Studiengebühren Eine Investition in die Zukunft
Großbritannien macht es vor: Knapp 4500 Euro pro Jahr fürs Studium. Trotz hoher Schuldenberge sind sich alle einig: Die Unis sind Dienstleister und brauchen mehr Geld.
Julia Bailey ist schwindelig. Vor ihr liegt ein Taschenrechner, auf dem in roten Ziffern eine fünfstellige Zahl leuchtet: 35.000 Pfund, so hoch werden die Schulden sein, die die 18-jährige Britin in drei Jahren mit ihrem Abschluss in Medienwissenschaften aufgedrückt bekommt. Julia sucht die C-Taste des Rechners. "Es ist ganz schön schwer, sich durchzuschlagen. Ich muss auf so viele Dinge verzichten. Neue Klamotten kann ich mir kaum leisten, ausgehen ist nur selten drin und im Supermarkt muss ich echt immer nach dem Billigsten greifen." Sie seufzt.
Wie Julia geht es derzeit Studenten in ganz Großbritannien. Denn was in Deutschland noch in den zarten Anfängen steckt, ist hier schon seit Jahren Realität: Wer studieren will, muss in die Geldbörse greifen. 1175 Pfund, rund 1700 Euro, zahlte man bisher im Jahr. Doch seit September ist alles anders. Jetzt dürfen die Universitäten bis zu 3000 Pfund (knapp 4500 Euro) von ihren Studenten berappen – und die meisten tun das auch. Denn es fehlt den Hochschulen hinten und vorne an Geld, was sie mit ihren deutschen Gegenstücken also durchaus gemeinsam haben.
Ein Schuldenberg von rund 15.000 Pfund
Bereits vor einigen Jahren klopften die Rektoren deshalb lautstark an die Staatshaustür: Wenn wir weiterhin zu den Besten zählen wollen, klagten sie, brauchen wir mehr Geld. Doch Tony Blairs New-Labour-Regierung war nicht bereit, zusätzliche Mittel aus dem Steuertopf springen zu lassen. Warum, argumentierte die Politik, soll der gemeine Steuerzahler – der Straßenfeger, die allein erziehende Mutter – die Kosten für den zukünftigen Doktor oder Anwalt schultern?
Also müssen Großbritanniens Studenten zahlen, und zwar kräftig. Rund 33.500 Pfund werden Studenten während eines dreijährigen Bachelor-Studiengangs für Studium und Lebensunterhalt ausgeben, rechnete die Bank NatWest kürzlich vor. Mit dem Zeugnis wartet ein Schuldenberg von rund 14.700 Pfund, für die meisten wird er größer sein. "Es wird über zehn Jahre dauern, meine Schulden zurückzuzahlen", sagt Isaac Kam, 18, der an der City University Wirtschaftsinformatik studiert. "Ich musste lange mit meinen Eltern verhandeln. So viel Geld bezahlt man schließlich nicht mal eben so. Es ist wirklich nicht einfach."
Dabei ist es, in gewisser Weise, tatsächlich einfacher geworden. Denn unter dem neuen Regime muss niemand die Gebühren zum Studienbeginn im Geldbeutel haben, wie das bisher der Fall war. Das erforderliche Geld kommt zunächst aus einer zinsfreien Geldanleihe, zahlen müssen Studenten erst, wenn sie im Berufsleben stehen, und zwar erst wenn sie über 15.000 Pfund im Jahr verdienen. Wer 18.000 Pfund verdient, zahlt 270 Pfund, das sind 9 Prozent. Schulden, die nach 25 Jahren noch nicht beglichen wurden, verfallen. Außerdem stehen nach wie vor eine ganze Reihe finanzieller Hilfen zur Verfügung.
Gerade deshalb findet mancher Student das neue System durchaus fair. "Ich finde es richtig, dass Studenten sich finanziell an den Kosten ihres Studiums beteiligen. Sie profitieren ja auch später davon", sagt etwa Justas Skinkys, 20, der Japanisch und Wirtschaftswissenschaften an der SOAS studiert. "Wichtig ist, dass die entsprechenden Anleihen und Hilfen zur Verfügung stehen. Es ist ganz klar, dass Hochschulausbildung immer teurer wird. Wenn die Unis nicht mehr Geld bekommen, sinkt die Qualität der Lehre zwangsläufig."
Immer weniger studieren - aus Angst vor Schulden
Die meisten sind jedoch anderer Meinung – allen voran der nationale Studentenverband National Union of Students (NUS). "Bildung sollte ein Recht sein, und keine Ware. Die Entscheidung, ob man studiert, sollte nie aufgrund von Kosten getroffen werden", sagt NUS-Präsidentin Gemma Tumelty. "Wenn es so weitergeht, kann man sich leicht ein Bildungssystem vorstellen, in dem sich wenige Studenten das Beste, viele nur den Rest und manche gar nichts leisten können."
Die Statistiken scheinen den Kritikern Recht zu geben. Die Zahl der Studenten ist dieses Jahr zum ersten Mal seit 1998 zurückgegangen: 15.000 Studenten weniger haben entschlossen zu studieren, sagt UCAS, die zentrale Vergabestelle für Studienplätze, ein Rückgang von 3,7 Prozent. "Es sind Studenten aus nicht-traditionellen Verhältnissen, die am ehesten davon abgehalten werden zu studieren. Aus Angst vor Schulden", sagt Gemma Tumelty, und zwei Drittel der Bevölkerung geben ihr Recht. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts ICM.
"Ich kenne eine Menge Leute, die sich entscheiden mussten, nicht zu studieren – wegen der neuen Gebühren, schlicht und einfach, weil sie es sich nicht leisten konnten. Andere mussten erst mal einige Zeit Vollzeit arbeiten, um Geld zu sparen", sagt Journalismusstudent Thomas Parr, 19, der das Glück hat, aus einer relativ wohlhabenden Familie zu kommen. "Für mich ist es okay, aber ich bin mir sicher, dass hier ein neuer Klassenunterschied entsteht. Diese Gebühren sind gefährlich."
Aber trotz weit verbreitetem Unmut unter den Studenten – eine Protestwelle, die dem derzeitigen Sturm in Deutschland vergleichbar wäre, gibt es in Großbritannien nicht. "Wir haben die neuen Realitäten akzeptiert. Auf Demos zu gehen, ist am Ende doch nur verschwendete Zeit. Die Politiker hören eh nicht hin", sagt Julia. So denken viele. Man hat sich abgefunden. "Außerdem wissen wir alle, wie wichtig es heutzutage ist, einen Uniabschluss zu haben. Ohne den hat man doch kaum noch Chancen auf einen Job."
Studenten werden zu Kunden
Das ist die eigentliche Frage, die hinter der Debatte steckt, die derzeit in Studenten-Bars und Mensas geführt wird: Wozu dient eine Hochschulausbildung im 21. Jahrhundert, in Zeiten der Globalisierung und einem immer härteren Wettbewerb um Jobs? Während Deutschland noch zaudert, scheint Großbritannien seine Antwort gefunden zu haben. Akademische Ausbildung, die vor allem der Selbstfindung und Selbstverwirklichung dient, Universitäten, die sorgenfreie Bufferzonen zwischen Schule und Berufsalltag sind, frei von wirtschaftlichen Zwängen – das war gestern. Heutzutage, so der Tenor, dient Studieren vor allem dazu, Studenten darauf vorzubereiten, nach dem Abschluss möglichst schnell einen Job zu finden.
"Wir leben in einer Welt, die von Wettbewerb bestimmt ist. Das verändert Studenten, Universitäten und Arbeitgeber", sagt Dr Geoffrey Copland, Vizepräsident des Dachverbands Universities UK. "Studenten sind sich heute viel bewusster, dass sie sich mit ihrem Abschluss in eine gute Position auf dem Arbeitsmarkt bringen müssen." Also wählt man sein Fach nicht mehr zwangsläufig nach eigenen Interessen oder Leidenschaften, sondern schaut auf Praxisbezogenheit und Jobaussichten. Die Universität als Dienstleistung, das Studium als Investition in die Zukunft.
Fast zwangsläufig macht dieses System Studenten zu Kunden – und immer mehr britische Studenten verhalten sich auch so. Fällt eine Vorlesung aus, schrecken sie nicht davor zurück, laut Beschwerde einzulegen. Wer 3000 Pfund im Jahr hinlegt, kann sich das erlauben. Als Professoren Anfang des Jahres für bessere Bezahlung streikten und Studentenarbeiten nicht korrigierten, forderten manche Studenten vor Gericht Schadenersatz. Immer konfrontativer seien Studenten, sagte kürzlich Baroness Deech, die beim Independent Adjucator for Higher Education Studentenbeschwerden entgegennimmt.
Mehr und besserer Service - aber wovon?
Eine Frage brennt den Studenten besonders unter den Nägeln: Bekommen wir für das Mehr an Geld, das wir zahlen, auch ein Mehr an Leistung? "Die Einrichtung an meiner Universität ist nach wie vor schlecht und ich habe zu selten Unterricht", empört sich Mohammed El-Ali, 18, Ingenieurwissenschaftsstudent an der City University. "Ich sehe nicht, wo die Universität investiert hätte. Was passiert denn mit dem neuen Geld?"
Die Universitäten können da nur müde lächeln. Sie haben von Anfang an gesagt, dass die neuen Gebühren lediglich einen Teil ihres Finanzlochs stopfen werden, niemand hat sichtbare Verbesserungen versprochen. Schon jetzt hört man aus den Büros der Rektoren warnende Stimmen, die neuen Geldmittel seien bei weitem nicht ausreichend, um diejenige Qualitätsausbildung zu liefern, die Studenten erwarteten – und die sie selbst gerne bieten würden. "Ganz klar, wir brauchen mehr", sagt Dr. Copland ganz unverblümt.
In einem Punkt sind sich in Großbritannien alle einig: Ein Hochschulsystem, das Qualität liefern will, ist nicht umsonst. "Ob das notwendige Geld in Zukunft aus privaten oder öffentlichen Mitteln kommt", sagt Dr. Copland, "das wird die große Debatte der nächsten Jahre sein." Manche Universität fordert allerdings bereits jetzt, die Obergrenze von 3000 Pfund aufzuheben. Gut möglich, dass es Studenten wie Julia in Zukunft noch schwindeliger wird, wenn sie den Taschenrechner zücken.
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- Datum 05.03.2007 - 02:52 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 8.1.2007
- Kommentare 7
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Britische Unis verwenden die Studiengebühren auch, um guten Studenten Stipendien zu gewähren. Denn die will man halten, egal aus welcher Schicht sie stammen.
für den zukünftigen Doktor oder Anwalt schultern?
Weil er Doktoren, Anwälte, Lehrer, Ingenieure, Architekten, Hochschullehrer und all die anderen Akademiker eben braucht!
Grossbritannien macht vor wie man es auf gar keinen Fall machen sollte.Die politisch-ideologische Absicht die hinter Studiengebühren steht ist doch eindeutig. Die Oberschichten
wollen sich die Konkurrenz aus den unteren Schichten fernhalten
Wer eine andere Begründung vorschiebt sagt nicht die Wahrheit.
England zeigt in bezeichnender Weise ,wenn erst einmal Studiengebühren eingeführt sind, wie groß die Verführung ist, ständig wie von einer Sucht (Gier) getrieben an der Geührenschraube zu drehen und zwar nach oben.
Studiengebühren sind und bleiben ungerecht und führen zu nichts Gutes.
Stefan Becker (FH-Münster)
Grossbritannien macht vor wie man es auf gar keinen Fall machen sollte.Die politisch-ideologische Absicht die hinter Studiengebühren steht ist doch eindeutig. Die Oberschichten
wollen sich die Konkurrenz aus den unteren Schichten fernhalten
Wer eine andere Begründung vorschiebt sagt nicht die Wahrheit.
England zeigt in bezeichnender Weise ,wenn erst einmal Studiengebühren eingeführt sind, wie groß die Verführung ist, ständig wie von einer Sucht (Gier) getrieben an der Geührenschraube zu drehen und zwar nach oben.
Studiengebühren sind und bleiben ungerecht und führen zu nichts Gutes.
Stefan Becker (FH-Münster)
Entschuldigung, aber das ist ausgemachter Blödsinn. Ich bin weiß Gott kein Befürworter von Studiengebühren, aber Sie sind offensichtlich nicht besonders gut über die Situation in England informiert. Bei den top-up-fees geht es nicht darum daß sich 'die Oberschichten' die 'Konkurrenz aus den unteren Schichten fernhalten wollen' (Oberschichten schon gleich gar nicht; Hochschulbildung ist in England eine middle-class Domäne), sondern darum daß es den Unis tatsächlich an Geld fehlt. Und das ist natürlich eine einfache Art es zu bekommen.
In einer Hinsicht ist das neue englische System aber tatsächlich besser die Studiengebühren, die in Deutschland eingeführt wurden: niemand muß mehr im Voraus zahlen. Natürlich bedeutet das daß Studenten sich bis unter den Kragen verschulden müssen, was ich auch nicht gutheißen will, aber im Prinzip erleichtert das der 'Konkurrenz aus den unteren Schichten' sogar den Zugang zur Uni, nicht zuletzt weil mit der neuen Regelung auch bursaries für die Kinder geringverdienender Eltern eingeführt wurden, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Die wirklichen Verlierer werden in England wohl die Kinder aus der unteren Mittelschicht sein, deren Eltern mit ihrem Einkommen knapp über der Bemessungsgrenze für die bursaries liegen.
Es geht bei der Frage um Studiengebühren ob in England oder anderswo nicht darum wie sie erhoben oder eingesetzt werden, sondern um die grundsätzliche Frage was Studiengebühren (bei uns Semesterbeitrag) für einen Sinn bezwecken.Und dazu braucht man nicht unbedingt dezidiertes Wissen wie es in England gehandhabt wird.
Die Statistik aus England spricht da eine deutliche Sprache.Es schreiben sich dort defintiv weniger Studenten aus unteren Schichten ein als in den vergangenen Jahren und das ist offensichtlich beabsichtigt,sonst würde man nicht an der Gebührenschraube drehen.Der Staat zieht sich immer weiter aus der Verantwortung zurück und überläßt den wirtschaftlich Starken den Zugang zur Bildung.Das kann für eine demokratische Gesellschaft einfach nicht gut sein.Wer seine Augen vor dieser Tatsache verschließt läßt es zu ,dass Bildung nur noch zum Privileg weniger wird.
Andererseits kann einen 'dezidiertes Wissen' aber gelegentlich auch davor bewahren wild zu verallgemeinern und Mutmaßungen anzustellen, die man in keinster Weise belegen kann. Das Beispiel, das der Artikel für die grundsätzliche Frage der Studiengebühren bringt ist nun mal die Situation in England, und um die wirklich beurteilen zu können, sollte man sehr wohl eine gewisse Kenntnis von englischer Bildungspolitik haben.
Der Hauptgrund dafür, daß in England generell sehr wenig Studenten aus 'unteren Schichten' stammen ist daß Bildung dort - ebenso wie in Deutschland, übrigens - an die soziale Herkunft geknüpft ist. Nur sehr wenige Jugendliche aus sozial schwachen Schichten machen überhaupt ihre A-Levels (von GUTEN A-Levels mal ganz zu schweigen) und erfüllen damit die Voraussetzungen für ein Studium. Das ist aber ein Problem, das nicht von den Unis ausgeht sondern von den Schulen, und dieses Problem bestand bereits lange vor Einführung der top-up fees.
Daß die Zahlen der Studenten aus den 'unteren Schichten' dieses Jahr weiter gesunken ist, liegt nicht daran, daß die Gebühren zu hoch für sie wären. Im Gegensatz zu vorher müssen die Gebühren jetzt erst NACH dem Studium abbezahlt werden, was bedeutet daß die unmittelbare Belastung sogar geringer ist. Zusätzlich bekommen Studenten aus Familien mit geringem Einkommen Zuschüsse zu ihren Lebenshaltungskosten (die sie nicht zurückzahlen müssen). Die zurückgegangenen Zahlen sind wahrscheinlich viel eher darauf zurückuführen, daß insgesamt die Zahl der Studienanfänger seit der Einführung der neuen Regelung zurückgegangen ist. Was vermutlich auch daran liegt, daß der NUS eine nicht sonderlich gut geplante Anti-Gebühren Kampagne geführt hat, die Studenten nicht informiert hat sondern sie nur verschreckt hat.
Nochmal: ich will weder die Studiengebühren rechtfertigen, noch bin ich dafür, daß sozial Schwächeren der Zugang zur Bildung weitgehend verwehrt bleibt - aber beides in direkten Zusammenhang zu setzen ist sachlich falsch. Die wirkliche Benachteiligung geschieht nicht nach der Schule durch die Studiengebühren sondern bereits viel früher. Selbst wenn alle englischen Unis die Studiengebühren wieder komplett abschaffen würden (zugegebenermaßen nicht sehr wahrscheinlich), würde das Problem damit nicht gelöst.
Im Übrigen scheinen Sie eine etwas verzerrte Vorstellung davon zu haben, wer sich so an englischen Unis tummelt. Middle class ist weiß Gott nicht immer gleichbedeutend mit 'wirtschaftlich stark'. Die meisten Studenten aus der Mittelschicht, die momentan studieren, werden in acht bis zehn Jahren auch noch dabei sein, ihren Studienkredit abzubezahlen.
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