Motel Chilliwack, fünf Uhr morgens. Vier unausgeschlafene Menschen drängen sich um eine heiße Kochplatte. Jeder will seinen Kaffee brühen. Es muss jetzt rasend schnell gehen - in zehn Minuten sollte man in ein paar hautengen Stiefeln stecken, Sandwiche geschmiert, Schaufel und Rucksack gepackt haben und im Truck sitzen. Ohne Kaffee besteht die Gefahr, etwa 200 Dollar weniger zu verdienen. Denn ein Baumpflanzer braucht acht Stunden lang stählerne Nerven und stählerne Muskeln und stählerne Fingernägel, und er muss einfach von Anfang an hellwach sein. Schippe und Setzlinge: Knochenjob in den Coastal Mountains© Luise Wagner BILD

Ich bin das alles nicht, denn ich bin ein Rookie. Das heißt so viel wie Anfänger, und das ist gar nicht gut, wenn man seinen ersten Job ausgerechnet in einem der schwierigsten Terrains, in den Coastal Mountains von Kanadas Provinz Britisch Kolumbien, angenommen hat. Hope nennt sich die Kleinstadt am Fraser River, in deren angrenzenden Bergen wir auf Kahlschlag-Flächen nun 250.000 Bäume pflanzen. Ich habe die Hoffnung, dass ich mit dem sauer verdienten Lohn meine Studiengebühren an der University of British Columbia in Vancouver zahlen kann.

Je wilder das Land, desto brutaler der Job

Es mag weise sein, einen Baum zu pflanzen im Leben, aber Tausende, das tut weh. Da zweifelt man an der Weisheit. Das ist schlicht eine körperliche und mentale Tortur, allerdings unter zauberhaften Umständen: Schnee leuchtet in der Sonne auf den Bergspitzen der Coastal Mountains, Wolkenschleier in den Tälern, Luft, so frisch, dass der Atem stockt. Stille und Weite, und überall riecht es nach dem Salz des Pazifik.

Doch, je wilder und schöner das Land, desto brutaler ist das Dasein als Baumpflanzer. Pro Tag schleppt ein Pflanzer etwa 1000 Kilo an Gewicht umher und läuft, ach was, klettert, etwa 16 Kilometer mit dieser Last. Dabei müssen regennasse Abhänge erklommen und sogar Schneestürme ertragen werden. Oft führen keine Straßen auf die Hänge - dann werden wir Pflanzer teamweise in Hubschraubern eingeflogen und mit den Baumsetzlingen in der Wildnis ausgesetzt. Hier ist man nicht allein - hier leben Bären, Pumas und Koyoten. Zur Sicherheit muss jeder eine gelbe Warnweste und eine Trillerpfeife um den Hals tragen. Der blanke Hohn, wenn man mutterseelenallein in einem Schlammloch feststeckt.

Eigentlich ist das Bäume pflanzen eine einfache Sache: Der Vorgang dauert nur Sekunden, man greift mit einer Hand hinter sich in den Rucksack, zieht einen etwa 20 Zentimeter langen Setzling heraus, sticht mit dem Spaten ein Loch in die Erde, drückt den Baum mit langgestreckten Fingern hinein und drückt mit dem Stiefel das Loch zu. That's it.