika Kurzzeitstipendien und Fahrtkostzuschüsse - längere Auslandsaufenthalte wie der Koddenbrocks, der noch bis Februar in New York sein wird, werden durch das speziell für Praktikanten in internationalen Organisationen eingerichtete Carlo-Schmid-Programm gefördert, das neben monatlichen Zahlungen auch Vorbereitungskurse und Kontakte zu Praktikanten anderer Organisationen am Standort bietet. Doch auch mit den Zuschüssen bleibe das Praktikum bei den Vereinten Nationen ein teures Unterfangen, warnen Klein und Koddenbrock.

Dennoch lohne es sich, finden die beiden Deutschen, und zwar nicht allein wegen des eindrucksvollen Eintrags im Lebenslauf. Gerade zu Beginn des neuen Jahresturnus der UN-Vollversammlung hatten die Praktikanten die Möglichkeit, an Sitzungen des Gremiums teilzunehmen, zu denen Besucher und Interessierte sonst keinen Zugang haben. Andere Praktikanten, berichtet Klein, hätten die Aufgabe, täglich bei den Zusammenkünften der Komitees der UN-Vollversammlung zu protokollieren und somit jeden Schritt etwa bei der Vorbereitung einer Resolution mitzuverfolgen.

Der Einblick in die Organisation hinter den Friedenstruppen und humanitären Einsätzen, vor allem aber in den bürokratischen Apparat, der Sicherheitsrat, UN-Vollversammlung und das Amt des Generalsekretärs am Laufen hält, sei eine ganz besondere Erfahrung. "Was ich allein in meinen ersten zwei Monaten über die Möglichkeiten der internationalen Gemeinschaft, über Sanktionen und über offiziellen und diplomatischen Schreibstil in Englisch und Französisch gelernt habe, das ist schon einzigartig," sagt Koddenbrock. Die Zusammenarbeit mit Menschen aus allen Ländern der Welt erweitere zudem den Horizont, auch wenn die Arbeitskultur der UN sehr westlich ist, weil die meisten Mitarbeiter seit Jahren in New York leben.

Arbeiten mit Bürokraten

"Das Praktikum hat mir auf jeden Fall bei meiner Berufsorientierung geholfen." sagt Koddenbrock, der seine Zukunft jetzt im Bereich der internationalen Politik sieht, "am liebsten mit dem Themenschwerpunk Migration". Ob das letztendlich bei den Vereinten Nationen und in New York sein werde, stehe noch in den Sternen. Das hänge auch davon ab, wie sein Eindruck nach dem sechsmonatigen Praktikum sein werde, sagt Koddenbrock.

Denn nicht alle Erfahrung ist positiv: "Die UN, das wird oft vergessen, ist vor allen Dingen eine Verwaltung. Vieles braucht hier sehr viel Zeit und ist sehr bürokratisch", sagt Klein. Im Arbeitsalltag bedeute dies, dass beinahe jeder Arbeitsschritt mit sämtlichen Vorgesetzten koordiniert werden müsse - das brauche Zeit und zehre an den Nerven. "Aber das ist bei 192 Ländern als Chefs nicht zu vermeiden" fährt er fort. "Das ist eben die andere Seite der Diplomatie."



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    • Quelle ZEIT Campus online, 12.12.2006
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