Seelsorge Licht und Schatten

Studenten? Sind immer gut drauf, haben viele Freunde, gehen aus und genießen ihre Freiheit. Doch die, die bei der Hamburger Telefonseelsorge anrufen, erzählen von anderen Dingen.

"Hallo, ich kann nicht mehr. Ich bekomme mein Studium überhaupt nicht mehr auf die Reihe."
"Ich hab schon richtig Angst, wenn meine Eltern anrufen. Sie wissen nicht, dass ich gar nicht mehr in die Uni gehe. Könnt ihr mir helfen?"

Es sind Hilferufe wie diese, die in der studentischen Telefon- und E-Mail-Seelsorge in Hamburg ankommen. Etwa 40 Studenten kümmern sich hier um die Sorgen und Probleme ihrer Kommilitonen. Jeden Abend sitzen sie vor den Telefonen und rufen E-Mails ab. Etwa 170 Mal klingelt monatlich das Telefon, Tendenz steigend.

"Immer mehr Studenten fühlen sich von ihrem Studium überfordert", sagt Vivian Wendt, Pastoralpsychologin und Leiterin der Telefonseelsorge. "Durch die Hochschulreformen, wie etwa durch die Bachelor-Regelungen, ist für viele Studenten das Studium schwieriger geworden", sagt sie. Neben Finanzierungsschwierigkeiten werde auch der Druck größer, das Studium so schnell wie möglich abzuschließen.

Hinter der Fassade: Angst und Verzweiflung

Prüfungsdruck, Einsamkeit, Geldsorgen - zu viel für manche Studenten. Außerdem scheitern viele Studenten daran, Leben und Studium selbst zu organisieren und geraten so schnell in einen Teufelkreis. Auf der einen Seite wächst der Berg der Dinge, die zu erledigen sind, Hausarbeiten werden nicht geschrieben, Prüfungsstoff wird nicht vorbereitet. Auf der anderen Seite werden die Studenten umso kraftloser, je mehr zu tun ist.

So wie Janine, die auf Lehramt studiert. "Eigentlich fing bei mir alles damit an, dass ich eine negative Rückmeldung von einer Hausarbeit bekommen habe", erzählt sie. "Schund", hatte ihr der Professor vorgeworfen. Er nahm die Arbeit nicht an und gab sie ihr zum erneuten Bearbeiten zurück. "Aus lauter Angst zu versagen, habe ich keine neue Arbeit geschrieben", sagt Janine. Die unerledigten Aufgaben wurden immer mehr, "türmten sich zu einem Berg", aber aufraffen konnte sich die Studentin nicht. "Wenn ich abends im Bett lag, fielen mir plötzlich all die Dinge ein, die ich noch nicht gemacht hatte", erzählt sie. "Dann überrollte mich die Panik."

"Einige Studenten fühlen sich regelrecht gelähmt und wissen nicht, wie sie alles schaffen sollen", sagt Vivian Wendt. Die Angst werde immer größer und je länger die Wartezeit, desto höher werde die Schwelle, die Prüfungen zu machen. Wenn sich dann noch das Amt für Ausbildungsförderung meldet, um an die Regelstudienzeit zu erinnern, oder die Eltern sich nach den Fortschritten erkundigen, sei der kritische Punkt erreicht: "Manche Studenten bauen sich dann eine Scheinwirklichkeit auf", erzählt die Pastoralpsychologin. Denn zu den finanziellen Sorgen kommen oft noch die Erwartungen, die die Familie hat. Rufen die Eltern an, erzählen viele Betroffene, wie super das Studium läuft, wie weit sie schon sind und wie viel Spaß alles macht. Hauptsache, nach außen hin wird die Fassade des erfolgreichen Studenten aufrecht erhalten - dabei haben sich manche vor lauter Angst schon völlig aus dem Uni-Leben ausgeklinkt. Sie gehen nicht mehr zu Seminaren, lassen Prüfungstermine verstreichen, machen keine Scheine mehr und ziehen sich so sehr zurück, dass irgendwann auch die Kraft fehlt, morgens überhaupt aufzustehen.

Falsche Vorstellungen

Dass diese Studenten im Uni-Alltag fehlen, oft über Monate hinweg kein einziges Mal den Hörsaal betreten, fällt gerade in Massen-Universitäten wie Hamburg oder Köln bei den riesigen Studentenzahlen gar nicht auf. Das Uni-Leben ist meist anonym, und vor den Kommilitonen gibt niemand gerne zu, dass er den Alltag nicht mehr packt. Wie schwierig es ist, Sorgen offen anzusprechen, merkt auch die Telefon- und E-Mail-Seelsorge. Das stellt sie außerdem vor das Problem, wie für das Projekt geworben werden soll. Aushänge am schwarzen Brett vor dem Hörsaal haben keinen Sinn - wer traut sich schon, vor den Kommilitonen die Seelsorge-Nummer zu notieren? Die Lösung: Aufkleber auf den Kabinen der Uni-Toiletten. Hier muss garantiert niemand befürchten, beim Abschreiben der Hilfe-Hotline gesehen zu werden.

Denn so zurückgezogen wie viele sind, so nötig ist es, über die Probleme zu sprechen, wissen Psychologiestudenten wie Irina und Thomas, die in der Seelsorge ehrenamtlich mitarbeiten. Daher wollen die beiden weder ihre Nachnamen nennen, noch verraten, wo genau sich ihr Arbeitsplatz befindet - sie möchten im Uni-Alltag nicht erkannt werden. Die Neutralität macht es für beide Seiten einfacher und schützt vor unangenehmen Situationen auf dem Campus.

Die Probleme, mit denen sich viele ihrer Kommilitonen an sie wenden, kennen die beiden selbst. "Vielleicht entstehen viele der Schwierigkeiten auch, weil man sich falsche Vorstellungen vom Studium macht", sagt Irina. In der Schulzeit scheint die große Freiheit des Studentenlebens noch begehrenswert, später jedoch sind viele völlig überfordert. Welches Studienfach ist das richtige für mich? Welchem Freundeskreis will ich angehören? Was will ich später beruflich machen? "Es gibt Studenten, die schon ihr drittes Studium angefangen und immer noch nicht das richtige gefunden haben", erzählt Seelsorger Thomas.

Ratschläge wollen die Mitarbeiter der Seelsorge aber nicht verteilen. Zuhören hilft am meisten, sagen sie - oder aber, die Probleme schriftlich zu formulieren. Allein schon das Schreiben einer E-Mail hilft, das Durcheinander im Kopf in Worte zu fassen. "Das Wichtigste ist, zu wissen, dass sie sind nicht alleine sind", sagt Thomas. "Es gibt sehr viele, die mit Tiefpunkten im Studium zu kämpfen haben."

Lehramts-Studentin Janine hat ihren Tiefpunkt fast überwunden: "Spaß macht mir mein Studium zwar immer noch nicht wirklich, aber ich weiß jetzt, wie ich gegen mein ständiges Aufschieben ankämpfen kann." Bei einem Seminar hat Janine gelernt, ihren Alltag und ihre Aufgaben besser zu organisieren. Und ihre erste Aufgabe gleich in Angriff genommen: Die liegengebliebene Hausarbeit, mit der alles anfing, wird sie nun endlich fertig schreiben und abgeben.

Die studentische Telefon- und E-Mail-Seelsorge ist jeden Abend von 20 bis 24 Uhr unter 040 - 41170411 oder unter hilfe@stems.de erreichbar.

Mehr zum Thema :
Prüfungsangst - Die Leidensgeschichte einer Studentin
Zeitmanagement - Der Kampf gegen die Uhr
Nicht teuer - Guter Rat auf ZEIT Campus online

 
Leser-Kommentare
    • jayse
    • 19.12.2006 um 18:39 Uhr

    meine Guete, die armen Studenten in Deutschland. Also wirklich man koennte ja fast Mitleid haben. Vielleicht sollten sich einige von den hilfesuchenden, armen Studenten, die nicht mehr morgens aufstehen koennen, weil sie ja sooo viel zu tun haben, mal in anderen Laendern umschauen. Dort arbeitet man noch neben dem Studium um ueberhaupt seine Existenz zu erhalten und wenn man dann endlich abgeschlossen hat, dann hat man einen Haufen Schulden an der Hacke. Also nix mit dem Geld verdienen. Deutsche Studenten haben so viele Freiheiten und Moeglichkeiten, so viele Vorteile. Vergleichsweise billige gute Ausbildung, Moeglichkeiten auf der ganzen Welt zu arbeiten, und meist nur geringfuegige Ruechzahlungen spaeter. Wer das nicht sieht und als Student nicht klar kommt, dann entschuldigt bitte, aber dann studiert bitte nicht weiter und nehmt anderen nicht die Studienplaetze weg.
    Wer schon als Student auf Lehramt mit dem Druck nicht umgehen kann, wie soll dieser dann eine Klasse von 12jaehrigen jeden Tag unterrichten nach dem Studium??? Den Druck im Job haben viele Studenten noch gar nicht kennen gelernt. Also reisst euch zusammen!!!!

  1. parolen sind ja das allerletzte. und profs, die eine hausarbeit
    als 'schund' bezeichnen, können sich nicht abgrenzen und sollten aus dem job entfernt werden.
    menschen, die in deutschland intelligent sind, aber aufgrund, z.B.traumatisierender familienverhältnisse, etwas mehr
    'struktur' brauchen, als andere, sollten vielleicht die toitsche
    (massen-)universität, die 'krönung deutschen geistesschaffens' lieber meiden. aber eine entsprechende
    beratung, welche die gesamtpersönlichkeit, auch die dem schölerIn evtl. wenig bewußten einflüsse kompetent einbezieht, findet ja an onseren höheren Lehranstalten auch nicht statt. die herren räte sind ja nur wissensvermittler , keine sozialpädagogen, geschweige denn klinische psychologen. leider hätte ich sogar zu viel angst, bzw. scham gehabt, so eine beratung, wie im artikel geschildert anzurufen.

  2. ein kollege hier an der uni hat vor ein paar monaten eine umfrage unter den studenten durchgefuehrt:
    - verstehen sie die vorlesungen
    - die uebungen
    - wie beurteilen sie die organisation
    - die betreuung
    etc

    die ergebnisse waren (wie zu erwarten) erschreckend. ueber 80% der erstsemester in mathe und physik verstehen in den vorlesungen nur bahnhof.
    jener kollege wollte daraufhin den rest der belegschaft (der nat-wissenschaften) zu einer besprechung der probleme motivieren - er wurde schlichtweg ignoriert oder verhoehnt.
    das niveau senken ? niemals! sagen die elitaeren,
    vorlesungen aendern = mehr arbeiten (20 jahre alte scripte aendern)? von wegen, sagen die faulen...

    traurig aber wahr...

    • Najima
    • 27.12.2006 um 1:00 Uhr

    Ja, Studenten genießen gewisse Vorteile, z.B. das Semesterticket. Aber wer heute noch glaubt, Studenten seien verwöhntes, faules Pack, der hat schlichtweg die Entwicklungen verschlafen. Das Studieren ist hart geworden in Deutschland. Durch den Bolognaprozess darf man heutzutage Fächer, die man im Diplomstudiengang in zwei bis drei Semestern durchgearbeitet hat, nun in einem Semester lernen, verstehen, anwenden können (und das braucht bei komplexen Sachverhalten einfach seine Zeit). Dabei ist es vorgesehen, dass man in einem bestimmten Zeitraum eine gewisse Punktzahl (ECTS) schafft, denn ansonsten wird man vorgeladen und darf sich rechtfertigen, warum man hinterherhinkt. Da die Vorlesungszeit inkl. Prüfungsphase eigentlich nur 3-3,5 Monate lang ist, reicht eine ausgewachsene Bronchitis, um das ganze Semester abschreiben zu können. Doch selbst, wenn man wirklich will, kann und sich wirklich anstrengt, genießen die wenigsten den Luxus eines wohlhabenden Elternhauses. Also heisst es nebenbei noch für den Unterhalt (=Existenz) arbeiten gehen. Nun muss die Arbeit zeitlich mit dem Studium vereinbar sein und muss es erlauben, im vorgelegten zeitlichen Rahmen die existentielle Absicherung zu erreichen. Für mehr reicht es auch meistens nicht, denn die Lebenshaltungskosten sind hoch und die Jobs werden nicht mehr so gut bezahlt, wie vor zehn oder zwanzig Jahren. 50 Euro heute sind nicht vergleichbar mit 100 DM damals.
    Nun besucht man morgens die Vorlesungen, geht nachmittags jobben und muss noch irgendwann lernen (also Stoff vor- und nachbereiten), Praktika vorbereiten, sich um Schließung der Lücken bemühen (denn Vorlesungen und Skripte sind lange nicht so klar formuliert, wie die Lehrenden meinen) und muss bei einem derart kurzen Zeitraum möglichst früh genug damit anfangen, sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Denn diese werden (zumindest bei uns auf der Hochschule) alle innerhalb von zwei Wochen abgehalten. Wer durchfällt, hat Pech gehabt: Klausurwiederholungen (selber Prof, selber Stoff) sind nicht garantiert und spätestens nach dem dritten gescheiterten Versuch des Faches, ist das Studium komplett futsch, die investierte Zeit vergeudet; Man darf den Studiengang dann nie mehr wieder in ganz Deutschland studieren. Eine Katastrophe.
    Wenn Sie bis hierher aufmerksam gelesen haben, müsste Ihnen deutlich geworden sein, dass die Existenz als Student mehr als eine Doppelbelastung ist, ergo von einem jungen Menschen extrem viel Verantwortung, Initiative, Selbstorganisation bedarf. Nicht jedem wird sowas in die Wiege gelegt und nicht jeder kann das lernen. Aber der Weg in das Loch der Finsternis ist ein flach abfallender, d.h., dass man ein Problem hat, merkt man erst, wenn es eigentlich zu spät ist. Nicht unerwähnt bleiben sollte in dem Kontext auch, dass es unter Studenten ein beliebter Habitus ist, so zu tun, als ob einem alles aus dem Ärmel fiele. Wer sowieso schon ein Problem mit seinem Selbstvertrauen hat, knickt spätestens hier ein.
    Dabei sind die Erwartungen heute schon mehr als unrealistisch: Wer wirklich in der Regelstudienzeit bleibt, hat in >90% der Fälle das Wissen vorher schon mitgebracht, die Erfahrung in vorausgegangener jahrelanger Arbeit schon gesammelt und kann (kurz gesagt) es vorher schon, hat aufgrund der bereits gesammelten Erfahrung auch entsprechend gut bezahlte Nebenjobs und geht so recht entspannt durchs Leben. Ich schätze, max. 1% kommt ohne Vorwissen frisch von der Schule und hat es einfach drauf.
    Ja, es gibt für jeden Fall die Ausnahme und so wie es Studenten gibt, denen es gut geht und die wirklich alles ziemlich locker handhaben können, gibt es auch die, die es schwer haben und sich durchbeissen müssen. Der Durchschnitt liegt meinen Beobachtungen nach mehr in der Richtung durchbeissen. Die meisten meiner Kommilitonen müssen kämpfen, arbeiten und nochmal kämpfen.
    So, und bevor mir jetzt Jammerei vorgeworfen wird: Ich bin gerne Studentin und komme gut zurecht.
    Da ich aber immer wieder erlebe, dass Nicht-Studenten extrem wenig Ahnung vom Studentenleben haben, denke ich, dass etwas Aufklärungsarbeit angebracht ist.

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  • Quelle ZEIT Campus online, 19.12.2006
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